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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2022 - Beitrag vom 02.05.2022


Elizabeth Kolbert - Wir Klimawandler. Wie der Mensch die Natur der Zukunft erschafft
Helga Egetenmeier

Dass die Erderwärmung, die den Klimawandel beschleunigt, deutlich reduziert werden muss, darüber herrscht in Wissenschaft und Politik Einigkeit. Pulitzerpreisträgerin und Wissenschaftsjournalistin Elizabeth Kolbert geht deshalb nicht nur, wie bereits in "Das 6. Sterben. Wie der Mensch Naturgeschichte schreibt", der Frage nach,...




...ob die globale Krise verhindert werden kann, sondern beschreibt auch, wie dies geschehen könnte. Dazu besuchte sie weltweit Forschungsprojekte, die zu den Folgeproblemen früherer Eingriffe in die Natur arbeiten, und solche, die in größerem Maßstab Geoengineering planen.

Der Mensch habe durch die Umweltverschmutzung das Klima so verändert, dass "signifikante Anteil[e] der Lebewesen auf der Welt in einem geologisch unbedeutenden Zeitraum" verschwinden werden, schreibt die Wissenschaftsjournalistin in "Das sechste Sterben", für das sie 2015 den Pulitzerpreis erhielt. So düster diese Prognose klingt, so zielgerichtet diskutiert Kolbert in ihrem neuen Buch "Wir Klimawandler" die Vor- und Nachteile von Eingriffen zur Verhinderung der Klimakatastrophe. Es gehe ihr "um Menschen, die Probleme zu lösen versuchen, die Menschen beim Versuch, Probleme zu lösen, geschaffen haben."

Menschliche Eingriffe und die Folgeprobleme

Welches Wagnis mit dem Versuch verbunden ist, aus der Balance gebrachte Naturkreisläufe durch weitere Eingriffe zu stabilisieren, zeigt Kolbert an mehreren Beispielen. So wird die Änderung des Verlaufs des verdreckten Chicago River Anfang des 20. Jahrhunderts heute als Fehler gesehen. Denn statt in den Lake Michigan, fließt er seit Jahrzehnten in den Golf von Mexiko. Dabei verändert er die Flora und Fauna der Flüsse, durch die er fließt. Die von Experten*innen unterstützte Forderung nach einer erneuten hydrologischen Trennung, wird wegen der hohen Kosten politisch als unpopulär eingeschätzt, und deshalb abgelehnt.

Ähnlich detailreich erklärt Kolbert die Folgeprobleme durch die Ansiedelung der giftigen Agakröten in Australien. Die Tiere sollten das Zuckerrohr kostengünstig gegen Raupen schützen. Doch stattdessen bedroht die Kröte jetzt die einheimische Tierwelt. Nun wird an komplizierten Genveränderungen geforscht, um deren weitere Ausbreitung zu stoppen. Um sich diesen Prozess erklären zu lassen, besuchte die Autorin eines der modernsten Hochsicherheitslabore der Welt, das Australian Animal Health Laboratory, und ließ sich die Genom-Editierung von der Postdoktorandin Caitlin Cooper erklären.

Dies sind nur zwei ihrer Beispiele, die Kolbert dazu anführt, wie weltweit, teilweise mit komplexen und gefährlichen Methoden, versucht wird, ungewollte Auswirkungen menschengemachter Veränderungen der Natur wieder in ein akzeptables Gleichgewicht zu bringen. Vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen geht sie im zweiten Teil des Buches der Frage nach, wie die notwendige Reduzierung des Kohlendioxids zur Senkung der Erderwärmung durch Geoengineering erfolgen könnte, ohne dabei eine globale Katastrophe zu riskieren.

"Under a White Sky" - Geoengineering gegen die Erderhitzung

Elizabeth Kolbert besuchte weltweit Wissenschaftler*innen, deren Forschungsprojekte sich in zwei Bereiche einteilen lassen. Ein Zweig stellt sich dem Problem, dass zu viel Kohlendioxid in die Luft ausgebracht wird. Deshalb entwerfen Forscher*innen Maschinen, um das CO2 abzusaugen, oder herauszufiltern und, wie auf Island, unter der Erde zu vergraben. Der andere Zweig, das Stratosphären-Geoengineering, überlegt, wie die Sonneneinstrahlung auf die Erde vermindert werden könnte, wie dies auch durch Vulkanausbrüche geschieht.

Eine künstliche Verdunkelung könnte jedoch dazu führen, dass aus dem heutigen blauen Himmel, ein weißer würde, so der Chemiker und Wissenschaftler des Harvards Solar Geoengineering Research Program Frank Keutsch. Er findet "die Idee völlig verrückt und ziemlich beunruhigend," da jedes Material, das ausgebracht wird, wieder auf die Erde herabfällt, sagt Keutsch. Doch da er befürchtet, dass zu wenig gegen den Klimawandel unternommen wird und "Entscheidungsträger" den Einsatz von Partikeln gegen die Klimakatastrophe veranlassen könnten, forsche er aus der "großen Sorge, dass es tatsächlich passieren könnte" in diesem Bereich.

Ergänzend zu Elizabeth Kolberts Befragung von Wissenschaftler*innen, sei an dieser Stelle auf ein Interview mit Dr. Ulrike Niemeier vom Max-Planck-Institut für Meteorologie hingewiesen, die mit deutlichen Worten vor dem Einsatz von Geoengineering warnt: "Deshalb beschäftigen wir uns jetzt wissenschaftlich mit dem Thema, damit die Politik die Finger davonlässt."

Für eine öffentliche Debatte um Maßnahmen gegen die Klimakatastrophe

Weitere Gesprächspartner*innen Kolberts, wie David Keith, Professor für angewandte Physik an der Harvard University, sehen die Einsatzmöglichkeiten des Geoengineering optimistischer. Er betont, dass es von menschlichen Entscheidungen abhänge, ob dies die Welt rette oder gefährde. Aber er sieht, wie auch der Physiker Klaus Lackner, der 2014 das Center for Negative Carbon Emissions an der Arizona State University gründete, die Notwendigkeit, mit technischen Mitteln den Anstieg der Erderhitzung zu bremsen. Denn, wie auch Keutsch, glauben die beiden Wissenschaftler nicht daran, dass die politischen Entscheidungen ausreichen werden, um den CO2-Ausstoß soweit zu reduzieren, dass die Klimakatastrophe allein dadurch verhindert wird.

Wie Elizabeth Kolbert, die durch dieses Buch das Thema erneut in die Öffentlichkeit bringt, setzt sich auch Andy Parker als Projektleiter der Solar Radiation Management Governance Initiative dafür ein, "die globale Debatte über Geoengineering zu fördern." Er vergleiche die Technologien des Geoengineering mit einer Chemotherapie, der sich niemand unterziehen würde, gäbe es bessere Optionen, so die Autorin, deren im Buch versammelten Beispiele in die gleiche Richtung weisen. Doch, wie wir aktuell durch den Ukraine-Krieg und die Corona-Pandemie sehen, fehlt die weltweite Solidarität, die nötig wäre, um mit weniger risikoreichen Technologien gegen die Erderhitzung vorzugehen.

AVIVA-Tipp:Elizabeth Kolbert greift mit ihrem Buch ein Thema auf, um das wir nicht herumkommen werden: Die Diskussion um den Einsatz wenig erprobter Technologien zur Reduzierung der Erderhitzung. Detailreich recherchiert und gut lesbar geschrieben, stellt sie die Forschungsprojekte zu Geoengineering in ein Verhältnis zu fehlgeschlagenen menschlichen Eingriffen in natürliche Abläufe. Sie, wie auch ihre Interviewpartner*innen, hoffen darauf, dass diese Technologien nicht zum Einsatz kommen müssen. In diesem Sinne ist dieses Buch ein Appell an die Vernunft, den Klimawandel mit erprobten Möglichkeiten rechtzeitig zu stoppen.

Zur Autorin: Elizabeth Kolbert, 1961 in New York City geboren, studierte Literatur an der Yale University und in Hamburg. Von dort aus leistete sie Zuarbeit für Artikel der New York Times und wurde dort 1992 politische Reporterin. Zudem arbeitete sie für das Times Magazine. Seit 1999 arbeitet sie als Redakteurin des New Yorker. 2006 erschien ihr Buch "The Climate of Man", das von der Erderwärmung handelt, für diese Reportageserie erhielt sie 2006 den National Magazine Award in der Kategorie Public Interest. "Das 6. Sterben" wurde 2015 als "Wissensbuch des Jahres", sowie mit dem Los Angeles Times Book Prize in der Kategorie "Science and Technology" ausgezeichnet und wurde 2015 mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet. Die jüdisch-amerikanische Schriftstellerin veröffentlicht auch im Jewish Currents. Lesenswert ist hier auch ihr Beitrag "The Last Trial" über Oskar Gröning, den letzten Buchhalter in Auschwitz, erschienen im Februar 2016 im New Yorker.
Mehr Infos zu Elizabeth Kolbert unter: elizabethkolbert.com und www.newyorker.com

Zur Übersetzerin: Ulrike Bischoff übersetzt aus dem Englischen, u.a. "Das 6. Sterben. Wie der Mensch Naturgeschichte schreibt" von Elizabeth Kolbert, sowie aus dem Französischen, u.a. "Steueroasen - Wo der Wohlstand der Nationen versteckt wird" von Gabriel Zucman, und ist auch als Dolmetscherin tätig.

Elizabeth Kolbert
Wir Klimawandler. Wie der Mensch die Natur der Zukunft erschafft

Originaltitel: Under a White Sky. The Nature of the Future
Übersetzerin: Ulrike Bischoff
Suhrkamp, erschienen: August 2021
Hardcover mit Schutzumschlag, gebunden, 240 Seiten
ISBN-13: 978-3-518-43004-0
25,00 Euro
Mehr zum Buch unter: www.suhrkamp.de

Weitere Infos unter:

Martha´s Vineyard Productions auf Youtube
Interview von Brad Campbell mit Elizabeth Kolbert beim Martha´s Vineyard Book Festival 2021 zu ihrem Buch "Under a White Sky" ("Wir Klimawandler")

Chicago Humanities Festival auf Youtube
Online-Interview von Eula Biss mit Elizabeth Kolbert für das Chicago Humanities Festival am 23. April 2021

www.nytimes.com
Gespräch von Ezra Klein in "The Ezra Klein Show" mit "Elizabeth Kolbert About Geoengineering", Transkript, wie auch Podcast, veröffentlicht am 9. Februar 2021 in der New York Times

www.pik-potsdam.de
Das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung veröffentlichte am 04.04.2022 auf ihrer Webseite ein Statement zum neuen IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change)-Bericht zur Minderung des Klimawandels.

www.boell.de
Die Heinrich Böll Stiftung bietet auf ihrer Webseite ein Dossier zu Geoengineering.

www.umweltbundesamt.de
Eine kurze Definition zu Geoengineering und Diskussion der Frage, ob es wirksamer Klimaschutz oder Größenwahn ist.

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Beitrag vom 02.05.2022

Helga Egetenmeier