Queer in Israel. Bildband, herausgegeben von Nora Pester und mit Fotos von Ilan Nachum - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Literatur Juedisches Leben



AVIVA-BERLIN.de im November 2020 - Beitrag vom 14.01.2019


Queer in Israel. Bildband, herausgegeben von Nora Pester und mit Fotos von Ilan Nachum
Sharon Adler

Während die Gay Pride Parade in Tel Aviv für eine offene Gesellschaft und selbstverständliche Akzeptanz von LGBT-Lebensformen steht, gibt es auch außerhalb dieser "Bubble" ultra-konservative Denkmuster, die diese mit Worten und Waffen torpedieren. Ein wichtiges – und das erste deutschsprachige – Buch über die vielfältig aktive Lesben-, Schwulen- und Transgenderszene in Israel.




Rund 200.000 Menschen nahmen am 9. Juni 2017 an der Gay Pride Parade in Tel Aviv teil und etwa 22.000 Teilnehmende waren es beim Jerusalem March of Pride and Tolerance am 3. August des gleichen Jahres in Jerusalem.

Der in Jerusalem geborene und heute in Tel Aviv lebende Fotograf Ilan Nachum hat im Auftrag des Verlags Hentrich & Hentrich die Szene fotografiert.
Einige der Protagonist*innen sind nun in diesem Band abgebildet und dokumentieren ein Bild von überschäumender Lebensfreude und Stolz, aber auch Entschlossenheit und Ernsthaftigkeit. Denn allein die arithmetische Differenz in den beiden Städten Israels – Tel Aviv und Jerusalem - der teilnehmenden Aktivist*innen zeigt ein Gefälle, das nachdenklich macht. Steht Tel Aviv für die weltoffene Party- und Kulturstadt, in der alle so sein können, wie sie wollen, findet die Gay Pride in Jerusalem unter Protest der orthodoxen Rabbiner statt. Protest gab es 2018 auch von Seiten der Gemeinde selbst – gegen das Leihmutterschaftsgesetz, das seit 1996 zwar unverheirateten und alleinstehenden Frauen das Recht auf Leihmutterschaft einräumt, es aber schwulen Paaren weiterhin verweigert. Und doch: Israel gilt unter Einheimischen und Eingewanderten wie Tourist*innen aus aller Welt als absolutes LGBT-Paradies und steht - völlig zu Recht - vor allem für Freiheit und Fortschrittlichkeit.

Das Buch zum Thema Queer in Israel macht Selbstverständlichkeiten und Errungenschaften ebenso deutlich wie die Herausforderungen des jüdischen Staates zwischen der größtenteils säkularer Zivilgesellschaft und der Rechtsprechung durch eine Minderheit - das ultraorthodoxe Oberrabbinat. Was genau bedeutet das für den Alltag der "Lahatabim" (hebr. für LGBT-Menschen), wie passen Religion, Religiosität und Homosexualität für das Individuum und das Kollektiv zusammen? Wie ist die Situation von Lahatabim abseits der vielfältigen queeren Veranstaltungen von Filmfestivals über die bereits genannten Paraden bis zu Drag Queen Shows? Wie werden lesbische oder schwule Eltern oder deren Kinder in der Gesellschaft wahrgenommen? Die Antwort ist einfach: Die Lahatabim sind Teil des öffentlichen Lebens und vom Großteil der Bevölkerung akzeptiert. LGBT ist kein Thema in diesem Land, das mit seiner progressiven Haltung eine Inselposition im Nahen Osten einnimmt. Hier wurden alternative Eltern- und Familienmodelle oder transitionsspezifische medizinische Behandlungen transsexueller Soldatinnen oder Soldaten in der israelischen Armee möglich gemacht, die im angeblich fortschrittlichen Deutschland bislang weitgehend unmöglich sind.

Insgesamt sieben Beiträge unterschiedlicher Autor*innen in diesem hochinformativen und ästhetisch gestalteten liefern eine Liebeserklärung an das Land, und klammern als Bestandsaufnahme auch bestehende Diskriminierungen und Herausforderungen nicht aus.

Die Themen:

LGBTQ-Rechte in Israel – Queere Familienmodelle und Elternschaft – Inselposition im Nahen Osten – "Pinkwashing" – Jerusalem Open House for Pride and Tolerance – Homosexualität und Orthodoxie – Armee und Homosexualität – Queer und Zionistin sein.

Fotograf Ilan Nachum war mit seiner Kamera ganz dicht an den Menschen dran und respektierte gleichzeitig ihre Privatheit. Seine authentischen Aufnahmen zeigen neben der Ausgelassenheit und Power auch die vielen Gesichter einer multiethnischen Gesellschaft und all seiner damit verbundenen Herausforderungen in diesem außergewöhnlichen und einzigartigen Land.

Herausgeberin Dr. Nora Pester schreibt in ihrem Vorwort: "Dieses erste deutschsprachige Buch zum Thema kann nur ein Spotlight sein und ist weit davon entfernt, eine Gesamtschau queeren Lebens in Israel zu bieten. Die Komplexität und die Vielzahl der daran beteiligten Institutionen und Personen, aber auch die Geschwindigkeit der Rechtsprechung, wobei sich Gesetzgeber und Gerichte nicht selten über Jahre im Kreis drehen, erlauben keine abschließende Betrachtung."

AVIVA-Tipp: "Queer in Israel" ist weit mehr als nur ein regenbogenbunter, schön anzusehender Bildband. Die fundierten und engagierten Texte aus der Sichtweise unterschiedlicher Verfasser*innen, die die intensiven und unverfälschten Fotos von LGBT-Menschen flankieren, korrigieren darüber hinaus besonders den häufig klischeehaft-einseitigen europäischen Blick auf Israel.

Zum Fotografen: Ilan Nachum wurde 1960 in Jerusalem geboren und lebt in Tel Aviv. Er studierte Film an der Beit-Zvi School for Performing Arts. Viele Jahre war er als Kameramann für TV-Kanäle wie Discovery Channel, National Geographic, Arte, History Channel oder P.B.S. tätig. Er drehte Commercials, Musikvideos und Spielfilme. Seit 2002 lehrte er Fotografie und Film an der Ma´ale School of Film in Jerusalem und an der Minshar School of the Arts in Tel Aviv.
Seit 2008 arbeitet Ilan Nachum wieder als freier Fotograf und zählt zu den führenden israelischen Fotografen in Food-, Design- und Architekturfotografie. Zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen und Buchveröffentlichungen. 2014 erschien sein Bildband "Tel Aviv - one day in the city´s life".
Mehr Infos unter: ilannachum.photography und ilannachum.com

Queer in Israel
Herausgegeben von Nora Pester
Mit Fotografien von Ilan Nachum

Mit Beiträgen von Nora Pester, Sarah Pohl, Frederik Schindler, Arye Sharuz Shalicar, Noa Golani und Interviews mit dem Fotografen Benyamin Reich und dem Jerusalem Open House for Pride and Tolerance
Sprache: Deutsch, Englisch
168 Seiten, Hardcover, 84 Abbildungen
ISBN: 978-3-95565-282-1
Hentrich & Hentrich Verlag, erschienen: 2018
24,90 €
Mehr zum Buch und bestellen unter: www.hentrichhentrich.de

Mehr Infos:

www.timeout.com/israel/lgbt

www.touristisrael.com/gay-tel-aviv-for-beginners

TLVFest – The Tel Aviv LGBT-Filmfestival (6.-15. Juni 2019) unter: www.tlvfest.com/en und www.facebook.com/TLVFest

"Jenseits der Pride Parade. In Israel wird LGBT politisch" Ein Beitrag von Tal Leder, Tel Aviv vom 10. November 2018 auf ntv: www.n-tv.de

www.secrettelaviv.com

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Ursula Raberger - Israelischer Queerer Film
Die österreichisch-jüdische Journalistin und Filmwissenschaftlerin ist Mitinitiatorin des Wiener Kibbutz Klub und engagiert sich im LGBT-Filmfestival TLVFest. Nun hat sie Filme, Regisseur_innen und Filmgeschichte in diesem informativ-bunten Kompendium zusammengefasst. (2015)

Andrea Livnat - 111 Orte in Tel Aviv, die man gesehen haben muss
Eine Liebeserklärung an die Stadt die niemals schläft aus der Sicht der Historikerin, der Kunstliebhaberin und der Feinschmeckerin. Die leitende Redakteurin des jüdischen Internetportals haGalil lebt seit nunmehr dreizehn Jahren in Tel Aviv und hat sich während der Recherche zu den "111 Orten" noch einmal ´ganz neu in die Stadt verliebt´. (2015)

Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare in Israel
In Israel haben gleichgeschlechtliche Paare seit Anfang Februar 2008 das Recht Kinder zu adoptieren, selbst wenn keine/r der beiden PartnerInnen mit dem Kind biologisch verwandt ist. (2008)

Israels Vorreiterrolle bei Rechten von Schwulen und Lesben
Anlässlich des 60. Staatsjubiläums informiert das gemeinnützige internationale "The Israel Project" über die Rechte von Schwulen und Lesben in Israel. Beeindruckend vorbildlich! (2008)

"Keep not silent" von Ilil Alexander
Three women fight for their right to love within their beloved Orthodox communities in Jerusalem. AVIVA-Berlin asks Israeli director Ilil Alexander about the making of her debut documentary. (2005)

Interview with Pazeet Ben Hayl and Galit Shaked-Shaul, the filmmakers of ´Forerunners´ (2004)

Du sollst nicht lieben - Einayim Pkuchot - Eyes Wide Open von Haim Tabakman

"I shot my love" von Tomer Heymann

"Yossi und Jagger" von Eytan Fox


Literatur > Jüdisches Leben

Beitrag vom 14.01.2019

Sharon Adler 






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