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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2026 - Beitrag vom 22.05.2026


RIAS Berlin: Neuer Bericht Antisemitische Vorfälle in Berlin 2025
AVIVA-Redaktion

Die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Berlin (RIAS Berlin) veröffentlicht am 20.05.2026 ihren Bericht "Antisemitische Vorfälle in Berlin 2025". Entwicklungen im antisemitischen Vorfallgeschehen in Berlin 2025 sowie Auswirkungen auf den Alltag und die Sichtbarkeit von Jüdinnen und Juden und Israelis in Berlin.




2.197 antisemitische Vorfälle in Berlin im Jahr 2025: Entwicklungen seit dem 7. Oktober 2023 halten an. Sechs antisemitische Vorfälle pro Tag, ein weiterhin deutlich erhöhtes Vorfallaufkommen seit dem 7. Oktober 2023, enthemmtere antisemitische Ausdrucksformen.

Entwicklung weist auf eine anhaltende Verschiebung hin

Während zwischen 2018 und 2022 im Durchschnitt knapp 1.000 Vorfälle pro Jahr dokumentiert wurden, liegen die Fallzahlen seit dem 7. Oktober 2023 deutlich darüber. Im Jahr 2025 waren es fast 2.200 Vorfälle (2023: über 1.200, 2024: über 2.500), das entspricht in 2025 durchschnittlich rund 183 Vorfällen pro Monat. Antisemitische Äußerungen oder Handlungen, die mit gewaltlegitimierenden und terrorverherrlichenden Inhalten einhergingen, traten häufiger im öffentlichen und im digitalen Raum auf.

Ein versuchter Mord und 39 antisemitische Angriffe

2025 wurde RIAS Berlin ein Fall extremer Gewalt bekannt, der auch medial Aufmerksamkeit erregte.
Das Opfer – ein Tourist auf dem Stelenfeld des Denkmals für die ermordeten Juden Europas – überlebte nur knapp einen Mordversuch. Ein Mann, der an dem Gedenkort Juden vermutete, stach ihm von hinten ein Messer in den Hals. Das Gericht verurteilte den Täter zu einer 13-jährigen Haftstrafe unter anderem wegen versuchten Mordes und versuchter Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, in diesem Fall dem Islamischen Staat. Auch wurden 39 weitere antisemitische Angriffe bekannt. In mehreren Fällen schlugen die Angreifenden den Betroffenen mit der Faust ins Gesicht. Andere wurden geschlagen, geschubst, angespuckt, festgehalten, es wurden Kleidungsstücke oder Schmuck vom Körper gerissen. In einem Fall wurde einer zuvor als "Jude" beschimpften Person Reizgas ins Gesicht gesprüht.

Jüdische Sichtbarkeit in Berlin nicht selbstverständlich

Antisemitische Vorfälle wirken weiterhin in den Alltag von Jüdinnen und Juden sowie Israelis in Berlin hinein. Jüdinnen und Juden berichteten von Beschimpfungen, Ausgrenzungen und Bedrohungen auf der Straße, an der Universität oder in der U-Bahn. Oft veränderten sich in diesen Vorfällen alltägliche Situationen wie eine Taxifahrt oder ein Konzertbesuch, z.B. nachdem Betroffene als jüdisch oder RIAS israelisch erkannt, adressiert oder wahrgenommen worden waren, und wurden bedrohlich. Betroffene schilderten, dass sie das Tragen jüdischer Symbole oder das Sprechen von Hebräisch in der Öffentlichkeit abwägen oder gänzlich vermeiden.
4 bis 5 Versammlungen mit antisemitischen Vorkommnissen pro Woche
Mit 239 Versammlungen hat RIAS Berlin so viele Versammlungen mit antisemitischen Vorkommnissen verzeichnet wie nie zuvor. Wie bereits 2024 wurden 2025 die meisten solcher Versammlungen (179) dem Spektrum des antiisraelischen Aktivismus zugeordnet. Auf den Versammlungen traten terrorverherrlichende und antisemitische Äußerungen oft gemeinsam auf. Auf einer Versammlung wurde z.B. das Massaker des 7. Oktober 2023 als "Sieg" glorifiziert und zur Wiederholung aufgerufen.

Besonders präsent: Shoah bagatellisierende Gleichsetzungen, das Feindbild "Zionismus" und antijudaistische Motive

Im Sommer wurden drei Flyer entdeckt, die im Comic-Stil einen in einem Stoppschild durchgestrichenen stereotyp gezeichneten jüdischen Mann mit Schläfenlocken und schwarzem Hut mit Davidstern zeigten. Auf der Rückseite stand: "Vor unseren Augen zerfetzt er kleine Kinder und leugnet dreist die Tat aber wir finden Dich ZIONS-BASTARD."
"Zionismus" wurde 2025 in mehr als 20 % der Vorfälle als antisemitisches Feindbild verwendet. Häufig wurden Israel oder der Zionismus zudem mit dem Nationalsozialismus gleichgesetzt, z.B. durch die Wortschöpfung "Zionazis".

Schmierereien und Parolen wie "Kill Zios" lesen sich als Mordaufrufe an als "Zionist_innen" markierte Personen. Verbreitet waren 2025 außerdem antijudaistische Assoziationen von Jüdinnen und Juden mit dem Teufel, die durch Slogans wie "Israhell" oder "Zionists are indigenous to hell" auf Israel oder den Zionismus übertragen wurden.

Mehr Vorfälle in der Gastronomie und an Hochschulen

An gastronomischen Einrichtungen wurden mehr Vorfälle verzeichnet als im Vorjahr. Gäste oder Betreiber_innen wurden z.B. durch Unbekannte beschimpft. So rief ein Passant den Gästen im Außenbereich eines israelischen Restaurants zu: "Drecksjuden! Erstickt an eurem Fraß!" Auch Hochschulen waren 2025 wie bereits 2023 und 2024 ein Ort, an dem der sprunghafte Anstieg antisemitischer Vorfälle seit dem 7. Oktober 2023 besonders sichtbar war.

Stimmen zum Bericht

Julia Kopp – Projektleiterin der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Berlin

"Jede Meldung trägt dazu bei, Antisemitismus sichtbar zu machen – in seinem Ausmaß, seinen Erscheinungsformen und seinen Auswirkungen auf den Alltag von Menschen, die Antisemitismus erfahren. Die systematische Dokumentation zeigt, wie sich antisemitische Entwicklungen verändern und welche Auswirkungen antisemitische Vorfälle für Jüdinnen und Juden in Berlin haben.
Antisemitische Vorfälle treten nicht isoliert auf, sondern in gesellschaftlichen Kontexten. Dabei wird deutlich, dass unterschiedliche gesellschaftliche Bereiche betroffen sind und viele Institutionen weiterhin unsicher darin sind, angemessen mit antisemitischen Vorfällen umzugehen. Umso wichtiger sind Sensibilisierung und klare Verantwortlichkeiten."


Sigmount Königsberg – Antisemitismusbeauftragter der Jüdischen Gemeinde zu Berlin
"´In Deutschland gilt derjenige, der auf den Schmutz hinweist, für viel gefährlicher als derjenige, der den Schmutz macht´, so Kurt Tucholsky. Das vergangene Jahr war davon geprägt, dass man mehr darüber stritt, wie Antisemitismus zu definieren sei, als dass man sich der Bekämpfung des Judenhasses annahm. Diese Debatten dienen unseres Erachtens oft dazu, die Antisemitismus-Erfahrungen von Jüdinnen und Juden in Berlin zu bagatellisieren, zu relativieren oder zu negieren.
Unsere Erfahrungen decken sich weitgehend mit den Zahlen von RIAS Berlin. Israelbezogener Antisemitismus ist mit großem Abstand die häufigste Form des Judenhasses, mit der wir konfrontiert sind. Vermehrt wird von `Zionisten´ gesprochen, aber Juden sind gemeint. Politik und Gesellschaft sind gefordert, Bedingungen zu schaffen, damit alle Juden sich sicher fühlen."


Cansel Kiziltepe – Senatorin für Arbeit, Soziales, Gleichstellung, Integration, Vielfalt und Antidiskriminierung
"Die neuen Zahlen zeigen, dass die Anzahl antisemitischer Vorfälle in Berlin nicht sinkt. Antisemitische Anfeindungen kommen mittlerweile aus allen Milieus. Dies ist erschreckend und darf nicht dazu führen, dass wir uns an diesen Zustand gewöhnen. Denn neben steigenden Zahlen nimmt auch die Relativierung von Antisemitismus stark zu – gerade dies ist ein fatales Signal an die Betroffenen! Wir stehen fest an der Seite der betroffenen Menschen und werden Antisemitismus zurückweisen.
Jederzeit, überall und ohne Wenn und Aber!"


Prof. Dr. Samuel Salzborn – Ansprechpartner des Landes Berlin zu Antisemitismus
"Es sind auch die präzisen Detailbeobachtungen der Entwicklungen in der antisemitischen Szene, die die Arbeit von RIAS Berlin so wichtig machen -- und auf eine aus den letzten Monaten sollte sehr aufmerksam geblickt werden: die Diabolisierung des Antisemitismus. Eigentlich ist es eine Re-Diabolisierung, denn Metaphern, die mit der Teufelsfigur oder ähnlichen Bildern arbeiten, sind sehr alt
und fester Bestandteil des religiösen Antijudaismus. Dass sie jetzt eine Renaissance erleben, zeigt, wie intensiv die politischen Milieus im Antisemitismus verschmelzen, der als globale Integrationsideologie fungiert -- jahrhundertealte, ursprünglich religiös geprägte Lügen werden wieder zum festen Bestandteil des Antisemitismus, nun in Verbindung mit der antiisraelischen Projektionsfläche."


Marina Chernivsky – Vorstand und Geschäftsführung, OFEK e.V. – Beratungsstelle bei antisemitischer Gewalt und Diskriminierung
"Die Zahlen von RIAS Berlin zeigen, dass es sich bei dem Anstieg der Zahl antisemitischer Vorfälle seit dem 7. Oktober 2023 nicht um eine kurzfristige Eskalation handelt. Diese Entwicklung spiegelt sich auch in den Beratungszahlen von OFEK Berlin wider. Die Erfahrungen aus der Beratung verweisen auf eine anhaltende Verdichtung von Unsicherheit, Bedrohung und gesellschaftlicher Entgrenzung antisemitischer Artikulationen sowie auf Benachteiligung und Einengung von Räumen in sämtlichen sozialen Sphären. Jüdinnen und Juden müssen zwischen Sicherheit und Sichtbarkeit oszillieren: ein Umstand, der auf eine grundlegende Einschränkung von Freiheits- und Teilhaberechten verweist.
Gerade deshalb bleiben antisemitismuskritische Dokumentations-, Beratungs- und Bildungsarbeit nicht nur eine Reaktion auf Krisen, sondern eine dauerhafte demokratische und gesellschaftliche Aufgabe."



Der Bericht kann unter: report-antisemitism.de eingesehen werden.

RIAS Berlin ist ein Projekt des Vereins für Demokratische Kultur in Berlin e.V.
www.report-antisemitism.de

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Pressemitteilung Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Berlin (RIAS Berlin), 20.05.2026


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Beitrag vom 22.05.2026

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