Naika Foroutan, Jana Hensel - Die Gesellschaft der Anderen - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Literatur Sachbuch



AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2021 - Beitrag vom 04.12.2020


Naika Foroutan, Jana Hensel - Die Gesellschaft der Anderen
Helga Egetenmeier

Die Journalistin Jana Hensel und die Migrationsforscherin Naika Foroutan kritisieren in ihrem Gesprächsband das Nicht-Verhalten der Mehrheitsgesellschaft gegenüber Rassismus und Rechtsextremismus. Dazu ziehen sie ihre persönlichen Erfahrungen ebenso heran, wie…




... sozialwissenschaftliche Theorien, die Erkenntnisse einer Studie zu Ost-Migrantischen Analogien und diskutieren dies entlang der Geschichte Deutschlands vor und nach dem Mauerfall.

Die beiden Gesprächspartnerinnen stellen in ihren acht Diskussionsschwerpunkten die zwischen örtlichen, zeitlichen und analytischen Bezügen wechseln, jeweils ein Statement voran. So umreißt Jana Hensel bereits mit ihrem ersten Satz den Fokus ihrer Auseinandersetzung: "Thüringen und Hanau sind Krisen, an denen man sehen kann, dass die Mehrheitsgesellschaft sich das Recht herausgenommen hat, entscheidende Entwicklungen über Jahrzehnte zu ignorieren."

Es folgen Gespräche, bei denen die Diskutierenden auch immer Einblick in ihre Biographie geben, denn ihr Anlass zu diesem Buch war, "Deutschland aus ostdeutscher und migrantischer Perspektive [zu] erzählen." An den rassistischen Morden in Hanau im Februar 2020, über die sie auf den ersten Seiten sprechen, wird die für sie bedeutende Ost-Migrantische Analogie sichtbar: für Hensel ist es ein rassistischer Anschlag, der nicht in Ost-Deutschland stattfand und für Foroutan ist es ein Terrorakt, der nicht von Menschen mit Migrationshintergrund ausgeführt wurde.

Ost-Deutsche als Gegenstand der Migrationsforschung

Ein Hauptgrund für die Gespräche zwischen Foroutan und Hensel ist ihr gemeinsames Interesse, die Erfahrungswelten von Migrant*innen und Ost-Deutschen zu vergleichen. Zu dieser Frage forschte ein Projektteam um Prof. Dr. Naika Foroutan und veröffentlichte die Ergebnisse in der Studie "Ost-Migrantische Analogien I. Konkurrenz um Anerkennung".

Ziel der Studie war es, Parallelen in der Abwertung von benachteiligten Gruppen zu suchen, die mit Ost-Deutschen und Muslim*innen vorgegeben waren. Muslim*innen deshalb, wie im "Ausgangspunkt" der Studie erklärt wird, da diese "Kategorie" bei der Abwertung von Migrant*innen besonders im Fokus steht. In ihrem "Gesamtfazit" stellt die Studie fest, dass sich bei drei zentralen Vorwürfen durch West-Deutsche gegen Muslim*innen und Ost-Deutsche Analogien bilden lassen. Diese sind: "sich zum Opfer zu stilisieren, sich nicht genug vom Extremismus zu distanzieren und noch nicht im heutigen Deutschland angekommen zu sein".

Die "Mehrheitsgesellschaft" und "die Anderen"

Ein oft verwendeter Begriff, um die ihre Gespräche kreisen, ist die "Mehrheitsgesellschaft". Damit sei für sie, so die Autorinnen, die hegemoniale Mehrheit gemeint, "Eine Mehrheit also, die zentrale gesellschaftliche Positionen innehat und Diskursmacht besitzt." Hensel und Foroutan sind sich einig, "dass Ostdeutsche und Migranten je nach Perspektive auch immer Teil der Mehrheitsgesellschaft sein können." Foroutan leitet ihre Definition dafür aus Birgit Rommelspachers Konzept der "Dominanzkultur" ab, die besagt, dass gesellschaftliche Machtverhältnisse rassistische Konstruktionen festschreibe, weshalb die Dominanzkultur strukturell verantwortlich sei für eine kritische Analyse, da dazu die Veränderung der individuellen Einstellung des Subjekt nicht ausreiche.

Als ein Beispiel für die tonangebende Mehrheitsgesellschaft, eigene kulturelle Normen als "normal" zu setzen, führen Hensel und Foroutan die Diskussion über unterschiedlich strukturierte Kinderbetreuung an: Zu der ostdeutschen Normalität gehörte es, dass Kinder ab dem ersten Lebensjahr in die Kitas gegeben wurden. Dies wurde von der westdeutschen Gesellschaft lange als liebloses Verhalten gewertet, da in der BRD die Kinder meist bis zum dritten Lebensjahr zuhause von den Müttern betreut wurden.

"Die Anderen" ist für sie auch eine Ordnungskategorie, die sie in ein Spannungsverhältnis zur Mehrheitsgesellschaft setzen. "Zu-Anderen-gemacht-Werden", sei "eine der prägendsten ostdeutschen Erfahrungen nach der Wiedervereinigung", erklärt Hensel. Als analytische Bezugspunkte, mit denen sie sich der Definition "der Anderen" nähern, nehmen sie Judith Butlers Ausführungen zu Louis Althussers Konzept der "Anrufung" - dabei geht es um die Fremdzuschreibung und Selbstunterwerfung des Individuums unter bestehende Ideologien und Normen. Auch einen Anteil am Buchtitel habe der von Gayatri Spivak geprägte Begriff des "Othering", des zur/zum Anderen gemacht werden, dass bei einem vorhandenen Machtgefälle besonders ausgrenzend und schmerzvoll ist.

In manchen Gesprächsteilen über "die Anderen", scheinen Identitätsvorstellungen durch, die wie provozierende Alltagsüberzeugung klingen und nicht zu den differenziert auf Subjektkonstruktionen achtenden angeführten Theorien passen wollen. Ein Beispiel dafür ist Hensels Blick auf die Mehrheitsgesellschaft: "Ich bin davon überzeugt, dass sich die westdeutsche, nicht-migrantische Gesellschaft über ihre eigene Vorurteilskultur gegenüber der migrantischen wie auch der ostdeutschen Community äußerst bewusst ist. Diese Vorurteilskultur dient seit Jahren dazu, Privilegien und Besitzstände zu legitimieren und zu sichern." Hier scheint kein Platz für unterschiedliche Zuschreibungen oder Möglichkeiten selbstbewusster politischer Handlungen außerhalb der angesprochenen gesellschaftlichen Großgruppen.

Politische Entscheidungen und gesellschaftliche Entwicklungen

Im Gegensatz zu der Studie um Ost-Migrantische Analogien, geht es bei den Gesprächen zwischen Foroutan und Hensel hauptsächlich um rassistische Politik von Ost und West, vor und nach dem Mauerfall. In ihrer Gesprächsform, die teilweise an Oral-History erinnert, bringen sie rassistische Morde, wie in Hanau und Halle, und rechtsextreme Anschläge, wie in Rostock-Lichtenhagen, mit politischen Entscheidungen, wie dem Asylkompromiss und der Wahl in Thüringen, und kulturellen Veranstaltungen, wie etwa Ostalgie-Shows, zusammen. Die Gesprächspartnerinnen stimmen darin überein, dass diese fortschreitende Entwicklung in eine rassistische Gesellschaftsstruktur aufgrund der stummen Mehrheitsgesellschaft möglich war und ist.

Als zentrale Kritik, die sie immer wieder erhalten, führt Foroutan an, "dass wir beide Gruppen essentialisieren, als sie zu wenig in ihrer inneren Pluralität und Ausdifferenziertheit betrachten würden." und ergänzt, "aber auch "die Muslime" sind als soziale Gruppe natürlich sehr heterogen." Hensel bestätigt ihre Ausführung als, "ein bekannter Abwehrmechanismus", und erläutert: "Ich glaube, die Mehrheitsgesellschaft spürt instinktiv, wenn sich diese beiden Gruppen solidarisieren, sind sie machtvoller". Auch in diesen Aussagen scheint der Widerspruch durch, dass sie sich kurz gegen den Vorwurf der Konzentration auf drei gesellschaftliche Identitäten wehren, dieser Verweis um ihr Wissen über Diversität aber im Großteil ihrer Gespräche keinen Niederschlag findet.

Das Buch wird zum Ende hin, im Kapitel "Einigkeit, Freiheit und das Recht auf Gleichheit. Über unsere Zukunftsvisionen" bedauerlicherweise etwas ahistorisch, elitär und nationalistisch. Wenn Hensel hofft, die Welt würde "neugierig auf uns blicken. Seht her, die Deutschen sind so viele Andere und dennoch eine Gesellschaft, die vereint ist, die zusammensteht." und Foroutan sich für eine "stärker regulierende Politik, die sich im Kampf gegen die Ungleichheiten in pluralen Gesellschaften eine Art Social-Engineering-Programm gibt." ausspricht. Dass sich nicht nur in der deutschen Gesellschaft die rechtsradikalen Tendenzen verstärken, ist ihnen bekannt. Beim Aufbau von Allianzen für eine plurale Gesellschaft hilft jedoch keine weitere Identitätspolitik mit dem Ausbau staatlicher Regulierung, sondern die Stärkung der demokratischen Zivilgesellschaft mit dem gemeinsamen Ziel, sich international für Menschenrechte einzusetzen.

AVIVA-Fazit: Mit viel Wissen um die politische und historische Migrations- und Vereinigungsgeschichte Deutschlands, diskutieren die beiden Autorinnen über strukturbildende Entwicklungen zu institutionalisiertem Rassismus und ökonomischen Ausgrenzungen. Im Sinne der Oral History verbinden sie dabei ihr Wissen mit ihrer eigenen Biographie, die sie gegen eine undifferenziert dargestellte Mehrheitsgesellschaft verteidigen. Mit dieser vereinfachten Konstruktion von Identitätsbildern ist dieser Gesprächsband leider keine erkenntnisbringende Auseinandersetzung um eine Stärkung der Zivilgesellschaft, sondern wirkt wie ein Schritt zurück hinter die von ihnen angeführten wissenschaftlichen Auseinandersetzungen um Macht, Rassismus und die Konstruktion von Identitäten.

Zur Autorin: Naika Foroutan, geboren 1971, ist Sozialwissenschaftlerin und Professorin für Integrationsforschung und Gesellschaftspolitik an der Humboldt-Universität zu Berlin. Sie leitet dort das Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM). Sie ist zudem Vorstandsmitglied des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM). Für ihr öffentliches Eingreifen in die "Sarrazin-Debatte" wurde sie mit dem Berliner Integrationspreis ausgezeichnet und für ihre wissenschaftliche Arbeit erhielt sie u.a. den Fritz-Behrens-Preis für exzellente Forschung.
Die Autorin im Netz:www.dezim-institut.de

Zur Autorin: Jana Hensel, geboren 1976 in Leipzig, Studium der Germanistik und Romanistik in Leipzig, Aix-en-Provence und Berlin. Mit "Zonenkinder" erschien 2002 ihr Porträt einer jungen ostdeutschen Generation, dass sie bekannt machte, seither arbeitet sie als Journalistin.2010 gewann sie den Theodor-Wolff-Preis in der Kategorie Essay für den Text "Vater Morgana" aus dem Zeit-Magazin. Von 2012 bis 2014 war sie Mitglied der Chefredaktion der Wochenzeitung "Der Freitag". 2017 erschien ihr Roman "Keinland" und 2018 gemeinsam mit Wolfgang Engler "Wer wir sind. Die Erfahrung ostdeutsch zu sein". 2019 wurde Jana Hensel als "Kulturjournalistin des Jahres" ausgezeichnet. Sie ist Autorin von "Zeit-Online" und "Die Zeit im Osten."

Naika Foroutan, Jana Hensel
Die Gesellschaft der Anderen

Aufbau Verlag, erschienen: November 2020
Gebunden mit Schutzumschlag, 356 Seiten
ISBN-13: 978-3351038113
22,00 Euro
Mehr zum Buch unter: www.aufbau-verlag.de

Weitere Infos unter:

www.schaubuehne.de
Auf der Webseite der Schaubühne lässt sich der Podcast zur Buchpremiere "Die Gesellschaft der Anderen" vom 23.11.2020 nachhören. Dazu im Gespräch Naika Foroutan und Jana Hensel mit Robert Habeck.

www.amadeu-antonio-stiftung.de
Die Amadeu Antonio Stiftung tritt ein für die Stärkung einer demokratischen Zivilgesellschaft, die sich konsequent gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus wendet.

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

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Lydia Lierke und Massimo Perinelli (Hg.) - Erinnern stören. Der Mauerfall aus migrantischer und jüdischer Perspektive
Die Herausgeber*innen Lydia Lierke und Massimo Perinelli versammeln in "Erinnern stören" ein breites Spektrum an Biographien, die bei der deutsch-deutschen Vereinigung ignoriert und ausgegrenzt wurden. Gerade deshalb sind diese Erzählungen von rassistischen und antisemitischen Erfahrungen, solidarischen Kämpfen und politischem Engagement ein wichtiger Beitrag zum demokratischen Entwurf einer Gesellschaft der Vielen. (2020)

Jana Hensel - Keinland. Ein Liebesroman
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Literatur > Sachbuch

Beitrag vom 04.12.2020

Helga Egetenmeier 






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