Monika Hinterberger – Eine Spur von Glück. Lesende Frauen in der Geschichte - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Literatur Sachbuch



AVIVA-BERLIN.de im Mai 2021 - Beitrag vom 03.01.2021


Monika Hinterberger – Eine Spur von Glück. Lesende Frauen in der Geschichte
Bärbel Gerdes

Die Historikerin Monika Hinterberger spürt die Geschichte der Frau als Leserin auf, die weit in die Antike zurückreicht. Ob auf Fresken aus Pompeji oder als frühneuzeitliche Kreidezeichnung – Frauen lasen mit Begeisterung und mit unterschiedlichsten Motivationen. Anhand von zehn Abbildungen tritt die Autorin der Annahme entgegen, Frauen seien über lange Zeit des Lesens unkundig gewesen.




Auch dies ist wieder eine jener verborgenen Geschichten, die in der patriarchalen Geschichtsschreibung zugeschüttet wurden, wodurch ein tiefer Glaube von der Abwesenheit von Frauen zementiert wurde.
Auch dies ist wieder eine jener verborgenen Geschichten, die Frauen dem Vergessen entreißen und die Aufruf zu weiteren Erforschungen sind.

Monika Hinterberger hat sich zehn Abbildungen lesender Frauen angesehen, sie in ihren zeitlichen Kontext gestellt und interpretiert. So entsteht nicht nur eine Geschichte der lesenden Frau, sondern gleichzeitig ein Eindruck der jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnisse und – der Buchgeschichte.
Denn unter welchen Bedingungen gelesen wurde, lässt uns – verwöhnt von der Allgegenwart des schriftlichen Ausdrucks – erstaunen. Lesen [war] jahrhundertelang an Tageslicht gebunden, schreibt die Autorin, da Kerzen fast ausschließlich in Kirchen und Adelshäusern brannten, jedoch auch in Synagogen, was die Autorin leider unerwähnt lässt.

Zwischen der ersten Darstellung eines lesenden Menschen und der Erfindung des europäischen Buchdrucks liegen zweitausend Jahre! Zweitausend Jahre Papyrus, Pergament, Papier, Stein!
Zweitausend Jahre lang lasen Frauen ausschließlich Handschriftliches, schreibt Hinterberger und lässt dabei außer Acht, dass im asiatischen Raum, etwa in Korea und China, bereits ab dem 8. bzw. 11. Jahrhundert Drucklettern aus Holz und Ton Verwendung fanden.

Doch denken wir an lesende Frauen, so tauchen sie in der Vorstellungswelt der meisten erst Mitte des 15. Jahrhunderts auf und dort fast ausschließlich in adeligen Kreisen. Dabei gibt es schon wesentlich früher eine unglaubliche Fülle von Abbildungen lesender Frauen.

Da ist beispielsweise die Athenerin, die eine Buchrolle in Händen hält und liest. Neben ihr steht eine Büchertruhe. Abgebildet ist sie auf einer Lekythos, einer griechischen Vase, die etwa um 440 – 430 vor unserer Zeitrechnung entstand. Da es noch keine öffentlichen Leihbüchereien gab, waren die Menschen auf die Einrichtung einer privaten Büchersammlung angewiesen. In der Zeit, als die Lekythos entstand, gehörten literarische wie wissenschaftliche Texte vielfach zum Alltag des griechischen Menschen, berichtet Hinterberger. So war für die griechische Gesellschaft eine lesende Frau weniger ungewöhnlich, als Mann uns Glauben machen will. In Athen konnten die Menschen seit dem 5. Jahrhundert v.u.Z. mehrheitlich lesen und schreiben. Der Bildung von Mädchen wurde besondere Beachtung geschenkt.
Auch in Rom, wo Mädchen Schulen besuchten, um später ihre Berufe als Händlerinnen, Hebammen oder Ärztinnen ausüben zu können, waren lesende Frauen keine Ausnahme.

Zahlreiche griechische Dichterinnen zählt Hinterberger auf, darunter natürlich Sappho, aber auch Kleobouline aus Lindos, die als Dichterin von Rätselversen in Hexametern berühmt war und die Philosophin Theano aus Kroton, deren Abhandlungen fragmentarisch überliefert sind.

Durch diese Lesekundigkeit gab es eine größere Nachfrage nach Büchern, wodurch der Buch-Handel entstand. Hier entführt uns die Autorin flugs in die spannende Welt der Buchgeschichte. Denn frau bedenke: jedes Buch, sei es Schriftrolle oder Kodex, war ein Unikat und musste handschriftlich erstellt werden. Bis zur Erfindung des europäischen Buchdrucks etwa 1450 war dies zweitausend Jahre lang die einzige Möglichkeit der Vervielfältigung.
Und wieder schlägt uns die patriarchale Geschichtsschreibung ein Schnippchen: vor unseren Augen sitzen Mönche in riesigen klösterlichen Schreibstuben und kopieren die Texte, die sie kunstvoll illuminieren. Weit und breit keine Frau. Falsch, ruft Monika Hinterberger, auch Frauen stellten Bücher her.

Diese Kostbarkeiten wurden schon bald in privaten Bibliotheken gesammelt und zur Schau gestellt, symbolisierten sie doch eine zum Lebensalltag gehörende Bildungsoffenheit.
Das Lesen selbst war in diesen Zeiten ein Gemeinschaftserlebnis. Erst allmählich entwickelte sich das individuelle Lesen, was jedoch noch lange ein lautes Vorlesen war.

Was aber wurde gelesen und in welchen Sprachen? Wissenschaftliche Abhandlungen, ja, aber auch religiöse Texte, Reiseberichte, Briefe<… Latein ja, aber allmählich entwickelte sich auch eine schriftliche Volkssprache. Leider fehlt an dieser Stelle eine Erwähnung des Hebräischen. Zwar erwähnt Hinterberger Paula (347-404), die gemeinsam mit Hieronymus die Bibel aus dem Hebräischen ins Lateinische übersetzte, jüdische Frauen aber kommen nicht vor.

Die von Hinterberger ausgewählten Bildmotive zeigen Frauen, die gemeinsam lesen oder sich freudig das Lesen beibringen, sie zeigen Christine de Pizan im 15. Jahrhundert in ihrer Studierstube, besucht von den drei Tugenden Vernunft, Rechtschaffenheit und Gerechtigkeit, sie zeigen eine Frau im 17. Jahrhundert, die in ihre Lektüre vertieft ist. Hinterberger macht uns mit Bücherliebhaberinnen bekannt, die große Privatbibliotheken besaßen und die die Genealogie der Frauen fortschrieben: Erzherzogin Margarete von Österreich (1480-1530) hatte eine große Sammlung von Handschriften der Werke de Pizans in ihrem Bestand.

Wie konnte angesichts der Fülle an Bildern lesender Frauen der Eindruck entstehen, dass Frauen […] über lange Zeiten hinweg großenteils des Lesens unkundig, von Bildung ausgeschlossen waren?, fragt Hinterberger händeringend und schließt in ihrem Text zahlreiche Fragen an. Denn jede einzelne Abbildung lädt zur weiteren Erkundung ein: wo hat die Athenerin die Papyrusrolle erworben? Waren die Schriften de Pizans auch in Deutschland bekannt? Was liest die in stiller Lektüre versunkene Frau?

AVIVA-Tipp Monika Hinterberger hat mit ihrem Buch "Eine Spur von Glück. Lesende Frauen in der Geschichte" einen wesentlichen und spannenden Beitrag zur Erforschung lesender und schreibender Frauen geliefert, der einmal mehr zeigt, was patriarchale Geschichtsschreibung auslöscht. Ihre zahlreichen und anregenden Fragen laden ein zu weiteren Erforschungen und Erkundungen.

Zur Autorin: Monika Hinterberger, 1950 geboren, studierte Deutsch, Geschichte und Geographie. Sie arbeitete als wissenschaftliche Mitarbeiterin an Projekten zur Frauengeschichte an der Universität Bonn, u. a. der Erforschung des Frauenstudiums sowie der Untersuchung frauen- und geschlechtergeschichtlicher Präsentationsformen in historischen Museen.
Veröffentlichungen u. a.: "Da wir alle Bürgerinnen sind" (anno 1313). Frauen- und Geschlechtergeschichte in historischen Museen (2008). (Verlagsangaben)

Monika Hinterberger: Eine Spur von Glück. Lesende Frauen in der Geschichte
Wallstein Verlag, erschienen im Oktober 2020
256 S., 10, z.T. farbige Abbildungen, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN 9 78-3-8353-3799-2
20,00 €
Mehr zum Buch: www.wallstein-verlag.de

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