Nora Krug - Heimat. Ein deutsches Familienalbum - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
AVIVA-Berlin .
.
P
R
.
.

Cold War - DER BREITENGRAD DER LIEBE AVIVA_gegen_AFD
AVIVA-Berlin > Literatur > Graphic Novels AVIVA-Newsletter bestellen
AVIVA-Berlin auf Facebook AVIVA-Berlin auf twitter
   Aviva - Home
   Veranstaltungen in Berlin
   Women + Work
   Public Affairs
   Kultur
   Jüdisches Leben
   Interviews
   Literatur
   Romane + Belletristik
   Biographien
   Jüdisches Leben
   Sachbuch
   Graphic Novels
   Art + Design
   Lesungen in Berlin
   Music
   Sport
   E-cards
   Gewinnspiele
   Werben bei uns
   About us
   Frauennetze
 


Happy Birthday AVIVA




AVIVA wishes you a happy and peaceful New Year 2018




Aviva-Berlin.de

Versatel






 



AVIVA-BERLIN.de im November 2018 - Beitrag vom 16.10.2018

Nora Krug - Heimat. Ein deutsches Familienalbum
Bärbel Gerdes

"Home is where the heart is" - wo mein Herz ist, dort ist meine Heimat. Was aber, wenn die Heimat so belastet ist durch seine furchtbare Geschichte, dass diese sich selbst über ferne Länder hinweg in den Alltag schleicht und präsent ist? In ihrem zutiefst beeindruckenden Graphic Memoir konfrontiert die in New York lebende Illustratorin und Zeichnerin Nora Krug sich selbst und ihre Familie mit der Vergangenheit und fragt, was Heimat bedeutet.



Seit mehr als 17 Jahren lebt Nora Krug in New York. Sie ist mit einem amerikanischen jüdischen Mann verheiratet. Eine ihrer ersten Begegnungen in den USA geht ihr nicht aus dem Kopf. Erst vor kurzem nach New York gezogen, stand sie auf der Dachterrasse einer Freundin, als eine alte Frau, die ebenfalls dort saß, Krug fragte, ob sie aus Deutschland sei. Nachdem sie dies bejahte, erkundigte sich die junge Studentin vollkommen unbedarft, ob die alte Frau schon einmal in Deutschland gewesen sei. Erst die Erwiderung "vor sehr langer Zeit" ließ Nora Krug verstehen. Die Frau erzählte von ihrem Überleben im Konzentrationslager. Sechzehn Mal habe eine KZ-Aufseherin sie im letzten Moment vor der Gaskammer gerettet, vermutlich weil die Aufseherin in sie verliebt gewesen sei – eine Frau die alle anderen im Lager mit gnadenloser Gewalt schikanierte.
Auf einer der ersten Seiten der Graphic Memoir blickt die Leserin in die Gesichter auf den Schwarz-Weiß-Fotos von neun KZ-Aufseherinnen im Jahr 1945.

Was diese Begegnung bei Nora Krug auslöste, waren Scham und Schuldgefühle. In einem Gespräch mit der FAZ bekräftigt die Autorin, sie glaube an Hannah Arendts Satz "Wo alle schuldig sind, ist es keiner". Trotzdem empfindet die mehr als 30 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges Geborene gegen alle eigenen Überzeugungen ein kollektives Schuldgefühl.

Sie begann sich zu erinnern, wie über Konzentrationslager in Deutschland gesprochen wurde: hinter vorgehaltener Hand, im Flüsterton. Als Kind dachte sie, Juden und Jüdinnen gäbe es nur in der Bibel. "Sie erschienen mir ungreifbar wie eine schon lange ausgestorbene Tierart." Auf der nächsten Seite stürzt uns das brennende Paulinchen aus dem Struwwelpeter entgegen, von der die kleine Nora lernt, dass man kein Mitleid mit sich haben darf, wenn man für sein Verderben selbst verantwortlich ist. Der Krieg war in ihrer Kindheit stets präsent, blieb aber unbeachtet wie die Löwenkopfterrine meiner Großmutter.

Nora Krug, die seit 2007 an der Parsons School of Design in New York lehrt und dort eine Professur hat, verbindet Comicelemente, Fotografien, das alte Schulheft ihres Onkels, Postkarten und Archivdokumente zu einer großen Collage. Durch ihre akribische Recherche will sie herausbekommen, wie es wirklich war in ihrer Familie während der Zeit des Faschismus´, vor allem, wie ihr Großvater sich verhalten hat und was es auf sich hat mit ihrem Onkel, der denselben Namen trägt wie ihr Vater, den sie aber nie kennengelernt hat, weil er achtzehnjährig im Zweiten Weltkrieg fiel. Die 1977 in Karlsruhe geborene Künstlerin arbeitet ihre eigene Kindheit und Jugend auf: Das Ansehen des Films Nacht und Nebel im Schulunterricht und damit die erste visuelle Konfrontation mit den entsetzlichen Leichenbergen in den Konzentrationslagern, Klassenreisen nach Frankreich und Polen und das Wort Vergangenheitsbewältigung. "Wir lernten keine alten Volkslieder. Wir taten uns schwer mit der Bedeutung des Wortes HEIMAT." Nichts lernte sie über die Geschichte ihrer Heimatstadt und dem, was dort geschehen war.

Nora Krug will auch ihre widerstreitenden Gefühle besser verstehen, Scham und Schuld, doch auch Sehnsucht nach Deutschland. Im Notizbuch einer heimwehkranken Auswanderin lesen wir vom deutschen Wald, vom tröstenden Hansaplast und von Uhu, dem starken Kleber, der es aber auch nicht vermag, Bruchstellen zu verdecken. Krug besucht deutsche Vereine in den Vereinigten Staaten, deren deutschen Stolz sie nicht teilen kann, und beobachtet mit gemischten Gefühlen die Fußballweltmeisterschaft in Deutschland 2014.

Ihr deutsches Familienalbum ent-deckt die widersprüchlichen Erzählungen, die es über ihren Großvater gibt. Er habe Juden versteckt, heißt es. Er sei in der NSDAP gewesen, heißt es auch. Woher hatte er, der frühere Chauffeur eines jüdischen Unternehmers, das Geld für den Aufbau einer eigenen Fahrschule?

In dem Schulheft ihres Onkels liest sie seinen Aufsatz Der Jude, ein Giftpilz. Es erfordert große Anstrengung, schreiben zu lernen. Wie sehr musste mein Onkel sich anstrengen, um den Aufsatz über den Giftpilz zu schreiben? fragt Krug bestürzt.

Die Autorin zeigt die verheerenden Auswirkungen des Zweiten Weltkrieges, der seine furchtbaren Fühler bis heute auch in deutsche Familien hineingräbt. Der Krieg war mit 1945 nicht zu Ende. Seine Auswirkungen leben fort.

Ihre Verwandten wurden als Mitläufer eingestuft. "Bei diesen Menschen ist die Schuldfrage viel schwerer zu definieren. Man kann weder Schuld noch Unschuld klar beweisen. Wie geht man damit um?" fragt sie in der Zeit

AVIVA-Tipp: Auf fast 300 Seiten zeichnet und schreibt sich die Künstlerin in die deutsche und in ihre eigene Familiengeschichte hinein. Die Vielschichtigkeit der Perspektiven, die Nora Krug einnimmt, der Mut und die Mühe, mit denen sie ihre Recherchen angeht, und die künstlerische Umsetzung machen ihr Heimatbuch zu einem großen Werk. Das wahrlich deutsche Familienalbum, lädt dazu ein, die eigene Familiengeschichte in all ihren Facetten zu betrachten.

Zur Autorin: Nora Krug wurde 1977 in Karlsruhe geboren. In Liverpool, Berlin und New York studierte sie Bühnenbild, Dokumentarfilm und Illustration. Ihre Zeichnungen und Bildergeschichten erscheinen regelmäßig in großen Tageszeitungen und Magazinen (u.a. "The New York Times", "The Guardian", "Le Monde diplomatique"). Sie ist Fulbright-Stipendiatin und erhielt zahlreiche Preise und Förderungen, u.a. der John Simon Guggenheim Memorial Foundation, der Pollock-Krasner Foundation und der Maurice Sendak Foundation. Krug ist Professorin für Illustration an der "Parsons School of Design" in New York und lebt in Brooklyn. (Verlagsangaben).
Mehr Infos zur Autorin unter: nora-krug.com

Nora Krug
Heimat. Ein deutsches Familienalbum

Penguin Verlag, erschienen am 27.8.2018
288 S., durchgehend farbig, gebunden
ISBN 978-3-328-60005-3
28,00 Euro
Mehr zum Buch unter: www.randomhouse.de

Mehr Informationen – Interviews und Beiträge zu Nora Krug und "Heimat. Ein deutsches Familienalbum":

www.daserste.de

www.youtube.com

www.zeit.de

www.deutschlandfunkkultur.de

FAZ

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Nea Weissberg, Jürgen Müller-Hohagen. Beidseits von Auschwitz Identitäten in Deutschland nach 1945. Dreißig Beiträge, Schlussgedanken von Halina Birenbaum
Viel zu spät wird die Frage nach den seelischen Auswirkungen des NS nicht mehr allein den Kindern der Opfer, sondern auch den Kindern der Tatbeteiligten gestellt. Denn während die Frage nach der Identität für die Nachkommen der Verfolgten keineswegs eine neue ist im öffentlichen Diskurs oder in literarischen und akademischen Publikationen, ist sie das weitestgehend für die Nachkommen der Verfolgenden. Ein Zufall, dass diese Initiative von jüdischer Seite kommt, ist es nicht. (2016)

Alexandra Senfft – Der lange Schatten der Täter
Hat sich die Enkelin eines NS-Kriegsverbrechers in "Schweigen tut weh" mit den emotionalen Verwüstungen in der eigenen Familie auseinandergesetzt, trifft sie nun auch auf Nachkommen anderer NS-Täter. Sie lässt sie in autobiographisch-narrativen Interviews zu Wort kommen und deckt damit die Folgen von Verleugnung und eisernem Schweigen für die Kinder und Enkel der TäterInnen auf. (2016)

Naomi Schenck - Mein Großvater stand vorm Fenster und trank Tee Nr. 12
Die Szenenbildnerin, Autorin und FAZ-Kolumnistin Naomi Schenck erbt von ihrem Großvater, einem Pionier der Fotochemie, den Auftrag, seine Biografie zu schreiben. Schon bald findet sie heraus, dass Günther Otto Schenck bereits 1933 der SA beigetreten ist und 1937 NSDAP-Mitglied wurde. (2016)

Oliver von Wrochem - Nationalsozialistische Täterschaften. Nachwirkungen in Gesellschaft und Familie.
Der informative Sammelband, ein fünf Jahre währendes Langzeitprojekt, beinhaltet 34 Artikel, die sich mit nationalsozialistischer Täterschaft und deren nachträglichen psychosozialen Wirksamkeiten auf die Kriegskindergeneration, die Nachkriegsgeneration und deren Kinder (Enkelgeneration) beschäftigt. Der Herausgeber vertritt die Meinung, dass die erste historisch wissenschaftliche Auseinandersetzung mit NS-Täterschaft in Deutschland erst Mitte 1990 begonnen hat. (2016)

Anna Mitgutsch - Die Annäherung
Hat die österreichische Autorin in ihren Romanen vor allem die Suche nach der jüdischen Identität nach der Shoa thematisiert, wechselt sie in ihrem neuen Roman die Perspektive und taucht ein in das Schweigen, das in den Verbrechen der Nazis zur Mittäterschaft war.

Agata Bara - Der Garten
In dieser Graphic Novel, ihrer Abschlussarbeit an der Folkwang-Universität Essen, tuscht die polnischstämmige Newcomerin berührend und eindrucksvoll ein Stück polnisch-deutscher Geschichte. (2013)

Kathrin Kompisch - Täterinnen. Frauen im Nationalsozialismus
Die NS-Täterinnen waren jahrzehntelang aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden. Kathrin Kompisch untersucht, in welchen Bereichen Frauen an den Verbrechen der NS-Diktatur beteiligt waren. Die Geschichtsforschung zur NS-Diktatur war lange Zeit ausschließlich auf die männlichen Täter und Mitläufer fokussiert, allein über Adolf Hitler, Joseph Goebbels und Hermann Göring wurden Dutzende Biographien verfasst. (2008)

Literatur > Graphic Novels Beitrag vom 16.10.2018 Bärbel Gerdes 





  © AVIVA-Berlin 2018 
zum Seitenanfang suche sitemap impressum datenschutz home Seite weiterempfehlenSeite drucken