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AVIVA-BERLIN.de im Juli 2021 - Beitrag vom 02.02.2021


Esther Becker – Wie die Gorillas
Christina Mohr

Drei Freundinnen, die gemeinsam erwachsen werden – was heißt das heutzutage, wenn Selbstoptimierung und "Body-Enhancement" schon für kleine Mädchen zum Alltag gehören? Wie geht frau damit um?




(…) "wie die Gorillas stolzieren wir noch ein paar Blocks", heißt es im zwölften Kapitel von Esther Beckers Coming-of-Age-Roman, einem so berührenden wie unbequemen, weil ungeschönt offenen Dokument der Frauwerdung in der (west-europäischen) Gegenwart. Wie Gorillas fühlen sich Svenja, Olga und die Ich-Erzählerin, weil sie sich die Brüste plattgebunden haben: Svenja will ans Theater, und gibt schon in den Aufnahmevorbereitungen alles. Ihre Freundinnen machen solidarisch mit – aber: "Später am Theater wird sich Svenja den Busen nie abbinden müssen. Im Gegenteil. Sie wird völlig grundlos in einem weißen Nachthemd in einen Wasserbottich steigen müssen, im Minirock Leitern hochklettern und barbusig auf Stöckelschuhen über ein Kartoffelfeld laufen."

Lapidar, in reduzierter, treffgenauer Sprache beschreibt die Erzählerin – deren Erfahrungen vielleicht mit denen Esther Beckers deckungsgleich sind, vielleicht auch nicht, das ist nebensächlich -, was es heißt, mit einem weiblich gelesenen Körper durch die Welt zu gehen. Dieser Körper – egal, ob von anderen begehrt oder nicht – wird stets als defizitär, ungenügend, zu viel, zu wenig, auf alle Fälle aber verbesserungswürdig empfunden. Die beurteilenden Instanzen, die die tief sitzende Gewissheit der Unzulänglichkeit weiblicher Körper manifestieren, sind oft männlich, aber nicht immer.

Die Unzulänglichkeiten bestehen von Anfang an. Bei der Erzählerin sind es die gefürchteten Untersuchungen beim Augenarzt – das Kind fühlt sich vom Vater verraten, der es mit einer Lüge beruhigen will: Es werden viele quälende Untersuchungen folgen. Natürlich wären derlei Erfahrungen in Arztpraxen auch für Jungs traumatisierend, aber das wäre ein anderes Buch. Die Lehre der Erzählerin aus der Augenarztepisode lautet: Den Erwachsenen ist nicht zu trauen, dem eigenen Körper aber auch nicht. Dieser Körper wächst und produziert Haare, Pickel, Fettpolster. Die Erzählerin rasiert, rennt und raucht dagegen an, irgendwann ist sie sogar für einen positiven Schwangerschaftstest zu dünn: "Eine Vorsichtsmaßnahme des Körpers, da jemand mit so wenig Energie wie ich kaum ein Embryo miternähren könnte."

Doch kein Zustand, der nicht mit etwas gutem Willen verändert werden kann: "Ich laufe weniger und esse mehr, das Blut kehrt zurück." Denn, auch das gehört zu den Erfahrungen der Freundinnen: Ein "guter", sprich sportlicher, aber nicht zu muskulöser, schlanker, aber nicht zu dürrer Körper verhilft mitunter zu Jobs, die andere mit weniger optimalen Körpern nicht bekommen: Bedienung im Luxusrestaurant zum Beispiel, oder Hostess bei Preisverleihungen. Die Körper müssen dann funktionieren, das ist wichtig. Die demütigende Situation, die aus der Hostessentätigkeit für Svenja entsteht, wird an dieser Stelle natürlich nicht verraten, nur so viel: Nicht immer ist es erstrebenswert, im kurzen Rock und hohen Schuhen auf einer Bühne zu stehen.

Körperoptimierung geht mit Depression Hand in Hand, das erleben die Freundinnen buchstäblich am eigenen Leib.
Trotz drastischer Schilderungen und teils absurder, oftmals trauriger Begebenheiten (niemand wird geschont: weder die Erzählerin, noch die Familie, niemand) ist Esther Beckers Buch keine Anklageschrift, sondern eine empowernde Feier der Frauenfreundschaft: Ja, es wird wehtun, manchmal oder vielleicht oft. Aber wir kommen da raus! Zusammen!

AVIVA-Tipp: Wie frau sich im eigenen Körper fühlt, bestimmt frau, vor allem die junge oder werdende Frau nicht selbst – der Blick von außen zählt. Was das heißt und wie es sich anfühlt, mit diesen Anforderungen klar zu kommen, erzählt Esther Becker in ihrem eindrucksvollen Debütroman.

Zur Autorin: Esther Becker, geboren 1980 in Erlangen, lebt als Dramatikerin, Schriftstellerin und Performerin in Berlin. Sie studierte an der Hochschule der Künste Bern und am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Sie veröffentlichte Texte in diversen Magazinen und Anthologien. Ihre Theatertexte (Verlag Felix Bloch Erben) wurden bereits mehrfach ausgezeichnet und in Deutschland und der Schweiz aufgeführt. Sie ist Mitglied der Theaterformation bigNOTWENDIGKEIT.
Mehr Infos: www.esther-becker.com

Esther Becker
Wie die Gorillas

160 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3-95732-470-2
Verbrecher Verlag, erschienen 2021
Mehr zum Buch: www.verbrecherverlag.de




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Beitrag vom 02.02.2021

Christina Mohr 






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