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AVIVA-BERLIN.de im November 2018 - Beitrag vom 01.11.2018

Ursula Krechel - Geisterbahn
Bärbel Gerdes

In ihrem neuen Roman "Geisterbahn" zieht Ursula Krechel die Leserin in das Leben einer Sinti-Familie während und nach dem Naziterror hinein. Die Autorin von "Shanghai fern von wo" und "Landgericht" erzählt von der Grausamkeit des Naziregimes, der vollkommenen Gleichgültigkeit der Deutschen gegenüber den Überlebenden ihrer Diktatur und der Kirmes, die Menschen freudig zusammenbringen will.



Ein solches Thema hat ja eine Schwere, und wenn diese Schwere noch emotional betont wird, würde ich bei mir selbst quasi unter ´Kitschverdacht´ stehen. So begründet die vielfach ausgezeichnete Dichterin und Autorin Ursula Krechel im Interview mit Ariana Binder die ruhige Tonalität ihres aufwühlenden Romans.

Die Dorns sind eine vollkommen integrierte SchaustellerInnenfamilie. Ihr Karussell, die Lebendigkeit der Jahrmärkte rings um Trier, die Kinder, alle tragen zu einem glücklichen Leben bei. Im Juni 1936 jedoch tritt der Runderlaß betreffend die Bekämpfung der Zigeunerplage in Kraft. In ganz Preußen gibt es einen Landfahndungsplan nach Zigeunern. Es folgen Verhaftungen, Deportationen. Wohnwagen werden requiriert. Wohnwagen werden zerstört. Und es folgen grausame Sterilisationen: eine sittlich stark defekte Persönlichkeit, sozial minderwertig... Nichtseßhaftigkeit, Homosexualität, Kriminalität oder sexuelle Verbindungen mit Juden waren die Gründe.
Die katholische Kirche verwahrte sich zwar gegen Sterilisationen, protestierte aber nicht wirklich. Vielmehr tröstete sie damit, dass Fräulein Hilfsschullehrerin Theisen die Kinder auf diesem schweren Gang [begleite] und sie auch durch Krankenbesuche … erfreue.

Und so wird auch Kathie, das älteste Mädchen der Dorns, sterilisiert.

Auf mehr als 600 Seiten erzählt der Lehrer Bernhard Blank die Geschichte der Familie Dorn in seiner Heimatstadt Trier, die auch Krechels Geburtsort ist. Bernhard ist der Sohn des Polizisten, der alle Anordnungen pflichtbewusst und linientreu ausführt. Mit Freude erfüllt der Vater jede neue Aufgabe, eben auch das zwangsweise Vorführen von Personen, die sich den Aufforderungen zur Untersuchung widersetzen.

Dahinter die kalte Bürokratie, die alles ordnet und einordnet, abheftet und verfügt. Listen müssen erstellt werden, Listen des Wohnungsinventars, des Eigentums. MEINVATER beachtete, dass den Zigeunern über 14 Jahren eine laufende Nummer auf den linken Unterarm mittels Farbe anzubringen sei.

Dahinter die Nachbarinnen und Nachbarn, die EinwohnerInnen, die KirmesbesucherInnen, die die Sinti-Familie misstrauisch beäugen. "Hängt die Wäsche weg, die Zigeuner kommen."

Josef, ein Sohn der Familie, flüchtet nach Luxemburg. Alle Kinder und die Eltern werden deportiert.
Und die Deutschen sind wieder wer: "Jeder Deutsche war plötzlich Vorarbeiter, das stärkte sein Selbstbewusstsein: Unter ihm arbeiteten Ostarbeiter, Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene, Deutsche, die nicht ´wehrwürdig´ waren. Und alle sind darin verstrickt: die Krankenhäuser, die Weingüter, die Kirche."

"Germanisierung", "Heim ins Reich" heißen die Parolen, die aufhorchen lassen. Alexander Gauland 2016: Heute sind wir tolerant und morgen fremd im eigenen Land.. Die AfD warnt 2017 auf ihrem Wahlplakat vor der nächsten Verbrecherwelle, die übers Meer nach Deutschland käme.
Ursula Krechel begründet die Wichtigkeit ihres Stoffes mit der zunehmenden Diskriminierung von Andersaussehenden und Andersdenken.

Es folgen Aufrüstung und Militarisierung, es folgt der Zweite Weltkrieg. Es folgt die Ermordung von Millionen von Menschen. Es folgt die Zerstörung von Städten, Ländern, Staaten.

Und es folgt der Kater danach. Hannah Arendt berichtet nach ihrem Besuch in Deutschland angewidert vom Selbstmitleid der Deutschen nach dem Kriegsende, den Relativierungen, der Flucht vor der Verantwortung und vor allem von der Empathielosigkeit und Gleichgültigkeit. Es gäbe keine Reaktion auf das Geschehene, schreibt sie in Die Nachwirkungen des Naziregimes – Bericht aus Deutschland (1950). Niemand trauere um die Toten. Inmitten der Ruinen schreiben die Deutschen einander Ansichtskarten von den Kirchen und Marktplätzen … , die es gar nicht mehr gibt. Die offensichtliche Herzlosigkeit werde mit billiger Rührseligkeit kaschiert.

"Die eigene Geschichte schwärzen und dann warten, bis sie wieder weiß zu waschen war", schreibt Krechel und berichtet von der Schein-Heiligkeit der Deutschen, die Totenscheine, Arbeitsbescheinigungen, Bescheinigungen über ihre Kriegseinsätze sammeln, um finanzielle Ansprüche geltend zu machen, es ist "das Verhalten von Sklaven ..., die [die] Bürokratie anbeten."

Um Wiedergutmachung geht es. In Trier bekommen die Opfer des Faschismus nach ihrer Rückkehr aus den Konzentrationslagern 100 Mark und zehn Flaschen Wein.
Die Entnazifizierung startet. Die vier Siegermächte haben keine gemeinsame Richtlinie dafür. Die französische war weniger rigide als die anderen, so dass es zu Zonenwanderungen kam.

Und das Leben geht weiter. In der Schulklasse treffen sie zu Beginn der 1950ger Jahre aufeinander: die Tochter aus der Familie der Sintis, der Sohn des Polizisten, das Kind der Kommunistin, die alle mit dem großen Schweigen und der Sprachlosigkeit der Erwachsenen aufgewachsen sind.
Die Nachwirkungen des Krieges zeigen sich an der autoritären Erziehung, sowohl in der Familie als auch in der Schule. Sie zeigen sich an den immer noch bestehenden Vorurteilen gegenüber den Sintis und dem sich Berauschen am Wirtschaftswunder.

Fünf Kinder verlieren die Dorns in den Konzentrationslagern. Kathie leidet unter ihrer Kinderlosigkeit und der Erinnerung an die schreckliche Operation. Josef kommt zurück und erhält keine Wiedergutmachung, weil er Deutschland illegal verlassen habe, also nicht deportiert wurde, "Die Nichtwiedergutmachungsakten waren sehr bewegend", erzählt Ursula Krechel, die für diesen Roman jahrelang recherchiert hat. Zwangssterilisation wurde nicht wahrgenommen als Wiedergutmachungsgrund, da sie die Arbeitsfähigkeit nicht behindert habe.

Dass Ursula Krechels beeindruckender, fordernder und sprachlich auf höchstem Niveau geschriebener Text die Leserin trotz der Schwere des Themas nicht niederdrückt, ist der Kirmes zu verdanken. Der Ort, an dem sich Menschen amüsieren wollen, an dem die Gerüche von Zuckerwatte und gebrannten Mandeln wabern, an denen aufgeregte Kinderaugen sehnsuchtsvoll zu den Karussells hinüberblicken, bildet den Kontrapunkt des Romans und arbeitet gegen die Schwere.

AVIVA-TippMit Geisterbahn hat Ursula Krechel einen weiteren Gedenkstein für Verfolgte des Naziregimes gesetzt. Ihre dicht erzählte, zuweilen lyrische Deutschstunde zieht die Leserin in ihren Bann und in die Vergangenheit, die erschreckend schnell wieder aufscheinen kann.

Zur Autorin: Ursula Krechel, wurde 1947 in Trier geboren. Sie machte sich besonders als Lyrikerin einen Namen. Ihren Lyrikband Verwundbar wie in den besten Zeiten gab sie 1979 heraus. Im Zuge der Zweiten Frauenbewegung erschien bereits 1976 ihre Untersuchung Selbsterfahrung und Fremdbestimmung. Bericht aus der neuen Frauenbewegung. 1981 wurde ihr erster Roman Zweite Natur. Szenen eines Romans veröffentlicht. 2008 erschien "Shanghai fern von wo", in dem sie das Leben geflüchteter deutscher Jüdinnen und Juden beschreibt. 2012 folgte "Landgericht", die Geschichte eines Richters während und nach dem Naziregime. Sie erhielt dafür am 8. Oktober 2012 zum Auftakt der Buchmesse den Deutschen Buchpreis, der jährlich vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels vergeben wird. Mehr Infos unter: www.deutscher-buchpreis.de. Neben Lyrik und Prosa schreibt Krechel Theaterstücke und Hörspiele. Sie ist Mitglied des P.E.N.-Zentrums Deutschland und seit 2012 Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Ihre Werke wurden zahlreich ausgezeichnet, u.a. mit dem Deutschen Kritikerpreis, dem Düsseldorfer Literaturpreis und dem Orphil-Preis für Lyrik. Ursula Krechel lebt in Berlin.

Ursula Krechel
Geisterbahn

Verlag Jung und Jung, erschienen am 6.9.2018
643 Seiten, gebunden
ISBN 978-3-99027-219-0
32,00 Euro
Mehr zum Buch: jungundjung.at

Mehr Infos:

Romaniphen, ein selbstorganisiertes, feministisches Rromani Projekt: www.romnja-power.de

Die Initiative IniRomnja: inirromnja.wordpress.com

Der Zentralrat deutscher Sinti und Roma sowie das Dokumentations- und Kulturzentrum deutscher Sinti und Roma: www.sintiundroma.de

Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas: www.stiftung-denkmal.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

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