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AVIVA-BERLIN.de im Februar 2024 - Beitrag vom 07.05.2023


Emilienne Malfatto - Möge der Tigris um dich weinen
Tara Mortazavi

Der mit dem Prix Goncourt du premier roman 2021 ausgezeichnete Debütroman der Journalistin, Fotografin und Autorin Emilienne Malfatto erzählt von der Grausamkeit, den patriarchalen Strukturen und den Leiden der Menschen in einem vom Krieg gezeichneten Land.




Emilienne Malfatto schreibt auf knapp 90 Seiten die Geschichte eines jungen Mädchens nieder, das eine Liebesbeziehung mit einem Freund ihres Bruders eingeht und dabei unverheiratet schwanger wird. Der Junge stirbt im Krieg und ihr Schicksal ist damit besiegelt. Sie wird sterben müssen. Ihr ältester Bruder wird sie ermorden.

Die Frau lebt für den Mann

Malfatto gibt jedem Familienmitglied eine Stimme, um ihren Teil der Geschichte zu erzählen. Die Perspektive wechselt in jedem Kapitel zu der des Bruders, seiner Frau, der Mutter, dem toten Freund und dem Mädchen selbst. Die Familie scheint ihre letzten Worte an das Mädchen zu richten, während sie ihr Leben, an dessen Ende ein ´Ehren´mord steht, Revue passieren lässt. Jede Person nimmt eine festgelegte Rolle ein, die als Kritik an der streng traditionellen irakischen Gesellschaft zu lesen ist. Der älteste Bruder steht für die patriarchale, frauenverachtende Gesellschaft, welche Frauen als wertlose Objekte betrachtet. Ihre ´Ehre´ ist die einzige Währung, mit der sie handeln kann. Die Mutter sowie die Frau des Bruders repräsentieren die Frauen, welche diese Werte verinnerlicht und sich ihnen unterworfen haben.

"Ich bin sanft und unterwürfig, ich behalte im Haus vor meinen Schwägern den Schleier an, bin eine Ehefrau, wie es sich gehört. Ich lache nicht zu laut und spreche nicht zu viel. Eine achtbare Frau. […] Ich bin die, die leben wird, denn ich habe es akzeptiert, nach den Maßstäben der Gesellschaft zu leben."

Der tote Freund des Mädchens verdeutlicht die Sinnlosigkeit von Kriegen. "Ich bin tot. Ich liege unter Beton und Metall. Mein Körper ist verdreht und mein Genick gebrochen. Irgendjemand, der weit weg ist, ganz hoch am Himmel oder noch weiter weg von einem abstrakten Bildschirm, irgendjemand hat sich im Gebäude getäuscht, oder in der Straße oder im Viertel oder in der Uniform. Ich bin durch ein Versehen gestorben. Ein sinnloses Ende."

Das Mädchen selbst zeigt der Leserin die Hoffnungslosigkeit und die Angst, die aufkommt, wenn man die Regeln bricht. Sie kämpft nicht gegen ihr grausames Schicksal an und beklagt sich nicht darüber. Das Kind, welches sie in sich trägt, sieht sie nicht als lebendiges Wesen, sondern als ihr Todesurteil. Ab dem Zeitpunkt, an dem sie herausfindet, dass sie schwanger ist, verliert sie die Handlungsmacht über ihr Leben und gibt diese an ihren Bruder ab. Das verdeutlicht den Gedanken des ´Wertes einer Frau´, der ihr abgesprochen wird, wenn sie sich nicht an die misogynen Traditionen hält. Das Mädchen bleibt als lebende Hülle zurück, welche nur noch auf den Tod wartet.

Der Krieg im Irak

Der Tod und vor allem Charakterisierungen von Blut durchziehen den Roman. Malfatto beschreibt den Geschmack, den Geruch und die Farbe von Blut im Detail. Indem sie die Sinne der Leser*innen anspricht, konkretisiert sie die Grausamkeit des Krieges. In ihrer Arbeit als Journalistin und Fotografin verbrachte sie viel Zeit im Irak und kann die Geschichte daher mit ihren persönlichen Erfahrungen verbinden.
Der Krieg ist in Malfattos Roman allgegenwärtig und zeigt, wie sehr Iraker*innen ihr Leben einschränken mussten. "Seit acht Monaten gingen wir nicht mehr aus dem Haus, wir waren eingesperrt […] Wozu sollte ich hinausgehen, wenn ich schnell laufen sollte und fest an der Hand gehalten wurde, wenn ich mich kein Stück entfernen durfte, nicht spielen, nicht nach einem Buch verlangen konnte." Der Tod nimmt eine handelnde Rolle ein. Dadurch wird er einerseits realer und greifbarer, andererseits verkörpert er eine Melancholie, die wie ein Schatten über dem Buch schwebt. Die Leserin wird mit einem bedrückenden und traurigen Gefühl zurückgelassen.

Der Tigris als lyrisches Mittel

Die Kapitel des Romans werden durch die Stimme des Tigris getrennt, dem Fluss, der durch den Irak fließt. Damit personifiziert Malfatto die Natur und lässt sie als auktoriale Erzählerin zu Wort kommen. In kurzen Passagen erzählt der Tigris wie er die Menschheit und die aktuelle Situation im Irak wahrnimmt. Jene verbinden die Vergangenheit und die Gegenwart und stellen eine Brücke zur Situation des Mädchens und seiner Familie dar. Am Ende des Romans wechselt die Perspektive des Mädchens, das auf die Ermordung wartet, in die des Flusses, welcher in ihre Gefühlswelt blicken kann. "Und plötzlich überkommt sie eine schreckliche Angst, denn sie ist sich gar nicht mehr so sicher, dass sie nicht leben wollte, und dieses Kind nicht kennenlernen wollte und plötzlich erscheinen ihr die Stöße in ihren Bauch nicht mehr so schrecklich, und vielleicht steckte in ihnen mehr Leben als Tod.". Damit ist ihre Geschichte zu Ende und reiht sich in die Beobachtungen des Flusses über die Menschheit ein.

Der Epos von Gilgamesh

In "Möge der Tigris um dich weinen" verbindet Emilienne Malfatto die mythische Erzählung von Gilgamesh mit dem gegenwärtigen Leben während des Krieges im Irak. Im Epos von Gilgamesh begibt er sich auf eine Reise, um das Geheimnis der Unsterblichkeit zu finden, nachdem sein bester Freund Enkidu gestorben ist. Die Passagen von Gilgameshs Suche nach der Unsterblichkeit verdeutlichten die Angst, aber auch die ständige Präsenz des Todes für die einzelnen Familienmitglieder.

AVIVA-Tipp: "Möge der Tigris um dich weinen" ist eine Tragödie, die es mit einer lyrischen Intensität schafft, der Leserin eine, von patriarchalen Strukturen und chauvinistischen Traditionen durchzogene, Gesellschaft nahezubringen, die vom Krieg und der Allgegenwärtigkeit des Todes gezeichnet ist.

Zur Autorin: Emilienne Malfatto, geboren 1989, ist eine mehrfach ausgezeichnete Fotografin, Journalistin und Autorin. Sie studierte in Frankreich und Kolumbien und machte ihren Abschluss an der Journalist*innenschule von Sciences Po Paris. Anschließend ging sie zur AFP, zunächst in Frankreich, dann im Nahen Osten. Sie arbeitet hauptsächlich im Irak, aber auch in Lateinamerika und Frankreich. Ihre Fotos wurden u. a. in der New York Times, der Washington Post und Le Monde veröffentlicht und international ausgestellt. "Möge der Tigris um dich weinen" ist ihr erster Roman. Er wurde mit dem Prix Goncourt du premier roman 2021 ausgezeichnet.
Mehr zur Autorin und zu ihrer Arbeit unter: www.emalfatto.com

strong>Emilienne Malfatto - Möge der Tigris um dich weinen
Originaltitel: Que sur toi se lamente le Tigre
Aus dem Französischen übersetzt von Astrid Bührle-Gallet
Orlanda Verlag, erschienen März 2023
96 Seiten, Klappenbroschur
ISBN (Print) 978-3-949545-30-6
Preis (Print) € 16,-
ISBN (eBook) 978-3-949545-31-3
Preis (eBook) € 14,99
eBook Format ePUB
Mehr zum Buch unter: www.orlanda.de

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Beitrag vom 07.05.2023

AVIVA-Redaktion