Virginia Woolf - Brief an einen jungen Dichter - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
AVIVA-Berlin .
.
P
R
.
.

AVIVA_gegen_AFD DER FLOHMARKT VON MADAME CLAIRE
AVIVA-Berlin > Literatur > Sachbuch AVIVA-Newsletter bestellen
AVIVA-Berlin auf Facebook AVIVA-Berlin auf twitter
   Aviva - Home
   Veranstaltungen in Berlin
   Women + Work
   Public Affairs
   Kultur
   Jüdisches Leben
   Interviews
   Literatur
   Romane + Belletristik
   Biographien
   Jüdisches Leben
   Sachbuch
   Graphic Novels
   Art + Design
   Lesungen in Berlin
   Music
   Sport
   Gewinnspiele
   Frauennetze
   E-cards
   About us
 


Happy Birthday AVIVA




AVIVA wishes you a happy and peaceful New Year 2019







 



AVIVA-BERLIN.de im Juni 2019 - Beitrag vom 17.05.2019


Virginia Woolf - Brief an einen jungen Dichter
Bärbel Gerdes

In ihrem "Brief an einen jungen Dichter" aus dem Jahr 1932 seziert die Prosaschriftstellerin Virginia Woolf klug und genüsslich die Lyrik ihrer Gegenwart, um die Frage zu beantworten, ob die Dichtkunst tot sei. Tot sei sie nicht, resümiert sie, aber es fehle ihr an Leben.



"Ich halte Ihre Idee eines Briefes für höchst brillant." schreibt Virginia Woolf im September 1931 an John Lehmann, Lektor ihres Verlages The Hogarth Press. "Denn in mir kochen unreife und schlecht durchdachte und wilde und ärgerliche Gedanken über Prosa und Lyrik hoch." Stephen Spender, W.H. Auden, Cecil Day Lewis und natürlich Lehmann selbst müsse sie lesen und dann werde [ich] alles von mir geben, was mir über euch Junge und uns Alte einfällt, und über Romane – wie verdammt sie sind – und Lyrik, wie tot. (zitiert nach: Hermione Lee: Virginia Woolf, 1999).

Und schon galoppiert sie los, wie nur Virginia Woolf losgaloppieren kann. Die Brillanz ihres Stils, ihre Wortgewandtheit und Ironie lassen die Leserin sofort hineinspringen in die Beantwortung der Frage, wie es mit der Dichtkunst weitergeht oder ob sie gar schon tot ist.
Doch halt, erst muss sie an Mr Peabody erinnern, der stets sämtliche Künste für tot erklärte, darunter auch die Kunst des Briefeschreibens. Niemand nähme sich mehr die Zeit dafür, geschweige denn dafür, das t mit einem säuberlichen Strich zu versehen. Stattdessen eilten wir ans Telefon – und diese Bemerkung erscheint dann auch der heutigen Leserin sehr modern.

Virginia Woolf ist eine Prosaschriftstellerin. Nie hat sie sich der Dichtkunst ergeben. Und so muss sie zunächst einen Kampf ausfechten zwischen der Freiheit der Prosa und den Beengungen des Dichtens. Wie, so fragt sie, soll man denn sagen, was man meint, und gleichzeitig die Regeln der Dichtkunst einhalten? Um sogleich anzuheben zu einem Vortrag über Poetik, über das Leben und wie Leben und Schönheit gleichermaßen Eingang in die Lyrik finden könnten.

Die Situation der jungen Dichter sei nicht einzigartig, betont sie. Ihnen voran seien Shakespeare, Dryden, Shelley gegangen, ihnen selbst würden andere folgen. Doch ins Zentrum ihrer Lyrik würden die jungen Dichter die eigene Person stellen. Da dies nicht ausreiche, versuchen die, das Leben in ihre Dichtkunst hineinzuschreiben, ohne dem Leben selbst eine Stimme zu geben. Gedichte von Auden, Lewis, Lehmann zitiert sie, schlechte Gedichte, sterile Gedichte, die die Schönheit außen vor lassen. Es entsteht kein abgerundetes Ganzes. Der Dichter interessiert sich sehr viel weniger für das, was uns verbindet, als vielmehr für das, was ihn abhebt., konstatiert sie scharfzüngig, während Shakespeare von Hamlet, Falstaff und Kleopatra zu seinem Wissen gedrängt wurde und weil die Adeligen, die Offiziere, die Untergeben, die Mörder und die einfachen Soldaten in seinen Stücken darauf beharrten, dass er genau das ausdrücken solle, was sie fühlten, in den Worten, die ihre Gefühle wiedergaben.

Virginia Woolf hat sechs große Bände mit Essays hinterlassen. Ihre Rezensionen, Ansichten, Auseinandersetzungen sprühen wie ein Feuerwerk, sind voller Leben, voller Geist, voller Witz. Virginia Woolfs Essays müssen den Neid jeder Biographin erregen", schreibt Hermione Lee bewundernd.

Umso schöner ist es, dass dieser Brief-Essay oder Essay-Brief, dieser Schatz, jetzt vom L.S.D. Verlag gehoben wurde, jenem kleinen feinen Verlag, den Gerhard Steidl und Karl Lagerfeld gemeinsam gründeten, um bewusstseinserweiternde Literatur zugänglich zu machen.

AVIVA-Tipp: Es ist immer wieder anregend, Essays von Virginia Woolf zu lesen – so auch hier. Ihr Brief an einen jungen Dichter funkelt und strahlt und gibt der Dichtkunst eine geistreiche Stimme.

Zur Autorin: Virginia Woolf geboren am 25. Januar 1882 in London, gestorben am 28. März 1941 bei Rodmell in Lewes. Woolf war eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen, Kritikerinnen und feministischen Denkerinnen der Moderne. Zudem war sie als Verlegerin in ihrem eigenen Verlag, der Hogarth Press tätig. Zu ihren Werken gehören "Mrs Dalloway" (1925), "Zum Leuchtturm" ("To the Lighthouse", 1927), "Orlando" (1928) und "Die Wellen" ("The Waves", 1931). Ihre feministischen Essays "Ein Zimmer für sich allein" ("A Room of One´s Own", 1929) und "Drei Guineen" ("Three Guineas", 1938) wurden im Zuge der Neuen Frauenbewegung der siebziger Jahre neu entdeckt.

Virginia Woolf
Brief an einen jungen Dichter

Originaltitel: A Letter to a Young Poet (1932)
Aus dem Englischen von Tanja Handels
L.S.D. Verlag, erschienen im April 2019
Gebunden, 64 Seiten
ISBN 978-3-86930-947-7
12.80 Euro
Mehr zum Buch: steidl.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Judith Wolfsberger - Schafft euch Schreibräume! Weibliches Schreiben auf den Spuren Virginia Woolfs. Ein Memoir
Immer noch haben es Frauen, die schreiben wollen, nicht einfach. Sie werden nach wie vor bestenfalls kritisch, oft auch herablassend beäugt. Diese Haltung hat sich in vielen Frauenkörpern und -köpfen eingeschrieben. Die Creative Writing Lehrerin und Autorin Judith Wolfsberger erkundet in ihrem neuen Buch weibliche Schreibräume, um Frauen zu ermutigen und ihnen den Raum zu geben, der ihnen zusteht. (2018)

Tobias Schwartz, Virginia Woolf - Bloomsbury & Freshwater
In "Freshwater", Virginia Woolfs einzigem Theaterstück, erweckt sie ihre Großtante, die Fotografin und Exzentrikerin Julia Margaret Cameron zu neuem Leben und unterhält uns mit einer großen Eselei. (2017)

Frances Spalding - Virginia Woolf. Leben, Kunst & Visionen
Zum 75. Todestag von Virginia Woolf am 28. März 2016 liegt nun das zur gleichnamigen Ausstellung, die 2014 in der National Portrait Gallery in London gezeigt wurde, erschienene Buch auf Deutsch vor. (2016)

Gertrud Lehnert - Herzanker. Dichterinnen und die Liebe
Der Titel und die lila-schmachtige Geschenkbuchgestaltung täuschen. Ein besonderes Geschenk ist dieses Buch jedoch tatsächlich: Fern jeder pathetischen Überladung, mit Klarheit und wissenschaftlicher Distanz stellt die Literaturwissenschaftlerin Gertrud Lehnert in dreizehn Dichterinnenporträts eine kleine Literaturgeschichte der Liebeslyrik zusammen, von der Renaissance bis zur Gegenwart: Angefangen mit der italienischen Markgräfin und Michelangelo-Freundin Vittoria Colonna über Annette von Droste-Hülshoff, Elizabeth Barrett Browning und Emily Dickinson bis hin zu Else Lasker-Schüler, Ingeborg Bachmann, Sylvia Plath und Margaret Atwood. Vergessene und berühmte Namen finden hier zur gegenseitigen Ergänzung zusammen. (2011)



Literatur > Sachbuch Beitrag vom 17.05.2019 Bärbel Gerdes 





  © AVIVA-Berlin 2019 
zum Seitenanfang   suche   sitemap   impressum   datenschutz   home   Seite weiterempfehlenSeite drucken