Carolin Emcke - Journal. Tagebuch in Zeiten der Pandemie - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Literatur Sachbuch



AVIVA-BERLIN.de im Juli 2021 - Beitrag vom 25.04.2021


Carolin Emcke - Journal. Tagebuch in Zeiten der Pandemie
Silvy Pommerenke

Die Bestseller-Autorin und Friedenspreis-Trägerin Carolin Emcke hat zu Beginn des ersten Lockdowns im März 2020 angefangen, ein Tagebuch zu schreiben. Dafür, dass sie es mit uns teilt, können wir ihr dankbar sein. Die Chronistin beobachtet klug und eloquent die Auswirkungen, die uns alle gleichermaßen, andere aber ungleicher, durch das Virus betreffen.




Poetischer Blick auf die Pandemie

In melancholischer, bisweilen poetischer Sprache ("Das Schreiben hinkt dem Erlebten Tag hinterher wie ein versteiftes Bein, das nachgezogen wird und einen synkopischen Rhythmus erzeugt") beschreibt die Wahl-Berlinerin Carolin Emcke, wie sie für sich einen Umgang findet, um mit dieser Ausnahmesituation umgehen zu können. Sie leidet sehr unter "der ungewohnten Erlebnisarmut, der quälenden Immobilität".

Wörterbücher

In dieser besonderen Zeit der Pandemie beginnt sie, ein Wörterbuch im besten Sinne zu schreiben, sammelt Wörter, die sich in unseren Wortschatz hineinzwängen: systemrelevant, vulnerable Gruppe, Lockdown oder Homeschooling. Worte, die ist vielleicht vorher schon gab, bei denen es aber nun zu Bedeutungsverschiebungen kommt.
Neben diesen Worten der Pandemie sammelt Carolin Emcke auch Worte auf Türkisch. Dafür lässt sie sich von einem türkischen Freund jeden Tag ein zufällig gewähltes Wort mit der entsprechenden deutschen Übersetzung schicken. Diese Wörter sind für sie eine unsichtbare Brücke zu dem Freund, dessen Gegenwart sie nicht erleben kann. Die Corona-Regelungen machen viele persönliche Begegnungen unmöglich. Wir alle wissen ein Lied davon zu singen.

Politisch-persönliche Notizen zur Corona-Krise

Der größte Teil des Journals wurde zwischen März und Mai 2020 als tägliche Kolumne "Politisch-persönliche Notizen zur Corona-Krise" in der Süddeutschen Zeitung abgedruckt. Neben ihren philosophischen Betrachtungen der Auswirkungen der Pandemie auf die Gesellschaft gibt Carolin Emcke hier auch Literatur- (Audre Lourde oder Ingeborg Bachmann, Annie Ernaux und Maria Stepanova) und Musiktipps (Komfortrauschen, Escape Cardin oder Friday Night in San Francisco). Lesen oder Musikhören sind wohl die Beschäftigungen, denen in Zeiten von Corona verstärkt nachgegangen wird. Zu den wenigen Highlights der aktuellen Situation zählt besonders der virtuelle Theaterbesuch. Wo sonst Eintrittskarten rar sind, können nun Theaterstücke im Netz "besucht" werden. Carolin Emcke macht häufig Gebrauch davon, beispielsweise von "Hamlet" in einer Inszenierung vom Schauspiel Bochum.

Schmerzende Wunden

Auch wenn sie sich besonders mit der Kultur und der Kulturbranche im Kontext der Auswirkungen der Pandemie beschäftigt, gehen ihre Gedanken und Textpassagen immer wieder auch zu den Menschen, deren Leid in dieser Krisenzeit fast vergessen wird. Seien es die Opfer der NSU, die Flüchtlinge aus Libyen, oder die Frauen, die nun, mehr als zuvor, der häuslicher Gewalt ihres Partners ausgesetzt sind. Die weitgereiste ehemalige Kriegsberichterstatterin kritisiert die nationalen Tendenzen, die sich in der Corona-Pandemie entwickeln. Sie fordert ein europäisches, ein transatlantisches Zusammenarbeiten, damit Kräfte gebündelt und Synergien geschaffen werden, um so der Pandemie gemeinsam entgegenzutreten.
Die Autorin und Philosophin lässt kaum ein Thema aus, und legt ihren Finger in die schmerzenden Wunden.

"Wo ist Europa? Da harren in Griechenland auf den Inseln Geflüchtete aus, unter beschämenden Bedingungen, da wird das Wasser im Lager von Moria knapp, und während Tausende gestrandete Urlauber in einer beispiellosen Aktion vom Auswärtigen Amt zurück geflogen werden (dank an alle, die das leisten in den Krisenzentren da im AA), da soll es nicht möglich sein, mindestens die unbegleiteten Kinder herauszuholen?

Kollektive Erfahrung

Was ihr und uns fehlt, ist das kollektive Erfahren von Kunst und Kultur. Aber nicht nur das, sondern auch die persönlichen Begegnungen mit lieben Menschen, das Abschiednehmen von Todkranken. Oder der Arbeitsplatz, der wegen Corona wegrationalisiert wurde. Die Auswirkungen sind so vielfältig, wie es die Menschen sind. Jede und jeder leidet auf ihre und seine Weise. Leid ist subjektiv, und trotzdem ist es eine geteilte Erfahrung, die wir alle in diesen schweren Zeiten erleben, so unterschiedlich sie auch sein mag.

AVIVA-Tipp: Mit ihren klugen Texten und ihrem scharfen Blick auf die Missstände in der Welt – sei es direkt vor der Haustür, oder die internationalen Konflikte - hat Carolin Emcke mehrere Wochen lang als Zeitzeugin die Corona-Pandemie versprachlicht. Ihre Beobachtungen und Gedanken finden sich nun in "Journal - Tagebuch in Zeiten der Pandemie", ein Journal, das schon heute als ein wichtiges Zeitdokument gelesen werden kann.

Zur Autorin: Carolin Emcke: geboren1967, studierte Philosophie, Politik und Geschichte in London, Frankfurt am Main und Harvard. Sie war Stipendiatin der Studienstiftung des Deutschen Volkes und promovierte in Philosophie über den Begriff "Kollektive Identitäten". Von 1998 bis 2006 war sie festangestellte Redakteurin beim Spiegel und als Auslandsredakteurin in vielen Krisengebieten unterwegs. Von 2007 bis 2014 arbeitete sie als Autorin und internationale Reporterin für DIE ZEIT. Seit 2014 ist sie freie Publizistin und Kolumnistin bei der Süddeutschen Zeitung und El Pais. 2003/2004 war sie Visiting Lecturer für Politische Theorie an der Yale University und 2006/2007 Beraterin des Studiengangs Journalismus der Hamburg Media School. Sie hält regelmäßig Vorträge über Themen wie Internationalen Journalismus, Globalisierung, Menschenrechte, Theorien der Gewalt, Zeug*innenschaft, Photographie, kulturelle Identitäten, Rassismus und Demokratiefeindlichkeit. Seit 2004 ist sie Kuratorin und Moderatorin der monatlichen Diskussionsveranstaltung "Streitraum" an der Schaubühne Berlin. Gemeinsam mit der Regisseurin Angelina Maccarone entwickelte sie drei Video-Spots zum Thema "Tolerant? Sind wir selber". Sie ist Verfasserin diverser Bücher, u.a. "Von den Kriegen - Briefe an Freunde", "Wie wir begehren" oder "Gegen den Hass" und wurde vielfach ausgezeichnet. Unter anderem 2016 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels oder 2021 mit dem Rosa-Courage-Preis. Carolin Emcke lebt in Berlin.
Carolin Emcke im Netz: www.carolin-emcke.de

Carolin Emcke
Journal - Tagebuch in Zeiten der Pandemie

S. Fischer Verlag, erschienen 03/2021
Gebunden, 272 Seiten
ISBN 978-3103970944
Euro 21,00
Mehr zum Buch unter: www.fischerverlage.de

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Literatur > Sachbuch

Beitrag vom 25.04.2021

Silvy Pommerenke 






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