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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2018 - Beitrag vom 05.08.2018

Ulla Lachauer - Von Bienen und Menschen. Eine Reise durch Europa
Bärbel Gerdes

Das Bienensterben ist ein großes Thema in unserer verschmutzten und zerstörten Welt. Wer aber sind die Menschen, die sich für Bienen einsetzen? Die Autorin, Journalistin und Dokumentarfilmerin Ulla Lachauer stellt ImkerInnen und ihr geheimnisvolles Tun vor und erzählt dabei europäische Geschichte quasi aus dem Bienenstock heraus.



Apimondia, Smoker, Belegstelle, Verbrausen und immer wieder die Varroamilbe – was Ulla Lachauer auf ihren Reisen durch Europa erfährt, führt die Leserin ganz nebenbei in ImkerInnenwissen ein, das vielen sicherlich unbekannt ist.
Die Autorin, die vor allem durch Bücher über die Geschichte des ehemaligen Ostpreußens und den Veränderungen in osteuropäischen Ländern durch Glasnost und Perestroika bekannt und geehrt ist, fand das Thema ihres aktuellen Buches Anfang der neunziger Jahre.

"In diesen Jahren nach 1989 geschahen viele Wunder. Europa war im Rausch einer neuen hoffnungsvollen Epoche." Lachauer, die durch Kaliningrad streifte, traf auf eine Frau Mitte dreißig im Imkerinnenhut, Hüterin von 150 Bienenvölkern. Obgleich ringsum die Milchwirtschaft zu Grunde ging, abgemagerte, frierende Kühe in den ehemals preußischen Pferdeställen "bis über die Knöchel in ihrer Scheiße" standen, obgleich es hieß, Gorbatschow solle doch kommen und sauber machen und die Alten einen neuen Krieg und den Untergang des Imperiums fürchteten, schien Galinas Territorium intakt. "Sie regierte es souverän und mit einem gewissen königlichen Stolz."

Ulla Lachauer weiter: "Seit der Geschichte mit Galina waren die Imker in meinem Blickfeld", sie fragt sich, was eigentlich mit den Bienen passiert, wenn Krieg, Vertreibung, Flucht und Zerstörung das Leben unlebbar machen.
Lachauer reist nach Russland und Litauen, trifft auf dem schwedischen Gotland auf einen Imkermanager, besucht in Celle die Bibliothek des Bieneninstituts und trifft auf Menschen, die alle fast ausschließlich eher zufällig zum Imkern kamen. Während ihrer Reisen sieht sie aus dem Fenster: "Getreide, das vor der Zeit gelb wird, große Flächen von Mais. Lärmschutzwände, die immer wieder die Sicht versperren. […] Der Imker nennt es ´ausgeräumte Landschaft´."

Verwoben sind ihre Begegnungen immer mit der vergangenen und aktuellen Geschichte. Im Schwarzwald, in Obermünstertal, gibt es das Bienenkundemuseum. Bienenbehausungen, Werkzeuge, Bekleidungen und andere Utensilien wurden hier gesammelt, zusammengetragen durch ehrenamtliches Engagement. Knapp fünfzig Kilometer weiter, in Wyhl am Kaiserstuhl, protestierten BürgerInnen gegen das geplante Atomkraftwerk. "Ihr Protest und das Bienen-Museum Obermünstertal, scheint mir, wurden aus demselben Geist geboren – bäuerlich konservativ, rebellisch, wenn ihre Welt angegriffen wird." Da gibt es Imker, die in der Imkerei den Schlüssel für viele Probleme unserer Zeit sehen. Vor ein paar Jahren hat das Deutsche Bienenjournal das Projekt Imker für Imker in Äthiopien ins Leben gerufen. ImkerInnen übernehmen Patenschaften für JungimkerInnen, "die meisten sind Frauen", berichtet Franz Sivic, ein slowenischer Imker. "Mit hundert Euro und modernem Know-how können sie zu Hause eine Existenz gründen. Und müssen nicht nach Europa auswandern."

Überhaupt: die Flüchtlinge! Während Ulla Lachauer Tag für Tag in den Abendnachrichten "Ströme von Flüchtlingen durch die herbstbunten Weinberge bei Maribor" ziehen sieht, während sich die Fluchtrouten täglich ändern und die Geographiekenntnisse der Autorin, wie sie schreibt, mit den Tragödien wuchsen, stößt das Verhalten der deutschen Regierung vielerorts auf Befremden. Was macht ihr da?, wird Lachauer im Hinblick auf die Aufnahme geflüchteter Menschen in Deutschland gefragt. Und dies, obgleich die eigene Geschichte so dicht unter der Oberfläche liegt. "´Haben Sie schon mal einen Bauernhof eingepackt?´ Die alte Frau, die das fragt, schluchzt, vor lauter Weinen sind ihre Worte schwer zu verstehen. Nach fünfzig Jahren und mehr ist die Vertreibung für sie immer noch unfassbar."

Genauso unfassbar sind die Entdeckungen, die Lachauer bezüglich der braunen Vergangenheit des Imkerstandes macht. Da erscheint 1946 in der Zeitschrift Der Imkerfreund ein Artikel über das Imkern im KZ Auschwitz. Ein entlassener Kriegsgefangener berichtet darin, wie er mit einem Kameraden, der ebenfalls imkerte, Vorträge hielt über Stockformen, Wanderwagen und Fruchtfolgen. "Erschreckend ist die Harmlosigkeit der Schilderung, der Autor tut so, als hätte es kein Vernichtungslager gegeben. Dabei lebten er und seine Kameraden, kurz nach der Befreiung der überlebenden KZ-Häftlinge, in denselben Baracken, sie lagen auf denselben Pritschen, hatten täglich die Gaskammern, Krematorien und Wachtürme vor Augen."

Selbst noch 1949 - die Deutschen suchen schon lange nach einer "reinrassigen" Biene, "Rassedenken, Zucht und Auslese waren zum Allgemeingut geworden" - gibt es in dem Magazin Der Carnika Züchterring. Größtes Fachblatt aller Bienen- und Königinnenzüchter eine Rubrik Der Rassechef spricht. Die Imkerverbände haben bis heute ihre nationalsozialistische Vergangenheit nicht thematisiert und aufgearbeitet.

AVIVA-Tipp: Ulla Lachauers Buch ist ein beeindruckender Ausflug in die Welt der Bienen, der Imkerinnen und Imker, der Bienenvölker und ihrer Verwobenheit mit den historischen Veränderungen. Wir treffen auf Menschen, die sich hochkonzentriert und liebevoll um ihre Völker kümmern, die dem Abtöten der Landschaft etwas entgegensetzen wollen und die eine vielfältige und leckere Spezialität sammeln: den Honig, der auf vielerlei Arten Verwendung finden kann. Rezepte finden sich im Buch.

Zur Autorin: Ulla Lachauer wurde 1951 in Ahlen/Westfalen geboren. Sie studierte in Gießen und Berlin Geschichte, Philosophie und Politikwissenschaft, Ab Mitte der 80ziger Jahre arbeitete sie als freie Journalistin für Funk und Fernsehen. Insbesondere die Veränderungen in Osteuropa und Russland interessierten sie. Seit Anfang der 90ziger Jahre schrieb sie Artikel darüber in der Zeit und in der FAZ und begann, Bücher zu schreiben. In ihren Werken stellt sie weibliche Biographien in den Vordergrund, so in dem 1996 erschienenen Paradiesstraße. Lebenserinnerungen der ostpreußischen Bäuerin Lena Grigoleit oder in Magdalenas Blau. Das Leben einer blinden Gärtnerin (2011). Ostpreußen, Vertreibung, politische Veränderungen und Verwerfungen gehören zu ihren Themenschwerpunkten. Gemeinsam mit ihrem Mann Wilfried Lachauer drehte sie die Dokumentation Lehrjahre beim Feind – Hitlerjungen in Kriegsgefangenschaft". 2012 erhielt Ulla Lachauer den Barbara-Künkelin-Preis und im September 2017 wurde sie mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Die Autorin lebt in Lüneburg.
Mehr Infos zur Autorin unter: ulla-lachauer.de

Ulla Lachauer
Von Bienen und Menschen

Rowohlt Verlag, erschienen 24.7.2018
384 Seiten, gebunden, mit Schutzumschlag und Lesebändchen
ISBN 978-3-498-03926-4
22,00 Euro
Mehr zum Buch: www.rowohlt.de

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