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AVIVA-BERLIN.de im September 2022 - Beitrag vom 28.05.2022


Kay Dick: Sie. Szenen des Unbehagens
Bärbel Gerdes

Bereits 1977 veröffentlichte die britische Schriftstellerin und Verlegerin Kay Dick einen dystopischen Roman, der lange als verschollen galt. In ihrem mysteriösen Werk "Sie" erzählt Dick von einer Gesellschaft, in der Kreativität und Kunst vernichtet werden und eine fast unsichtbare Gruppierung Kunstschaffende überwacht.




Zunächst ist es nur ein einzelnes Buch, das fehlt. George Eliots Middlemarch oder Katherine Mansfields Tagebücher etwa.
Dann aber werden ganze Bibliotheksregale geräumt, Gemälde abgehängt, Partituren vernichtet.
Wer Sie sind, belässt die Autorin im Ungewissen. Ihr geht es nicht um die Schilderung eines Machtapparates oder eines politischen Systems – ihr geht es um die Auswirkungen dieser Taten, um die Verunsicherungen, um Widerstand oder dem Fügen in dieses System.

Kay Dicks Buch ist aufgeteilt in neun Kapitel. Es bleibt unklar, ob es sich um einen Roman, um Kurzgeschichten, um eine Novelle handelt. In jeder Szene ist aber jenes Unbehagen spürbar, das der Untertitel ankündigt.

Die Künstlerinnen und Künstler, Schriftstellerinnen und Schriftsteller an der südenglischen Küste, die von der Ich-Erzählerin Cass aufgesucht werden, gehen auf unterschiedliche Weise mit den Gegebenheiten um: manche malen trotzdem weiter, manche komponieren weiter. Diese werden abgeholt und in den Türmen untergebracht. Sie kommen wieder: blind vom Blenden oder taub von der Zerstörung ihres Gehörs und ihrer Persönlichkeit.

Alleinlebende sind besonders gefährdet. Die Ich-Erzählerin, die mit ihrem Hund lebt, ist somit in permanenter Gefahr. Ihre Freundinnen und Freunde in den South Downs bieten ihr Unterschlupf an – doch wem ist zu trauen und wem nicht? Sie kann jede_r sein.

Beim Nachhausekommen registriert ein Blick die Veränderungen. Widmungen wurden aus den Büchern gerissen, unheimliche BesucherInnen sind plötzlich im Haus und Cass führt sie durch ihre Räume, angstschwitzend, ob ihr Verhalten korrekt ist.

Zeitweilig wird die Leserin an Herta Müllers Beschreibungen erinnert: ein leicht verrückter Stuhl, eine Vase, die nicht mehr mittig auf dem Tisch steht: die Securitate war wieder da.

Kay Dick hält die Leserin in einer permanenten Ungewissheit und Spannung. Eindringlich fühlbar wird, was es bedeutet, in einem System zu leben, in dem es eine ständige, aber unsichtbare Überwachung gibt und in der nicht klar definiert ist, welches Verhalten als gefahrlos und welches als fehlerhaft gilt. Das Anlegen eines Blumengartens kann schon der Schritt zu viel sein, denn Schönheit ist unerwünscht.

Grandios beschreibt die Autorin die Zaungäste, jene Leute, die gerne zusehen, wenn andere abgeholt oder ihre Häuser in Brand gesetzt werden, die ihre Kinder in die erste Reihe schubsen und sie zu gewalttätigen Aktionen anstiften.

Die Naturschilderungen, das Meer, das Grün der South Downs, Januartage, die die Klarheit von Kristall haben, werden scharf dagegen geschnitten.

Dieses Werk Kay Dicks stellt in ihrem Œuvre eine Ausnahme dar. Die 1915 in London geborene Kathleen Elsie Dick, die auch unter den Pseudonymen Jeremy Scott und Edward Lane veröffentlichte, behandelte in ihren Romanen eher familiäre oder romantische Verstrickungen in europäischen Großstädten, wie es in Doris Hermanns Kurzbiografie auf fembio heißt. Darüberhinaus gab sie Interviewbücher mit bekannten und befreundeten Schriftstellerinnen heraus.

Kay Dick arbeitete in den 1930iger Jahren in unterschiedlichen Buchhandlungen und Verlagen, bevor sie 1941 mit nur 26 Jahren die erste weibliche Direktorin eines britischen Verlages wurde.
In der Londoner Literaturszene war sie Mitte des 20. Jahrhunderts eine bekannte Größe. In ihrem Haus in Hampstead, in dem sie mit ihrer Lebensgefährtin, der Schriftstellerin Kathleen Farrell lebte, begrüßte sie etwa Olivia Manning, Muriel Spark oder Angus Wilson.
Zwischen 1949 und 1962 schrieb Dick fünf Romane. Ihre Freundinnenschaft mit den Autorinnen Stevie Smith und Ivy Compton-Burnett führte zu dem Buch Ivy & Stevie. Ivy Compton-Burnett and Stevie Smith: Conversations and Reflections, das 1971 erschien.

Nach zweiundzwanzig Jahren trennten sich Dick und Farrell. Nach dem der Trennung folgenden Nervenzusammenbruch, hatte Kay Dick eine Affäre mit einer Frau, die Suizid beging. Diese Beziehung schildert sie in ihrem letzten Roman The Shelf (1984).
Kay Dick starb 2001 mit 86 Jahren in Brighton.

AVIVA-Tipp Kay Dicks Sie belässt die Leserin in einer atemlosen Spannung. Gerade das Nebulöse, Schattenhafte, die Ununterscheidbarkeit, wer wozu gehört, führen zu dem Unbehagen, das das ganze Buch durchzieht. kann durchaus als Parabel auf totalitäre oder autoritäre Staaten gelesen werden, in denen Schwarz zu Weiß wird und in denen Kriege Spezialoperationen heißen.

Die Autorin: Kay Dick wurde am 29.07.1915 in London geboren. Nach Jahren in Buchhandlungen und Verlagen wurde sie 1941 erste weibliche Direktorin eines englischen Verlages. Kay Dick veröffentlichte auch unter den Pseudonymen Jeremy Scott und Edward Lane. Neben zahlreichen Romanen, darunter Young Man (1951) und An Affair of Love (1953), gab sie Anthologien fantastischer Literatur sowie Interviewbücher mit Schriftstellerinnen heraus. Kay Dick starb 2001 in Brighton.

Die Übersetzerin: Kathrin Razum wurde 1964 in Frankfurt am Main geboren. Sie studierte in Heidelberg und in Baton Rouge, USA Anglistik und Geschichte. Seit 1992 arbeitet sie als Literaturübersetzerin und freie Lektorin. Sie übersetzte u.a. Edna O´Brien, V.S. Naipaul, Susan Sontag, T.C. Boyle, Rebecca Solnit, und Hilary Mantle. Sie lebt in Heidelberg.

Kay Dick: Sie. Szenen des Unbehagens
Mit einem Nachwort von Eva Menasse. Aus dem Englischen von Kathrin Razum
Verlag Hoffmann und Campe, erschienen am 2. April 2022
160 S., Hardcover
ISBN 978-3-455-01346-7
16, 00 Euro
Mehr zum Buch: hoffmann-und-campe.de







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Beitrag vom 28.05.2022

Bärbel Gerdes