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AVIVA-BERLIN.de im März 2024 - Beitrag vom 19.12.2023


Anat Feinberg. Die Villa in Berlin. Eine jüdische Familiengeschichte 1924-1934
Nikoline Hansen

Eine Villa in Berlin-Schöneberg – daran orientiert sich die persönliche Spurensuche der israelischen Autorin und Wissenschaftlerin Anat Feinberg in eine Zeit, die fast einhundert Jahre zurück liegt.




In ihrer Fokussierung auf einen bewegten und schicksalhaften Zeitraum von zehn Jahren gelingt es Anat Feinberg eine Gesellschaft widerzuspiegeln, die sich immer mehr spaltet, während der Nationalsozialismus stärkeren Einfluss gewinnt.

Die "Goldenen Zwanziger Jahre" – eine Spurensuche

Es beginnt mit einem Umzug: Die Familie Grüngard zieht aus Schweden nach Berlin, in das Bayerische Viertel, in dem sich schon einige jüdische Familien angesiedelt haben. Faivel Grüngard ist ein erfolgreicher Geschäftsmann, er sucht sich ein passendes Grundstück und lässt darauf eine Villa errichten – das Gebäude, um dessen kurze Nutzung durch die jüdische Familie es in diesem Buch geht. Wie "golden" waren sie denn, die Zwanziger Jahre in Berlin? Der mal latente, mal aber auch schon offen zur Schau getragene Antisemitismus ist bereits deutlich zu spüren, auch wenn er noch nicht bedrohlich ist. Die Tochter des Hauses, Inge oder Ayala genannt, wird auf das staatliche Gymnasium gehen und das Abitur machen. Sie ist nicht die einzige jüdische Schülerin, aber sie wird im Laufe der Erzählung immer einsamer werden. Die Geschäfte des Vaters laufen gut und Braina, die Mutter, widmet sich gesellschaftlichen Aufgaben in kulturellen und karikativen Bereichen: sie veranstaltet Salons und hat ein gastfreundliches Haus, das nach einer erstaunlich kurzen Bauzeit dort in der Freiherr-vom-Stein-Straße 13 entstanden ist. Die Tochter spricht kein Deutsch – es wird also ein Privatlehrer engagiert, und aus dessen Perspektive erzählt Anat Feinberg die Geschichte der Familie in ihrer Villa.

Gesellschaftliches Engagement

Braina Grüngard ist eine selbstbewusste und engagierte Persönlichkeit, die sofort nach ihrem Umzug beginnt, das gesellschaftliche Leben in ihrer neuen Umgebung in Berlin mitzuprägen. So veranstaltet sie etwa Salons in ihrer Villa, zu denen berühmte Persönlichkeiten eingeladen werden: zum 16. Januar 1925 ergeht zusammen mit der Mensch-Gesellschaft die Einladung zu einem Bankett zu Ehren des MENSCHEN und zu einem Vortrag, bei dem es um die "innere Souveränität eines jeden Menschen" geht. Der Vortragende ist Fischl Schneersohn. Die jüdischen Feste werden gefeiert, die Kinder jüdisch erzogen. Braina selbst engagiert sich in mehreren Organisationen und sie wird ihrerseits auch zu Vorträgen eingeladen. Innerhalb kürzester Zeit ist sie in Berlin und im gesellschaftlichen Leben angekommen, sie ist offensichtlich eine gute Netzwerkerin. Und doch bleiben die Zweifel.

Erez Israel – Weg in die Zukunft

Eine zentrale Rolle spielen nicht nur philosophische, kulturelle und soziale Aspekte – Braina beschäftigt sich mit Erziehungsfragen und ist in der jüdischen Wohlfahrt engagiert, und es gibt ein weiteres Thema, das in dieser Zeit eine große Rolle spielt: Zionismus und das Komitee Erez Israel. Regelmäßig spenden Grüngards an den jüdischen Nationalfonds Keren Kayemet. Faivel und Braina sind angetan von dem Vortrag des Bankiers Dr. Oscar Wassermann, in dem er sich für ein stärkeres Engagement in Israel aussprach, etwa den Ausbau des Hafens in Haifa. Schon 1911 hatten Faivel und Braina Grüngard ihre Hochzeitsreise nach Erez Israel gemacht. Dabei waren Faivels Versuche, geschäftlich in der Landwirtschaft Fuß zu fassen, eher wenig erfolgreich und endeten mit finanziellen Verlusten. Dennoch, die Liebe zum Land blieb – insbesondere Tel Aviv hatte es Braina angetan: Eine pulsierende Stadt, in der du alles, was du suchst, finden wirst. Die Kamele ziehen immer noch den Strand entlang, aber auf den Straßen sieht man die neuesten Automobile. … In der Dämmerung besuchten sie stets das beliebte Café Galet Aviv, von den Einheimischen Casino genannt, am Strand von Tel Aviv. Sie saßen auf der offenen, in das Meer hineinragenden Terrasse und ließen die Blicke wandern. 1925 planten Grüngards eine erneute Reise, diesmal auch geschäftlich, denn Faivel plante, sich an einem Orangenhain zu beteiligen. Sein geschäftliches Engagement stieß in Europa auf Skepsis – nicht wenige zweifelten am Erfolg der Projekte. Faivel ließ sich nicht beirren: "Ich sehe die Entwicklung in Erez Israel mit Optimismus.", ließ er die Zweifler wissen und investierte unter anderem in den Bau der Tschlenow-Siedlung in Tel Aviv.

Beunruhigende Nachrichten und das Massaker von Hebron

Die jüdischen Festtage im Oktober 1928 waren überschattet von beunruhigenden Nachrichten aus Jerusalem. "An Yom Kippur versammelten sich Hunderte Gläubige zum Gebet an der Klagemauer und stellten eine Trennwand auf, um Männer und Frauen zu separieren. Die Muslime brannten vor Wut und verbreiteten das Gerücht, die Juden träfen Vorbereitungen, die mohammedanischen Heiligtümer unter ihre Kontrolle zu bringen. Die Lage war aufgeheizt, das Feuer des Hasses loderte. Auch diejenigen unter uns, die weder Talit noch Tefillin anlegen, waren bestürzt. Nicht zuletzt wegen der Haltung der Mandatsregierung, die ein offenes Ohr für die Vorwürfe der arabischen Seite hatte". In der Zwischenzeit beginnen die Geschäfte mit der Orangenplantage gut anzulaufen – der Geschäftspartner vor Ort berichtet von reicher Ernte. Faivel bahnt weitere Geschäfte an, und plant eine weitere Reise nach Erez Israel. Derweil diskutieren Zionisten in Europa weiter, wo sie ihr eigenes Land gründen sollten: Dabei war die Frage, ob Erez Israel oder Afrika, in den Herzen längst beantwortet. Auch wenn es eine Herzensangelegenheit war, der Vorfall an der Klagemauer hatte doch gezeigt, dass eine Staatsgründung im Nahen Osten kein Zuckerschlecken werden würde.

Während die Familie und ihr gesellschaftliches Umfeld die Geschehnisse in Deutschland mit Gelassenheit betrachteten, erregten die Nachrichten aus Israel stets die Aufmerksamkeit der Grüngards, und es sollte tatsächlich noch schlimmer kommen: "So war es auch, als im Spätsommer (1929) schreckliche Nachrichten aus Erez Israel eintrafen. Wir waren fassungslos. Morgens und abends sprachen wir davon, was jenseits des Meeres geschehen war. In Hebron hatten an einem Schabbat Hunderte Araber mit Messern und Beilen die jüdischen Einwohner überfallen. Sie massakrierten Kinder vor den Augen ihrer Eltern, töteten Frauen und Männer. Die Straßen der Stadt waren blutgetränkt und voller Leichen. Auch in Jerusalem und Safed griffen arabische Rotten jüdische Nachbarschaften an und hinterließen eine Schneise der Verwüstung und des Todes. In diesen "Tages des Todes" wurden mehr als hundertdreißig Juden ermordet und etwa dreihundert verletzt.". Unter den Ermordeten war auch eine Cousine Faivels.

Es ist besonders heute, nach dem Pogrom am 7. Oktober 2023 in Israel, erschütternd, diese detaillierte Beschreibung zu lesen, es verdeutlicht einmal mehr wie sehr jüdisches Leben so wie vor fast hundert Jahren beim Massaker in Hebron auch nach der Staatsgründung im Jahr 1948 auch im eigenen Staat permanent bedroht ist.

Deutschland

Noch ist jüdisches Leben in Deutschland möglich. Trotzdem reist Faivel immer öfter nach Erez Israel, wo er seine Geschäfte tätigt und die Jaffa Goldfruit Cooperative Society gründet. Braina und seine Tochter bleiben in Berlin, Inge soll die Schule beenden. Nach Hitlers Wahl und Machtübernahme 1933 wird aus dem offenen verbalen Antisemitismus auch physisch ausgeübte Gewalt: drei Uniformierte "besuchen" das Haus, Braina traut sich bei Dunkelheit nicht mehr auf die Straße, Faivels Büro wird durchsucht. So fällt die Entscheidung, das Land zu verlassen nicht schwer. Verwalterin und Mieterin für die Villa finden sich schnell, die Familie packt ihre Sachen. Vielen Jüdinnen und Juden fehlen die Mittel für solch einen Schritt, oder sie glauben, dass der Spuk bald ein Ende hat. Braina fühlt sich privilegiert, sie hat die finanziellen Mittel und die Familie hat die schwedische Staatsbürgerschaft. Als Ausländer müssen sie keine Reichsfluchtsteuer zahlen, sie können das Land, in dem sie nun offen bedroht werden, verlassen.

Mühselige Spurensuche und ein Puzzle

Die Mühsal der Spurensuche für dieses Buch wird in der eingangs vorausgeschickter persönlicher Rückblende der Autorin über die Entstehung des Buches sehr deutlich, und doch ist es Anat Feinberg am Ende gelungen, einen kleinen Einblick in eine Welt zu geben, die für immer verloren ist. Dazu tragen auch die Abbildungen bei, persönliche Erinnerungsstücke, die mit den Grüngards nach Israel ausgewandert sind. Die Autorin ist die Enkelin von Ayala, die nach dem im März 1934 bestandenen Abitur mit ihrer Familie nach Israel ausgewandert ist. Trotz fiktiver Elemente entsteht so ein realistisches Bild der Situation, in der sich die Familie in Berlin mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus befand. Es ist eine wertvolle historische Dokumentation der Zeitgeschichte. Dazu gehört auch das Ende: Braina, Anat Feinbergs in Tel Aviv lebende Urgroßmutter, hat das ihr gehörende 556 qm große Ruinengrundstück 1959 an das Land Berlin verkauft. Der Vertreibung zum Trotz, so scheint es, zieht es die in Tel Aviv geborene Enkelin wieder in das Land ihrer Vorfahren: 1997 wurde sie Honorarprofessorin für Hebräische und Jüdische Literatur an der Universität Heidelberg, und schließlich unternahm sie diese spannende Reise in ihre eigene Familiengeschichte und recherchierte viele Jahre für das nun vorliegende Buch. Neben den Dokumenten konnte sie dabei auch auf persönliche Erinnerungen aus ihrer Familie und deren Freundeskreis zurückgreifen.

AVIVA-Tipp: Ein sehr lesenswertes und informatives Buch, das einen Einblick in eine Zeit gibt, in der der Nationalsozialismus die politische Hoheit erlangte und der Antisemitismus Jüdinnen und Juden in Deutschland immer weniger Luft zum Atmen ließ. Darüber hinaus erhält es durch die Schilderung des Massakers von Hebron im August 1929 eine erschreckende Aktualität im Hinblick auf das arabisch-jüdische Verhältnis.

Zur Autorin: Anat Feinberg, geboren in Tel Aviv, war Dozentin für Englische Literatur und Theaterwissenschaft an der Ben Gurion Universität und an der Universität Tel Aviv. Seit 1997 ist sie Honorarprofessorin für Hebräische und Jüdische Literatur an der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg.
Veröffentlichungen u.a.: Wieder im Rampenlicht. Jüdische Rückkehrer in deutschen Theatern nach 1945, Nachklänge. Jüdische Musiker in Deutschland nach 1945 (2005); Embodied Memory: The Theatre of George Tabori (1999). (Quelle: Verlagsinformation)

Anat Feinberg
Die Villa in Berlin
Eine jüdische Familiengeschichte 1924-1934

Wallstein Verlag, erschienen 2022
ISBN 978-3-8353-5315-2
€ 26,--
Mehr zum Buch unter: www.wallstein-verlag.de


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Beitrag vom 19.12.2023

AVIVA-Redaktion