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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2020 - Beitrag vom 21.05.2020


Nicole Flattery - Zeig ihnen, wie man Spaß hat
Christina Mohr

Acht Geschichten voll skurriler und deprimierender Begebenheiten – und doch kommt frau stellenweise aus dem Lachen nicht heraus. Dieses vermeintlich paradoxe Kunststück gelingt der irischen Schriftstellerin Nicole Flattery mit ihrem ersten Erzählband...



… der aus lauter krassen Sätzen und Szenen besteht.

Die Story "Süßholz" zum Beispiel beginnt folgendermaßen:

"Den ganzen Sommer über nervten die Fliegen. Sie störten uns beim Essen, also brachten wir einen Fliegenfänger an, einen leuchtend orangen, klebrigen Streifen, der die Kadaver zu Schau stellte. Mein Vater erzählte mir, dass ich sie nachts schlucken würde, dass sie mir durch die Kehle wanderten und sich in meinem Magen niederließen. Nach dem Aufwachen (…) untersuchte ich meinen Mund nach Anzeichen von Verdorbenheit: schwarzen Flecken unten an den Zähnen, einem zermalmten Flügel, der mir noch unter der Zunge klebte."

Nicole Flattery, 1990 in Irland geboren, präsentiert in acht Kurzgeschichten einen Reigen irritierter, von sich selbst distanzierter Frauen – die zum Teil dieselbe Person sein könnten, oder auch nur aufeinander verweisen, das bleibt offen. Die Protagonistinnen berichten so lakonisch wie drastisch aus ihren dramatischen Biografien, an denen Flattery uns, die Leser:innen kurz und schmerzhaft teilhaben lässt. Zum Beispiel an der Affäre der Studentin Natasha mit ihrem Professor, zu der sich noch die schillernd-wilde Lucy gesellt, die wie Natashas durchgeknalltes, trotzdem hochkontrolliertes Pendant wirkt. Oder an dem quälenden Theaterstück über eine Abtreibung, das Natasha und Lucy aufführen, und an der grotesken Empfindung, einen Buckel zu bekommen, eine entstellende Monstrosität, die die Erzählerin so interessiert wie verwundert zur Kenntnis nimmt.

Alle dargestellten jungen Frauen eint ein gewisses Unbeteiligtsein am eigenen Leben, ob sie abtreiben oder das Kind der "Rivalin" großziehen, tun sie das mit schulterzuckender matter-of-factlyness, die nicht mit Kälte gleichgestellt werden darf: Eher, so ahnt die Leser:in, haben Flatterys Antiheldinnen schon in jungen Jahren in ihren dysfunktionalen Herkunftsfamilien viel zu viel erlebt, als dass sie von so etwas Nebensächlichem wie einem Buckel ernsthaft geschockt sein könnten. Oder davon, schon wieder der Universität verwiesen worden zu sein – gut, dann verliere ich eben wieder den Boden unter den Füßen/meine Sicherheit/meine Existenz, wäre nicht das erste Mal, scheinen die Figuren zu fühlen. Es ist die durchgehende, nicht weglächelbare Alienhaftigkeit der Frauen, die beim Lesen so berührt. Das Gefühl, respektive die Gewissheit, nirgends hinzugehören, die Regeln der "normalen" Welt nicht zu verstehen: wie Natasha, die versucht, sich in der Familie ihres banalen Boyfriends Patrick förmlich aufzulösen – was ebenso zum Scheitern verurteilt ist wie die bereits erwähnte Liaison mit dem Professor.

AVIVA-Tipp: Nicole Flattery zu lesen erfordert starke Nerven – und doch geht frau gestärkt aus der Lektüre hervor: Es ist völlig okay, vom vermeintlichen Spaß der anderen angewidert zu sein.

Zur Autorin: Nicole Flattery, geboren 1990, erhielt 2017 den White Review Short Story Prize.
Texte von Nicole Flattery wurden in The Stinging Fly, The White Review, The Dublin Review, BBC Radio 4, The Irish Times und Winter Papers veröffentlicht. Eine Geschichte von ihr erschien in Faber´s Anthology of New Irish Writing 2019. Sie ist Absolventin des Master-Studiengangs Kreatives Schreiben am Trinity College in Dublin und lebt in Galway. Zeig ihnen, wie man Spaß hat ist ihr erstes Buch.
Nicole Flattery auf Twitter: twitter.com/nicoleflattery


Nicole Flattery
Zeig ihnen, wie man Spaß hat

Originaltitel: Show Them A Good Time
Übersetzt von Tanja Handels
256 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, #ohnefolie
ISBN: 978-3-446-26587-5
20,00 €
E-Book ISBN 978-3-446-26685-8
E-Book Deutschland: 15,99 €
Hanser Literaturverlage, erschienen 17.02.2020
Mehr zum Buch unter: www.hanser-literaturverlage.de

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Literatur > Romane + Belletristik Beitrag vom 21.05.2020 Christina Mohr 





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