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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2018 - Beitrag vom 28.03.2018

Toni Morrison - Die Herkunft der Anderen. Über Rasse, Rassismus und Literatur
Bärbel Gerdes

Aktueller denn je präsentieren sich die Essays der afroamerikanischen Schriftstellerin Toni Morrison. Ausgrenzung und das Definieren von Anderssein sind Themen, die nicht nur in den USA eine gefährliche Brisanz haben. Wer gehört dazu und wer nicht? Warum scheint der Mensch das Konzept der "anderen" zu brauchen?



Im Frühjahr 2016 hielt Toni Morrison an der Harvard Universität Vorträge über die Literatur der Zugehörigkeit. Es war eine Zeit, in der das Thema Rassismus breit diskutiert wurde. Barack Obama ging in seine zweite Amtszeit und die Black Lives Matter-Bewegung hatte sich gegründet, um die brutalen An- und Übergriffe der Polizei gegen People of Colour öffentlich zu machen. "In Amerika gehört es zum Konzept von Rasse, dass weiße Haut automatisch das Risiko verringert, […] sterben zu müssen."
Aus allen Landesteilen trafen Berichte ein, die den systemimmanenten Rassismus belegten.
Es schien eine Zeit des Aufbruchs und der Veränderung zu sein – bis Donald Trump zum Präsidenten gewählt wurde.

In seinem engagierten Vorwort macht der Journalist und Autor Ta-Nehisi Coates darauf aufmerksam, wie aktuell Morrisons Vorträge sind, obwohl sie vor der Trump-Ära gehalten wurden. Denn in ihnen untersucht die Nobelpreisträgerin die Folgen der "Erschaffung des Fremden und [...] Errichtung von Zäunen […] und wie und warum es dazu kommen konnte, dass wir diese Zäune mit Hautpigmenten in Verbindung bringen."

Morrison schildert, wie ihre Urgroßmutter, die "teerschwarz" war, zu Besuch kam und die Kinder, die hellhäutiger waren, als "verpfuscht" monierte. "Beschreibungen kultureller, rassischer oder körperlicher Unterschiede, die eine Andersartigkeit feststellen, ohne dabei auf wertende oder hierarchisierende Kategorien zurückzugreifen, sind schwer zu finden." Es brauche eine Richtschnur der Unterscheidung, so Morrison, wenn es um Macht und Herrschaft geht: Rasse, Besitz, Klassenzugehörigkeit und soziales Geschlecht definieren diese Andersartigkeit.

In ihren Vorträgen untersucht die Autorin, welche Rolle die Literatur in Bezug auf Rassismus spielt. Warum spielt Rasse überhaupt eine Rolle? Warum ist es wichtig, dass die Leserin weiß, welche Hautfarbe das Romanpersonal hat? "Spontan neige ich zu der Ansicht, dass die Fremden, die Andersartigen gesellschaftlich und psychologisch benötigt werden, um das selbstentfremdete Ich zu stabilisieren."
Morrison beleuchtet Romane und Geschichten. Sie beschreibt, wie Flannery O´Connor in ihren Kurzgeschichten schildert, wie "das Bild des Fremden konstruiert wird und welchen Nutzen es seinen Verfertigern bringt." Sie beschreibt die romantisierende Darstellung der Sklaverei in dem bekannten Roman Onkel Toms Hütte von Harriet Beecher Stowe und zitiert aus den schockierenden Lebenserinnerungen versklavter Frauen. Sie fragt, wer die Sklavenhalter_innen seien: "Wer sind diese Menschen? Sie mühen sich zur Erschöpfung, um den Sklaven als nicht menschlich, als Wilden zu definieren, während die Definition dessen, was nicht menschlich ist, ganz eindeutig auf sie selbst zutrifft."

In Ernest Hemingways Roman Haben und Nichthaben spielt die Hautfarbe der Protagonist_innen keine Rolle für den Fortgang der Geschichte, dennoch bezeichnet Hemingway den Weißen stets mit seinem Namen, während er den Schwarzen als "Nigger" oder "Neger" benennt.

Spannend erzählt Morrison von ihrem eigenem Schreiben und den unterschiedlichen Darstellungen des Kolorismus in ihren Werken. In ihren Romanen habe sie die Hautfarbe in Abstufungen außer Acht gelassen: "von der Farbe als dem entscheidenden Handicap über die Farbe als Nebensache bis zur Farbe, die vom Leser nicht erschlossen werden kann." Ihr Roman Paradies beginnt mit den Worten "Das weiße Mädchen erschießen sie zuerst." Der Text konkretisiert jedoch nicht, welches der Mädchen weiß ist. "Macht sich die Leserin, der Leser, im Text auf die Suche nach dem weißen Mädchen? Oder verliert sie oder er das Interesse an diesem Aspekt? Lässt ihn fallen, um sich auf die Substanz des Romans zu konzentrieren?" Sie beantwortet diese Frage mit der ernüchternden Feststellung, dass sich die meisten Leser_innen, statt sich auf die Handlung und die Figuren einzulassen, bemühten, das herauszufinden, was Morrison ihnen vorenthalten wollte.

Toni Morrisons Überlegungen sind leider immer noch allzu wichtig und allzu aktuell. Und hinter jeder Ausgrenzung steckt genau dies: wir verweigern "dem Gegenüber die Individualität, die Fülle der Persönlichkeit, auf der wir für uns selbst bestehen."

AVIVA-Tipp: In ihren Vorlesungen zur Zugehörigkeit widmet sich die Nobelpreisträgerin dem Rassismus. Doch sind ihre Gedanken auf die meisten Arten von Ausgrenzung und des Definierens von Anderssein übertragbar. Ein wichtiges Buch in unserer Zeit!

Zur Autorin: Toni Morrison wurde am 18.2.1931 in Lorain, Ohio, USA geboren. Nach dem Besuch örtlicher Schulen 1949 Beginn des Studiums an der Howard University in Washington, DC. Erste Erfahrungen mit dem Südstaaten-Rassismus während einer Tournee als Mitglied der Universitätstheatergruppe. Ab 1953 Anglistikstudium an der renommierten Cornell University bis zum Magisterabschluss 1955. Lehrtätigkeit, zunächst an der Texas Southern University (1955-1957), danach an der Howard University (1957-1964).
1965 Umzug nach New York und Lektorintätigkeit beim Verlag. Random House. Zu ihren bedeutendsten Werken zählen u.a. "Sehr blaue Augen", "Solomons Lied" "Menschenkind", "Jazz", "Paradies" und die Essaysammlung "Im Dunkeln spielen" über die Antinomien von "weißer" und "schwarzer" Kultur. Seit 1989 Professorin für afroamerikanische Literatur an der Princeton University, NJ. Auszeichnungen: National Book Critics´ Circle Award (1978), American-Academy-and-Institute-of-Arts-and-Letters Award für Erzählliteratur (1980), Cleveland Arts Award für Literatur (1980), Robert F. Kennedy Book Award (1988), Melcher Book Award (1988), Unitarian Universalist Award (1988), Nobelpreis für Literatur (1993), Commandeur des Arts et des Lettres, Frankreich (1993). (Verlagsinformation). 2017 erschien ihr Roman "Gott, hilf dem Kind".

Vorwort: Ta-Nahisi Coates, 1975 in Baltimore geboren, ist Journalist und Autor. Mit seinem Buch "Between the World and Me" erhielt er 2015 den National Book Award for Nonfiction. 2017 erschien "We Were Eight Years in Power".

Zum Übersetzer: Thomas Piltz geboren 1949 in München. Freier Fotograf und Übersetzer von u.a. Thomas Pynchon, Jonathan Franzen und John Updike. Ausgezeichnet mit dem Heinrich Maria Ledig-Rowohlt-Übersetzerpreis.

Toni Morrison
Die Herkunft der anderen. Über Rasse, Rassismus und Literatur

Originaltitel: The Origin of Others
Mit einem Vorwort von Ta-Nehisi Coates
Aus dem Englischen von Thomas Piltz
Rowohlt Verlag, erschienen 27.03.2018
Hardcover, 112 Seiten
16,00 Euro
ISBN: 978-3-498-04543-2
Mehr zum Buch unter: www.rowohlt.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Toni Morrison - Gott, hilf dem Kind
Die Nobelpreisträgerin und Professorin für afroamerikanische Literatur Toni Morrison greift in ihrem aktuellen Roman den Rassismus in den USA auf und was er mit den Betroffenen macht: eine Geschichte von internem Rassismus und dem Weg hinaus. (2017)

Toni Morrison - Gnade
Wer die Inhaltsangabe des neuen Romans von Toni Morrison liest, hat sofort Nina Simones Hit "Four Women" im Ohr. Hier wie dort geht es um die Schicksale von vier Frauen. Bei Simone sind alle vier schwarz. Ihr Song thematisiert die Stereotypisierung und Unterdrückung schwarzer Frauen durch eine weiß dominierte Gesellschaft. (2010)

Toni Morrison - Liebe
Das Buch handelt von der Liebe zwischen den Geschlechtern und zeigt auf, dass Frauen einfach anders lieben als Männer. (2005)

Jesmyn Ward – Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt
Mississippi in einem winzigen Kaff: Eine drogensüchtige Frau packt ihre beiden Kinder und er-fährt die Geschichte der Schwarzen in den Südstaaten. Jesmyn Wards Roman ist ein gewaltiges Buch über Armut und Rassismus, das den National Book Award mehr als verdient hat. (2018)

Susan Neiman - Widerstand der Vernunft. Ein Manifest in postfaktischen Zeiten
Ein Appell an die Vernunft. Die Philosophin, pragmatische Idealistin, Feministin und Direktorin des Einsteinforums in Potsdam, Susan Neiman, ruft gut ein Jahr nach der Amtseinführung Trumps in ihrem aktuellen Buch zu zivilgesellschaftlichem Engagement auf – und äußert darin die Hoffnung für ein demokratisches und freidenkendes Europa. In ihrer akribischen Analyse komplexer Strukturen der Amerikanischen und Europäischen Geschichtsschreibung sowie zeitgenössischer Fake News warnt sie vor der Haltung, jeder Anspruch auf Werte und Wahrheit sei ein Machtanspruch, weise ideologische Quellen auf und rät, diese zu reflektieren. (2018)

Ayana Mathis - Zwölf Leben
In den USA werde Ayana Mathis als "würdige Nachfolgerin" von Toni Morrison gefeiert, heißt es vollmundig im Klappentext von "Zwölf Leben". Diese großspurige Ankündigung lässt skeptisch werden. Doch auch wenn der Vergleich mit der Literaturnobelpreisträgerin etwas hoch gegriffen sein mag: Mathis wird den Erwartungen gerecht. Ihr Familienepos erzählt in zwölf Kapiteln und über beinahe einhundert Jahre von Hattie und ihren Kindern, die in einer von Rassismus und Armut, von Härte und strengen moralischen Regeln geprägten Welt aufwachsen. (2014)

NoViolet Bulawayos - Wir brauchen neue Namen
NoViolet Bulawayos Debüt erzählt von einer Kindheit in Simbabwe und einer Jugend in den USA. Mit poetischer Sprache und Wortwitz lotet sie Fremde, Heimat und ihre Schnittstellen im Selbst aus. (2014)

Chimamanda Ngozi Adichie – Americanah
Adichies großer Roman aus der Sicht der Bloggerin Ifemulu beschreibt klug und gewitzt das Leben einer Nigerianerin in den USA, ihrer großen Liebe und das "Dazwischen" der "Americanah". (2014)

ZZ Packer - Kaffee trinken anderswo
Dass diese Autorin einen Schreibworkshop besucht hat, merkt frau ihren klassischen Short Storys sofort an. In der Tradition von AutorInnen wie Alice Walker, James Baldwin und Toni Morrison erzählt sie Geschichten aus dem alltäglichen und oft tristen Leben afroamerikanischer Durchschnittsmenschen. (2009)

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