Hanna Lemke - Geschwisterkinder - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Literatur



AVIVA-BERLIN.de im November 2021 - Beitrag vom 29.08.2012


Hanna Lemke - Geschwisterkinder
Evelyn Gaida

Ein heißer Sommer in Berlin und zwei Geschwister, die fremd in ihrem eigenen Leben sind. Gerade dadurch nähern sie sich einander letztlich an. Die Autorin schreibt davon in schwerelos luftiger...




... Sprache und skizzenhaftem Stil – und das ist sowohl Stärke, als auch Schwäche der Erzählung.

Milla arbeitet begeisterungslos in einem Spielwarenladen, Ritschie ist Fotoredakteur. Seine Diplomarbeit widmete er der Vergrößerung von Details, derweil halten die Geschwister ihre Umwelt konstant auf Distanz. Alles, was ihnen widerfährt, scheint zufällig und ohne wirkliche innere Beteiligung zu geschehen.

Interessant ist Lemkes Wechsel der Erzählperspektive zwischen den beiden Hauptfiguren. Während Letztere oft nicht in der Lage sind, sich der/dem anderen mitzuteilen, und sich fragen, was das Gegenüber wohl denkt, wissen die LeserInnen um die beidseitige Unsicherheit. Lemke siedelt ihre Geschichte, die eine gewisse Kurzfilmcharakteristik aufweist und der Nachfolger des vielgelobten und zum Generationenporträt erklärten Debüts, dem Kurzgeschichtenband "Gesichertes" (2010) ist, im Raum des Nicht-Ausgesprochenen und der einvernehmlichen Ratlosigkeit an. Das hat durchaus seinen Reiz, insbesondere durch die bereits erwähnte sprachliche Leichtigkeit, bleibt aber auch eine Erzählung "light", die sich zu häufig im Klischeehaften und Schwammigen erschöpft. Überdeutlich wird auf diese Weise jedoch die abgekapselte Position der Geschwister, die ihrem eigenen Leben desinteressiert zuschauen, in einer unbewussten Depression, einer beziehungslosen Automatik gefangen sind.

Milla und Ritschie sehen sich nur selten, bis eine gemeinsame Einladung zu einer Hochzeit sie wieder zusammenführt. Milla kann das Hochzeitspaar eigentlich nicht leiden, eine Zufallsbekanntschaft aus dem Biergarten, an die sie schon gar nicht mehr gedacht hatte: Sonja und Torsten werden dadurch charakterisiert, dass sie sich mit einem beständigen Nicken immerzu gegenseitig bestätigen. Eine zahnweiß grinsende Karikatur von einem Paar, auf deren Hochzeit viel "Cheese" gesagt wird und ein Gast schließlich bemerkt, die beiden eigentlich gar nicht zu kennen. Mit diesem Satz ist das Geschehen rund um die Hochzeit, Sonja und Torsten, eigentlich erledigt und wirkt überflüssig. Milla fühlt sich selbstverständlich klaustrophobisch, deplatziert und unwohl bei der Feier – all das ist ein altbekanntes Schema F, das hier ganz simpel ein weiteres Mal wiederholt wird. Bemerkenswert und problemgeladener wäre es gewesen, ein Paar darzustellen, das glatt ein Projekt nach dem nächsten abhakt und mit einem entsprechend sportlich wohlorganisierten Fest aufwartet, aber sich trotzdem nicht mit einem einfachen Satz ablegen lässt.

Zwischendurch kommt Ritschie mehr aus Versehen mit einer Redaktionspraktikantin zusammen, in die er nicht verliebt ist. Sie heißt Fabienne, ist immer perfekt und aufwendig geschminkt, und sitzt in ihrer Freizeit viel mit Freundinnen vor Cocktailgläsern. Überflüssig zu erwähnen, dass sie und Ritschie sich nichts zu sagen haben. Milla hat sich mit ihrem Freund Simon auseinandergelebt, wohnt jedoch immer noch mit ihm zusammen, warum, bleibt völlig im Dunkeln. Den Sex lässt sie wie eine alltägliche Routineverrichtung über sich ergehen, ohne wirklich anwesend zu sein. Die Geschwister werden zudem von "Doktor Charles" heimgesucht, einem älteren Freund der Familie, der sich durch mitleiderregende Penetranz hervortut. Ein teilnahmsloses, blasses Leiden durchzieht das Buch, das niemals Intensität erreicht.

Anteilnahme bringen vor allem die "Geschwisterkinder" füreinander auf, obwohl sie sich zu Beginn der Erzählung fremd sind. Ihre Treffen rufen Kindheitserinnerungen wach, das Einzige, das sie jeweils mit sich selbst in Kontakt bringt. "`Meinst du, wir waren als Kinder auch schon so, wie wir jetzt sind?´", fragt Milla ihren Bruder. Was letztlich doch zu berühren vermag, ist die gegenseitige Akzeptanz der Geschwister. "Meine kleine Schwester", denkt Ritschie einmal mit Rührung, ohne Milla dominieren zu wollen oder auf sie herabzublicken. Sie tragen keinen Konkurrenzkampf aus, sondern sind in einer stillen Gleichrangigkeit miteinander verbunden. Dieses Verbundensein bringt sie auch der Leserin näher.

AVIVA-Tipp: Ein Buch von sprachlicher Leichtigkeit, das einen eher blassen und flüchtigen Eindruck hinterlässt, sich jedoch gut als Lesestoff für den Park oder Balkon eignet.

Zur Autorin: Hanna Lemke, geboren 1981 in Wuppertal, studierte von 2002 bis 2006 am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. 2010 erschien ihr Debüt "Gesichertes" im Verlag Antje Kunstmann. Sie lebt in Berlin. (Quelle: Verlag Antje Kunstmann)

Hanna Lemke
Geschwisterkinder

Erzählung
Verlag Antje Kunstmann, erschienen im Februar 2012
Hardcover, 128 Seiten
ISBN 978-3-88897-749-7
14,95 Euro

Weitere Informationen finden Sie unter:

www.kunstmann.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Hanna Lemke – Gesichertes. Stories

Eine flexible Frau - ein Film von Tatjana Turanskyj

Morgen das Leben - Ein Film von Alexander Riedel


Literatur

Beitrag vom 29.08.2012

Evelyn Gaida 






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