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AVIVA-BERLIN.de im August 2020 - Beitrag vom 14.04.2020


Dorothea Zöbl – Der vergessene Garten der TU Berlin. Auf den Spuren der Berliner Stadtgeschichte
Silvy Pommerenke

In dem reich bebilderten Band gibt sich die Historikerin auf Spurensuche der Berliner Stadtgeschichte auf dem Campus der Technischen Universität. Sie lädt ein zu einem Rundgang - nicht nur für Studierende - und offenbart historische Schätze, die bisweilen erst auf den zweiten Blick zu erkennen sind. Darüberhinaus weist sie auf die unrühmliche Rolle, die Verstrickung der Bildungseinrichtung im Nationalsozialismus hin und liefert außerdem eine umfangreiche Dokumentation zu wichtigen Frauen in der Geschichte der TU Berlin



Auslöser für das vorliegende Buch ist das Bestreben des Bezirks und der Universität, den Campus über die universitären Kreise hinaus zu öffnen und zu beleben. So wurde der Campus Charlottenburg am 25. Februar 2019 vom Berliner Senat zu einem so genannten "Zukunftsort" ernannt, mit der Begründung, dass er wissenschaftsbasierte Netzwerkstrukturen zwischen Wirtschaft und Wissenschaft aufweise. Die Spuren, in Form von Architekturrelikten, so genannte Spolien, zu denen die Autorin die Leser*innen in dieser Publikation führt, reichen vom ausgehenden 17. Jahrhundert bis in die 1960er Jahre, und finden sich überall verstreut auf dem Südgelände des Campus. Dazu zählen unter anderem Teile der Arkadenhalle der Borsigschen Eisengießerei, dorische und ionische Säulen und eine Vielzahl weiterer Relikte. Nicht nur der Zahn der Zeit hat an den Spolien genagt. Auch Vandalismus hat dazu beigetragen, dass diese Architektur- und Industriedenkmäler stark angegriffen sind. Die dringend notwendigen Restaurationsarbeiten lassen auf sich warten, öffentliche Subventionen wurden beantragt und bis dahin sind die Relikte durch Bauzäune gesichert.

Dorothea Zöbl widmet sich der Entstehungszeit der Herkunftsgebäude, von denen die Spolien stammen, sowie deren Anbringung auf dem Campus. Sie wirft auch einen Blick auf die Geschichte und den Standort der TU und gibt vertiefende Einblicke in Stadtentwicklungsprozesse. Gerade zu letzterem sind ihre Ausführungen umfangreich und sie enthüllt einige stadtgeschichtliche Geheimnisse. Angefangen vom so genannten "Knie", dem heutigen Ernst-Reuter-Platz, das Mitte der 1920er Jahre zu den am stärksten befahrensten Punkten Groß-Berlins gehörte, bis hin zum ehemaligen Hippodrom, von dem heute nur noch einige gusseiserne Wegzäune am Landwehrkanal-Ufer zeugen. Zudem lenkt sie den Blick auf fast vergessene kluge Frauen, die eine wichtige Rolle rund um die Hochschule gespielt haben, wie Marie-Elisabeth Lüders, Professorin an der TU, Bundestagsmitglied und die erste Frau, die in Deutschland zur Dr. rer. pol. promoviert wurde und nach der eine Straße in der Nähe des Ernst-Reuter-Platzes benannt ist. Elisabeth von Knobelsdorff, die erste deutsche Diplom-Ingenieurin der Architektur, oder die erste freiberufliche Architektin Emilie Winkelmann, die das erste Studentinnenheim auf dem Campus der Hochschule bauen ließ, sowie Herta Hammerbacher, die Landschaftsarchitektin, der die gärtnerische Gestaltung des Gartens der TU oblag. Auch dem Beginn des Frauenstudiums an der Technischen Hochschule im Jahr 1909, der erst den Umweg des Status als Gasthörerin gehen musste, widmet sie sich in einem Exkurs.

Die Spolien

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© Silvy Pommerenke, AVIVA-Berlin. Handwerkerputto an den Arkaden


Die Teile der Borsigschen Säulenhalle wurden zu Beginn der 1860er Jahre Ecke Chaussee- und Torstraße errichtet. Als das Unternehmen Borsig aus Kostengründen den Standort an der Chausseestraße aufgab und nach Tegel ging, wurden Teile der Arkaden im Jahr 1901 auf dem Campus der Hochschule platziert, wo sie den Architektur-Studierenden als Lehrvorbild dienten. Unter anderem sollte dadurch geprüft werden, inwiefern sich klassizistische Formvorstellungen nach festen Regeln auf neue Bauformen übertragen ließen.

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© Silvy Pommerenke, AVIVA-Berlin. Teile der Borsigschen Säulenhallen


Die ionische Säule stammt vom Berliner Dom am Lustgarten. Als der Dom 1893 abgerissen wurde, fand die Säule eine neue Heimat auf dem Gelände der Hochschule. Die dorischen Säulen, die eine Verbindung zwischen Hochschulgebäude und Garten darstellen und ebenfalls als Studienobjekte dienten, kamen 1908 auf den Campus. Sie stammen von zwei Steuerhäusern an der Charlottenburger Chaussee, wo die Stadtgrenze von Berlin und Charlottenburg - bis zu ihrer Eingemeindung 1920 in Groß-Berlin eigenständige Stadt - lag. Dort wurden Zölle für Schlacht- und Mahlsteuer erhoben bzw. Chausseegeld eingenommen. Die Steuerhäuser mussten dem zunehmenden Verkehr und dem Neubau des Charlottenburger Tores weichen.

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© Silvy Pommerenke, AVIVA-Berlin. Dorische Säulen der ehemaligen Steuerhäuser


Die wechselvolle Geschichte der TU Berlin
beginnt 1879 mit ihrer Gründung als Königlich Technische Hochschule zu Berlin. Zu Zeiten des Ersten Weltkrieges wurden einige Räumlichkeiten als Reservelazarett genutzt, in denen sich Professorengattinnen um verletzte Soldaten kümmerten. Während des Nationalsozialismus war der Ausbau einer neuen Wehrtechnischen Fakultät geplant, der aber nur ansatzweise umgesetzt wurde. In diesen Jahren formierte sich an der Technischen Hochschule sehr früh ein Rechtes Lager, und weitete sich zu einer nationalsozialistischen Hochburg aus. Jüdische Professoren wurden gedemütigt und aus ihren Ämtern geworfen und jüdische Studierende wurden immer mehr drangsaliert und verdrängt. Auf dem Grundstück der Hochschule wurde ein Zwangsarbeiter*innenlager errichtet, und deren Insass*innen mussten Kriegsschäden an TH-Gebäuden beheben. Während der letzten Kriegstage, in der Schlacht um Berlin, wurden sechzig Prozent der Gebäude der Hochschule zerstört. 1946 wurde die Hochschule in Technische Universität Berlin umbenannt und von den Briten, in deren Sektor die zerstörten Gebäude lagen, mit einer zusätzlichen humanistischen Ausrichtung neu gestaltet, einem Studium generale. In den Jahren zwischen 1955 und 1958 tagten die Bundestagsabgeordneten im Großen Physikalischen Hörsaal, da das Reichstagsgebäude durch den Krieg zu sehr beschädigt war, um dort Plenardebatten abzuhalten. 1950 wurde die Landschaftsarchitektin Herta Hammerbacher als erste Frau in den Rang einer Professorin an die TU berufen. Sie hielt ihren Lehrstuhl bis zu ihrer Emeritierung 1969.

AVIVA-Tipp: Dorothea Zöbl hat einen spannenden Blick auf die Berliner Stadtgeschichte geworfen und ist den Spuren der Architekturrelikte nachgegangen, die sich auf dem Campus der TU Berlin befinden. Zumeist verwittert, zerstört und nur noch in Ansätzen erkenntlich, geben sie eine Ahnung wider, wie es in den Anfangszeiten, den Kriegsjahren und schließlich der Nachkriegszeit auf dem Gelände der technischen Hochschule ausgesehen haben mag. Dadurch, dass das Gelände frei zugänglich ist, kann heute jede*r die vergessenen Orte auf dem Campus der TU aufsuchen und sich selbst ein Bild davon machen. Jenseits des vielbefahrenen Kreisels des Ernst-Reuter-Platzes laden die kleinen Oasen mit historischer Atmosphäre zum Innehalten und Verweilen ein. Mit dem Buch von Dorothea Zöbl unter dem Arm ist es gleich ein doppeltes Vergnügen!

Zur Autorin: Dorothea Zöbl ist Historikerin und lebt seit 1970 in Berlin. Sie beschäftigt sich vor allem mit der Geschichte Berlins sowie einzelner Häuser, deren Bewohner*innen und Straßen. Zu ihren Veröffentlichungen zählen unter anderem "Die preußische Königskrönung von 1701" aus dem Jahr 2001, oder "Leben am Kurfürstendamm" aus dem Jahr 2011.
Mehr Infos auf der Website von Dorothea Zöbl, "Berliner Hausbiografien": www.berliner-hausbiografien.de

Dorothea Zöbl – Der vergessene Garten der TU Berlin – Auf den Spuren der Berliner Stadtgeschichte
Gebr. Mann Verlag, Erscheinungstermin 10/2019
Hardcover, 136 Seiten mit 27 Farb- und 70 SW-Abbildungen
ISBN 978-3-7861-2838-0
Euro 29,00
Mehr zum Buch unter: www.reimer-mann-verlag.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Verstrickung Berliner Universitäten im Nationalsozialismus
Seit August 2007 gibt es eine Broschüre, die über NS-Belastungen wissenschaftlicher Institutionen aufklärt. Sie beschäftigt sich mit den Auswirkungen der Ideologie auf Berliner ForscherInnen.

Mehr zum Thema

Die TH Berlin im Nationalsozialismus
Der kurze Überblick widmet sich den Jahren 1933 bis 1945 und beleuchtet die Themen Hochschule und Gleichschaltung, NS-Hochschulpolitik sowie der Rüstungs- und Autarkieforschung.

Auswahlbibliographie "Die Berliner Universität unterm Hakenkreuz" und Nationalsozialismus und Universität (Überblicksdarstellungen und Sammelwerke)

Weitere Ergebnisse zum Thema Nationalsozialismus und Universitäten liefert die 2007 erschienene Broschüre "Berliner Wissenschaftseinrichtungen in der NS-Zeit". Sie ist kostenfrei bei der Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung unter der Rufnummer 9026-5000 erhältlich und kann auch online heruntergeladen werden.

Untersuchung der 1945 aus der ehemaligen Luftkriegsakademie Gatow an die UB der TU Berlin übernommenen Bücher und Zeitschriften auf NS-Raubgut
Im November 1945 wurden der Bibliothek der Technischen Hochschule Berlin (seit April 1946 Technische Universität Berlin) durch die britische Besatzungsbehörde ca. 10.000 Bände – Bücher, Broschüren und Zeitschriften – vornehmlich naturwissenschaftlicher und technischer Literatur überstellt. Sie stammten vom Gelände der ehemaligen Luftkriegsakademie in Berlin-Gatow. Ziel des Projekts war, diese Bände im heutigen Bestand der Universitätsbibliothek der TU aufzufinden und auf NS-Raubgut zu untersuchen.





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