Christina Viragh - Eine dieser Nächte - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
AVIVA-Berlin .
.
P
R
.
.

AVIVA_gegen_AFD Cold War - DER BREITENGRAD DER LIEBE Schneiderin der Träume
AVIVA-Berlin > Literatur > Romane + Belletristik AVIVA-Newsletter bestellen
AVIVA-Berlin auf Facebook AVIVA-Berlin auf twitter
   Aviva - Home
   Veranstaltungen in Berlin
   Women + Work
   Public Affairs
   Kultur
   Jüdisches Leben
   Interviews
   Literatur
   Romane + Belletristik
   Biographien
   Jüdisches Leben
   Sachbuch
   Graphic Novels
   Art + Design
   Lesungen in Berlin
   Music
   Sport
   E-cards
   Gewinnspiele
   Werben bei uns
   About us
   Frauennetze
 


Chanukka 5779




Happy Birthday AVIVA




AVIVA wishes you a happy and peaceful New Year 2018




Aviva-Berlin.de

Versatel






 



AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2018 - Beitrag vom 01.10.2018

Christina Viragh - Eine dieser Nächte
Bärbel Gerdes

Auf einem Langstreckenflug haben die PassagierInnen keine Zeit zu entspannen: ein Unsympath zieht sie in seine Geschichten hinein und konfrontiert sie mit ihrer eigenen. Die ungarisch-schweizerische Schriftstellerin Christina Viragh flog mit ihrem neuen Roman direkt auf die Longlist des Deutschen Buchpreises.



Es ist Nacht. Kabinenstille eines Flugzeugs. Gedimmtes Licht. Und dann ist Bill da: weißer US-Amerikaner, groß, schwer, schütteres rötliches Haar, das gelbe Poloshirt über dem Bauch gespannt … dunkelgrüne Shorts. Sicher ein Sextourist, denkt Emma, die aus Ungarn stammende Autorin, die in Rom lebt und sich auf dem Rückflug von Bangkok nach Zürich befindet. Ausgerechnet sie sitzt in der großen Boing 777 neben ihm, das heißt, der Mittelsitz ist leer, doch dann kommt Bill.

In einer solchen Nacht sollte erzählt werden.
In der vorderen Reihe sitzt ein schwules Pärchen und im Gang gegenüber ein Nerd mit seinem Tablet. Walter hat Flugangst und in einer der hinteren Reihen sitzt die japanische Familie.
9000 Kilometer sind zu überfliegen, zwölf Stunden zu überbrücken, und Bill hat sich vorgenommen, stündlich zwei Geschichten zu erzählen.
Erst genervt, dann immer interessierter hören die Mitreisenden zu – und beginnen selbst zu erzählen. Fast ist es wie der in Bills Geschichten vorkommende Teich, der, umgeben von Treibsand, alles in seine Tiefen zieht, was ihm nahe kommt. Es beginnt mit kleinen Fragen, mit Kommentaren oder erstaunten Ausrufen. Bill, der an Martha, seinem Whisky, klebt, versteht dies als Aufruf zum Weitermachen. Und so werden alle um ihn herum in seine Geschichten gezogen und gleichzeitig erwachen die eigenen: Emmas Großvater, der gewaltsam starb spiegelt sich im Tode von Bills Vater in Vietnam. Walter trauert seiner Frau hinterher, die ihn wegen einer Frau verlassen hat.

Die fremden Geschichten gehen in die eigenen über, die eigenen in die fremden. Christina Viraghs Erzählkosmos bevölkert sich mit melancholischen, traurigen, skurrilen Berichten, die weit mehr sind als belangloses Flugzeuggeplauder, wie Bill ausdrücklich betont.
Jeder und jede erzählt auf ihre Weise: der Fünfzehnjährige verfasst Kurzmitteilungen, Verknappung auf engstem Raum. Emma denkt an die missglückte Tagung, von der sie gerade kommt. Michael und Stefan sind anfangs total abgestoßen. Dass dieses besoffene Arschloch … mit allem herausplatzen muss, denkt Michael, und ist plötzlich selbst in Familiengeschichten verstrickt.

Christina Viragh ist eine Autorin, die mit der Vielfältigkeit von Stimmen vertraut ist. Als mit Ehrungen überhäufte Übersetzerin übertrug sie so bedeutende Schriftsteller wie Imre Kertész, Antal Szerb und Sándor Márai ins Deutsche. Allein für die Übersetzung von Peter Nádas´ Parallelgeschichten erhielt sie drei Preise, darunter den Europäischen Übersetzerpreis und den Preis der Leipziger Buchmesse. Ein neues Original sei jede gute Übersetzung, verrät Viragh.
In einem Interview mit dem Ungarischen Goethe Institut berichtet sie, wie sie zu ihren Romanstoffen kommt: "Indem ich mit mir selbst dialogisiere. Schriftlich. Ich stelle mir schriftlich eine Menge Fragen, um herauszufinden, was ich erforschen will. Welches für mich emotional aufgeladene Gebiet. Dass ich es erforschen will, fühle ich, aber was es genau ist, das mich anzieht und herausfordert, finde ich anhand dieses schriftlichen Dialogs heraus."

AVIVA-Tipp: Eine dieser Nächte ist ein Erzählabenteuer, das jede Leserin in seinen Bann schlägt. Ähnlich wie die PassagierInnen geraten auch die Lehnstuhlreisenden in einen Strudel der Geschichten, der fast die Grenzen sprengt, wo die eigenen enden und die anderen beginnen.

Zur Autorin: Christina Viragh wurde 1953 in Budapest geboren. 1960 emigrierte sie mit ihrer Familie nach Luzern in die Schweiz. Studium der der Philosophie und der deutschen und französischen Literatur in Lausanne. Anschließend Mitarbeiterin der Neuen Zürcher Zeitung. Von 1984 bis 1986 Teaching Assistant für Französisch an der Universität von Manitoba in Winnipeg, Kanada. Nach Rückkehr in die Schweiz: Arbeit im Caritas-Flüchtlingszentrum Schwyz, danach Übersetzerin aus dem Französischen und Ungarischen. 1992 erscheint ihr Roman Unstete Leute, dem fünf weitere Romane folgen, darunter Rufe von jenseits des Hügels (1994), Pilatus (2003) und Im April (2006). Ihr Roman Eine dieser Nächte (2018) steht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises.
Christina Viragh zählt zu den bedeutendsten Übersetzerinnen der ungarischen Literatur, unter anderem von Imre Kertész, Antal Szerb und Sándor Márai. Sie lebt und arbeitet in Rom und ist seit 1999 Korrespondierendes Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.
Mehr zur Autorin: www.literaturport.de

Christina Viragh
Eine dieser Nächte

Doerlemann, erschienen im Februar 2018
496 Seiten. Gebunden. Leseband
ISBN 978-3--03820-056-7
28.00 Euro
Mehr zum Buch unter: doerlemann.com




Literatur > Romane + Belletristik Beitrag vom 01.10.2018 Bärbel Gerdes 





  © AVIVA-Berlin 2018 
zum Seitenanfang suche sitemap impressum datenschutz home Seite weiterempfehlenSeite drucken