Claudia Lenssen, Bettina Schoeller-Bouju (Hrsg.) - Wie haben Sie das gemacht? Aufzeichnungen zu Frauen und Filmen - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Literatur Sachbuch



AVIVA-BERLIN.de im September 2020 - Beitrag vom 27.12.2014


Claudia Lenssen, Bettina Schoeller-Bouju (Hrsg.) - Wie haben Sie das gemacht? Aufzeichnungen zu Frauen und Filmen
Helga Egetenmeier

Das Kompendium achtzig facettenreicher Erfahrungs- und Lebensgeschichten von Frauen hinter und vor der Kamera, am Schneidetisch und in der Produktion, lehnt sich bewusst an diese InsiderInnen- ...




... Frage an, die auf Truffauts berühmte Befragung Hitchcocks anspielt.

"In einem Patchwork aus Erfahrungsberichten, Essays, Statements und Reflexionen", von den Herausgeberinnen in "loser Chronologie" zusammengestellt, schildern die Befragten ihr, den bewegten Bildern gewidmetes, Leben. Mit diesen, zwischen drei bis sieben Seiten langen und einem kurzen Steckbrief versehenen Biografien, entsteht ein längst überfälliges Lexikon zu fünfzig Jahren deutschsprachiger Frauenfilmgeschichte.

Gestern Selbstverwirklichung, heute Selbstbehauptung?

Im Vorwort präsentieren die beiden Herausgeberinnen fachkundig ihr Anliegen, die Entwicklungen und Veränderungen des Kinos und Fernsehens, der Öffentlichkeit und des Verhältnisses heutiger Frauen zu feministischen Filmen zu dokumentieren. Eine Erkenntnis, die sie aus den Interviews und Aufzeichnungen ziehen, ist, "dass die Idee der Selbstverwirklichung, die die Frauenbewegung beflügelt hatte, heute ein Zwang zur Selbstbehauptung geworden ist."

Berufs- und Lebensläufe, Ost und West

Erika Gregor (geb. 1934, BRD), die 1963 zusammen mit ihrem Mann zu den GründerInnen der Freunde der Kinemathek e.V. (heute Arsenal - Institut für Film und Videokunst e.V.) gehört, eröffnet die Biografiensammlung. Mittig, im vierzigsten Beitrag, bezieht die Produzentin, Regisseurin und Autorin Annekatrin Hendel (geb. 1964, DDR) auch ihre Ost-West-Erfahrungen mit ein: "Die Käseglocke DDR hatte mich nicht nur eingeschlossen, sondern auch geschützt." Die achtzigste und letzte Kurzvita füllt Ellen Wietstock (geb. 1945, BRD), Filmjournalistin und Herausgeberin der Zeitschrift "Black Box", unter der Überschrift "Frauenpolitik ist Filmpolitik". Sie spricht sich darin vor allem für eine geschlechtergerechte Vergabe öffentlicher Fördermittel aus.

Diese drei Beispiele zeigen die Unterschiede in den beschriebenen und beschrittenen Lebenswegen, die in ihrer Vielfalt auch einen breiten Überblick über die Berufsmöglichkeiten für Frauen beim Film geben: Regisseurin, Produzentin, Autorin, Kuratorin, Cutterin, Redakteurin, Dramaturgin, Verleiherin, Film-Consultant, Kostümbildnerin, Schauspielerin, Professorin und einiges mehr an und über Jobs kommt zur Sprache.

Vom historischen Aufbruch 1968 bis zum Stand der Dinge 2014

"Wir waren neugierig auf ein genaueres Bild der Bruchlinien zwischen den Generationen und fanden wechselseitige Unkenntnis vor.", beschreiben Bettina Schoeller-Bouju und Claudia Lenssen eine weitere Erkenntnis aus ihrem Blick auf fünfzig Jahre deutsche Frauen-Filmgeschichte.

Etliche Interviewpartnerinnen berichten über die Aufbruchstimmung der 60er Jahre, die in den 70er Jahren mit dem Bedürfnis nach Geschlechtergerechtigkeit und Teilhabe zur Entstehung von frauensensiblen Veranstaltungen, wie dem "1. Internationales Frauen-Filmseminar" (1973), Projekten, wie "bildwechsel" (1979), und Zeitschriften, wie "Frauen und Film" (1974) führten.

Dass jedoch auch heute noch ein breites Interesse daran besteht, strukturbildenden traditionellen Geschlechterbildern am Arbeitsmarkt Film zu widersprechen, zeigt das Engagement und die Bandbreite der Gesprächspartnerinnen.

Ergänzend zum Buch sind bei absolut MEDIEN zwei DVDs mit einer Kurzfilmauswahl der berichtenden Filmschaffenden erschienen, DVD I unter dem Titel "Spielen und Dokumentieren" (147 Minuten) und DVD II unter "Neue Formen" (155 Minuten).

AVIVA-Tipp: Ein facettenreiches und motivierendes Nachschlagewerk, das nicht nur Einblicke in beharrlich verfolgte Lebensträume gibt, sondern Mut macht, dem eigenen Weg auch gegen normierte Ansprüche zu folgen und sich zur Unterstützung MitstreiterInnen zu suchen.

Zu den Herausgeberinnen:

Claudia Lenssen
, geboren 1950 in Neustadt/Schwarzwald, studierte Germanistik, Theaterwissenschaften und Publizistik in Köln und Berlin. Sie war wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Theater- und Filmwissenschaft FU Berlin, Redakteurin in der Literaturabteilung des SFB/RBB und bei der Zeitschrift "Frauen und Film". Seit 1990 arbeitet sie als freie Autorin für Kulturthemen in Zeitungen, Zeitschriften, Radio und Fernsehen und ist Programm- und Veranstaltungskuratorin u.a. für die Akademie der Künste Berlin und Dozentin für Filmgeschichte und Medienbildung.
Sie veröffentlichte u.a. folgende Bücher und Buchbeiträge (z. T. in Kooperation): "Filmografie Michelangelo Antonioni" (1984), "Von der Diva zum Girlie" (1997), "Leni Riefenstahl" (1999), "Der Tschechow-Clan" (2001), Ko-Autorin der Memoiren von Werner Schroeter "Tage im Dämmer, Nächte im Rausch" (2011), "Berlin Ecke Bundesplatz" (2013).

Bettina Schoeller-Bouju, geboren 1969 in München, machte ihren Magister an der Universität Hamburg in Ethnologie und Germanistik und studierte parallel Visuelle Kommunikation an der Kunsthochschule. Von 1999 bis 2000 ging sie mit dem DAAD ein Jahr an die Filmakademie UATC in Bukarest, Rumänien. Sie arbeitet als freie Autorin, Journalistin, Produzentin und Regisseurin und hat Lehraufträge an der HFF Potsdam-Babelsberg und an der Hochschule für Gestaltung, Berlin.
Sie veröffentlichte Kurzgeschichten in diversen Anthologien sowie das Buch "Fettnäpfchenführer Frankreich" (2010) und drehte als Regisseurin für diverse Daily Soaps. Ihre Doku "Mit Mutti ins Paradies" gewann 1996 den "Flotten Dreier" auf dem Kurzfilmfestival Hamburg, der Kurzspielfilm "happy hour" erhielt 1999 den Publikumspreis auf dem Festival Sehsüchte, ihr Dokumentarfilm "Wo ich bin ist oben" (Berlinale Shorts 2010, German Films in Cannes 2010) wurde 2011 mit dem "Bamberger Reiter" für den besten Dokumentarfilm ausgezeichnet.

Claudia Lenssen, Bettina Schoeller-Bouju (Hrsg.)
Wie haben Sie das gemacht?
Aufzeichnungen zu Frauen und Filmen

Schüren Verlag, erschienen September 2014
Paperback mit zahlreichen Abbildungen, 500 Seiten
ISBN-13: 978-3-89472-881-6
29,90 Euro
www.schueren-verlag.de
www.frauenmachenfilme.de

Diesen Titel können Sie online bestellen bei FEMBooks

Weitere Infos unter:

Women in Film and Television Germany: www.wiftg.de

www.frauenundfilm.de

www.proquote-regie.de

DVD I "Spielen und Dokumentieren": www.absolutmedien.de

DVD II "Neue Formen": www.absolutmedien.de

www.feminafilmpreis.de

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Beitrag vom 27.12.2014

Helga Egetenmeier 






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