Christina Pareigis – Susan Taubes. Eine intellektuelle Biographie - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Literatur Biographien



AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2021 - Beitrag vom 15.02.2021


Christina Pareigis – Susan Taubes. Eine intellektuelle Biographie
Silvy Pommerenke

Seit 2011 wird der schriftliche Nachlass der jüdischen Intellektuellen und Religionsphilosophin Susan Taubes (1928-1969) von der Literaturwissenschaftlerin Sigrid Weigel herausgegeben. An ihrer Seite: Christina Pareigis, die von der hohen Intellektualität und Kreativität Susan Taubes´ beeindruckt ist. Zehn Jahre lang hat sie an der Biographie über Susan Taubes gearbeitet, die im November 2020 im Wallstein Verlag erschienen ist.




Die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin, sowie Studienrätin Christina Pareigis, geht in ihrer Biographie über Susan Taubes sehr analytisch und nüchtern vor, und teilt ihre Arbeit in drei Abschnitte. Im ersten Teil widmet sie sich schwerpunktmäßig der Textexegese des autobiografisch inspirierten Romans von Susan Taubes "The Divorcing" (auf Deutsch "Scheiden tut weh"), den sie 1956 zu schreiben begann, und der 1969 erschien. Im zweiten Teil geht es vor allem um die philosophischen Themenbereiche Dialektik, Nihilismus, Existentialismus, Metaphysik und Eschatologie, die äußerst detailreich behandelt werden. Schließlich widmet sie sich im dritten Teil der schriftstellerischen Tätigkeit Susan Taubes und interpretiert hier vor allem ihre Erzählungen (unter anderem "Der Patient", "Dr. Rombachs Tochter" oder "Die goldene Kette").

Gerade im zweiten Teil gibt Christina Pareigis ein Spiegelbild Susan Taubes´ Intellektualität wider, die sich Streitgespräche mit vielen großen Denker*innen des letzten Jahrhunderts lieferte, die die Philosoph*innen Martin Heidegger, Simone Weil, Hannah Arendt, Kierkegaard oder Nietzsche in und auswendig kannte.

Bevor sich Christina Pareigis der intellektuellen Biographie zuwendet, beleuchtet sie die Herkunft von Susan Taubes und geht dafür bis in das späte 19. Jahrhundert zurück, um ausgehend von den jüdischen und streng gläubigen Großeltern ein ganzheitliches Bild der späteren Intellektuellen zu entwickeln, die sich dem jüdischen Glauben nicht verbunden fühlte und zeitweilig mit der Konvertierung zum Katholizismus liebäugelte. Sie heiratete 1949 Jacob Taubes einen der bedeutendsten jüdischen Religionsphilosophen des zwanzigsten Jahrhunderts. Die beiden trennten sich aber 1961, vor allem wegen unterschiedlicher religiöser Einstellungen, und ließen sich 1967 schließlich scheiden.

Susan Taubes Leben war geprägt von Depressionen, deren Ursprung in ihrer jüdischen Lebensgeschichte lag, die zerrissen war durch die nationalsozialistische Terrorherrschaft und dem Zwang zum Verlassen ihrer ungarischen Heimat. Das Ergebnis war die "Nicht-Zugehörigkeit als einzige Kontinuität in einer lebensgeschichtlichen Aneinanderreihung von Diskontinuitäten". Um dieser inneren Not zu entkommen, ging sie häufig auf Reisen, was eine palliative Wirkung auf sie hatte.

Sie promovierte in Harvard über Simone Weil, war Dozentin an der New Yorker Columbia University und verkehrte unter anderem mit Susan Sontag. Diese Freundschaft war ambivalent und kursierte "zwischen Intimität und Distanz, zwischen Artikuliertem und Verschwiegenem, zwischen persönlicher Nähe und intellektueller Beziehung." Für Susan Sontag war Susan Taubes wie ein Zwilling, denn es gab viele verbindende Momente zwischen den beiden, beispielsweise, dass ihre Väter weit entfernt waren und beide Anpassungsschwierigkeiten hatten.

Trotz dieser Anpassungsschwierigkeiten bescheinigte ihre Umwelt ihr einen herausragenden Intellekt, umfangreiches Wissen und einen analytischen Verstand, ein Professor bezeichnete sie als "one of the most and promising women", die ihm je begegnet sei. Als Religionsphilosophin versuchte sie, "die Erfahrungen von Krieg und Holocaust in eine Beschreibung von Heimatlosigkeit und Gefangenschaft im Zeitalter fortschreitender Technisierung und damit einhergehender Entmenschlichung zu integrieren". Der Mord an den Jüdinnen und Juden Europas wurde zum bestimmenden Motor in ihrer intellektuellen Arbeit, führte sie aber auch zu ihrem letzten Schritt: Am 06. November 1969 verübte sie Selbstmord, indem sie sich ertränkte. Susan Sontag, die ihre Leiche identifizierte, meinte fassungslos: "Hat sie sich also doch umgebracht, diese dumme Frau."

AVIVA-Tipp: "Susan Taubes. Eine intellektuelle Biographie" ist anspruchsvoll, detailreich und akribisch recherchiert. Neben dem außergewöhnlichen Leben der jüdischen Philosophin Susan Taubes und den verschiedenen philosophischen Strömungen erfährt die Leser*in viel über die Nachkriegszeit der USA und Europas sowie die Auswirkungen der Shoa und die transgenerationelle Weitergabe der Traumata an die Zweite Generation.

Zu Susan Judith Taubes: geboren 1928 als Judit Zsuzsánna Feldmann in Budapest, gestorben am 6. November 1969 in East Hampton. Sie stammte aus einer jüdisch ungarischen Familie. Ihr Großvater Mózes Feldmann war Großrabbiner und ihr Vater Sándor Feldmann Psychoanalytiker. Sie emigrierte mit ihrem Vater und ohne die Mutter Marion Batory (geb. Margit Jozefa Ripper, die einer jüdischen Brauereifamilie entstammte) die Ehe wurde 1938 geschieden 1939 in die USA, wo sie Philosophie an der Harvard University studierte und 1956 bei Paul Tillich über Simone Weil promovierte (The Absent God. A Study of Simone Weil).

Danach arbeitete sie als Religionswissenschaftlerin, Kulturwissenschaftlerin und Schriftstellerin. In ihren letzten Lebensjahren wandte sie sich von der universitären Arbeit ab und betätigte sich überwiegend im Bereich des Theaters und der Literatur. Zu ihrem weitläufigen Bekanntenkreis zählte unter anderem Susan Sontag.

Von 1949 bis 1961 war sie mit dem Religionssoziologen, Philosophen und Judaisten Jacob Taubes verheiratet. Sie bekamen zusammen einen Sohn (Ethan, geboren 1953) und eine Tochter (Tania, geboren 1956). Im November 1969 erschien ihr autobiographischer Roman "Divorcing" ("Scheiden tut weh"). Nur wenige Tage nach seiner Veröffentlichung verübte Susan Taubes am 6. November 1969 Suizid.

Zur Autorin: Christina Pareigis, geboren 1970, Literatur- und Kulturwissenschaftlerin, ist Studienrätin in Hamburg und war zuvor Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung Berlin (ZfL). Forschungsschwerpunkte u.a. europäisch-jüdische Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts, Jiddische Literatur und Literatur der Shoah. Sie wurde 2004 mit dem Joseph Carlebach-Preis ausgezeichnet.

Christina Pareigis
Susan Taubes. Eine intellektuelle Biographie

Wallstein Verlag, Erscheinungstermin 11/2020
Gebunden, 472 Seiten, 19 Abb.
ISBN 978-3-8353-3749-7
Euro 29,00

Mehr zum Buch unter: www.wallstein-verlag.de

Mehr über die von Sigrid Weigel herausgegebene Susan Taubes-Edition im Zentrum für Literatur- und Kulturforschung/ZfL: www.zfl-berlin.org.

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