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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2020 - Beitrag vom 22.07.2020


Margrit Sprecher – Irrland. Reportagen
Bärbel Gerdes

Ob Bauchwellen nach Büroschluss wallen, ein Kongress der irrtümlich zum Tode Verurteilten stattfindet oder ein Dienstleister in Sachen Sterbehilfe unterwegs ist – die Schweizer Journalistin und Autorin Margrit Sprecher berichtet darüber. Mit unerschrockener Subjektivität und geistreichem Witz unterhalten ihre Reportagen aufs Feinste.




Serviert wird der Eiskaffee unter Hinzufügung flüssigen Stickstoffs aus dem Kernforschungszentrum Cern, die Leberwurst-Bohnen-Ravioli werden mit Ingwerschaum und Krake garniert und um die Freude am Pelztragen nicht zu verderben, werden alle TierschützerInnen-Plakate aus St. Moritz verbannt. So beschreibt uns Margrit Sprecher, die als Grande Dame der Schweizer Reportage gilt, die Welt der Reichen und Schönen, die sich alljährlich zum Gourmet-Festival treffen. Untrüglichster Gradmesser dafür, wo die Weltwirtschaft gerade boomt, ist das Herkunftsland der St. Moritzer Gäste, notiert sie in ihrer Reportage Es muss immer Kaviar sein. Dort, wo der Kokainwert des Abwassers schon mal die Welthöchstmarke erreicht und wo es weltweit die größte Dichte an Fünfsternehotels gibt, sieht sie sich genau um, um darüber zu berichten.

Eine Reportage lebe vom Temperament des Schreibenden. Eine objektive Reportage gebe es nicht, erzählt sie dem Deutschlandfunk. Nach wie vor zieht die heute 84jährige mit Stift und Notizbuch los, um das aufzuschreiben, was rings um sie geschieht. 15 Jahre arbeitete sie bei der Zeitschrift Elle, woran sich die Weltwoche anschloss, bei der sie ein Frauen-Ressort aufbauen sollte. Seit 2003 jedoch ist Sprecher freie Journalistin und veröffentlicht ihre Texte u.a. in der Zeit, der NZZ und in Geo.

Der Blick erklärt in einem Interview mit ihr, sie sei bekannt dafür, nett zu fragen und bissig zu schreiben. Dass dies durchaus stimmt, kann die geneigte Leserin in dem Band Irrland nachlesen, der Reportagen, die zwischen 2002 und 2020 veröffentlicht wurden, versammelt. Das Erstaunliche ist, dass diese Texte weit davon entfernt sind, Staub anzusetzen.
Ihr 2005 veröffentlichter Bericht über einen Krankenpfleger, der zahlreiche PatientInnen ins Jenseits beförderte, ist nicht weniger aktuell als der 2020 erschienene über vier Enkelinnen des italienischen Diktators Benito Mussolini. Ihre Reportage über den kurzen Geldrausch Irlands und die folgende Ernüchterung mit langfristigen Folgen für Bevölkerung und Umwelt, fesselt, als sei es gestern geschehen.

Margrit Sprecher entlarvt ihr Klientel durch scharfe Beobachtung, einer klugen Komposition von Details und bildhafter Sprache. Da läuft der Dignitas-Gründer Ludwig A. Minelli durch sein Sterbehilfe-Haus wie ein Wirt, der im Restaurant eine Runde dreht und sich bei den Gästen erkundigt, ob der Service zufriedenstellend war. Aufmerksam registriert sie die Markierungen auf den Stufen zum Haus, die der umsichtige Hausherr wohl anbringen ließ, damit niemand auf der letzten Treppe seines Lebens stolpert.
Da lernen Frauen nach Büroschluss und Hausfrauen, die sich früher beim Trikotnähen und Mutter-Kind-Turnen trafen Bauchtanz, um ihre pralle Weiblichkeit zu erfahren – und müssen im Spiegel verdutzt feststellen, dass sie aussehen wie ein Huhn, das über den Hof stolziert.

AVIVA-Tipp Die Vielfältigkeit ihrer Themen und der bissige, manchmal gar schwarze Humor machen Margrits Sprechers Texte zu journalistischen Delikatessen, zu Trüffeln, die sich grundsätzlich vom Trüffel [ihrer] Konkurrenten unterscheiden.

Zur Autorin: Margrit Sprecher wurde 1936 in Chur geboren. Nach einer Ausbildung zur Dolmetscherin arbeitete sie 15 Jahre lang bei der Zeitschrift Elle. 1983 wechselte sie zur Weltwoche. Seit 2003 arbeitet Sprecher als freie Journalistin u.a. für die Zeit, die NZZ und Geo.
Sie arbeitet in der JournalistInnenausbildung und ist Jurymitglied für journalistische Preise. Ihre Reportagen wurden in zahlreichen Bänden gesammelt. Margrit Sprecher wurde vielfach geehrt, unter anderem 2003 mit dem Preis des Zürcher Pressevereins für ihr Gesamtwerk und 2016 mit dem Graffenried Lifetime Achievement Award für ihr Lebenswerk. Sie lebt in Zürich.

Margrit Sprecher
Irrland. Reportagen

Doerlemann Verlag, Mai 2020
272 Seiten. Gebunden mit Leseband
ISBN 9783038200765
Euro 22,00
Mehr zum Buch: doerlemann.com








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Beitrag vom 22.07.2020

Bärbel Gerdes 






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