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AVIVA-BERLIN.de im September 2019 - Beitrag vom 13.03.2019


Kristine von Soden - Ob die Möwen manchmal an mich denken? Die Vertreibung jüdischer Badegäste an der Ostsee
Bärbel Gerdes

Rund sechzig Jahre lang reisten jüdische Badegäste zur Sommerfrische an die Ostsee. Doch schon lange vor dem Nationalsozialismus wurden sie aus den Seebädern vertrieben. Antisemitische Hetze und körperliche Angriffe wurden in den beliebten Urlaubsorten für Jüdinnen und Juden zu einer Gefahr für Leib und Leben und führten zu einer "Vertreibung aus dem Paradies".



Statistiken bezeugen die Beliebtheit der Seebäder an der Ostsee. Allein zwischen 1880 und 1912 stieg [die Gästezahl] von 20 000 auf 460 000, bald weit über eine halbe Million..
Die ausgedehnten Strände mit dem feinen Sand, die Hotels und Gästehäuser zogen sich entlang der Ostseeküste. In Warnemünde bis zur Kurischen Nehrung, auf den Ostseeinseln Rügen, Usedom oder Hiddensee boomte der Fremdenverkehr. Die klare Seeluft tat gut, das Baden im Meer wurde empfohlen – eine Reise dorthin versprach Erholung, Abschalten vom Alltag, doch auch Kurzweil und Unterhaltung.

Was die Statistik jedoch verschweigt, sind die zunehmenden antisemitischen Übergriffe am Strand und auf den Promenaden. Schon früh warnten jüdische Zeitungen vor Orten an der Ostsee, wo man keinen Wert auf jüdischen Besuch legte. Lange bevor der SS-Staat Wirklichkeit geworden war, lautete an der deutschen Nord- und Ostseeküste die Parole Judenrein!, berichtet Kristina von Soden. Die Ergebnisse ihrer umfangreichen Recherchen in Bibliotheken und Archiven sowie die Einbeziehung zahlreicher historischer und aktueller Quellen hat die Featureautorin und promovierte Geisteswissenschaftlerin zu einem, bei allem Entsetzen, sehr lesenswerten Buch zusammengestellt.

Motor des stark ansteigenden Gästeaufkommens war das sich ständig ausweitende Eisenbahnnetz, das bereits in der Wilhelminischen Zeit bis nach Usedom, ab 1900 sogar bis nach Samland führte. Im Zuge der Industrialisierung ist Mobilität gefragt. Der Anteil jüdischer Menschen an der deutschen Gesamtbevölkerung beträgt zu Beginn der 1870ger Jahre etwas weniger als 1 Prozent. Viele von ihnen ziehen in die Städte. Und obgleich breite jüdische Schichten nach wie vor ein Dasein in Armut und Not fristen, gelingt es auch vielen, in der hereinbrechenden kapitalistischen Marktwirtschaft einen Platz zu finden. Schnell werden sie von antisemitischen Vereinen, beispielsweise der 1879 ausgerufenen Antisemiten-Liga als Eindringlinge und Emporkömmlinge beschimpft. Bereits vorher wurde zur Vernichtung des Judentums aufgerufen, womit das eigentliche Ziel, die Vernichtung der Jüdinnen und Juden, verklausuliert wurde, schreibt die Politikwissenschaftlerin Eleonore Sterling in ihrer Studie über Judenhass in den Jahren 1815 bis 1850.
Dieser Antisemitismus spiegelt sich schon früh in den Seebädern. Die Vertreibung jüdischer Badegäste an der Ostsee geschieht bis zum Ende der Weimarer Republik in erster Linie von unten schreibt Kristine von Soden. Das in der Reichsverfassung verankerte Freizügigkeitsrecht setzt der Willkür zwar Grenzen. Doch niemand schert sich darum.

Bereits 1880 denkt das holsteinische Heiligenhafen über erhöhte Kurtaxen für Jüdinnen und Juden nach. Hotels und Pensionen bezeichnen sich als deutsch oder christlich, in jüdischen Zeitungen und Zeitschriften wird indes für jüdische Unterkünfte geworben.
Alarmierend sind die antisemitischen Schmierereien und Verunglimpfungen, die auf den Wänden von Umkleidekabinen am Strand zu finden sind. Diffamierende Bildpostkarten mit Karikaturen und Texten erscheinen.
Jüdische Redaktionen geben Warnlisten vor einzelnen Häusern oder gar ganzen Badeorten heraus und raten den Reisenden, sich vor Reisebeginn über antisemitisch infizierte Bäder und Sommerfrischen zu informieren.

In dem reich bebilderten Band, der vom AvivA-Verlag liebevoll und aufwendig gestaltet wurde – den Vorsatz ziert eine historische Ostseeküstenkarte - , veranschaulicht Kristine von Soden, dass mit diesen Angriffen eine Vertreibung aus dem Paradies einherging. Asta Nielsen, Hannah Arendt, Else Lasker-Schüler und Käthe Kollwitz verbrachten als Kinder oder Erwachsene kürzere oder längere Zeiten in den Seebädern.
Mascha Kaléko schreibt, dass das das Beste sei, so in Sand und Sonne zu liegen. Allein und an nichts denkend. Käthe Kollwitz sucht nach dem Tod ihres Sohnes Trost am Meer. Künstler und Künstlerinnen lassen sich an der Ostseeküste nieder und gründen KünstlerInnen-Kolonien.

Der Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (C.V.) kämpft gegen den zunehmenden Antisemitismus und ruft zum Widerstand auf. Der Verein mobilisiert zahlreiche Juristen, um gegen antisemitische Grenzüberschreitungen vorzugehen. Doch unbeeindruckt davon werben Badeprospekte mit dem Satz Juden finden keine Aufnahme!

Am Strand findet ein Flaggenstreit statt. Die Sandburgen werden mit Fahnen geschmückt, die die politische Einstellung verkünden: das kaisertreue Schwarz-Weiß-Rot, republikanisch in Schwarz-Rot-Gold, immer häufiger mit Hakenkreuz.
Die vollständig jüdische Gleichberechtigung, die im Juli 1919 erstmals in der deutschen Geschichte beschlossen wird, verändert nichts. Die Sandburgen nicht nur jüdischer Badegäste werden zertrampelt, es kommt zu Unruhen und Krawallen an den Stränden.

Kristine von Sodens erschreckender Bericht zeigt, wie tief verwurzelt der Antisemitismus bereits lange vor 1933 in Deutschland verbreitet war. Doch ab den dreißiger Jahren sind die Antisemiten endgültig von der Leine. Bereits 1932 siegt die NSDAP bei der Landtagswahl in Mecklenburg. Deutsche UrlauberInnen werden dazu aufgerufen, sich nur in bestimmten Hotels und Pensionen einzumieten. Badeorte sind von dem Ehrgeiz besessen, ihre Orte judenrein zu halten. Das Ostseebad Henkenburg wirbt 1935 in einem Faltblatt damit, einen stein- und judenfreien Strand zu haben, und nationalsozialistische StrandbesucherInnen denunzieren jüdische Menschen.
So auch in dem Fall der drei Mädchen, denen die Autorin ihr Buch gewidmet hat. Irma, Mirjam und Sonja Sonnenschein
, die bereits im Kindesalter ihre Eltern verloren haben und denen eine Sommerfrische in Prerow ermöglicht wurde. Ein sich als alter Nationalsozialist bezeichnender Mann schreibt sofort an den Kurdirektor und Bürgermeister und fordert die schleunigste Entfernung dieser Judenkinder.
Der Bürgermeister kommt dem nach.
Die drei Mädchen werden im März 1943 in Auschwitz ermordet.

AVIVA-Tipp: Kristine von Soden hat einen wichtigen Beitrag sowohl zur jüdisch-deutschen Geschichte als auch zur antisemitischen deutschen Bädergeschichte geschrieben. Ihre exzellenten und tiefgreifenden Recherchen hat sie in einen berührenden Band zusammengefasst.

Zur Autorin: Kristine von Soden, Dr. phil., ist gebürtige Hamburgerin und lebt in Wiesbaden. Als Featureautorin des NDR und DLF sowie als Dozentin an der Hamburger Universität beschäftigte sie sich viele Jahre mit den Biografien jüdischer Wissenschaftlerinnen, Schriftstellerinnen und Künstlerinnen in der Weimarer Republik. Seit ihrer Kindheit dem Meer sehr verbunden, schrieb sie mehrere feuilletonistische Bücher über die Nordsee und die Ostsee – wo die Weimarer Prominenz einst zur Sommerfrische weilte, zuletzt: Ahrenshoop: Balancieren auf der Meerschaumlinie (2015). 2016 erschien im AvivA-Verlag Und draußen weht ein fremder Wind .... Über die Meere ins Exil. Von Sommer bis Herbst ist die Autorin in Ahrenshoop mit literarischen Rundgängen unterwegs und betreibt dort ihre Ahrenshooper Schreibwerkstatt.
Mehr Infos unter: www.vonsoden.de

Kristine von Soden
Ob die Möwen manchmal an mich denken?. Die Vertreibung jüdischer Badegäste an der Ostsee

AvivA Verlag, erschienen 2018
208 S., mit über 70 historischen Abbildungen
ISBN 978-3-932338-72-4
20,00 €
Mehr zum Buch: www.aviva-verlag.de

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Kristine von Soden - Und draußen weht ein fremder Wind .... Über die Meere ins Exil
Wie gelang den wenigen Überlebenden 1933 bis 1941 die Flucht ins Ungewisse, was ging dem Verlust um Heimat, Familie, Sprache und Kultur voraus? Im Zentrum dieses Buches steht der verzweifelte Kampf jüdischer Emigrantinnen um Visa und Affidavits für das von den Nazis erzwungene Exil. Anhand von Tagebüchern, Briefen, Gedichten sowie unveröffentlichten Bild- und Textdokumenten und literarischen Zeugnissen aus den im Deutschen Exilarchiv in Frankfurt am Main befindlichen Nachlässen jüdischer Emigrantinnen zeichnet die Autorin die dramatischen Umstände der individuellen Fluchtwege akribisch nach. (2017)

Hedwig Dohm - Sommerlieben
Verwicklungen zwischen Kurschatten und Kaffeerunden: Nicht aus den Literatursalons Berlins, sondern aus den Strandkörben eines kleinbürgerlichen Badeorts schreibt Frauenrechts-Pionierin Dohm mit ihrer "Freiluftnovelle" gegen die bigotte Gesellschaft und den Antisemitismus des ausklingenden neunzehnten Jahrhunderts an.



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