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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2021 - Beitrag vom 29.10.2007


Gudrun Blankenburg, Friedenau – Künstlerort und Wohnidyll
Yvonne de Andrés

Friedenau ist ein Ort mit idyllischem Flair. Die grüne Lunge Berlins wurde Wohn- und Arbeitsort der Inspiration für KünstlerInnen: Ruhige Seitenstraßen, raue Zeiten und neue Karrieren.




Friedenau wurde 1871 von dem Stadtentwickler Johann Anton Wilhelm von Carstenn-Lichterfelde für die Menschen angelegt, die der Berliner Mietskaserne entfliehen wollten. Frau Blankenburg, die Stadtteilchronistin, schreibt: "Der Stil der Bebauung, bescheidene Landhäuser mit einem kleinen Garten, deckte die Sehnsucht nach städtischem Komfort in ländlicher Umgebung ab und die Raumwirkung entsprach der Vision einer Gartenidylle." Seinen Namen erhielt die Landhauskolonie von Hedwig Frege, die 1874 für diese friedliche Gegend den Namen Friedenau auswählte.

Ab 1887 konnte das Carstennsche Konzept nicht mehr aufrechterhalten werden, Landhausvillen mussten weichen und mehrstöckige herrschaftliche Mietshäuser wurden hier errichtet. Lange blieb Friedenau deshalb eine Baustelle.

Um die Jahrhundertwende bot Friedenau für viele KünstlerInnen preiswerte Dachateliers, die hoch attraktiv waren. "Unter den Dächern schufen sie sich eine Gegenwelt", schreibt die Autorin. So konnten sie an der pulsierenden Großstadt teilhaben und lebten doch fernab von ihr. Hier wohnte die Bildhauerin und Grafikerin Renée Sintenis, die Malerin Lotte Laserstein, deren Bilder in 2006 im Ephraimpalais und im Verborgenen Museum gezeigt wurden, die Collagistin Hannah Höch, deren Arbeiten die Berlinische Galerie vom 06.04. bis 02.07.2007 in einer faszinierenden Übersichtsschau zeigte, die Schriftstellerin Dinah Nelken und die politische Denkerin Rosa Luxemburg, um nur die bekanntesten Namen zu erwähnen.

Bereits mit den ersten Straßenschlägereien 1928 zerbrach diese Idylle. 1926 gründete sich in Friedenau die erste NSDAP Ortgruppe, die es auf jüdische Einrichtungen wie die Lesehalle und das Bezirkssekretariat IV der Berliner Jüdischen Gemeinde oder auf die KPD-BesucherInnen der Roten Pappschachtel abgesehen hatte. Oswald Schulz, der NSDAP-Ortsgruppenleiter, wird für sein parteitreues Durchgreifen 1933 mit dem Posten des Bürgermeisters von Schöneberg belohnt.

Friedenau ist aber auch ein Ort jüdischer Not und des Widerstandes. Edith Wolff, genannt Ewo, gründete zusammen mit dem Lehrer Jizchak Schwersenz und anderen untergetauchten jüdischen FreundInnen die religiös-zionistische Widerstandsgruppe Chug Chazuli (Kreis der Pioniere). In der Nähe befanden sich weitere Widerstandsgruppen, so Die rote Kapelle, die Gruppe um Hans Coppi oder das Ehepaar Greta und Adam Kuckhoff. Die Stolpersteine beginnen die Namen der Ermordeten wieder in unser Gedächtnis zu rufen.

Mitte der 1960er Jahre wird Friedenau noch einmal ein Ort der DichterInnen. Sie leben heute nicht mehr. Lauschig aber ist es hier weiterhin. Zu entdecken gibt es hier vieles: spannende Buchhandlungen und das Das Literaturhotel Berlin
(www.literaturhotel-berlin.de) der Schriftstellerin Christa Moog. Der Stadtteil befindet sich im Umbruch.

Zur Autorin: Gudrun Blankenburg ist Autorin und Stadtführerin. Sie hat sich auf Touren im Stadtbezirk Schöneberg spezialisiert. Weitere Informationen finden sich unter: www.berlin-spuren.de

AVIVA-Tipp: Ein sorgfältiges, stimmungsvolles Buch über die Geschichte eines Stadtteils. Viele kleine Geschichten und Bilder laden zum Schmökern ein. Leider ist das Querformat nicht unbedingt für einen Stadt-Spaziergang geeignet, denn das Buch passt nicht in eine Jackentasche. Das Kapitel "Raue Tage in Friedenau" umfasst sowohl die NS-Zeit als auch die Zeit bis in die 50er Jahre. Das ist verwunderlich, denn ansonsten setzt sich Frau Blankenburg durchaus intensiv mit der NS-Zeit auseinander.

Gudrun Blankenburg
Friedenau - Künstlerort und Wohnidyll

Die Geschichte eines Berliner Stadtteils.
Frieling & Huffmann Verlag, erschienen September 2006
60 Abbildungen, davon 30 farbige, kartoniert - 120 Seiten
ISBN: 3828023509
EAN: 9783828023505
19,90 Euro


Literatur

Beitrag vom 29.10.2007

Yvonne de Andrés 






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