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AVIVA-BERLIN.de im Juli 2021 - Beitrag vom 07.02.2021


Sophy Roberts – Sibiriens vergessene Klaviere
Bärbel Gerdes

Auf der Suche nach einem stimmungsvollen Klavier durchstreift die britische Journalistin Sophy Roberts die geographischen und historischen Weiten Sibiriens. Wie vielfältig, widersprüchlich und beeindruckend dieser nördlichste Teil Russland ist, kann die Leserin auf einer spannenden Lehnstuhlreise erfahren.




Wohl selten sind die Assoziationen zu einem Landstrich, zu einer Region, einem riesigen Areal so unterschiedlich wie bei der Nennung des Wortes "Sibiriens". Gulag, fällt der einen ein, endlose Steppen, der anderen – eisige Winter tauchen vor dem inneren Auge der einen auf, heiße Sommer getrübt durch gigantische Mückenschwärme der anderen. Kriegsgefangenenlager, Baikalsee, sibirische Tiger, Dostojewski, das indigene Volk der Tschutschken … alles, alles, fällt uns ein – aber Klaviere?

Begibt sich eine britische Journalistin tatsächlich auf eine mehrwöchige Reise durch Sibirien, um ein Klavier zu suchen – und bestenfalls zu finden? Ja! Frauenfreundschaften machen das möglich.

2015 war die Autorin der Pianistin Odgerel Sampilnorow bei einem gemeinsamen Freund in der Mongolei begegnet. Die Pianistin hatte den Töchtern des Freundes Klavierunterricht gegeben. Dieser berichtete, es sei wie eine Offenbarung gewesen, als er die damals 19-jährige das erste Mal spielen hörte. Mit Hingabe spielte sie Bach und kannte alle Schlüsselwerke des 18., 19. und 20. Jahrhunderts. "Und das alles auswendig, sie brauchte nie Noten." Der Freund und weitere Menschen unterstützten ein neunjähriges Klavierstudium am Konservatorium in Perugia und als Roberts sie kennenlernte, gab sie Vorführungen auf dem verstimmten Stutzflügel des Freundes. Der gab die Anregung: "Wir müssen eines der vergessenen Klaviere Sibiriens finden."

Sophy Roberts war schon immer von Sibirien fasziniert. Ihr überquellender Bücherschrank erzählt davon. Eine Art eigensüchtige Verrücktheit ergriff sie und so begab sie sich auf die Jagd nach einem Instrument, das ich nicht einmal spiele. Sie reiste per Flugzeug, Eisenbahn, Hubschrauber, Schneemobil, Rentier, Amphibienfahrzeug, Schiff, Tragflächenboot und Taxi und sie reiste im Winter, weil sie eine gefährliche allergische Reaktion auf die Mücken in Sibirien hat.

Sibirien bedeckt ein Elftel der Landmasse der Erde. Westlich begrenzt durch den Ural, erstreckt sich das Gebiet, das dem russischen Nordasien zugerechnet wird, bis zum Pazifik Der tiefste See der Erde, der Baikal, enthält ein Fünftel des weltweiten Süßwasservorrats.
In diesen unendlichen Weiten war es leicht, Menschen zu entsorgen
Bereits im 17. Jahrhundert diente Sibirien als Strafkolonie, in die Verbrecher und Unerwünschte abgeschoben wurden. Durch grausame Methoden wurden sie gekennzeichnet. Doch während sie im westlichen Teil Russlands als Sträflinge verbannt wurden, galten sie vielen der Einwohner Sibiriens als die Unglücklichen, die mit Empathie unterstützt werden sollten.
In den Gulags, die Zwangsarbeiter/innenlager des zwanzigsten Jahrhunderts, in denen neben der schweren Arbeit auch grausame Methoden der kulturellen und politischen Umerziehung stattfanden, starben mehr als 4 Millionen Menschen, und auch heute gibt es noch Strafkolonien, die einen intransparente[n] Staat im Staat bilden, wie die Welt 2018 in einem Beitrag berichtet.

Doch Sibirien ist und war so viel mehr. Im 18. Jahrhundert entstand eine Pianomanie in ganz Russland. Katharina die Große, die Russland näher an Europa heranführen wollte, kaufte sowohl Diderots als auch Voltaires gesamte Bibliothek auf. Sie liebte die Oper und engagierte ausländische Musiklehrer, die wiederum Clavichorde mitbrachten. Der Adel kaufte Cembali aus dem Ausland, doch schon bald entstand eine einheimische Klavierbauindustrie. Ein Musikkritiker nannte St. Petersburg Pianopolis.

Sophy Roberts folgt den Spuren der Klaviere und Flügel in Sibirien. Mit dem Abtransport der Zarenfamilie nach Jekaterinburg beispielsweise wurde auch ihr Becker-Flügel dorthin verbracht. In Irkutsk entstand durch die Verbannung der Dekrabisten, den adeligen Revolutionären, eine Adelsschicht, in deren Salons auch Klaviermusik gespielt wurde. In Nowosibirsk wurden während des Großen Vaterländischen Krieges, des Zweiten Weltkrieges, viele Kulturgüter in Sicherheit gebracht, darunter auch viele Klaviere.

Sophy Roberts erzählt die Geschichte der Instrumente, aber darüber hinaus und viel mehr Biographisches, Politisches, Kulturelles, Landesgeschichtliches. Wir lernen Anna Bering kennen, die mit dem Russischen Kolumbus Vitus Bering verheiratet war und ihn mit ihrem Instrument in den 1730er Jahren von St. Petersburg ans Ochtotskische Meer begleitete – und dann noch einmal 9.600 km zurück.
Auch Maria Wolkonski folgte ihrem Mann ins sibirische Exil und nahm neben ihrem zweijährigen Sohn ihr Clavichord mit. 6.500 km reiste sie mit dem Instrument.
Wir betreten mit Roberts die Insel Sachalin, deren Strafkolonie schon Anton Tschechow beschrieb und besuchen im Dorf Bogaschewo die Pianistin Olga Leonidowna, deren Bechstein-Klavier von 1896 stammt. Zwei Frauen seien während des Großen Vaterländischen Krieges mit dem Zug aus Leningrad gekommen, um das Klavier gegen einen Sack Kartoffeln zu tauschen. Edel, gütig und anspruchsvoll sei das Instrument, so Leonidowna. Sie spielte ein Gestöber aus Noten, jeder Klang verhallte im Zimmer, als seufze das Instrument und singe dann voller Erleichterung.
Doch natürlich war auch dieses Klavier nicht zu verkaufen.

Ausfindig macht Sophy Roberts die Instrumente durch Zeitungsannoncen und Mund-zu-Mund-Propaganda, durch Museen und durch Radiosendungen. Sie recherchiert in Archiven und sucht nach Seriennummern und Klavierbauern. Sie findet ein Klavier, das beim Aufklappen des Deckels roch, als habe es eine Weile nicht Luft geschöpft, aber ein robustes Klavier mit einer hellen Stimme war, und sie findet ein schlecht lackiertes Instrument mit einer durch Wasserschäden knittrigen Oberfläche, die Saiten und Hämmer aber waren noch original.

Wie es sich für eine lange und ferne Reise gehört, geraten wir gelegentlich auf Ab- und Umwegen, mögen uns dann und wann auch etwas verirren und orientierungslos sein, nehmen aber auch auf diesen Pfaden immer etwas mit, das unsere Welt vergrößert und bereichert.

Der Zsolnay-Verlag hat dem Buch eine ganz besondere Themenseite spendiert: nicht nur Leseproben und ein Interview mit der Autorin sind hier zu finden, sondern auch ein beeindruckender Kurzfilm von Michael Turek, der Sophy Roberts Reise nach Sibirien fotografisch begleitete und der an einem Film über diese Reise arbeitet.

Wie aber findet man das genau richtige Klavier? Das sei einfacher als wir glauben, meint der britische Klavierbauer Brian Kemble, "Wenn Sie ein Klavier finden, das allen gefällt, dann fehlt etwas… Sie sollten ein Instrument finden, in das jemand leidenschaftlich verliebt ist.

AVIVA-Tipp Auf eine wirklich spannende und aufregende Reise nimmt uns Sophy Roberts mit. Nicht nur werden wir in unendliche winterliche Welten entführt, wir lernen en passant diese Welt mit ihren Menschen, ihren Orten und ihren Geschichten kennen – und natürlich ihren Klavieren.

Zur Autorin: Sophy Roberts, studierte Englisch an der Oxford University und Journalismus an der Columbia University, New York. Als Journalistin arbeitet sie für die BBC, The Economist, Times Radio, Tortoise und für die Royal Geographical Society. Sie unterrichtet Kreatives Schreiben und Fotojournalismus. Sophy Roberts lebt in West Dorset, GB.
Mehr zur Autorin: www.sophyroberts.com

Zur Übersetzerin: Brigitte Hilzensauer, geboren 1950 in Niedernsill/Salzburg, Studium der Anglistik und Germanistik in Wien, arbeitete zuerst als Lektorin und Redakteurin und übersetzte unter anderem Timothy Snyder, Nick Thorpe, Tim Bonyhady, Kapka Kassabova und die Bücher von Edmund de Waal. Sie lebt in Wien (Verlagsangaben).

Sophy Roberts
Sibiriens vergessene Klaviere. Auf der Suche nach der Geschichte, die sie erzählen

Originaltitel: The lost pianos of Siberia
Aus dem Englischen von Brigitte Hilzensauer
Zsolnay Verlag, erschienen im September 2020
398 Seiten, zahlreiche Abbildungen, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-552-07205-3
26,00 €
Mehr zum Buch: www.hanser-literaturverlage.de



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Beitrag vom 07.02.2021

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