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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2018 - Beitrag vom 19.09.2018

Daniela Dröscher - Zeige deine Klasse. Die Geschichte meiner sozialen Herkunft
Nora Rauschenbach

Mit ihrem in mehrere Teile gegliederten Porträt begibt sich die Tochter einer in Polen geborenen Mutter und eines rheinland-pfälzischen Vaters, die in Trier und London Germanistik, Anglistik und Philosophie studierte, auf die Suche nach ihrer sozialen Herkunft. Diese führt sie über den mit Scham besetzten Begriff der "Klasse" bis hin zu der Frage, was eigentlich als "normal" gilt.



In ihrem Prolog zum im September 2018 erschienenen Buch erklärt die Autorin: "Der Begriff "Klasse" mag auf den ersten Blick starr und altmodisch erscheinen, doch macht er deutlich, dass die Grenzen zwischen Oben, Mitte und Unten viel weniger durchlässig sind als die Begriffe "Schicht" und "Milieu" suggerieren."

Diese soziale Schere zwischen Bauernmädchen und Bürger*innenkind, zwischen Pflicht und Abenteuer, wie sie auch die Journalistin Kathrin Fischer, zwar in einem anderen Kontext, aber mit doch ähnlicher Problematik in "Generation Laminat. Mit uns beginnt der Abstieg…und was wir dagegen tun müssen" beschreibt, zeigt Daniela Dröscher auf.

Was bedeutet "nach unten küssen" und was "sich nach oben orientieren"? Damit beschäftigt sich die studierte Germanistin, Anglistin und Philosophin auf eine sprachlich- und weltoffen-orientierte Art. Konstant begleitet wird sie dabei von der Frage...

...Was ist "normal"?

Bereits seit ihrer frühen Kindheit wurden Daniela Dröscher unterschiedliche Wertesysteme vermittelt: Auf der einen Seite die Liberalität ihrer Mutter, auf der anderen das Sicherheitsdenken ihres Vaters:

MUTTER: Geld ist nicht wichtig.
VATER: Geld ist Sicherheit.
MUTTER: Geld ist nicht wichtig.
VATER: Geld ist Sicherheit.

Irgendwo dazwischen bewegte sich Daniela auf der Suche nach Normalität: "Verwirrend: Waren Pelzmäntel jetzt normal oder nicht...?"
Dröschers Kindheit war gleichzeitig bestimmt von Sozialneid und unterschiedlichen politischen Sozialisationen, die weit zurück liegen: "Ich glaube, dass beide Großeltern-Parteien unbewusst den Stachel eines Klassenkampfes in die Ehe meiner Eltern mit einbrachten.".

Der große unausgesprochene Konflikt, der die Familie in zwei Parteien spaltete, war die Rolle von Daniela Dröschers Großeltern im Zweiten Weltkrieg: Der Großvater mütterlicherseits war "ein erklärter Gegner Hitlers", während sie den Großvater väterlicherseits "als unüberzeugtes, aber passives Parteimitglied und Versorger von der deutschen Armee nicht eingezogen worden" beschreibt.
Leider erfahren wir nichts weiter über dessen Rolle oder Funktion als "Versorger der deutschen Armee" während der NS-Zeit. Die Autorin führt diese als Nebensatz eingestreute Information zu Großvater Willy nicht weiter aus.

Diese Zerrissenheit der Familienstrukturen, wurde in Form ihrer Klasse wieder kompensiert, denn: "Ich muss keine NORMALE Darstellung von "Zuhause", "Alltag" und "Freizeit" in den Schulbüchern fürchten, da meine Normalität immer dem materiellen Standard der Repräsentation entspricht.", wie Dröscher ironisierend in der "Liste meiner Privilegien bis einschließlich zehnte Klasse" festgehalten hat.

Formen und Strukturen

Durchbrochen werden ihre Ausführungen von vielfältigen literarischen Formen, wie Listen, Fußnoten oder Einschüben. "Eine wichtige Gefährtin meines Erzählens ist die Liste. Sie kann zwischen Ordnung und Unordnung vermitteln und zeigt die Unendlichkeit und Erweiterbarkeit meiner subjektiven Sicht durch den Lesenden. Eine weitere Gefährtin ist die Fußnote: In ihr versammle ich "anökonomische" weiterführende Gedanken, die im Haupttext keinen Platz finden.", äußert sich Daniela Dröscher im Prolog über ihre Intention.

Die besagte "Unordnung" ist zwar durchaus gegenwärtig im Werk der Autorin, stört jedoch den Lesefluss nicht. Im Gegenteil erhält der Text durch sie gleichermaßen Lebendigkeit und Gedankenstruktur, denn: Das ist er ja im Prinzip auch. Ein starker, von Zweifeln geprägter Ausdruck von Gedanken einer in die Mittelklasse hineingeborenen Frau, die auf der Suche nach ihrer Herkunft ist und uns daran teilhaben lässt.

Daniela Dröscher und Yoko Tawada

Von poetologischem sowie persönlichem Interesse schien die Wahl des Dissertationsthemas der Schriftstellerin gewesen zu sein: Die japanische Autorin und Literaturwissenschaftlerin Yoko Tawada, die sowohl in japanischer wie auch in deutscher Sprache schreibt, "war leichtfüßig, humorvoll, kindlich, abstrakt und theoriegeladen", wie Dröscher im vierten Teil ihres Buches schreibt. "Es war schwer zu sagen, wovon diese Bücher "handelten" – die Fremdheit selbst, die Form war Thema."
Obwohl sich Tawada in ihren Texten, ähnlich wie Daniela Dröscher, mit Sprache und Identität beschäftigt, war die Dissertation nach Aussage der Schreiberin "das Dokument einer Verzweiflung". Und weiter:

"Keine These. Die einzelnen Sätze werden für interessant befunden, aber es gibt keinen wirklichen roten Faden. Im Grunde erinnert die Arbeit an meine Mutter. Auch ich gebe weiße Blätter ab – nur dass sie beschrieben sind, mit Schrift, die mehr Ornament ist als Aussage, wie mein Doktorvater richtig erkennt [...] Ich habe die Arbeit in keinem Verlag veröffentlicht. Den Doktortitel führe ich nicht.", so Dröscher in ihrem...

...Alphabet der Scham

Als eine der von mir erwähnten "besonderen" Formen hat sie ein für sie individuelles Alphabet entwickelt: Hier wird jeder lateinische Buchstabe sowie ein zusätzlicher Umlaut und das Eszett einer vermeintlich schamhaften Eigenschaft oder persönlichen Erfahrung zugeordnet. Also "A wie abschreiben", "L wie Lüge" oder "Z wie Zickzack":

"Der Rückzug ins Private, für den ich mich schäme hat einen simplen Grund: Dauermüdigkeit, Dauererschöpfung, Lohnabhängigkeit. Das Ideal der perfekten Mutter spukt in mir. Die Mutter, das ist die ewige Amateurin", konstatiert die studierte Germanistin nach der Geburt ihres Sohnes und zitiert damit die schon früh an Depressionen erkrankte Schriftstellerin, Journalistin, Aktivistin und Frauenrechtlerin Charlotte Perkins Gilman (1860 – 1935). In deren Schwangerschaft verschlechterte sich ihre Krankheit, jedoch existierten keine adäquaten Behandlungsmöglichkeiten von psychischen Erkrankungen und stattdessen wurden Standardtherapien wie Mastkuren, das Untersagen von geistiger Betätigung und Ruhe verordnet.

Auch die Journalistin und Autorin Emilia Smechowski beschäftigt sich in ihrem Debüt "Wir Strebermigranten" mit der Thematik des "Sich-Schämens": Mit ihren Eltern als Kind aus Polen nach Deutschland migriert, kennt sie das Gefühl, ihre Herkunft verstecken zu wollen, welches sie nun abgelegt habe.
Für Daniela Dröscher ist ihre polnische Herkunft nur ein Teil von dem, was lange Zeit mit Scham besetzt war, von dem sie sich aber ebenfalls nach und nach gelöst hat:

"Ich lebte lange in der gefühlten Gefangenschaft dieser drei D´s – dicke Mutter, Dorf, Dialekt.", so die Autorin im Prolog. Dieses Buch scheint ihr Befreiungsschlag zu sein.

Auch Zitate einiger wegweisender Feministinnen sind dem Buch vorangestellt oder an passenden Stellen eingefügt, darunter von der französischen Schriftstellerin Annie Ernaux ("Sie spürt sich nirgends. Außer, wenn sie schreibt oder liest"), der US-amerikanischen Schriftstellerin, Verlegerin und Kunstsammlerin Gertrude Stein ("Jeder muss sich jetzt wirklich entscheiden. Ist Geld nun Geld oder ist Geld nicht Geld?"). Mit prägnanten Zitaten vertreten sind auch die US-amerikanische Sängerin Gloria Gaynor ("Yor life is a sham / Till you can shout out / I am what I am") und die US-amerikanisch-französische Tänzerin, Sängerin, Bürgerrechtlerin und Philanthropin Josephine Baker: "Das Hinterteil existiert. Ich sehe keinen Grund, mich dessen zu schämen. Es stimmt allerdings, dass es Hinterteile gibt, die so dumm, so angeberisch und unbedeutend sind, dass sie nur zum Draufsitzen taugen."

AVIVA-Tipp: Daniela Dröscher hat mit "Zeige deine Klasse" eine ganz eigene, künstlerisch-literarische und auch autobiographische Form geschaffen. Autobiographisch, ja und dennoch findet hier keine klassische Zuordnung in ein Genre statt, wie die 1977 geborene Autorin selbst bemerkt: "Ein Buch wie dieses schreibt man zumeist erst dann, wenn man entweder sehr alt oder sehr berühmt ist oder wenn die eigenen Eltern nicht mehr am Leben sind [...]"
Ausgehend von ihren persönlichen Erfahrungen hat sich Daniela Dröscher einem Thema genähert, mit dem sich jede*r identifizieren kann: Das der Zugehörigkeit, dem "Wir-Gefühl" und der Klasse.

Zur Autorin: Daniela Dröscher wurde 1977 in München geboren, ist aufgewachsen in Rheinland-Pfalz und lebt heute in Berlin. Sie schreibt Prosa, Essays und Theatertexte. Nach einem Studium der Germanistik, Anglistik und Philosophie in Trier und London wurde sie in Potsdam zur Poetologie der Schrift¬stellerin Yoko Tawada promoviert. Parallel studierte sie Szenisches Schreiben in Graz. Erste Theaterstücke wurden 2009 an den Theatern Mainz und Bochum uraufgeführt, am Theater Speyer war 2011 ihr erstes Jugendstück zu sehen. 2008 war sie Stipendiatin der "Autorenwerkstatt Prosa" des LCB, 2009 erschien ihr Debüt "Die Lichter des George Psalmanazar" im Berlin Verlag, für den sie u.a. mit dem Anna-Seghers-Preis ausgezeichnet wurde.

Daniela Dröscher
Zeige deine Klasse
Die Geschichte meiner sozialen Herkunft

Pappband mit Schutzumschlag, 256 Seiten
Hoffmann und Campe Verlag, erschienen: 15. September 2018
Mehr Infos zum Buch und Lesungstermine unter: www.hoffmann-und-campe.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Emilia Smechowski - Wir Strebermigranten
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Was heißt es für ein Kind inmitten von Wohlstand arm zu sein?
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Literatur > Sachbuch Beitrag vom 19.09.2018 AVIVA-Redaktion 





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