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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2018 - Beitrag vom 03.12.2018

Astrid. Kinostart 6. Dezember 2018
Lisa Goldberg

Das biografische Porträt der jungen Astrid Ericsson (später Lindgren) ist eine Geschichte von Stärke, Liebe und Traurigkeit – denn es erzählt auch davon, dass die Schwedin ihren Sohn nur wenige Tage nach der Geburt in Dänemark zurücklassen musste. Bereits zur Berlinale 2018 begeisterte die skandinavische Regisseurin Pernille Fischer Christensen ("EINE FAMILIE", "A SOAP") mit dieser intensiven Femmage an eine Frau, die noch so viel mehr war, als eine weltberühmte und engagierte Schriftstellerin.



Astrid Lindgren. Das ist Bullerbü. Das sind Madita, Pipi, Karlsson und der freche Michel aus Lönneberga. Das sind mitreißende Geschichten im leuchtenden Sommer und im klirrend kalten, verschneiten Winter.
Das ist vor allem eine Frau, die weltweit mit ihrer Kinder- und Jugendliteratur bekannt geworden ist und damit die menschenfreundliche, positive und demokratische Grundeinstellung von Kindern gefördert hat.

Doch in dem Film "Astrid" geht es weder um die Literatur der schwedischen Autorin noch um ihre "Kriegstagebücher von 1939 bis 1945" oder ihr Engagement für Kinderrechte und gegen Krieg – sondern um die ganz persönliche Geschichte Astrids als junge Mutter, die bisher weniger bekannt war.

Eine Biografie voller Kontraste

Viele Jahre lang ist es Astrid Lindgren gelungen, private Details zu ihrem Leben vor der Öffentlichkeit zu schützen. Doch 2007 offenbarten bis dahin unbekannte Gerichtsakten, dass die damals minderjährige Astrid Ericsson 1926 ihren Sohn Lars (Lasse) anonym und ganz allein im 600 Km entfernten Kopenhagen zu Welt gebracht hatte – denn dort war eine Geburt ohne Angabe des Namens des Vaters möglich.
Grund dafür war ein gesellschaftlicher Skandal: Vater des Kindes war der 30 Jahre ältere Geliebte und Vorgesetzte Astrids: Reinhold Bloomberg – zu diesem Zeitpunkt noch verheiratet. Vor Gericht hätte Bloomberg im Zuge seiner Scheidung bei Bekanntwerden der Schwangerschaft eine Verhaftung gedroht.

Wie kann eine Frau es ertragen, ihr Kind in einem anderen Land zurück zu lassen, ohne daran zu zerbrechen und später solch warmherzige Kinderbücher schreiben?
Die Antwort lautet: Gerade deswegen – oder vielmehr trotz dieser schmerzhaften Erfahrung. Mit viel Liebe, Geduld und Zeit gelingt es Astrid in den folgenden Jahren, die Wunden zu heilen und mutig in die Zukunft zu schauen. Von dieser Fähigkeit inspiriert, porträtierte die dänische Regisseurin Pernille Fischer Christensen Astrids Leben zwischen 1924, mit Beginn ihres Volontariats, bis zur Hochzeit mit Sture Lindgren 1931. Sie zeigt, wie Astrid zu unserer Heldin "Astrid Lindgren" werden konnte und erschafft ein realistisches Bild, abseits der Romantisierung um die Person Astrid Lindgren.

Mindestens so stark wie Pipi – Astrid Ericsson

Geboren wurde Astrid Anna Emilia Lindgren 1907 im Südwesten Schwedens in Vimmerby. Behütet wächst sie in Småland auf dem Pfarrhof Näs mit ihren Geschwistern auf. Es ist eine unbeschwerte Kindheit voller Liebe und viel Raum für die Entfaltung der phantasievollen Astrid, die sich bereits als junges Mädchen Geschichten für ihre Geschwister ausdachte. Doch die Idylle nimmt ein jähes Ende als Astrid schwanger wird, denn der Hof, den die Familie Ericsson seit Generationen bewirtschaftete, wurde von der Kirche gepachtet. Dass die Minderjährige ein Kind erwartet, darf niemand aus der Gemeinde erfahren. So ist Astrid gezwungen, 1926 ihre Heimat zu verlassen. Von nun an muss sie alleine Entscheidungen für zwei treffen. Haltung, Mut und die Liebe zum Leben der jungen Frau beeindrucken und dabei klingt Astrid immer wieder selbst ein bisschen wie Pipi: "Niemand hat gesagt, dass das Leben leicht sein würde".

"Es gibt Dinge, die man einfach tun muss"

"Modern" zu sein heißt für die 16-jährige Astrid auch, sich von gesellschaftlichen Erwartungen zu lösen und dazu nutzt sie im wahrsten Sinne ihren eigenen Kopf. Es sind Szenen wie diese, in der sich die Teenagerin einen Kurzhaarschnitt (noch dazu in einem Barbiergeschäft) schneiden lässt, die ein Gefühl von Freiheit illustrieren.
Unangepasst und begeistert von dem Lebensstil der "modernen Frau der 20er", träumt Astrid von einem emanzipierten, selbstbestimmten Leben, als sie 1924 bei der Lokalzeitung "Vimmerby Tidning" ihr Volontariat beginnt.
So bleibt ihr neuer Lebensstil nicht ohne Folgen – sukzessiv distanziert sich Astrid von ihren religiösen Eltern und ihrem vertrauten Umfeld. Mit Beginn eines heimlichen Abenteuers, einer Affäre mit ihrem Vorgesetzten und dem Vater einer Freundin, und der daraus entstandenen Schwangerschaft, gelangt Astrid zu der Erkenntnis: es ist nicht alles Schwarz-Weiß, sondern es gibt viel dazwischen. Denn plötzlich steht Astrid Ericsson alleine da – muss ein Kind ohne Vater und Unterstützung ihrer Familie versorgen. Eine Lösung auf Zeit: Ihr Sohn wächst die ersten Lebensjahre in Kopenhagen bei der dänischen Pflegemutter Marie auf (gespielt von Trine Dyrholm bekannt u.a. aus "Nico" oder "In einer besseren Welt"). Eine schwere Zeit für Astrid.

An dieser Stelle wird wieder einmal frappierend deutlich, welche einschneidenden Auswirkungen gesellschaftliche Tabus und juristisch verankerte Ungleichheit auf weibliche Biografien haben und hatten.
Denn bemerkenswert ist doch dabei: im heute als progressiv geltenden Schweden durften Frauen offiziell erst seit 1919 legal wählen. Im Jahr 1921, da war Astrid 14 Jahre alt, traten die ersten Schwedinnen erstmals an die Wahl-Urnen und konnten selbst gewählt werden. Damit ist Schweden das letzte skandinavische Land, das seinen Bürgerinnen gleiches Wahlrecht ermöglichte.
Bis die ersten Frauen in die einflussreicheren vorderen Ränge gewählt wurden, vergingen weitere 40 Jahre.
Dieser Umstand veranschaulicht die Umstände und Herausforderungen für eine alleinstehende Frau der 20iger Jahre ganz gut.

Meine persönlichen "Astrid"-Momente

Die 23-jährige Skandinavierin Alba August spielt oder vielmehr lebt Astrid intuitiv und so überzeugend, dass die Zuschauerin am Ende das Gefühl hat, die echte Schriftstellerin kennen gelernt zu haben. Neben den Landschaftsaufnahmen der schwedischen Natur und den authentischen Darstellungen des skandinavischen Lebens der 20iger Jahre, ist es vor allem die faszinierende Persönlichkeit der jungen Frau, die den Film so stark macht. Astrid auf dem Fahrrad durch die satten grünen Felder rasend und ganz besonders die herrlichen Tanzszenen Astrids – auf dem Parkett zwischen allen Pärchen ihren eigenen Tanz tanzend – bleiben beispielhaft und als empowernde Momente in Erinnerung und inspirieren. Diese Tanzszenen sind es vor allem, die bei mir persönlich auch im Alltag immer wieder vor meinem geistigen Auge auftauchen.

Und somit ist das Schauen des Films gleichzeitig ein filmisches Vergnügen wie Lektion, für die eigenen Werte einzustehen und sich selbst treu zu bleiben. Denn die Biografie Lindgrens illustriert wieder einmal deutlich, dass wir Menschen aus Rückschlägen immer stärker herausgehen und sehr viel über das Leben lernen.

"Pass auf, dass du lebst. Durch den Tod in das Leben"

…heißt es in dem Titelsong "Springa (Spring!)", der von der skandinavischen Sängerin Ane Brun eigens für den Film produziert wurde.
Beschwingt vertont er den bewussten Sprung in das Leben und der von einem Kinderchor gesungene Refrain ist ein echter Ohrwurm.

Also ist "Unga Astrid (Die Junge Astrid)" eine rein skandinavische Produktion von Schauspielerin, über Regisseurin bis hin zum Soundtrack? Nein!
Da es sich bei "Astrid" um eine internationale Produktion u.A. mit der Berliner Independent DCM handelt, wurde nicht nur in Schweden und Dänemark gedreht, sondern auch hierzulande in Berlin und im Thüringischen Altenburg.

Astrid Lindgren
wurde am 14. November 1907 auf Pfarrhof Näs bei Vimmerby im Südwesten Schwedens geboren. 1914 eingeschult, fiel sie hier bereits durch ihre ausgesprochen guten Aufsätze auf. Direkt nach dem Realexamen, zehn Jahre später, begann Astrid Ericsson ein Volontariat bei der Lokalzeitung in Vimmerby und zog 1926 für ihre Ausbildung an der Sekretärinnenschule nach Stockholm. Im selben Jahr brachte sie Sohn Lars/Lasse in Kopenhagen zur Welt. Im Anschluss an ihre Ausbildung arbeitete Astrid für den schwedischen Automobilverlag, wo sie ihren späteren Ehemann Sture Lindgren kennenlernte. Nach Kriegsende war sie bis zu ihrer Pensionierung bei einem schwedischen Verlag angestellt und lebte bis zu ihrem Tod in der Dalagatan in Stockholm. Neben ihrer Tätigkeit in dem Verlag schrieb sie zahlreiche international ausgezeichnete Kinderbücher wie "Kalle Blomquist", "Ronja Räubertochter", "Die Kinder von Bullerbü", "Pippi Langstrumpf", "Brüder Löwenherz" oder "Michel aus Lönneberga". Mit einer Gesamtauflage von etwa 160 Millionen Büchern (Stand: Juni 2017) gehört sie heute zu einer der weltweit bekanntesten und meistübersetzten Kinder- und Jugendbuchautorinnen. Sie erlebte zwei Weltkriege, leistete mit ihren 2014 veröffentlichten "Kriegstagebüchern" einen großen Beitrag zur Erinnerungsgeschichte und setzte sich zeitlebens aktiv für Kinderrechte ein, vielleicht gerade weil sie selbst "kein Bilderbuchleben" führte, wie die Autorin Katrin Hahnemann schon 2012 in ihrer "Ersten Lindgren-Biographie für Kinder" betonte.

1978 erhielt Lindgren den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und schließlich 1994 den Alternativen Nobelpreis.
Astrid Lindgren wurde 94 Jahre alt. Sie starb am 28. Januar 2002 in ihrer Stockholmer Wohnung. Ihr Grab ist in ihrer Heimatstadt Vimmerby.
Mehr Infos unter:www.astrid-lindgren.de oder in englischer Sprache unterwww.astridlindgren.com

AVIVA-Tipp: "Astrid" ist ein lebensbejahender Film, der die Zuschauerin von der ersten bis zur letzten Minute in den Bann zieht. Die mehrfach ausgezeichnete dänische Regisseurin Pernille Fischer Christensen hat Astrids frühes Erwachsenwerden überzeugend und sensibel porträtiert und dabei ein wunderbares Stück skandinavischer Filmgeschichte geschaffen. Alba August spielt Astrid so authentisch, dass sich eine kostbare Astrid-Magie über den Kinosaal gelegt hat – selten habe ich das Kino so bewegt verlassen. Dennoch schade, dass diese filmische Kraft nicht noch für weitere Informationen über das politische Engagement der Schriftstellerin genutzt wurde.

Die Regisseurin: Pernille Fischer Christensen wurde 1969 in Kopenhagen geboren. Die dänische Regisseurin ist bekannt für ihren Mut, kontrovers diskutierte und gesellschaftlich komplexe Themen auf die Leinwand zu bringen. Sie erhielt ihre erste Auszeichnung im Rahmen des Cannes Film Festivals für ihren Kurzfilm INDIEN (1999), den sie während ihres Studiums an der National Film School of Denmark drehte. 2003 verlieh ihr die Dänische Filmakademie für "Habibti, my Love" (2002) den Preis für den besten Kurzfilm. Das Drama handelt von dem Doppelleben einer jungen dänischen Muslima, die gezwungen wird, sich zwischen familiärer Tradition und ihrer Beziehung zu einem Dänen zu entscheiden.
International feierte die mehrfache Berlinale-Preisträgerin 2006 ihren ersten großen Erfolg mit ihrem Debutspielfilm "En Soap (A Soap)". Im Stil einer klassischen Seifenoper katapultiert Fischer-Christensen die Zuschauerin mit diesem melodramatischen Film in eine Welt, in der Genderrollen schlicht nicht mehr existieren und sprengt damit etablierte Kategorien. Nur vier Jahre später wurde auch ihr Familiendrama "Eine Familie" ("A Family") auf der 60. Berlinale 2010 gezeigt und ausgezeichnet.
Mehr Infos zur Regisseurin (Englisch) unter: www.nordicwomeninfilm.com

Zur Hauptdarstellerin: Alba August wurde 1993 in Kopenhagen (Dänemark) geboren und lebte zwischenzeitlich in Schweden. Mit acht Jahren stand die dänisch-schwedische Schauspielerin in "A Song for Martin" (2001) erstmals vor der Kamera. Kein Zufall, denn der Filmregisseur dieses Films war ihr Vater, Bille August. Nach der Grundschule besuchte Alba August das Södra Latins Gymnasium in Stockholm und war 2010 in dem Film "Bessere Zeiten" von Pernilla August, ihrer Mutter, zu sehen.
Nach ihrem Studium an der Danish National School of Performing Arts, wurde sie 2013 in der Hauptrolle der "Selinda" in William Olssons Drama "Reliance" international bekannt. Für ihre Titelrolle in ASTRID wurde die Schauspielerin von der Jury der European Film Promotion für den Shooting Star nominiert.

Astrid
Originaltitel: Unga Astrid
Produktionsjahr: 2017
Produktionsländer: Schweden, Dänemark und Deutschland
Regie und Buch: Pernille Fischer Christensen und Kim Fupz Aakeson
DarstellerInnen: Alba August, Maria Bonnevie,Trine Dyrholm, Magnus Krepper, Henrik Rafaelsen
Lauflänge: 123 min.
Kinostart: 6. Dezember 2018
Mehr Infos: www.facebook.com/astrid.film

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Astrid Lindgren - Die Menschheit hat den Verstand verloren. Tagebücher 1939-1945
Die Kriegstagebücher der schwedischen Kinder- und Jugendschriftstellerin geben Auskunft darüber, was sie zur Ablehnung jeglicher Gewalt und jeglichen Krieges brachte. Wir kennen sie als Erfinderin so berühmter Figuren wie Pippi Langstrumpf, Karlsson vom Dach, Ronja Räubertochter und viele mehr. (2015)

Katrin Hahnemann - Astrid Lindgren. Wer ist das? Zum 10. Todestag der Schriftstellerin die erste Lindgren-Biographie für Kinder
Am 28. Januar 2012 jährt sich Astrid Lindgrens Todestag zum 10. Mal – unsterblich und zeitlos ihre literarischen Figuren Pippi, Ronja, Madita, Michel & Co. Ebenso unvergessen ist Astrid aus Småland. (2012)

Eine Familie - Ein Film von Pernille Fischer Christensen
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Tove Jansson - ein Portrait der Erfinderin der Mumins und Gründerin von Oy Moomin Characte rs Ltd
Am 9. August 2014 Jahr wäre die finnische Comic-Ikone Tove Jansson 100 Jahre alt geworden. In einem Interview mit AVIVA erklärt die Presseagentin und Ausstellungsmacherin Jutta Harms, warum die Künstlerin in Deutschland noch immer kaum bekannt ist, und was ihre "Mumins" weltweit so unglaublich beliebt macht. (2014)

Kultur > Kino Beitrag vom 03.12.2018 Lisa Goldberg 





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