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AVIVA-BERLIN.de im August 2020 - Beitrag vom 25.02.2020


Katya Apekina – Je tiefer das Wasser
Bärbel Gerdes

In ihrem verstörenden Debutroman schält Katya Apekina Schicht für Schicht das Psychogramm einer Familie frei. Nach dem Selbstmordversuch ihrer Mutter kommen die beiden Töchter bei ihrem Vater unter, den sie kaum kennen. Erst allmählich entdecken sie, in welch unterschiedlichen Welten sie gelebt haben.



Manchmal denke ich, wir sind in verschiedenen Familien aufgewachsen. Edith, genannt Edie, denkt dies an einem Abend in New York, an dem ihre zwei Jahre jüngere Schwester Mae sich einem Gespräch verweigert.
Denn während sie selbst nichts lieber möchte, als zurück zu sein, Zuhause, bei ihrer Mutter, zieht die vierzehnjährige Mae es vor, bei ihrem plötzlich aufgetauchten Vater zu bleiben. Edie kann sich noch sehr genau erinnern, wie es war, als er ging und wie sie wie ein Hund auf ihn gewartet hat. Die Vierjährige wartete vergebens auf Anrufe oder Karten zum Geburtstag oder zu Weihnachten. Sie verstand nicht, wie er – ein berühmter Schriftsteller – ihr nicht schreiben konnte.
Mae hingegen hat keine Erinnerung an ihn, dafür umso eindrücklichere von ihrer eigenen Kindheit, in der ihre Mutter sie als Erweiterung ihrer selbst sah, während Edie die Freiheit hatte, ganz sie selbst zu sein.

Aber stimmt das? Einen vielstimmigen Chor dirigiert die amerikanische Schriftstellerin Katya Apekina, die in Moskau geboren wurde und mit drei Jahren mit ihrer Familie in die USA kam. Dem Call einer Einzelstimme folgen Responses anderer Stimmen, die immer tiefer in einen Blues hineinführen.
Die beiden Stimmen der Mädchen können unterschiedlicher nicht sein. Während die eine Erinnerungen an verstörende nächtliche Ausflüge mit der Mutter hat, an heiße Sommertage, an denen sie unter Decken und einem Pelzmantel vergraben neben ihrer Mutter liegen musste, kam es Edie so vor, als sei Mae der Liebling der Mutter gewesen und sie verwaist, seitdem der Vater die Familie verließ.

In den Rückblenden verschiedener Personen, die immer tiefer die Vergangenheit ausleuchten, lässt die Autorin von der Beziehung zwischen dem Schriftsteller Dennis Lomack und dem jungen Mädchen Marianne McLean erzählen: er zweiunddreißig Jahre alt - sie siebzehn. Er, der große angehende Schriftsteller – sie, die zu seiner Muse wird und ihn zum Schreiben bringt, obwohl sie selbst Gedichte verfasst.

Für Dennis Lomack sind Menschen Romanstoff. Ihre Geschichten beutet er aus, eine wirkliche Verbindung zu seinen Mitmenschen hat er nicht. Oder doch? Seine Schwester Rose sieht das ganz anders: sie ist fest davon überzeugt, Dennis habe seine Familie verlassen, weil Marianne ihn quälte und schon damals nervlich am Ende war.

Während Edie danach strebt, zu ihrer Mutter, die in einer psychiatrischen Klinik untergebracht ist, zurückzukehren, verbindet sich Mae immer enger mit ihrem Vater. Ihm, der unter einer Schreibblockade leidet, wird auch sie zur Muse, indem sie sich immer mehr in ihre Mutter verwandelt, vergangene Szenen mit ihm nachspielt – indem er sie in seine Frau verwandelt und sie vergangene Szenen nachspielen lässt, indem er sie benutzt.

Während Mae die Geschehnisse dieses Jahres mit einem Abstand von mehr als zehn Jahren erzählt, liegt Edies Erzählstimme in der Gegenwart. Sie will sich mit diesem Mann, der die Familie verließ und ins Unglück stürzte, nicht gemein machen. Sie will sich nicht anfreunden mit Amanda, einer Doktorandin, die über Dennis Lomack schreibt und die deshalb, egal zu welchem Preis, in seine Nähe kommen will.

AVIVA-Tipp: Katya Apekina belässt die Leserin in einer ständigen Unsicherheit. Wer und wie waren die Eltern der beiden Mädchen wirklich? Die Scheinwerfer von FreundInnen, Nachbarinnen, Verwandten, die auf sie geworfen werden, tauchen alles in stetig wechselndes Licht.
Gerade diese Erzähltechnik macht diesen Roman so überaus spannend und lesbar. Die Leserin hat das Gefühl ins Leere zu greifen, in Sand, der unter den Fingern zerrinnt. Der Wunsch, zu einem eindeutigen Urteil zu kommen, wird ständig unterwandert.

Zur Autorin: Katya Apekina wurde in Moskau geboren und lebt seit ihrem dritten Lebensjahr in den USA. Sie übersetzt russische Lyrik und Prosa. Das von ihr aus dem Russischen übersetzte Buch Night Wraps the Sky: Writings by and About Mayakovsky stand auf der Shortlist des Best Translated Book Reward. Sie war Ko-Autorin des Independent Films New Orleans, Mon Amour. Apekina lebt in Los Angeles.
Mehr über die Autorin: www.apekina.com

Zur Übersetzerin: Adelheid Dormagen übersetzt seit mehr als 30 Jahren leidenschaftlich Literatur, unter anderem Werke von Virginia Woolf, Jane Bowles, Amy Bloom, Michael Oondatje und Doris Lessing. Für "Jenseits von Babylon" von David Makouf erhielt sie 1997 den Deutsch-Australischen Übersetzerpreis.

Zur Übersetzerin: Brigitte Jakobeit, Jahrgang 1955, überträgt seit 1990 englischsprachige Literatur ins Deutsche. Unter den von ihr übersetzten Autor_innen gehören Patti Smith, Miles Davis, Nina Simone, William Trevor und viele andere. Mehrfach wurde sie mit dem Hamburger Förderpreis für literarische Übersetzungen und mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Sie übersetzte auch den ersten Roman von Celeste Ng. Brigitte Jakobeit lebt in Hamburg.

Katya Apekina
Je tiefer das Wasser

Originaltitel: The Deeper the Water the Uglier the Fish (2018)
Aus dem amerikanischen Englisch von Brigitte Jakobeit
Suhrkamp, erschienen am 15. Februar 2020
396 S., gebunden mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-518-42907-5
24,00 €
Mehr zum Buch sowie Lesungstermine unter: www.suhrkamp.de





Literatur > Romane + Belletristik Beitrag vom 25.02.2020 Bärbel Gerdes 





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