Der Multikulti-Irrtum - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Literatur





 

Chanukka 5782




AVIVA-BERLIN.de im November 2021 - Beitrag vom 03.02.2008


Der Multikulti-Irrtum
Clarissa Lempp

Seyran Ates widmet sich der Frage "Wie wir in Deutschland besser zusammen leben können". Aus eigenem Erleben und handfesten Grundlagen verfasst sie eine klare Momentaufnahme der Integrationspolitik




Parallelgesellschaft, Zwangsheirat, Ehrenmorde- Schlagwörter die den deutschen Integrationsdiskursen in den letzten Jahren Feuer geben. Durch Öffentlichkeitsarbeit von Menschenrechts-, Frauen- und MigrantInnenorganisationen sind diese Begriffe keine leeren Hülsen mehr. Die Frage nach dem Umgang damit ist aber noch auf vielen Wegen offen. Seyran Ates blickt kritisch auf die Begegnung der deutschen Integrationspolitik und die Wertetraditionen in den Einwanderer-Communitys. Vier Jahre nach ihrer Autobiografie Große Reise durch das Feuer" positioniert sie sich, selbst als "streitbare" Persönlichkeit in der öffentlichen Integrationsdebatte wahr genommen, mit ihrem Buch "Der Multikulti-Irrtum" zur aktuellen Lage.

Anschaulich verfolgt Seyran Ates die Geschichte der türkischen MigrantInnen in Deutschland: Von den GastarbeiterInnen in den 1950ern, die alle in die Heimat zurückkehren wollten und trotz "Tarzan-Deutsch" und Arbeiterwohnheimen 30 Jahre blieben. Deren Kinder, die zweite "entwurzelte" Generation, ist laut Ates der Beweis dafür, dass die ersten müden Integrationsversuche der Multi-Kulti BefürworterInnen gescheitert sind. Und sie zieht ein trauriges Resümee über die dritte Generation: sie seien kaum mehr als "zweisprachige Analphabeten". Um diesen Kindern und Jugendlichen Chancengleichheit zu bieten, muss nach Ates die sprachliche Bildung und damit auch die Schulpolitik, aktiver in den Integrationsprozess eingebunden werden. Deutschland definiert sich heute, wie die USA, als Einwanderungsland, die Realität dagegen sieht anders aus, so Ateº. Die "Mulitkulti-Fanatiker" und die konservativen muslimischen Verbände seien Schuld am "fürchterlichen Nebeneinander der Kulturen". Das als Toleranz verkleidete gegenseitige Desinteresse von "Urdeutschen" und Einwanderern stelle sich gegen eine erfolgreiche Integration der Zuwanderer. Die Schwierigkeiten spiegeln sich bereits in der fortwährenden Suche nach der angemessen Bezeichnung wider. Aus "Gastarbeitern" wurden zunächst "Ausländer", dann "ausländische Mitbürger", später "Deutsche türkischer Herkunft" und nach dem 11. September 2001 schließlich "Muslime". Ates selbst schlägt den Begriff "Deutschländer" vor, der in der Türkei für in Deutschland lebende Türken verwendet wird.

Aus persönlichen Erfahrungen und mit dem Wissen einer Familienanwältin und Frauenrechtsvertreterin deutsch-türkischer Herkunft, sind für Ateº, neben Bildung und Sprache, Unterdrückung und Gewalt gegen Frauen zentrales Thema einer gelingenden Integrationspolitik. Sie beschreibt unverblümt Fälle von sexueller und häuslicher Gewalt und berichtet über die "Überwachungssysteme" der Familien. Ehrenmorde, "Jungfräulichkeitswahn", Verschleppung, Bedrohung sollen mit dem Koran gerecht fertigt werden. Dass die Scharia, also die islamische Gesetzschreibung, solche Verbrechen berechtige, entkräftigt Ateº mit dem Hinweis darauf, dass sie keine allgemeingültige Grundlage bildet. Der Islam bilde keine homogene Gruppe. Verschiedene Auslegungen prägen die Sicht und den Umgang mit den Lehren und Rechten. Die religiöse Deutungshoheit der Fundamentalisten zentriert Seyran Ateº als Ausgangspunkt eines angemessenen Integrationsansatzes. Nicht der Deutsche Rechtsstaat muss sich nach der Vorstellung von Religionsfreiheit einer Gruppe richten, sondern der/die Einzelne muss das System der Gesellschaft, in der er lebt, respektieren. Der "Kopftuchstreit" oder die Rechtssprechungen in Fällen der Befreiung vom Sportunterricht muslimischer Mädchen, zeigen aber ein gegenteiliges Bild. Aber nur eine Gesellschaft mit eigenen Vorstellungen und dem Konsens über ihre Werte kann diese auch verteidigen und vermitteln. Seyran Ates plädiert deshalb nicht nur für eine Liberalisierung des Islams, sie rückt auch in diesem Zusammenhang die Bedeutung einer "europäischen Leitkultur" im Sinne eines "Kulturpluralismus mit Wertekonsens" in den Blick.


Zur Autorin: Seyran Ates, 1963 in Istanbul geboren, lebt seit 1969 in Deutschland. Sie ist Autorin und arbeitete bis 2006 als Rechtsanwältin mit eigener Kanzlei. 2003 erschien ihre Autobiographie Große Reise ins Feuer. Sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Berliner Frauenpreis des Berliner Senats für Wirtschaft, Arbeit und Frauen (2004), die Ehrung zur Frau des Jahres durch den Deutschen Staatsbürgerinnen-Verband (2005) und den Ossip-K.-Flechtheim-Preis des Humanistischen Verbands Deutschland (2006). Seyran Ates lebt in Berlin.
Weitere Informationen unter: www.seyranates.de

AVIVA-Tipp: Der "Multikulti-Irrtum" berichtet eindrücklich und bissig von der "Integrationsfront". Seyran Ates beweist sich mit vielversprechenden gesellschaftspolitischen Ansätzen und klugen Vorschlägen zur Bildungs- und Integrationspolitik als Frau vom Fach. Mit mutiger und scharfsinniger Stimme kritisiert sie die Integrationspolitik und scheut sich auch nicht davor, ihre persönliche Lebenswelt und ihre eigene Position als Integrationsvertreterin unter die Lupe zu nehmen. Zwar schlägt sie mit der Verurteilung der Linken und der "Multi-Kulti-Fanatiker" bisweilen über die Stränge, der Erfahrungswert und die doppelte Perspektive, die das Buch lesenswert machen, bleiben dadurch aber weitgehend unberührt.


Seyran Ates
Der Multikulti-Irrtum
Wie wir in Deutschland besser zusammenleben können

Ullstein Verlag, erschienen 2007
288 Seiten, Gebunden
ISBN-10: 3550086946
ISBN-13: 9783550086946
18,90 Euro


Literatur

Beitrag vom 03.02.2008

Clarissa Lempp 






AVIVA-News bestellen
  AVIVA-Berlin auf Facebook AVIVA-Berlin auf twitter



Esther Dischereit - Mama, darf ich das Deutschlandlied singen. Politische Texte

. . . . PR . . . .

Esther Dischereit - Mama, darf ich das Deutschlandlied singen. Politische Texte
Jüdisch. Solidarisch. Antirassistisch. Der Essayband mit einem Vorwort von Aleida Assmann knüpft an die beiden Aufsatzbände "Übungen jüdisch zu sein" und "Mit Eichmann an der Börse" an.
Mehr zur Autorin, zum Buch, sowie Bestellung unter: www.mandelbaum.at

Hila Amit - Hebräisch für Alle. Von der Sprache zur Vielfalt.

. . . . PR . . . .

Hila Amit - Hebräisch für Alle
Das erste queere und feministische Hebräisch-Lehrbuch in Deutschland. Das Arbeitsbuch enthält zahlreiche lebensnahe Beispiele und Übungen, um den Wortschatz direkt anzuwenden und zu verinnerlichen.
Mehr Informationen zum Buch und Bestellung unter: www.edition-assemblage.de

Ich bin noch nie einem Juden begegnet …

. . . . PR . . . .

Ich bin noch nie einem Juden begegnet
»Das Geschichtenerzählen ist Teil der jüdischen DNA«, meint Peninnah Schram, Literaturprofessorin und eine der Protagonistinnen in Haase-Hindenbergs neuem Buch. In einem außergewöhnlichen literarischen Stil erzählt er von den Lebensgeschichten jüdischer Menschen in Deutschland.
Mehr Informationen zum Buch und Bestellungen unter: www.edition-koerber.de

Maria Nurowska - Briefe aus Katyn

. . . . PR . . . .

Maria Nurowska - Briefe aus Katyn
Polen vor dem 2. Weltkrieg: Janina Lewandowska lässt sich zur Pilotin ausbilden. 1939 heiratet sie ihren Fluglehrer Mieczysław Lewandowski, gerät aber nach Kriegsausbruch in russische Kriegsgefangenschaft...
Mehr Informationen zum Buch und Bestellung unter: www.ebersbach-simon.de

Ahima Beerlage - Riss in der Zeit

. . . . PR . . . .

Ahima Beerlage - Riss in der Zeit
Jana geht nicht gern unter Menschen. Und erzählt nie von ihrer Vergangenheit. Ihre Lebensgefährtin Frauke verbucht das unter "wortkarge Butch". Als Jana ins Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit gerät, ändert sich das Leben der beiden Frauen radikal.
Mehr zum Buch und Bestellinfos unter: www.krugschadenberg.de


Kooperationen

editionfuenf
HentrichHentrich
AvivA-Verlag
ebersbach-simon
Krug & Schadenberg -  Der Verlag für lesbische Literatur