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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2018 - Beitrag vom 11.03.2018

Johanna Romberg - Federnlesen. Vom Glück, Vögel zu beobachten
Bärbel Gerdes

"Birding" ist das neue Vögelbeobachten! In ihrem spannenden, faszinierenden und ansteckenden Buch unternimmt die mehrfach ausgezeichnete Journalistin Johanna Romberg Streifzüge durch die heimische Vogelwelt und durch ihre Kindheit. Neben dem Staunen steht das Erschrecken darüber, was die Menschheit der Umwelt und damit den Tieren antut.



Wie schafft frau es, andere Menschen für die Vogelwelt zu begeistern und gleichzeitig nicht zu verheimlichen, wie gefährdet diese ist? Johanna Romberg, deren Gefühlsskala von "strahlender Euphorie bis hin zu Verlustangst und hilflosem Zorn" reicht, gelingt dies auf beeindruckende Weise. Obgleich sie Themen wie "Artenschwund, Lebensraumzerstörung und die mühevolle, oft entmutigende Kleinarbeit des Naturschutzes" beschreibt, kommt das Glück des Beobachtens, des Wahrnehmens unserer erstaunlichen MitbewohnerInnen nicht zu kurz.

Das wanderunlustige Mädchen, dem "kaum ein Weg … nicht zu steil, zu waldig, zu heiß, zu nass, zu öde oder sowieso zu lang" war, begann sich nach dem Geschenk eines Fernglases und dem Buch Was fliegt denn da? zu einer Hobbyornithologin zu entwickeln, die ihre Beobachtungen stolz notierte und die entdeckten Arten zählte. Sie machte die berauschende Erfahrung, ihren "mächtigen, unerbittlichen, sonst immer allwissenden Eltern zumindest auf einem Gebiet überlegen zu sein". Diese Liebe zu den Vögeln ist ihr geblieben und drückt sich deutlich im wunderbaren Federnlesen aus.

Was für ein Glück, vor die Tür zu treten und auf vertraute Gestalten wie das Rotkehlchen oder die Blaumeise zu treffen! Wie wunderbar, aufzuwachen und endlich wieder das allmorgendliche Konzert zu hören, das den Frühling einzwitschert! Wie friedlich, sich ganz im Beobachten des rostroten Gimpels zu verlieren und seinem Rufen und der Antwort des Weibchens zu lauschen!
Birding, das Vogelbeobachten, gilt mancher als leicht bizarre Freizeitbeschäftigung von Leuten, die versuchen, die Laute der Vögel in Schrift zu übersetzen, z.B. zitrivi-si SWI-SWI-SWI (Zaunkönig) oder mit steifem Nacken hinauf in Baumkronen zu blicken, weil sich dort oben das Wintergoldhähnchen befindet, das laut Bestimmungsbuch einen "niedlichen Gesichtsausdruck" hat und der kleinste Vogel Europas ist.

Doch leider trügt die Idylle.

"421 Millionen. So viele Vögel sind in den vergangenen dreißig Jahren aus Europas Wäldern, Feldfluren, Dörfern, Städten, Küstengebieten und Flusslandschaften verschwunden." Die Vogelwelt mache einen demografischen Wandel durch, der tiefgreifender sei als alles, was die menschliche Bevölkerung in Deutschland und den meisten europäischen Ländern derzeit erlebt. Vor allem sind die Arten betroffen, die vor dreißig oder vierzig Jahren noch häufig waren: Stieglitz, Hänfling, Feldsperling, Rauch- und Mehlschwalben. Die Zerstörung ihrer Habitate durch Versiegelung, Einsatz von Pestiziden, extensive Landwirtschaft, das Mähen von Weiden bis zu sechsmal jährlich – all dies trägt dazu bei. Es gibt ein Drittel Vögel weniger innerhalb von nur drei Jahrzehnten. "Und neunzig Prozent dieser Verluste betreffen die 36 häufigsten Arten." (…) "Ich könnte heulen, wenn ich diese Zahlen lese", schreibt Romberg. "Ich vermisse die Vögel so sehr. Ganz besonders die, auf die ich früher kaum geachtet habe, weil sie so allgegenwärtig sind."

Bereits 1962 hat Rachel Carson vor dem Einsatz von DDT und einem daraus folgenden "Stummen Frühling" gewarnt. Ihr "Silent Spring" gilt als Ausgangspunkt der weltweiten Umweltbewegung und sorgte in der Folge tatsächlich dafür, dass es zu einem DDT-Verbot kam. In ihrem Buch "Das sechste Sterben" beschreibt die Journalistin Elizabeth Kolbert das massenhafte Artensterben, das von Menschen gemacht wird. Der Einsatz von Glyphosat und anderen Insektiziden tötet die Insekten- und in der Folge die Vogelwelt. Das häufige Mähen von Wiesen tötet und vertreibt Wiesenbrüter wie den wunderschönen Kiebitz, der mit seinem gaukelnden Balzflug zu betören vermag. "Felder, Wiesen, Viehweiden und andere landwirtschaftlich genutzte Flächen nehmen etwa die Hälfte des gesamten Bundesgebietes ein. Auf diesen Flächen wird sich entscheiden, wie viele und welche Vögel in unserem Land auf Dauer eine Überlebenschance haben."

Johanna Romberg verbindet in ihrem leidenschaftlichen Plädoyer den Spaß am Beobachten und das Schützen unserer Umwelt auf sehr berührende Weise.
Herzzerreißend klingt es, wenn sie vom Pragmatismus der meisten Vogelarten schreibt: "Wo sie passende Verhältnisse vorfinden, da lassen sie sich nieder. Sie stellen keine ästhetischen Ansprüche, stören sich nicht am Drumherum, es kümmert sie auch nicht, wenn das neue Biotop nicht zu hundert Prozent ihrem ursprünglichen gleicht. Hauptsache, Ruhe, anständige Nistplätze und genug zu fressen."

Zahlreiche Projekte zum Vogelschutz stellt die GEO-Journalistin vor. Unterschiedlichste Maßnahmen von Organisationen und Einzelpersonen versuchen, der Zerstörung der Artenvielfalt entgegenzuwirken. Das Wichtigste jedoch wäre ein generelles Umdenken: "Wir brauchen eine andere Landwirtschaftspolitik, eine, die Subventionen an konkrete Leistungen für Natur und Umwelt knüpft." fordert sie.

Doch auch eine "Renaturierung der Kindheit" muss geschehen. Heute wird die große Mehrzahl der Kinder von ihren Eltern so umfassend behütet und abgeschirmt, "als lauerten Heckenschützen hinter jedem Müllcontainer", zitiert sie ihren Kollegen Andreas Weber. Kinder verlieren den Bezug zur Natur und was sie nicht kennen, werden sie nicht als schützenswert empfinden. Das Oxford Junior Dictionary, ein Lexikon für Kinder und Jugendliche, eliminierte mehr als 50 naturbezogene Wörter und ersetzte sie durch vermeintlich zeitgemäßere. Statt Ahorn, Blaukehlchen oder Chamäleon gibt es jetzt Attachment, Bluetooth und Chatroom. Mehr als 53.000 Unterschriften wurden dagegen gesammelt.

Johanna Romberg hat mit Federnlesen ein wunderbares Buch geschrieben. Trotz der schockierenden und schwer aushaltbaren Zustandsbeschreibungen unserer Land- und Tierwelt vermag sie es immer wieder, für Vögel zu begeistern und anzurühren. Der Lübbe-Verlag hat diesem so viele Entdeckungen enthaltenen Buch das passende Gefieder mitgegeben: den Vorsatz zieren unterschiedlichste Federn, verschiedenfarbige Seitenhintergründe geben Raum für "zugeflogene" Arten und Gedanken, wunderschöne Illustrationen von Florian Frick laden zum genauen Hinsehen ein und verführen dazu, den Blick nach draußen zu lenken – wie es die Rezensentin gerade tat und zu ihrem unglaublichen Glück auf dem gegenüberliegenden Dach plötzlich und zum ersten Mal einen Sperber entdeckte, mitten in der Stadt, sich ausgiebigst betrachten lassend als wolle er alle Aussagen der Autorin besiegeln.



AVIVA-Tipp: Johanna Romberg begeistert für die Magie des Beobachtens. Ihr allumfassender und kenntnisreicher Blick öffnet die Augen für die Zerstörung unserer Umwelt und für die Schönheit unserer gefiederten Mitbewohner_innen. Ein leidenschaftliches Plädoyer dafür, sich zu engagieren.

Zur Autorin: Johanna Romberg 1958 geboren, wuchs im Ruhrgebiet auf. Nach dem Studium von Schulmusik und Hispanistik in Köln und Sevilla, besuchte sie die Henri-Nannen-Journalistik-Schule. Seit 1987 ist sie Redakteurin und Autorin des GEO-Magazins. 1987 und 1993 erhielt sie den Egon-Erwin-Kisch-Preis, 2013 den Georg von Holtzbrinck Preis für Wissenschaftsjournalismus. 2015 wurde sie mit dem Journalistenpreis der Deutschen Gesellschaft für Neurologie ausgezeichnet. Sie lebt in der Lüneburger Heide.
Mehr Infos: twitter.com/johromberg

Zum Illustrator: Florian Frick, geboren in Berlin, studierte von 2007 bis 2012 Visuelle Kommunikation an der Universität der Künste in Berlin, Diplomabschuss mit dem Schwerpunkt Illustration. 2010 - 2015 Plastiker, Konzeptkünstler und Puppenspieler bei Chris Creatures Filmeffects GmbH. Seit 2015 freischaffender Illustrator, Designer und Plastiker. Frick illustriert Bücher ("Cocktail Kunst", "De Wiehnachtsgeschicht op Plattdüütsch"), gestaltet Plakate, zeichnet Porträts von Mensch, Tier und Natur und ist darüber hinaus im Film- und Fernsehgeschäft tätig. Er lebt in Malente (Schleswig-Holstein).
Mehr Infos: www.monstershome.com

Johanna Romberg
Federnlesen. Vom Glück, Vögel zu beobachten

Mit Illustrationen von Florian Frick
Lübbe Verlag, erschienen im Februar 2018
Hardcover, 304 Seiten
24,00 Euro
ISBN: 978-3-431-04088-3
www.luebbe.de

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Copyright Foto: Bärbel Gerdes

Literatur > Sachbuch Beitrag vom 11.03.2018 Bärbel Gerdes 





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