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AVIVA-BERLIN.de im September 2021 - Beitrag vom 25.04.2020


Ilinca Florian - Das zarte Bellen langer Nächte
Helga Egetenmeier

Mit der Lektüre dieses Romans über Hannah, die im lebhaften Berlin ihren Weg im Leben sucht, begann ich zu Beginn der Auswirkungen auf das soziale Leben durch die Corona-Pandemie. Zuerst wirkte dieser Blick zurück...




...in die noch nahe, ungezwungene und unbeschwerte Vergangenheit befremdlich. Doch da die Autorin ("Als wir das Lügen lernten") ihre Protagonistin in die Auseinandersetzung um individuelle Freiheit und deren Grenzen schickt, wurde mir das Buch schnell eine gute Begleitung in dieser Zeit.

Hannahs Leben ist im Umbruch. Sie hat ihr Soziologie-Studium beendet, jobbt, um über die Runden zu kommen, geht auf Partys und besucht Freund*innen. Von ihren Gedanken und ihrem Leben erfahren die Leser*innen durch eine Erzählerin, die sich auf die Perspektive ihrer Protagonistin beschränkt. Durch diesen distanzierten Blick erscheint Hannah als eigenwillige Frau, deren Planlosigkeit durchaus sympathisch ist, aber stellenweise auch schwer auszuhalten.

Im Gegensatz zu der Protagonistin in Lisa Owens Roman "Not Working", Claire, ist Hannah erfreulicherweise weder auf der Suche nach ihrem Traumjob, noch nach ihrem Traummann. Zu Beginn des Romans wohnt sie mit ihrem Freund Moritz zusammen und erhofft sich eine gemeinsame Zukunft. Doch seine depressive Zielstrebigkeit, die vor allem darin besteht, sein Leben dem Gitarrenspiel zu widmen, entspricht nicht ihren Vorstellungen für eine Beziehung. Und als gleich zu Beginn der Geschichte dann der Satz zu lesen ist "Hannah schießt immer das Wort "Amöbe" durch den Kopf, wenn sie ihn sieht", deutet sich schon an, dass diese Zweisamkeit bald ein Ende finden wird.

Angenehm an Ilinca Florians Figurenzeichnungen ist ihr Blick auf deren Vielschichtigkeit, die sie mit einer wertschätzenden Charakterisierung verbindet. So schreibt sie in die Beziehung auch keinen Konflikt hinein, als Moritz eines Tages einen schwarzen Labrador mit in die gemeinsame Wohnung bringt. Im Gegenteil, Hund Robby wird nach der Trennung Hannahs neuer, gutmütiger Begleiter, der nicht alleine bleiben kann.

Das handwerklich schön gemachte Buch mit der pinken Innenseite und dem gelb-strukturierten Einband, in den ein lächelnder, schwarzer Hundekopf eingedruckt ist, passt durch seine Form zu Hannahs behutsamen Versuchen, ihre Zukunft auszuloten. Weder ihren Freund*innen, noch ihrer Familie, kann sie sagen, wohin ihre Lebensreise geht, denn sie weiß nur, was sie nicht will.

AVIVA-Tipp: "Das zarte Bellen langer Nächte" von Ilinca Florian lädt zum Nachdenken ein über die Möglichkeiten, die das Leben bietet, ohne die Realitäten zu verleugnen, die diese einschränken. Zwischen Zufriedenheit und Selbstzweifeln angesiedelt, darf die Protagonistin für die kurze Zeit des Romans in einer Zwischenwelt leben, deren glückliches Ende als Hoffnung in der Luft liegt. Gleichzeitig spürbar ist auch die Angst, keinen Weg in eine ökonomisch gesicherte Existenz und zu guten Freundschaften zu finden.

Zur Autorin: Ilinca Florian, 1983 geboren in Bukarest, wuchs in Innsbruck auf, absolvierte eine Schauspielausbildung und ging 2006 nach Berlin. Dort spielte sie am Grips-Theater und studierte an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin Drehbuchschreiben, führte bei dem Kurzfilm "Freistunde" (2012) und dem Dokumentarfilm "Still Around" (2015), einem Porträt über ihre Familie, Regie. Für die Mumblecore-Komödie "Blind & Hässlich" (2017), die auf dem Filmfest München uraufgeführt wurde und dort den FIPRESCI-Preis erhielt, schrieb sie gemeinsam mit Tom Lass das Drehbuch. Als Autorin debütierte sie 2018 mit dem Roman "Als wir das Lügen lernten", in dem sie aus Sicht der sechsjährigen Protagonistin das Leben im sozialistischen Rumänien während der letzten Regierungsmonate Ceaucescus erzählt.

Die Autorin im Netz: www.crew-united.com und www.imdb.com
Ein Interview mit Ilinca Florian ist online unter: www.youtube.com

Ilinca Florian
Das zarte Bellen langer Nächte

Karl Rauch Verlag, erschienen: Februar 2020
Hardcover mit Struktureinband
Gebunden und fadengeheftet mit Lesebändchen, 176 Seiten
ISBN-13: 978-3-7920-0263-6
20,00 Euro
Auch als eBuch erhältlich
Mehr zum Buch unter: www.karl-rauch-verlag.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Lisa Owens - Not Working, Roman
Wenn der erste Job nicht das ist, was frau sich für ihr langes Arbeitsleben wünscht, dann kündigt sie, idealerweise, und begibt sich auf die Suche nach ihrem Traumjob. In dieser Phase treffen wir auf Claire, die Protagonistin in Lisa Owens Roman. (2017)



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Beitrag vom 25.04.2020

Helga Egetenmeier 






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