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AVIVA-BERLIN.de im September 2019 - Beitrag vom 05.09.2019


Emilia Smechowski – Rückkehr nach Polen. Expeditionen in mein Heimatland
Saskia Balser

Als Fünfjährige ist die mehrfach ausgezeichnete Berliner Journalistin und Autorin Emilia Smechowski ("Wir Strebermigranten") aus Polen mit ihrer Familie nach Deutschland gekommen. Für ein Jahr ist sie im März 2018 zusammen mit ihrer Tochter nach Danzig zurückgekehrt, um herauszufinden, wie es dazu kommen konnte, dass ihre Heimat heute von einer nationalkonservativen und EU-kritischen Partei regiert wird und wie diese die Nation spaltet.



Seitdem Emilia Smechowski schreibt, beschäftigt sie sich mit ihrem eigenen Lebensweg und ihrer Identität einer polnischen Migrantin. Bei der "taz", der "Zeit" und der "Süddeutschen Zeitung" veröffentlichte sie in den letzten Jahren zahlreiche Artikel und leistet auf diese Weise einen wichtigen Beitrag zur sogenannten Migrationsdebatte. Für ihr Essay "Ich bin wer, den du nicht siehst" wurde sie mit dem Deutsch-Polnischen Tadeusz-Mazowiecki-Journalistenpreis, dem Deutschen Reporterpreis und dem Konrad-Duden-Journalistenpreis ausgezeichnet. Im Juli 2017 erschien ihr erster Roman "Wir Strebermigranten", in welchem sie ihre eigene Geschichte erzählt: Vom Ankommen und Anpassen in Deutschland.

Emilia Smechowski und Margarete Stokowski
© Saskia Balser, AVIVA-Berlin. Emilia Smechowski und Margarete Stokowski auf der Bühne des Pfefferberg Theaters.


"Rückkehr nach Polen" stellt gewissermaßen die Fortsetzung von Smechowskis erstem Roman dar, kann aber auch unabhängig von seinem "Vorgänger" gelesen werden. Bei der Buchpremiere am 27. August 2019 im Pfefferberg Theater in Berlin empfiehlt Interviewpartnerin Margarete Stokowski das Buch mit den Worten: "Pol*innen, die Emilias Geschichte teilen, können es als Roman und Nicht-Pol*innen können es als Sachbuch lesen."
Tatsächlich, beide Elemente sind in "Rückkehr nach Polen" enthalten. In vielen Passagen beschreibt Smechowski ihren Alltag mit ihrer kleinen Tochter in der "neuen" Heimat Danzig, die größtenteils kulturelle Unterschiede zwischen Deutschland und Polen darlegen, sowie Geschichten persönlicher Enttäuschungen und Frustration. Besonders die ersten Tage sind für Smechowski überwältigend und fremd: "Ich frage mich, was wir hier machen. Wir sind da, aber wir sind noch nicht angekommen. In einem Neuanfang liegt einfach keine Würde."

Als sie 1988 als Kind mit ihrer Familie nach Westberlin gekommen ist, war das Hauptanliegen der Familie, nicht aufzufallen, sich so schnell wie möglich an die neue Kultur und deren Eigenheiten anzupassen. Zurück in Polen fühlt sich Smechowski auch sprachlich zwischen den Stühlen: "Ich [...] habe mehr als nur Probleme mit der Aussprache. Und doch merkt jeder, dass ich keine Ausländerin bin. Mein Polnisch ist zu gut, als dass man mich mit meinem Anderssein durchkommen lassen würde. Ich spreche Polnisch, falle aber dennoch aus dem Raster. [...] Es ist nicht die Sprache, die mich verrät, es sind die Fragen, die ich stelle, weil ich nicht weiß, wie man in Danzig lebt. Die Fragen sagen: Bitte helft mir, ich bin nicht von hier. Nicht wirklich."

Das Erzählen ist aber nicht Smechowskis eigentliches Anliegen, als Journalistin will sie die politischen und sozialen Verhältnisse hinterfragen und verstehen. Aus diesem Grund begibt sie sich ins Gespräch, mit Nachbar*innen, Bekannten und Politiker*innen, unter anderem dem ehemaligen polnischen Staatspräsident Lech Wałęsa, der maßgeblich am politischen Wandel Polens (1980 – 1989) von einem realsozialistischen zu einem demokratisch-marktwirtschaftlichen System beteiligt war.

Smechowski spricht immer wieder von dem "Riss", der sich durch Polens Gesellschaft zieht. Dieser habe sich vor allem gebildet, als im Herbst 2015 die nationalkonservative PiS ("Prawo i Sprawiedliwość, dt. Recht und Gerechtigkeit) Regierungspartei wurde. Seitdem ist die Bevölkerung geteilt in jene, die "dem Westen" zugewandt sind, "die in den Urlaub nach Ägypten oder Spanien flogen und dafür zu Hause Rad anstatt Auto fuhren, die Sushi und vegane Burger aßen und ihre Kinder beim Capoeira beklatschten" und jene, die das vielleicht wollen, aber nicht können, die sich abgehängt fühlen und dennoch als "Polen der besseren Sorte" fühlen.

Antisemitismus in Polen heute

Während ihrer Zeit in Polen besucht Smechowski insgesamt sieben Mal die Gedenkstätte des ehemaligen deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau/Oświęcim und versucht damit zu begreifen, warum die PiS-Regierung ein Gesetz erlassen konnte, das unter Strafe stellt, von einer Mitverantwortung der Polen für den Holocaust zu sprechen und warum antisemitische Angriffe in Polen stetig zunehmen. Smechowski findet: "Auschwitz [ist] in Zeiten von wachsendem Nationalismus und Antisemitismus politischer denn je." Doch auch an ausgerechnet diesem Ort hört Smechowski am Rande, wie ein weiblicher Guide zu ihrer Kollegin sagt: "Ich habe gleich schon wieder Juden, leider." und sie erfährt, dass ein Italiener, der angefangen hat, in der Gedenkstätte als Guide zu arbeiten, Opfer rechter Hetze wurde. An den Eingang seiner Wohnung sprühte man ihm die Sprüche "Polen den Polen" und "Auschwitz den polnischen Guides", dazu einen Davidstern und ein Hakenkreuz.

Wie es zu den vielen Widersprüchen kommen konnte, die Smechowski in ihrem Buch beschreibt und analysiert, und was in den letzten 30 Jahren in der Heimat der Autorin auf gesellschaftspolitischer Ebene passiert ist, geht sie auf die Spur. Ihre augenöffnenden Erlebnisse und Beobachtungen erlauben einen klaren, scharfen Blick auf unser Nachbarland und seine Gesellschaft. Im Zuge ihrer Reise kommt Smechowski zu einer optimistischen Schlussfolgerung:

"Vielleicht muss man sich nicht überall zu Hause fühlen. Vielleicht sollten viel mehr Menschen ab und an Fremde sein. In Deutschland und in Polen und anderswo. Vielleicht würden dann mehr Verständnis wachsen für diejenigen, die ihre Fremdheit nicht so frei wählen können, die Sprachen nicht sprechen und Codes nicht kennen, weil sie Migrantinnen und Migranten sind."

AVIVA-Tipp: Emilia Smechowski, geboren als Emilka Elżbieta Smiechowska, wurde in vielfacher Hinsicht "eingedeutscht" und untersucht aus genau dieser Perspektive das Land ihrer Kindheit. In "Rückkehr nach Polen" findet sie eine interessante Balance zwischen unterhaltsamen, persönlichen Erzählungen sowie informativen Gesellschaftsanalysen.

Zur Autorin: Emilia Smechowski, 1983 in der Nähe von Danzig geboren, migrierte mit ihrer Familie 1988 nach Westberlin, studierte Operngesang und Romanistik in Berlin und Rom und entschied sich dann, als Journalistin zu arbeiten. Sie war Redakteurin der tageszeitung, arbeitet heute als freie Autorin und Reporterin u.a. für Geo, Süddeutsche Zeitung und Die Zeit. Für ihren in der taz erschienen Essay "Ich bin wer, den du nicht siehst" über die große und zugleich kaum wahrgenommene Einwanderungsgruppe aus Polen wurde sie 2015 mit dem Deutschen Reporterpreis, 2016 mit dem Konrad-Duden-Journalistenpreis und dem Deutsch-Polnischen Tadeusz-Mazowiecki-Journalistenpreis ausgezeichnet. 2018 erschien ebenfalls bei Hanser Berlin ihr Buch "Wir Strebermigranten".
Emilia Smechowski im Netz: twitter.com/emilia_owski

Emilia Smechowski
Rückkehr nach Polen. Expeditionen in mein Heimatland

Hanser Berlin, ET: 22. Juli 2019
Fester Einband, 256 Seiten
ISBN 978-3-446-26418-2
23 Euro
Mehr zum Buch und Lesungstermine unter: www.hanser-literaturverlage.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Emilia Smechowski - Wir Strebermigranten
Emilia Smechowski, erfolgreiche Journalistin und Autorin greift mit ihrem Debüt überzeugend in die aktuelle Migrationsdebatte ein. Sie kritisiert die pauschalen Zuschreibungen, anhand derer das Schicksal geflüchteter Menschen verhandelt wird. Selbst als Kind mit ihrer Familie aus Polen nach Deutschland migriert, beschreibt sie ihren persönlichen Lebensweg in eine ungewisse Zukunft und hinterfragt dabei auch das Menschenbild in der gegenwärtigen Diskussion. (2018)

Monika Sznajderman - Die Pfefferfälscher. Geschichte einer Familie
Das Buch der promovierten Kulturanthropologin und Leiterin des renommierten Verlags Czarne ist eine komplexe Recherche der Vergangenheit im familiären und kollektiven Gedächtnis im von NS-Deutschen besetzten Polen. West-Polen geriet im September 1939 unter deutsche Okkupation, Ost-Polen im Juli 1941. In "Die Pfefferfälscher Geschichte einer Familie" zieht sich ein Erzählstrang durch das gesamte facettenreiche Buch, indem Monika Sznajderman den Lebensweg ihres jüdischen Vaters Marek Sznajderman dessen Stationen Schritt für Schritt nachgeht, und, soweit es noch möglich ist, minutiös erforscht und historisch belegt. (2018)

Gabriel Berger - Der Kutscher und der Gestapo-Mann. Berichte jüdischer Augenzeugen der NS-Herrschaft im besetzten Polen in der Region Tarnów
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Daniela Dröscher - Zeige deine Klasse. Die Geschichte meiner sozialen Herkunft
Mit ihrem in mehrere Teile gegliederten Porträt begibt sich die Tochter einer in Polen geborenen Mutter und eines rheinland-pfälzischen Vaters, die in Trier und London Germanistik, Anglistik und Philosophie studierte, auf die Suche nach ihrer sozialen Herkunft. Diese führt sie über den mit Scham besetzten Begriff der "Klasse" bis hin zu der Frage, was eigentlich als "normal" gilt. (2018)

Auf der Suche nach der Seele Berlins - Dorota Danielewicz.
45.000 BerlinerInnen haben die polnische Staatsangehörigkeit. Aus Polen stammt auch Dorota Danielewicz, und obwohl sie seit Jahrzehnten in Berlin lebt, hat sie sich den neugierigen Blick von außen bewahrt. (2014)

Migration als Ressource. Zur Pendelmigration polnischer Frauen in Privathaushalte der Bundesrepublik. Von Sigrid Metz-Göckel, Dobrochna Kalwa, Senganata Münst.
Polnische Pendelmigrantinnen - moderne Sklavinnen oder Ich-AG? Wer ist eigentlich Ihre polnische Haushaltshilfe und warum sich Schwarzarbeit noch immer für Migrantin und ArbeitgeberIn lohnt. (2010)

Berlin. Polnische Perspektiven, herausgegeben von Dorota Danielewicz-Kerski und Maciej Górny
Die zweitgrößte Zuwanderungsgruppe in Berlin sind Polen. Die Wahrnehmung für das Wissen, die Präsenz und die Vielfalt der Erinnerungslandschaft zu wecken, ist das Anliegen dieses Lesebuches. (2008)

Agata Bara - Der Garten
In dieser Graphic Novel, ihrer Abschlussarbeit an der Folkwang-Universität Essen, tuscht die polnischstämmige Newcomerin berührend und eindrucksvoll ein Stück polnisch-deutscher Geschichte. (2013)

Joanna Bator – Wolkenfern
Mit ihrem Roman um zwei starke Frauen entfaltet die mehrfach ausgezeichnete polnische Autorin ("Sandberg") erneut ihr erzählerisches und kompositorisches Können. Virtuos übersetzt von Esther Kinsky (2013)

Aber das Leben geht weiter. Ein Dokumentarfilm von Karin Kaper und Dirk Szuszies. Ab 1. Dezember 2012 auf DVD
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Chasia Bornstein-Bielicka - Mein Weg als Widerstandskämpferin
Die Autorin erzählt von ihrer Tätigkeit als jüdische Widerstandskämpferin in den Jahren 1941 bis 1945 im besetzten Polen, von der täglichen Lebensgefahr, in der sie schwebte, da sie als Polin getarnt auf der "arischen" Seite lebte, von ihrem selbstlosen Einsatz für die JüdInnen im Ghetto und schließlich von ihrer Arbeit als Verbindungsmädchen zu jüdischen PartisanInnen im Wald. (2009)

Weitere Informationen unter:

www.reporterforum.de
PDF-Dokument des im Mai 2015 in der taz erschienen Essays "Ich bin wer, den du nicht siehst", für den Emilia Smechowski mit mehreren Preisen ausgezeichnet wurde.



Literatur > Sachbuch Beitrag vom 05.09.2019 AVIVA-Redaktion 





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