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AVIVA-BERLIN.de im September 2020 - Beitrag vom 25.02.2020


Paris Calligrammes - Ein Film von Ulrike Ottinger. Kinostart Wiederaufführung: 11. Juni 2020
Sharon Adler, Helga Egetenmeier

Die Filmemacherin, die in den 1960er Jahren als Malerin in Paris lebte, baut ihre Erinnerungen an diese Zeit der sozialen, politischen und kulturellen Umbrüche zu einem spannenden filmischen Mosaik zusammen. Im Zentrum ihrer filmischen Autobiographie stehen die Menschen, die sich im Antiquariat "Librairie Calligrammes" des jüdischen Exilanten Fritz Picard in Paris trafen. Weltpremiere hatte ihr Film "Paris Calligrammes" am 22. Februar 2020 bei den 70. Internationalen Filmfestspiele Berlin, wo Ulrike Ottinger mit der Berlinale Kamera ausgezeichnet wurde.




Ulrike Ottingers filmische Biografie über ihre Pariser Zeit beginnt im Jahr 1962. Die damals Zwanzigjährige kehrte Deutschland den Rücken, weil ihr die politische Situation dort unerträglich geworden war, wie sie auf ihrer Webseite erklärt. Für ihr Mosaik dieser Zeit kombiniert sie Aufnahmen aus Archiven mit eigenen Filmen und Bildern, die sie in persönliche und politische Episoden unterteilt. Mal gemächlich, mal beschleunigt - der Rhythmus des Film erinnert mal an einen Chanson und mal an Jazz - erzählt die Filmemacherin aus dem Off ihre Geschichte der 1960er Jahre.

Die Buchhandlung: "Librairie Calligrammes"

Die 1951 von Fritz Picard und Ruth Fabian eröffnete Buchhandlung "Librairie Calligrammes" in der Rue du Dragon im Bezirk Saint-Germain-des-Près wird in Paris zu ihrem geistigen Zuhause. Bis zum Einmarsch der deutschen Besatzungstruppen arbeiteten Fritz Picard und Ruth Fabian in Organisationen der Emigration, u.a. im Lutétia-Kreis unter Vorsitz von Heinrich Mann. Picard war in Deutschland in der Novemberrevolution 1918 Mitglied eines Arbeiter- und Soldatenrats und wurde 1919 Handelsvertreter für verschiedene Buchverlage, hatte bis 1933 neben vielen anderen auch für den Berliner Verlag Bruno Cassirer gearbeitet. Ab 1933 wurde er von den Nazis gezwungen, nur noch für jüdische Verlage zu arbeiten, was er dazu nutzte, um Kontakte zwischen Widerstandsgruppen gegen den Nationalsozialismus zu vermitteln. Nach einem Verhör durch die Gestapo floh er 1938 nach Frankreich von wo er aus seiner Internierung 1942 in die sichere Schweiz fliehen konnte. Seine private Bibliothek mit rund 7000 Büchern musste Picard in Berlin zurück lassen. Ruth Fabian, geborene Loewenthal, die Mitbegründerin der "Librairie Calligrammes", hatte in Berlin Jura studiert, war SPD-Mitglied und floh 1935 zusammen mit ihrem ersten Ehemann Walter Fabian nach Verhaftungsversuchen der Gestapo über die Tschechoslowakische Republik nach Paris. Sie betrieb in Paris das "Bureau international de documentation", das die französische Öffentlichkeit mit Informationen über die Ereignisse in Deutschland versorgte.

Wie Ottinger mit einem Blick ins Gästebuch zeigt, trafen sich in der Buchhandlung deutsch-jüdische Exilant*innen mit jüdischen wie nicht-jüdischen französischen Intellektuellen, Künstler*innen, Literat*innen zum Austausch und zur Diskussion. Anhand der Einträge und Zeichnungen erzählt sie, die auch Jazzkeller und Lesungen besuchte, wem sie dort begegnete: Annette Kolb, Paul Celan, Max Ernst, Jean Arp, Valeska Gert, und Walter Mehring. Sie, die sich als "Bücherbesessene" beschreibt, fühlte sich in der Buchhandlung zuhause, das Antiquariat wurde zum Ort der Sehnsucht, der Erinnerung. Oft streifte sie mit Picard, nach weiteren Büchern suchend, durch Paris: "Darunter viele vor der Verbrennung gerettete Bücher, Bücher der in Nazi-Deutschland verfemten Autoren."

Zwischen Nationalsozialismus und Mai 1968

Die Filmemacherin wurde 1942 als uneheliche Tochter einer jüdischen Mutter und eines deutschen Vaters in Konstanz geboren, denn die Nürnberger "Rassen"gesetze verboten eine sogenannte "Mischehe". Sensibilisiert für faschistische Kontinuität und Rechtsradikalismus, zeigt sie im Filmkapitel "Meine Pariser Freunde und das algerische Trauma" deren künstlerische Auseinandersetzung und politisches Engagement zum Unabhängigkeitskampf in Algerien. Sie berichtet von den bis heute nicht aufgearbeiteten brutalen Übergriffen durch die französische Polizei bei einer friedlichen Demonstration algerischer Flüchtlinge im Oktober 1961 mit 300 Toten. Das Kommando führte der Polizeipräsident Maurice Papon, der bei der Vichy-Regierung unerbittlich die Deportation von Juden und Jüdinnen in die Vernichtungslager der Nazis durchführen ließ, wie Ottinger, deren Stimme durch den Film führt, nachdrücklich betont.

1966 sah Ulrike Ottinger das erstmals in Paris aufgeführte Theaterstück "Les Paravents", das Jean Genet unter dem Eindruck dieser Polizeiübergriffe geschrieben hatte. Sie betont, dass sich bis dahin kein Theater in Frankreich getraut hatte, dieses Stück aufzuführen. Tief beeindruckte sie die detailreiche Ausstattung mit Masken und Kostümen, die sie später in ihren Filmen aufgreifen wird. Doch sie wurde auch Zeugin der Tumulte Rechter Militärs und ihrer Anhänger*innen, unter ihnen der Rechtsextremist Jean-Marie Le Pen, die gewaltsam gegen die Aufführungen im Pariser Odeon-Theater vorgingen und alles zu Bruch schlugen.

Ihr Weg in die Kunst

Wie Ulrike Ottinger im AVIVA-Interview von 2016 sagte, kannte ihre Mutter den Künstler Johnny Friedlaender wie auch Fritz Picard und machte sie mit ihnen bekannt. Sie sprach mit uns bereits damals über ihre Dokumentarfilmidee, indem sie über Picard sagte, dieser sei eine "hochinteressante Figur, über den ich irgendwann einen Film machen möchte".



Doch bevor sie zur Filmemacherin wurde, ging sie in Paris in das Atelier von Johnny Friedlaender, in dem dieser Student*innen aus der ganzen Welt unterrichtete, und ließ sich in Radiertechniken ausbilden. Ihre erste Arbeit unter dem Titel "Israel" machte großen Eindruck auf Picard, so dass sie über ihn ihr erstes Radio-Interview bekam. Noch mehr freute sie, wie sie erzählt, das Lob junger Israelis, die ihre Mappe bewunderten und sich gar nicht vorstellen konnten, dass sie noch nie in Israel gewesen war.

Und so wechselt Ulrike Ottinger immer wieder zwischen für sie bedeutsamen Erlebnissen und Gefühlen und historischen und aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen. Das kunstvolle, wie auch das persönliche und politische an diesem Dokumentarfilm ist, dass Ottinger sich weder als Filmemacherin noch als Porträtierte in den Mittelpunkt stellt, sondern der gesellschaftliche Kontext der Bezugspunkt bleibt.

AVIVA-Tipp: Dass Ulrike Ottinger eine außergewöhnliche und leidenschaftliche Filmemacherin ist, zeigt sie mit jedem ihrer Filme. Mit "Paris Calligrammes" hat sie eine kraftvolle Biografie geschaffen, die das progressive Lebensgefühl aufgreift, das die 1960er Jahre bestimmt hat, und durch den rhythmischen Wechsel zwischen Kunst, Privatem und Politik fesselt. Es ist aber auch ein Film, der zeigt, wie wichtig es gerade heute ist, die erschreckende Kontinuität rechter Politik und ihrer faschistischen Anhänger*innen abzubilden.

Zur Regisseurin: Ulrike Ottinger, wird 1942 als uneheliche Tochter einer jüdischen Mutter und eines deutschen Vaters in Konstanz geboren, da die Nürnberger "Rassen"gesetze eine sogenannte "Mischehe" verbieten. Nach dem Krieg heiraten ihre Eltern und machen eine Dekorationsmalereifirma auf. Ihre Mutter bestärkt sie darin, sich die Welt anzusehen. Von 1962 bis 1969 lebt sie in Paris, arbeitet als freie Künstlerin und lässt sich im Atelier von Johnny Friedländer in Radiertechniken ausbilden. Sie besucht dort auch Vorlesungen von Claude Levi-Strauss, Louis Althusser und Pierre Bourdieu. Nach ihrer Rückkehr in die Bundesrepublik gründet sie 1969 in Konstanz den "filmclub visuell" und eröffnet die Galerie und Edition "galeriepress". 1971-1973 realisiert sie zusammen mit der Multi-Künstlerin Tabea Blumenschein ihren ersten Film "Laokoon und Söhne". 1973 geht sie nach Berlin, dreht weitere Spielfilme und widmet sich dokumentarischen Filmprojekten. Daneben arbeitet sie als Regisseurin am Theater und an der Oper und als Fotografin. Für ihr Filmwerk erhält sie zahlreiche Preise, so den Preis der deutschen Filmkritik für "Chamissos Schatten" (2016).



Seit 1997 ist sie Mitglied der Akademie der Künste und 2011 wird ihr künstlerisches Gesamtwerk mit dem Hannah-Höch-Preis der Stadt Berlin gewürdigt. Seit 2019 ist sie Mitglied der Academy of Motion Picture Arts and Sciences, die jährlich die Oscars verleiht.

Bei den 70. Internationalen Filmfestspielen wurde die Regisseurin und Künstlerin Ulrike Ottinger mit der Berlinale Kamera geehrt.
Die Verleihung fand am 22. Februar, im Haus der Berliner Festspiele statt. Danach wurde die Weltpremiere von Ottingers Dokumentarfilm "Paris Calligrammes" als Beitrag im Berlinale Special präsentiert.

Paris Calligrammes - Ein Film von Ulrike Ottinger
Deutschland, Frankreich 2019
Buch, Regie, Kamera: Ulrike Ottinger
Verleih: Real Fiction
Lauflänge: 129 Minuten
Kinostart: 05.03.2020
Mehr zum Film, der Trailer und Kinotickets unter: realfictionfilme.de und www.facebook.com

Ulrike Ottinger im Netz: www.ulrikeottinger.com und www.facebook.com/ulrikeottinger

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Die AVIVA-Filmauswahl zur 70. Berlinale vom 20. Februar bis 1. März 2020 – Kompakte Infos zu Filmen, Regisseurinnen, Filmen aus Israel, Queer Cinema und dem Teddy Award sowie Pro Quote Film, Wikipedia:FilmFrauen/Berlinale-Art+Feminism-Edit-a-thon
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Frauen im Filmbusiness - Interview mit der Filmemacherin, Künstlerin, Autorin und Fotografin Ulrike Ottinger über weit mehr als ihren neuen Film Chamissos Schatten
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Copyright Fotos von Ulrike Ottinger: Sharon Adler


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Beitrag vom 25.02.2020

AVIVA-Redaktion