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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2021 - Beitrag vom 18.10.2007


Heike Specht, Die Feuchtwangers
Yvonne de Andrés

Lion Feuchtwanger, der Chronist des Antisemitismus, entstammt aus einer weit verzweigten bayerisch-jüdischen Familie. Diese Geschichte gilt es zu entdecken, denn sie ist verschüttet.




Heike Specht breitet fächerartig das Tableau der Familie Feuchtwanger vor uns auf. Erstmals wird wissenschaftlich eine deutsch-jüdische Familiengeschichte über fünf Generationen hinweg erschlossen - vom Kaiserreich bis in die Zeit nach 1945. Specht hat dafür intensiv recherchiert, Gespräche geführt und private Dokumente einsehen können. Die Autorin geht chronologisch vor. Viele Stimmen der kinderreichen und weit verzweigten Familie kommen zu Wort. Specht geht in ihrem Buch "Fragen bezüglich Verbürgerlichung und zum wirtschaftlichem Aufstieg, Integration und Akkulturation sowie des Umgangs mit dem eigenen Jüdisch-Sein und der religiösen Observanz detailliert und differenziert" nach.
Der berühmteste Sohn der wohlhabenden jüdisch-orthodoxen Fabrikantenfamilie ist der Schriftsteller Lion Feuchtwanger. 1884 in München geboren, gehörte er der dritten Generation an. Ob in München, Berlin, Südfrankreich oder Kalifornien, er hielt am Judentum fest. In seinen 15 Büchern befasst er sich mehrheitlich mit jüdischen Themen und jüdischen ProtagonnistInnen. Bereits in den frühen 20er Jahre wies er auf den wachsenden Antisemitismus und auf die Gefahren der Emanzipation hin: "Nach alledem fühlten sich die Juden grenzenlos sicher. Sie nahmen an, die Judenfrage existiere nicht mehr, das Ziel der Emanzipation sei erreicht. (...).

Rasch und gründlich verloren sie den sicheren psychologischen Instinkt, den ihre Väter besessen hatten, die Juden des Ghettos. Es verschwand ihnen das instinktive Wissen, immer in Gefahr zu sein, jenes Wissen, das ihre befähigt hatte, die Mächtigen richtig zu behandeln, der Gefahr zu entrinnen."

Wie ein roter Faden zieht sich der Aufstieg und Fall starker jüdischer Charaktere, die das Schicksal gestalten wollten - Josef Süß Oppenheimer in "Jud Süß", Jehuda Ibn Esra in "Die Jüdin von Toledo" oder Flavius Josephus in der Josephstrilogie, der die Geschichte des Makkabäer-Aufstand gegen die römische Oberherrschaft erzählte - durch sein Werk. Die Warnungen die sie von ihrer Umwelt erhielten, schlugen sie in den Wind. Während einer Vortragsreise in die USA wurde Lion Feuchtwanger 1933 von der Machtergreifung in Deutschland überrascht. Er kehrte als "eine der beliebtesten Zielscheiben der NS-Propaganda" nicht mehr nach Deutschland zurück. Zusammen mit seiner Frau Marta emigrierte er in die USA und starb 1958 in Los Angeles.

Die süddeutsche Bankiers- und Unternehmerfamilie Feuchtwanger war fromm und die ersten drei Generationen orthodox, sie gehörte zur breiten Schicht wohlhabender jüdischer Honoratioren. Ihre ersten Wurzeln finden sich in Feuchtwangen und im "fränkischen Jerusalem", Fürth. Von dort aus siedelte die Familie nach München über. Die Feuchtwangers gründeten ihre eigenen Unternehmen, z. B. die J.L. Feuchtwanger Bank und die Margarinenfabrik Feuchtwanger. Die eigenen Unternehmen ermöglichten ihnen, sowohl die jüdische Religiosität aufrecht zuhalten als auch ein modernes und säkulares Leben zu führen. Die Familie fühlte sich integriert und liebte München, das Wandern und Skifahren in den Bergen, die bayerische Sprache und die Kultur. Weil die Feuchtwangers sich der säkularen Gesellschaft nicht sehr weit öffneten, blieben ihnen antisemitische Erfahrungen, wie sie Walther Rathenau 1911 beschrieb, erspart: "In den Jugendjahren eines jeden deutschen Juden gibt es einen schmerzlichen Augenblick, an den er sich zeitlebens erinnert: wenn ihm zum ersten Male voll bewusst wird, dass er als Bürger zweiter Klasse in die Welt getreten ist, und dass keine Tüchtigkeit und kein Verdienst ihn aus dieser Lage befreien kann." Im Ersten Weltkrieg verstand man sich als "gute" deutsche Patrioten. Heike Specht schreibt: "Man hatte das Gefühl an einem weltbewegenden Ereignis teilzuhaben, an einer kriegerischen Auseinandersetzung, die die Weichen für die Zukunft stellen würde."

Prägend war die innerjüdische Auseinandersetzung zwischen Reform und Orthodoxie. Der Schock der so genannten Judenzählung von 1916 saß tief. Die Autorin der Familienbiografie merkt an: "damals wurden die Leistungen der jüdischen Soldaten ganz offiziell und von oberster Stelle in Frage gestellt und damit antijüdische Vorurteile legitimiert und genährt." Die Ideen Theodor Herzls, die Dreyfuss-Affäre und die Erfahrungen von 1916 führten dazu, dass einige der Familienmitglieder sich im Zionismus engagierten. Die Generation der nach 1981 geborenen Feuchtwangers, studierte, war nicht mehr so religiös und brach mit den tradierten Rollenbildern, den arrangierten Ehen und begann eigenständige Wege einzuschlagen. Auch die Entscheidung, Bankier oder Kaufmann zu werden wurde in Frage gestellt.

Die Familienbiografie verfolgt das Leben der Feuchtwangers vom Kaiserreich über den I. Weltkrieg, die Räterepublik, über die temporeichen 20er Jahren, den heraufziehenden Nationalsozialismus, die Schließung der J.L. Feuchtwanger Bank bis hin zu Ausgrenzung, Verfolgung und Flucht.

Im letzten Kapitel stellt Heike Specht die verschiedenen Wege des Exils nach Palästina, USA, Großbritannien und Südamerika vor. Sehr unterschiedlich verlaufen hier die Identifikation und die Eingewöhnung in den jeweiligen Ländern. Trotzdem funktionierte der innerfamiläre Zusammenhalt und auch die Solidarität. Das "Emigrantensyndrom" war am wenigsten ausgeprägt bei den Feuchtwangers, die in Palästina/Israel ankamen. Die Einstellung wohl der meisten Mitglieder der Familie zu dem Deutschland nach 1945 war zurückhaltend bis abweisend. Trotz dieser Vorbehalte kehrte Walter Feuchtwanger als vierzehnjähriger Mitte der 50er Jahre nach München zurück. Er starb 1999.

Zur Autorin: Heike Specht, geb. 1974, studierte Geschichte und Literaturwissenschaft in Nürnberg und in München mit dem Schwerpunkt Jüdische Geschichte. Für ihre Promotionsarbeit am Lehrstuhl für jüdische Geschichte und Kultur bei Professor Michael Brenner über die Familie Feuchtwanger erhielt sie 2004 den Hochschulpreis der Landeshauptstadt München. Seit Juli 2001 hat Heike Specht mit Doris Seidel und Silke Streppelhoff im Auftrag des Kulturreferats der Stadt München an einem Konzeptentwurf für die historische Abteilung des Jüdischen Museums München auf dem Jakobsplatz gearbeitet. Zusammen mit Eli Bar-Chen hat sie das Buch "Warum Schabbat schon am Freitag beginnt" veröffentlicht.

AVIVA-Tipp: Die Studie von Heike Specht ist umfassend, differenziert und sehr spannend. Anhand der Familiengeschichte der Feuchtwanger kann die Geschichte Münchens, die Chronik einer orthodoxen deutsch-jüdischen Familie und ihrer Tradierung religiöser Auffassungen im 19. und 20. Jahrhundert lebendig nachvollzogen werden kann. Abgerundet wird das Panorama durch zeitgeschichtliche und religiöse Betrachtungen.

Heike Specht
Die Feuchtwangers

Familie, Tradition und jüdisches Selbstverständnis im deutsch - jüdischen Bürgertum des 19. und 20. Jahrhunderts.
Wallstein Verlag, erschienen Mai 2006
Gebunden, 464 Seiten, 10 Abbildungen
ISBN: 9783835300170
39.00 Euro


Literatur

Beitrag vom 18.10.2007

Yvonne de Andrés 






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