Peggy Mädler – Wohin wir gehen - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Literatur Romane + Belletristik



AVIVA-BERLIN.de im Juli 2021 - Beitrag vom 12.10.2020


Peggy Mädler – Wohin wir gehen
Silvy Pommerenke

Zwei Generationen von Frauen hat Peggy Mädler in ihrem Roman in den Fokus gestellt. Dabei beleuchtet sie die Themen Freundschaft und Abschied, und bettet diese Szenarien vor allem in die frühe DDR-Geschichte ein.




Zugegeben, der Roman ist schon vor einiger Zeit, im Februar 2019, veröffentlicht worden. Warum sollte er dennoch gelesen werden? Zum einen, weil Peggy Mädler dafür – zu Recht – 2019 im Jahr des Erscheinens mit dem Fontane-Literaturpreis ausgezeichnet und 2020 für den Europäischen Literaturpreis nominiert wurde, zum anderen, weil sie es schafft, auf gerade mal etwas über zweihundert Seiten in einer formvollendeten, poetischen Sprache einen Zeitbogen von knapp 100 Jahren zu spannen und politische und gesellschaftliche Zeitströme mit den persönlichen Zeitläufen von vier Frauen aus zwei Generationen aus Ost und West zu spannen. Das ist sehr mutig und ambitioniert und löste dennoch nicht überall Begeisterung aus. Frauke Meyer-Gosau, u.a. Redakteurin der Süddeutschen Zeitung, kritisierte einen "biederen" Schreibstil und fand den Roman nicht überzeugend. Dahingegen waren Oliver Jungen von der Frankfurter Rundschau und Helmut Böttiger von Deutschlandfunk Kultur restlos begeistert von dem zweiten Roman der Dresdener Autorin.

Die Geschichte, die Peggy Mädler erzählt, handelt von Almut und ihrer besten Freundin Ida. Sie geraten als junge Mädchen in die Endkriegswirren des Zweiten Weltkriegs und die Aufbruchszeit in der DDR. Während die eine Republikflucht betreibt, bleibt die andere im sozialistischen Staat. Die räumliche Trennung und die unterschiedlichen politischen Systeme tun ihrer Freundschaft aber keinen Abbruch, und sie finden Mittel und Wege, sich dennoch zu treffen und ihre Verbundenheit zueinander aufrechtzuerhalten. Zum anderen geht es um Elli (die Tochter von Almut) und deren beste Freundin Kristine. Auch sie trennen zwischenzeitlich Landesgrenzen, aber auch sie bleiben sich ein Leben lang verbunden.

Peggy Mädler verwendet eine lakonische und dennoch poetische Sprache und zaubert Sätze wie: "Den Druck (auf die Parkbank) noch ein wenig verstärken, weil die Begrenzung gegen die Entgrenzung des Körpers hilft" oder "während die Beine das Tempo zu drosseln versuchen, stürzen die Worte nur so dahin, überlagern sich, verbinden sich, vermischen sich mit einem hellen Mädchenlachen".

Zwischen der asynchronen Erzählung der Geschichte(n) werden Ortsbeschreibungen eingefügt, die die Besonderheit von Flora und Fauna wiedergeben, oder aber, im Falle von Städten oder Wohnungen, die Architektur und Inneneinrichtung darstellen. Diese Zwischenpassagen haben etwas von einem Reiseführer, wodurch unmittelbar Bezug zum Titel genommen wird. "Wohin wir gehen" ist letztendlich eine Reisebeschreibung des Lebens, dessen Wege häufig vom Zufall und von ergriffenen - oder auch verpassten - Chancen bestimmt werden.

Vordergründig ist es also eine Geschichte über Freundschaft und Verbundenheit, hintergründig geht es aber um viel mehr. Peggy Mädler widmet sich der deutsch-böhmischen bzw. deutsch-tschechischen Landesgeschichte und die Verstrickungen, die nach 1945 damit verbunden sind: "Als Kind eines tschechischen Vaters darf Almut das Land nicht verlassen, als Kind einer deutschen Mutter darf sie laut einem anderen Schreiben nicht bleiben. Als noch minderjähriges Kind verstorbener Eltern gehört sie ins Waisenhaus." Nicht zuletzt ist es eine Geschichte über die Nachkriegs- und Aufbruchszeit im Osten Deutschlands.

Obwohl die Lebensläufe der Protagonistinnen ganz unterschiedlich verlaufen, so gleichen sie sich doch in entscheidenden Punkten: wohin wir gehen hängt nicht nur von äußeren Gegebenheiten ab, sondern vor allem von unserer individuellen Entscheidung.

AVIVA-Tipp: Auch 1 ½ Jahre nach Erscheinen des Buches hat "Wohin wir gehen" nichts an Aktualität eingebüßt. Die persönlichen Lebensgeschichten der vier Frauen sind eingebettet in und bestimmt von politischen Systemen und dem historischen Zeitgeschehen. Unabhängig davon bleibt das, was zählt: Verbundenheit und Freundschaft.

Zur Autorin: Peggy Mädler: 1976 in Dresden geboren, hat in Berlin Theater-, Erziehungs- und Kulturwissenschaft studiert und 2008 in den Kulturwissenschaften auch promoviert. 2007 gründete sie zusammen mit Julia Schleipfer die Künstler*innenformation "Labor für kontrafaktisches Denken". Von 2007 bis 2009 gehörte sie dem Gründungsvorstand des LAFT Berlin an, und sie wirkte beim Theaterkollektiv She She Pop mit. Mädler erhielt verschiedene Stipendien, u. a. von der Heinrich-Böll-Stiftung, dem Künstler*innendorf Schöppingen, der Akademie der Künste (ein Alfred-Döblin-Stipendium) und dem Berliner Senat. 2011 erschien ihr erster Roman "Legende vom Glück des Menschen". Für "Wohin wir gehen" erhielt sie 2019 den Fontane-Literaturpreis der Fontanestadt Neuruppin und des Landes Brandenburg. Außerdem wurde sie 2020 für den Europäischen Literaturpreis nominiert. Der Preis wird seit 2009 ausgeschrieben und von der Europäischen Kommission finanziert, mit dem Ziel, besonders ausgezeichnete Werke europäischer Autor*innen auch über nationale Grenzen hinweg bekannt zu machen. Als Dozentin lehrt sie u. a. an der Universität Hildesheim, am Bard College Berlin, an der Hochschule für Musik Berlin und an der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch".

Peggy Mädler
Wohin wir gehen

Galiani-Verlag, Erscheinungstermin 02/2019
Gebunden, 224 Seiten
ISBN 978-3869711867
Euro 20,00
Mehr zum Buch unter: www.kiwi-verlag.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Peggy Mädler - Legende vom Glück des Menschen Eine Familiengeschichte über drei Generationen, von der Enkelin erzählt, spürt dem Glück nach und versucht zu verstehen wie persönliche Erinnerung und Geschichtliches zueinander stehen. (2011)

Helga Bürster – Luzies Erbe Die 100jährige Matriarchin Luzie Mazur stirbt und hinterlässt eine "aus den Fugen geratene Zeit" - jedenfalls für ihre unmittelbaren Angehörigen. Allen voran ihre Enkelin, die Mittfünfzigerin Johanne (die zugleich das Alter Ego von Helga Bürster ist), und deren Tochter Silje. Luzies Erbe ist ein bislang gut gehütetes Geheimnis. (2019)

Tanja Maljartschuk - Blauwal der Erinnerung Die Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin schreibt nichts weniger als "ein Requiem auf mich selbst", doch dabei geht es viel mehr als nur um sie, denn die Ich-Erzählerin schildert die Auswirkungen der sowjetischen Gewalt auf die Ukraine und ihre Menschen. Allen voran sie selbst, die unter heftigen Panikattacken leidet, für die sie - obwohl professionelle Sprachwissenschaftlerin - keine Worte findet. (2019)

Marjolijn van Heemstra - Ein Name für dich Die niederländische Autorin und Theatermacherin Marjolijn van Heemstra begibt sich in ihrem Roman auf die Suche nach einem Familiengeheimnis und betritt dabei das Grenzland zwischen Wahrheit und Mythos. (2019)

Anna Kaminsky - Frauen in der DDR
Die Auffassung, dass die DDR in punkto Gleichberechtigung von Frauen ein wahres Fortschrittswunderland gewesen sei, ist nach wie vor weit verbreitet. Doch wie gestaltete sich die Lebensrealität der Frauen tatsächlich? Die Geschäftsführerin der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, die Übersetzerin und Autorin Anna Kaminsky, versucht in ihrem Buch "Frauen in der DDR" einen umfassenden Einblick in das wahre Leben der weiblichen DDR-Bevölkerung zu geben – und dem gängigen Bild der DDR als zumindest im Bezug auf Gleichberechtigung der Geschlechter fortschrittlichem Land zu widersprechen. (2017)



Literatur > Romane + Belletristik

Beitrag vom 12.10.2020

Silvy Pommerenke 






AVIVA-News bestellen
  AVIVA-Berlin auf Facebook AVIVA-Berlin auf twitter



Ina Schmidt - Die Kraft der Verantwortung

. . . . PR . . . .

Ina Schmidt - Die Kraft der Verantwortung
Ob Klima, Politik, Arbeit oder Beziehung: Überall sollen wir verantwortungsvoll handeln. Wie aus dieser Pflicht eine liebende Sorge für die Zukunft wird, zeigt die Philosophin Ina Schmidt klug und lebensnah.
Mehr Informationen zum Buch und Bestellungen unter: www.edition-koerber.de

Hila Amit - Hebräisch für Alle. Von der Sprache zur Vielfalt.

. . . . PR . . . .

Hila Amit - Hebräisch für Alle
Das erste queere und feministische Hebräisch-Lehrbuch in Deutschland. Das Arbeitsbuch enthält zahlreiche lebensnahe Beispiele und Übungen, um den Wortschatz direkt anzuwenden und zu verinnerlichen.
Mehr Informationen zum Buch und Bestellung unter: www.edition-assemblage.de

Esther Dischereit - Mama, darf ich das Deutschlandlied singen. Politische Texte

. . . . PR . . . .

Esther Dischereit - Mama, darf ich das Deutschlandlied singen. Politische Texte
Jüdisch. Solidarisch. Antirassistisch. Der Essayband mit einem Vorwort von Aleida Assmann knüpft an die beiden Aufsatzbände "Übungen jüdisch zu sein" und "Mit Eichmann an der Börse" an.
Mehr zur Autorin, zum Buch, sowie Bestellung unter: www.mandelbaum.at

Maria Nurowska - Briefe aus Katyn

. . . . PR . . . .

Maria Nurowska - Briefe aus Katyn
Polen vor dem 2. Weltkrieg: Janina Lewandowska lässt sich zur Pilotin ausbilden. 1939 heiratet sie ihren Fluglehrer Mieczysław Lewandowski, gerät aber nach Kriegsausbruch in russische Kriegsgefangenschaft...
Mehr Informationen zum Buch und Bestellung unter: www.ebersbach-simon.de

Ahima Beerlage - Riss in der Zeit

. . . . PR . . . .

Ahima Beerlage - Riss in der Zeit
Jana geht nicht gern unter Menschen. Und erzählt nie von ihrer Vergangenheit. Ihre Lebensgefährtin Frauke verbucht das unter "wortkarge Butch". Als Jana ins Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit gerät, ändert sich das Leben der beiden Frauen radikal.
Mehr zum Buch und Bestellinfos unter: www.krugschadenberg.de


Kooperationen

editionfuenf
HentrichHentrich
AvivA-Verlag
ebersbach-simon
Krug & Schadenberg -  Der Verlag für lesbische Literatur