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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2020 - Beitrag vom 16.09.2019


Rebecca Solnit – Wanderlust
Ahima Beerlage

Bisher war die jüdisch-amerikanische Autorin, Journalistin, Essayistin und Kulturhistorikerin in Deutschland vor Allem bekannt für ihre feministischen Essays und ihre scharfsichtigen Beobachtungen zur politischen und gesellschaftlichen Situation in den USA. In ihrem neuen Buch widmet sie sich mit allen Sinnen der Lust am Gehen.




"Die Geschichte des Gehens ist eine Laiengeschichte, so wie Gehen eine Laienhandlung ist. Um eine Wandermetapher zu gebrauchen: Diese Geschichte durchschreitet alle anderen Felder – Anatomie, Anthropologie, Architektur, Gartenkunst, Geografie, politische und Kulturgeschichte, Literatur, Sexualität, Religionswissenschaft – und macht entlang ihrer langen Route auf keinem davon Halt." Damit umreißt Rebecca Solnit gewohnt leichtfüßig das unendlich weite Feld, das mit der Geschichte des Gehens verbunden ist. Ihre subjektive, aber weitgefächerte Betrachtung der Handlung, die uns losgehen lässt, uns aufeinander zubewegt und voneinander wegführt, ist daher ein mutiges Projekt.

Es ist vielleicht ungewöhnlich, sich in einer Literaturkritik als Rezensentin persönlich einzubringen. Aber mit diesem Buch erscheint es mir doch angebracht. Ich habe einen Ausweis, ein Etikett, das mich als "gehbehindert" ausweist. Ich werde also nach Auffassung der Behörden am Gehen gehindert und bin deshalb behindert. Es gab Zeiten in meinem Leben, da konnte ich gar nicht gehen, sondern nur rollen. Also fragte ich mich, warum gerade ich so ein Buch rezensieren sollte? Es erschien mir wie Ironie. Da erst merkte ich, dass ich die Richtige dafür bin, weil ich das Gehen besonders zu schätzen weiß. Es gab Zeiten, da habe ich es vermisst, Schritte machen zu können. Ich habe mich über jeden Schritt gefreut. Ich vermisse es, rennen zu können. Wanderlust ist ein komplexes Bedürfnis, das wir vielleicht besonders dann zu schätzen wissen, wenn wir ihr nicht nachgeben können – krank, g(b)ehindert, im Knast, in Arbeit eingebunden….

Wanderlust heißt das Buch auch im amerikanischen Originaltitel, denn dieses Wort ist eines der wenigen deutschen Worte, die Eingang in die amerikanische Sprache gefunden haben – ebenso wie "German Angst" und "Kindergarten". Ein Thema, das und auf Schritt und Tritt begleitet.

In vier Themenkomplexen nähert sich die Kulturhistorikerin Rebecca Solnit der Kunst und der Lust des Gehens an. Im ersten Kapitel Vermessung einer Landzunge: Eine Einleitung nähert sie sich über den eigenen Körper und die eigene Motivation den komplexen Vorgängen des Gehens. Damit steckt sie auch die Grenzen ihrer Auseinandersetzung mit dem Thema ab. "Und wenngleich die Geschichte des Gehens als Teil aller dieser Felder und der Erfahrung aller Menschen praktisch unbegrenzt ist, kann diese Geschichte des Gehens, die ich schreibe, nur ein subjektiver Ausschnitt sein, ein von einer einzelnen Wanderin durch diese Felder gezogener eigentümlicher Pfad mit vielem Kehrtmachen und Umherblicken." Eine Bescheidenheit, die der Komplexität ihres Exkurses kaum gerecht wird.

Von innen nach außen nähert sie sich in diesem ersten Kapitel dem Thema. Von der bloßen Anatomie des Sich-in-Bewegung-Setzens über den Einklang des Denkens mit dem Rhythmus des Gehens, über kollektive Formen des Gehens in Demonstrationen, Prozessionen und PilgerInnenreisen über die Kolonnen morgentlicher Verkehrsströme auf dem Weg zur Arbeit spürt sie dem alltäglichen Gehen nach. In ihrer Betrachtung "Der Verstand bei fünf Kilometern die Stunde." begibt sie sich auf Spurensuche nach philosophischen und literarischen Texten, die sich mit dem Gehen beschäftigen und stellt fest, dass "die Bedeutung des Gehens auch mehr in anderen Bereichen als der Philosophie diskutiert (wird): in der Dichtung, in Romanen, Briefen, Tagebüchern, Reiseberichten und persönlichen Essays. Außerdem kaprizieren sich diese Exzentriker auf das Gehen als Mittel des Umgangs mit der eigenen Entfremdung, die als solche ein neues Phänomen in der Geschichte des Geistes darstellt." Der postmodernen Theorie attestiert sie eine Fokussierung auf die Mobilität, die unser Leben bestimmt. Der Körper bewegt sich nicht mehr, sondern wird bewegt in Flugzeugen, Autos und Zügen, wogegen. Das unterscheidet die Menschen, die bleiben können, von denen, die sich bewegen müssen. Wörter wie Nomade, dezentriert, marginalisiert, deterretorialisiert, Grenze, Migrantin und Exil … sich nicht auf spezifische Orte und Menschen (beziehen). Sie repräsentieren vielmehr Ideen von Wurzellosigkeit und Fließen, die so sehr das Resultat unfundierter Theorie zu sein scheinen wie ihr vermeintlicher Gegenstand.

Über Jahrhunderte haben PhilosophInnen und AutorInnen versucht, die Bedeutung und Funktion des Gehens auszuloten. Aber auch Religionen bedienen sich dieser Fortbewegung. Pilgern gehört in fast allen Religionen zur Praxis. "Pilgerinnen und Pilger hingegen versuchen häufig, die Reise beschwerlicher zu machen, wie es der Ursprung des englischen ´travel in travail´ andeutet, was auch Arbeit, Leiden und Geburtsschmerz bedeutet." Die Mühen und Schmerzen, die sich Pilgernde auferlegen, sollen sie unempfindlicher für den weltlichen Schmerz und empfänglicher für die spirituelle Erfahrung machen. Eine moderne Weiterentwicklung sind die gewaltfreien Märsche. "Vielleicht war Ghandi der Begründer der politischen Pilgerreise mit seinem fast vierhundert Kilometer langen Salzmarsch von 1930, auf dem er und viele im Binnenland lebende Menschen zum Meer gegangen waren, um in Verstoß gegen die britischen Gesetze und Steuern ihr eigenes Salz herzustellen. Gewaltlosigkeit bedeutet, dass Aktivisten ihre Unterdrücker um Wandel bitten, statt ihn zu erzwingen. Sie kann ein außerordentliches Instrument in den Händen der weniger Mächtigen sein, um den Mächtigen Veränderungen abzuringen."

Aber Rebecca Solnit sieht auch diese spirituellen Gemeinschaftserlebnisse seit Ende des Zweiten Weltkrieges im Wandel. "Vielleicht markierte die Nachkriegsära das Ende des Glaubens daran, dass allein göttlicher Eingriff adäquat wäre. Gott hatte den Holocaust an den Juden nicht verhindert, und die Juden hatten ihr Gelobtes Land durch politische und militärische Mittel in die Hand bekommen. Auch Afroamerikaner, die lange Zeit Metaphern vom Gelobten Land verwendet hatten, warteten nicht länger. Auf dem Höhepunkt der Bürgerrechtsbewegung sagte Martin Luther King, dass er nach Birmingham gehen und Demonstrationen anführen wolle, bis ´der Pharao Gottes Volk ziehen lässt.´ Das kollektive Gehen bringt die Ikonografie der Pilgerfahrt mit der des Militärmarsches und des Arbeiterstreiks und der Demonstration zusammen: Es bringt Stärke und Überzeugung zum Ausdruck und appelliert an weltliche statt an spirituelle Mächte – oder im Fall der Bürgerrechtsbewegung vielleicht an beide."

In einem geschichtlichen Exkurs folgt Rebecca Solnit dem Spaziergang durch die Jahrhunderte. Als Privileg der müßigen Adligen im Garten hinter Burgmauern geboren, findet die bürgerliche Revolution auch zunehmend Gefallen am Wandeln in freier Natur. Später erkämpfen sich schwer arbeitende StadtbewohnerInnen Freiräume in zuvor von Adeligen okkupierten Wäldern und Feldern, um sich beim Spaziergang von Smog und Kohlenstaub zu erholen und gesund zu bleiben. Heute kultivieren Freizeitwandernde und Kletternde in Garderobe einer eigens dafür geschaffenen Industrie ihren Körper und ihre Gesundheit in vermeintlich freier Natur.

Zunächst aus der Stadt herausverlagert, kehrt das Spazierengehen in erst privaten Parks in die Stadt zurück, bis auch dort öffentliche Parks entstehen, wie sie sonst nur an Schlössern und Gutshäusern zu erleben waren. Aber auch das Wandeln in den Straßen einer Stadt gewinnt zunehmend an Bedeutung, je größer der Drang der Wohlhabenden und Gewerbetreibenden wird, sich prachtvoll zu präsentieren und die Menschen Kontakt und Abenteuer in den Straßenschluchten suchen. Aber nicht immer ist das Leben in den Straßen einer Stadt gesellig. Menschen verlieren sich in den Menschenmassen "In der Stadt ist man allein, weil die Welt aus Fremden besteht, und als Fremder von Fremden umgeben zu wandern, still die eigenen Geheimnisse mit sich tragend und sich die der Passanten ausmalend, gehört zu den schlichtesten Formen von Luxus.". Manchmal gehen Menschen aber auch in dieser unverbundenen Masse von Menschen verloren. Mittellose Menschen wandern durch die Straßen, weil ihnen das Rasten verboten ist, weil sie vertrieben und verscheucht werden, wenn sie sich schlafen legen wollen. Andere arbeiten auf der Straße, verkaufen Sex, indem sie am Bordstein entlangwandern, sich von anderen Wandernden ansprechen und mitnehmen lassen. Straßenhandelnde verkaufen Essen oder Schmuck aus mobilen Verkaufsständen. Manche bringen aber auch ihren Protest in die Straßen, demonstrieren für ihre Ziele gemeinsam. Frauen erobern sich demonstrierend die Straße zurück und wehren sich gegen die unausgesprochene Ausgangssperre nach Sonnenuntergang, Frauen fanden sich aus Protest gegen die gestiegenen Brotpreise zusammen und initiierten die französische Revolution.

Inzwischen nutzen Menschen die Straßen der Stadt auch als Joggingstrecken, laufen Marathons durch die Städte. Am Ende bleibt aber der Wunsch der Autorin bestehen, dass das Wandern Menschen weiter miteinander in Verbindung bringt, dass wir trotz digitaler Kommunikation und ausgefeilten Transportsystemen nicht aus den Augen verlieren, aufeinander zuzugehen.

AVIVA-Tipp: "Wanderlust" macht nicht nur Lust zu wandern, sondern ist eine kluge und kurzweilige Reise durch die Geschichte und den Charakter des Gehens. Von der philosophischen Betrachtung bis zur geschichtlichen Reise, vom Privileg des Spaziergangs für Reiche zur Erholung für alle, vom Wandeln im Garten über den Kreuzweg zum Labyrinth, von der gemeinschaftlichen Demonstration bis spirituellen Reise – Rebecca Solnit nimmt uns nicht nur auf eine vielfältige Betrachtung mit, sondern gibt uns auch die Möglichkeit, viele kluge Erkenntnisse am Wegrand mitzunehmen. Eine Lektüre nicht nur für FußgängerInnen. Leider hat der Übersetzer Daniel Fastner seine Übersetzung nicht geschlechtergerecht angepasst, was bei einer Feministin wie Rebecca Solnit besonders unangenehm auffällt.

Zur Autorin: Rebecca Solnit, Jahrgang 1961, ist eine der bedeutendsten Essayistinnen und Aktivistinnen der USA. Sie setzt sich für Feminismus, Umweltschutz und Menschenrechte ein. Sie ist Herausgeberin des Magazins "Harper´s" und schreibt regelmäßig Kolumnen für den "The Guardian". Für ihre Werke erhielt sie zahlreiche Preise und Auszeichnungen. Ins Deutsche übersetzt wurden von ihr bisher "Wenn Männer mir die Welt erklären" (2017), "Die Mutter aller Fragen" (2017) und "Die Dinge beim Namen nennen" (2019).
Mehr zur Autorin: rebeccasolnit.net und www.theguardian.com

Rebecca Solnit
Wanderlust
Eine Geschichte des Gehens

Orginaltitel: Wanderlust: A History of Walking
Übersetzt von Daniel Fastner
Matthes & Seitz Berlin, erschienen Juni 2019
Gebundene Ausgabe, 384 Seiten
ISBN: 978-3957575630
Preis: 30,00 Euro
Mehr zum Buch unter: www.matthes-seitz-berlin.de

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Rebecca Solnit – Die Dinge beim Namen nennen. Call Them by Their True Names. American Crisis (and Essays)
Die jüdisch-amerikanische Kulturhistorikerin, Journalistin, Essayistin und Autorin ("Wenn Männer mir die Welt erklären"), der wir den Begriff des "Mansplaining" zu verdanken haben, nimmt sich in ihren aktuellen furchtlosen und scharfsichtigen Essays der USA unter Trump an. (2019)

Rebecca Solnit – Wenn Männer mir die Welt erklären
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Literatur > Sachbuch

Beitrag vom 16.09.2019

Ahima Beerlage 






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