Bernardine Evaristo – Mädchen, Frau, etc. - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Literatur Romane + Belletristik



AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2021 - Beitrag vom 10.02.2021


Bernardine Evaristo – Mädchen, Frau, etc.
Kathrin Schwarz

Die Professorin für Kreatives Schreiben an der Brunel University London und stellvertretende Vorsitzende der Royal Society of Literature erhielt 2019 den Booker Prize für ihren achten Roman. Darin zeigt sie ein Panorama an diversen Stimmen und erzählt eine feministische Geschichte aus der Perspektive von Schwarzen Frauen der letzten einhundert Jahre in Großbritannien.




Ein Abend am National Theatre in London. Amma Bonsu, eine Schwarze lesbische Feministin, feiert die Premiere ihres Theaterstücks. Ausgehend von dieser Premiere erzählt Bernardine Evaristo die Geschichten von zwölf unterschiedlichen Frauen und einer nichtbinären Person. In fünf Kapiteln und einem Epilog kommt jede Figur zu Wort. Innerhalb der Kapitel überschneiden sich ihre Leben und stehen nie nur für sich, aber ihre Erfahrungen, Hintergründe und Entscheidungen könnten nicht unterschiedlicher sein.

Vor der Premiere erinnert sich Amma daran, wie sie zum Theater kam. Als Schauspielerin war sie frustriert über die stereotypen Rollen, die Frauen wie sie erhielten:

"sie weiß noch, wie sie einem Regisseur, in dessen Stück sich halb-nackte schwarze Frauen aufführten wie die Bekloppten, ein Glas Bier
über den Kopf geleert hat
um sich dann in die Gassen von Hammersmith zu verdrücken
mit Gebrüll"


Ammas Tochter Yazz lehnt sich gegen ihre Mutter auf und beteiligt sich an Diskussionen, die auf Twitter geführt werden. Ammas Freundin Dominique dagegen lebt in den 1990ern in einer amerikanischen, männerfreien Landkommune – als Teil einer lesbischen Utopie-Bewegung. Und erlebt Missbrauch und Gewalt in ihrer Beziehung. Das Buch ist keine leichte Lektüre, (sexuelle) Gewalt und Missbrauch sind prägende Erlebnisse für manche Figuren, wie hier oder bei Carole, die in Folge alles für einen gesellschaftlichen Aufstieg tut - was in London bedeutet, dass sie Bankerin wird und zum Missfallen ihrer Mutter einen weißen Verlobten hat. Morgan engagiert sich als nichtbinärer Mensch für die Rechte der LGBTQI+ und besucht am Wochenende Urgroßmutter Hattie. Hattie hadert mit ihrer Vergangenheit und scheint ihren Vater, einen unbekannten Seefahrer, per Gentest finden zu wollen.

Erklärtes Anliegen der Autorin Bernadine Evaristo ist es zu zeigen, dass es viele Geschichten und Erfahrungen von britischen Schwarzen Frauen gibt und eine unendliche Anzahl von Möglichkeiten, wer sie in dieser Gesellschaft sein könnten.

Evaristo sticht auch sprachlich heraus. Sätze werden nicht mit Punkten, sondern in Absätzen eingeteilt. Dadurch zieht der Text die Leserin in einen Sog und dennoch hat jede Figur eine ganz eigene Stimme. Sie sind unzuverlässige Erzähler*innen, von denen wir Schwächen und Eitelkeiten zu sehen bekommen. Jede Geschichte in sich ist dadurch vielschichtig, zusammen bilden sie eine komplexe und reiche Partitur. Evaristo nennt ihren Stil "Fusion-Fiction", der ein Eintauchen in die Psyche der Figuren erlaubt und beschreibt ihn ähnlich wie Lyrik.

Es ist bereits ihr achter Roman, mit dem sie 2019, zusammen mit Margaret Atwood, den britischen Booker Prize gewann. Es ist aber der erste Roman, der auf Deutsch übersetzt wurde. Die Übersetzung wurde mit einem Exzellenzstipendium des Deutschen Übersetzerfonds gefördert, die Übersetzerin Tanja Handels ist in München Dozentin für Literarisches Übersetzen. Es ist zu erahnen, dass manche zu übersetzende Stellen eine Herausforderung darstellten und weitere Diskussionen über sensible Übersetzungen anregen werden. Schade ist, dass das mehrdeutige "Other" des englischen Originaltitels zu "etc." wurde.

AVIVA-Tipp: Die miteinander verknüpften Geschichten zeigen, wie Fragen zu Feminismus, Diskriminierung und Diversität in der Vergangenheit beantwortet wurden und welchen Herausforderungen wir uns heute stellen müssen. Gleichzeitig ist die Autorin Bernardine Evaristo und ihr Buch eine Inspiration zur Selbstermächtigung. "Mädchen, Frau etc" spielt ganz nebenbei auf andere wichtige feministische Werke (darunter "Der Weiblichkeitswahn oder die Selbstbefreiung der Frau" von Betty Friedan oder "Bad Feminist" von Roxane Gay) und historische Bewegungen an. Ein inspirierender, starker Roman.

Zur Autorin: Bernardine Evaristo wurde 1959 in London geboren. Sie ist Professorin für Kreatives Schreiben an der Brunel University London und stellvertretende Vorsitzende der Royal Society of Literature. Sie hat zahlreiche Ehrungen und Auszeichnungen für ihre Arbeit erhalten. Neben ihren Romanen hat sie Werke über britische Schwarze Literatur herausgegeben und schreibt Beiträge für The Guardian. Zu Beginn ihrer Karriere gründete sie die Theatergruppe "Theatre of Black Women" für Schwarze Frauen, die erste in Großbritannien. Sie hat im Laufe der Jahre verschiedene Initiativen ins Leben gerufen, um diverse Autor*innen zu fördern, da es keine ähnlichen Projekte oder Anerkennung in der britischen Buchbranche gab. Für ihren Roman "Mädchen, Frau etc." wurde sie, als erste Schwarze Schriftstellerin, 2019 mit dem Booker Prize ausgezeichnet. Sie selbst sagte während einer Konferenz der Frankfurter Buchmesse 2020, dass sie seit der Preisvergabe große Aufmerksamkeit und Plattformen erhielt und diese nutzt, um ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass die britische Buchbranche diverser wird. Eine Debatte, wie sie auch auf dem deutschen Buchmarkt immer mehr geführt wird.

Bernardine Evaristo im Netz:

bevaristo.com

Twitter: @BernardineEvari twitter.com/bernardineevari

Instagram: @bernardineevaristo www.instagram.com/bernardineevaristo

Zur Übersetzerin: Tanja Handels ist seit 2001 Übersetzerin und seit 2010 Dozentin für literarisches Übersetzen an der LMU München. Sie erhielt 2019 den Heinrich Maria Ledig-Rowohlt-Preis (den deutschen Preis für literarische Übersetzungen) und zahlreiche Stipendien. Sie übersetzte unter anderem London NW von Zadie Smith, Virginia Woolf, Annie Leibovitz, Charlotte McConaghys "Zugvögel", "Cocktails" von Pamela Moore und "Becoming" von Michelle Obama.

Tanja Handels im Netz:
www.tanja-handels.de

Bernardine Evaristo
Mädchen, Frau etc.

Originaltitel: Girl, Woman, Other
Übersetzerin: Tanja Handels
Tropen Verlag im Klett Cotta Verlag, Erscheinungstermin 01/2021
Gebunden, 512 Seiten
ISBN 978-3-608-50484-2
Euro 25,00
Mehr zum Buch unter: www.klett-cotta.de
Leseprobe: www.klett-cotta.de

Mehr Informationen:

Bernardine Evaristo im Gespräch mit Andrea Gerk auf Deutschlandfunk Kultur am 19.01.2021
www.deutschlandfunkkultur.de

Bericht über Bernardine Evaristos Keynote an der Konferenz "Publishing Insights" bei der Frankfurter Buchmesse am 14.10.2020
publishingperspectives.com

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin.

Candice Carty-Williams – Queenie
Ausgezeichnet als bestes Buch und bestes Debüt des Jahres bei den British Book Awards 2020 hat die britische Journalistin und Drehbuchautorin Candice Carty-Williams mit "Queenie" ein Buch geschrieben, das sich trotz aller Tragik mit viel Humor und noch mehr Tiefgang dem Thema Rassismus in allen Facetten widmet. (2020)

Toni Morrison - Die Herkunft der Anderen. Über Rasse, Rassismus und Literatur
Aktueller denn je präsentieren sich die Essays der afroamerikanischen Schriftstellerin Toni Morrison. Ausgrenzung und das Definieren von Anderssein sind Themen, die nicht nur in den USA eine gefährliche Brisanz haben. Wer gehört dazu und wer nicht? Warum scheint der Mensch das Konzept der "anderen" zu brauchen? (2018)

Zadie Smith - London NW
Rau, laut und alles andere als royal: Der Nordwesten der englischen Hauptstadt ist wahrlich kein Tourist*innenmagnet. Leah und Natalie leben trotzdem dort - erfolgreich, aber unglücklich. Und das, obwohl sie die Betonwüsten ihrer Kindheit längst verlassen haben. (2014)

Sefi Atta - Nur ein Teil von dir
Die junge Nigerianerin Deola Bello wäre fast eine normale, moderne Frau im Getriebe der Londoner Leistungsgesellschaft, wenn sie sich nicht andauernd so "fremd" fühlen müsste und würde. (2014)

Audre Lorde – die Berliner Jahre 1984 - 1992
Vom Kampf gegen Rassismus, Sexismus und Homophobie und dem Mangel nicht harmonisierender Bettwäsche - dieser wunderbare Dokumentarfilm zeigt die afro-amerikanische Dichterin, Aktivistin und lesbische Mutter politisch und privat. (2013)

Euer Schweigen schützt euch nicht, Audre Lorde und die Schwarze Frauenbewegung in Deutschland. Herausgegeben von Peggy Piesche
"Eine Schwarze, Kriegerin und Dichterin, die ihre Arbeit tut und gekommen ist, euch zu fragen, ob ihr die Eure tut." Dieser Aufruf zum politischen Handeln zeigte in Deutschland eine großartige Wirkung: das Erwachen einer Bewegung. (2013)

Noah Sow - Deutschland Schwarz Weiß. Der alltägliche Rassismus
Das Thema Rassismus in Deutschland wird allzu gern als Randphänomen in der Neonazi-Szene oder im Osten angesehen. Dass es dies absolut nicht ist, deckt Noah Sow in diesem Buch sehr anschaulich auf. (2008)


Literatur > Romane + Belletristik

Beitrag vom 10.02.2021

AVIVA-Redaktion 






AVIVA-News bestellen
  AVIVA-Berlin auf Facebook AVIVA-Berlin auf twitter



Ich bin noch nie einem Juden begegnet …

. . . . PR . . . .

Ich bin noch nie einem Juden begegnet
»Das Geschichtenerzählen ist Teil der jüdischen DNA«, meint Peninnah Schram, Literaturprofessorin und eine der Protagonistinnen in Haase-Hindenbergs neuem Buch. In einem außergewöhnlichen literarischen Stil erzählt er von den Lebensgeschichten jüdischer Menschen in Deutschland.
Mehr Informationen zum Buch und Bestellungen unter: www.edition-koerber.de

Hila Amit - Hebräisch für Alle. Von der Sprache zur Vielfalt.

. . . . PR . . . .

Hila Amit - Hebräisch für Alle
Das erste queere und feministische Hebräisch-Lehrbuch in Deutschland. Das Arbeitsbuch enthält zahlreiche lebensnahe Beispiele und Übungen, um den Wortschatz direkt anzuwenden und zu verinnerlichen.
Mehr Informationen zum Buch und Bestellung unter: www.edition-assemblage.de

Esther Dischereit - Mama, darf ich das Deutschlandlied singen. Politische Texte

. . . . PR . . . .

Esther Dischereit - Mama, darf ich das Deutschlandlied singen. Politische Texte
Jüdisch. Solidarisch. Antirassistisch. Der Essayband mit einem Vorwort von Aleida Assmann knüpft an die beiden Aufsatzbände "Übungen jüdisch zu sein" und "Mit Eichmann an der Börse" an.
Mehr zur Autorin, zum Buch, sowie Bestellung unter: www.mandelbaum.at

Maria Nurowska - Briefe aus Katyn

. . . . PR . . . .

Maria Nurowska - Briefe aus Katyn
Polen vor dem 2. Weltkrieg: Janina Lewandowska lässt sich zur Pilotin ausbilden. 1939 heiratet sie ihren Fluglehrer Mieczysław Lewandowski, gerät aber nach Kriegsausbruch in russische Kriegsgefangenschaft...
Mehr Informationen zum Buch und Bestellung unter: www.ebersbach-simon.de

Ahima Beerlage - Riss in der Zeit

. . . . PR . . . .

Ahima Beerlage - Riss in der Zeit
Jana geht nicht gern unter Menschen. Und erzählt nie von ihrer Vergangenheit. Ihre Lebensgefährtin Frauke verbucht das unter "wortkarge Butch". Als Jana ins Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit gerät, ändert sich das Leben der beiden Frauen radikal.
Mehr zum Buch und Bestellinfos unter: www.krugschadenberg.de


Kooperationen

editionfuenf
HentrichHentrich
AvivA-Verlag
ebersbach-simon
Krug & Schadenberg -  Der Verlag für lesbische Literatur