Jean Stafford – Die Berglöwin - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
AVIVA-Berlin .
.
P
R
.
.

AVIVA_gegen_AFD
AVIVA-Berlin > Literatur > Romane + Belletristik AVIVA-Newsletter bestellen
AVIVA-Berlin auf Facebook AVIVA-Berlin auf twitter
   Aviva - Home
   Veranstaltungen in Berlin
   Women + Work
   Public Affairs
   Kultur
   Jüdisches Leben
   Interviews
   Literatur
   Romane + Belletristik
   Biographien
   Jüdisches Leben
   Sachbuch
   Graphic Novels
   Art + Design
   Lesungen in Berlin
   Music
   Sport
   Gewinnspiele
   Frauennetze
   E-cards
   About us
 


AVIVA – Literatur live. AVIVA-Literaturveranstaltung im Rahmen des BEGINE-Literaturcafés. Sonntag, 10. Mai 2020, 15 – 18 Uhr: "Literatur und Verantwortung"




AVIVA wishes you a happy and peaceful New Year 2020







 



AVIVA-BERLIN.de im März 2020 - Beitrag vom 16.02.2020


Jean Stafford – Die Berglöwin
Bärbel Gerdes

Ein eigensinniges Mädchen, das Schriftstellerin werden möchte, die Entfremdung eines Geschwisterpaares und die wilde Bergwelt Colorados – genug Stoff für einen mitreißenden und psychologisch ausgefeilten Roman. Mit "Die Berglöwin" von Jean Stafford aus dem Jahr 1947 hebt der Dörlemann Verlag einen Schatz US-amerikanischer weiblicher Literatur.



It is one thing for women to become successful in their own times, it is another to ensure that their work is remembered after their death, schreibt Francesca Wade in ihrem Buch Square Haunting (2020).
Nur allzu oft geraten die Werke von Frauen, aber auch sie selbst, in Vergessenheit – wobei dieses geraten ein Euphemismus ist. Bücher werden nicht neu aufgelegt, die Namen der Schriftstellerinnen finden keine Erwähnung in Literaturlexika oder -sendungen.

Umso verdienstvoller ist es, wenn Verlage wie der AvivA Verlag, Persephone Press, Virago oder der Dörlemann Verlag aus Zürich diese Schätze heben und wieder zugänglich machen.
Schaut frau in die einschlägigen Kataloge, erkennt sie, dass Jean Stafford das letzte Mal Ende der 50ger, Anfang der 60ger Jahre des letzten Jahrhunderts ins Deutsche übersetzt wurde, übrigens auch in der Schweiz.

Zu entdecken gibt es also einerseits diesen 1947 zuerst erschienen Roman über ein Geschwisterpaar, das, zunächst symbiotisch eng, sich nach und nach voneinander entfremdet. Zu entdecken gibt es aber auch eine Schriftstellerin, die ein reiches Werk von Kurzgeschichten, Romanen und Rezensionen hinterlassen hat, die hoffentlich ebenfalls der Vergessenheit entrissen werden.

Zunächst also der Roman: zu Beginn ist Molly acht Jahre alt, ihr Bruder Ralph zehn. Sie wachsen mit ihrer Mutter auf, die ihre Kinder aufgrund eines traumatischen Erlebnisses vor der Außenwelt abschirmen will. Auch zwei ältere Töchter gibt es, für die Jüngeren weit entfernt, fast fremd. Molly und Ralph bilden eine Einheit und sind einander tief verbunden. Der Mutter hingegen sind die beiden fast unheimlich. Mrs Fawcett, wie sie durchgängig genannt wird, fürchtete um den Verstand ihrer beiden jüngeren Kinder: Ihr Wesen zeigte so kalte Entschlossenheit, dass sie bei dem Gedanken zitterte, was sie tun mochten, wenn man ihnen in einer Sache entgegentrat, die ihnen sehr am Herzen lag. Insbesondere Molly mit ihrer abweisenden Schroffheit, Introvertiertheit und Eigenwilligkeit stößt bei Bekannten und Verwandten auf Befremden und Verunsicherung. Die krasse Individualistin möchte Schriftstellerin werden – ein erster, noch kleiner Riss in der Beziehung zu ihrem Bruder entsteht, als sie ihm eines ihrer Gedichte zeigt, das er liest, ohne es zu verstehen.
Ralph ist der weichere Part in dieser Konstellation. Als die beiden, die in Kalifornien auf einer Walnussfarm aufwachsen, für den Sommer auf die Rinderfarm ihres Onkels Claude geschickt werden, hoch in den Bergen Colorados, tut er sich schwer mit den rauhen Männern, ihren Gesprächen und den Erwartungen, die an Männer gestellt werden.
Allmählich driften die Welten der beiden Geschwister auseinander, insbesondere in dem Jahr, in dem die Mutter mit ihren älteren Töchtern eine Weltreise macht und Molly und Ralph zu Onkel Claude geschickt werden.

Jean Stafford kommentiert in ihrem Roman nichts – und das macht die hohe Qualität des Buches aus. Denn einerseits lässt sie tief in die Seele ihrer beiden Protagonist*innen blicken, anderseits aber auch in die Seele der Leserin als Kind. Magisches Denken, die plötzliche Besessenheit von etwas, um es kurze Zeit später vollkommen fallenzulassen und durch etwas anderes zu ersetzen, die unhinterfragte Selbstverständlichkeit von Handlungen, die anderen abstrus vorkommen – köstlich und tief berührend die Szene, in der Molly ein Bad nimmt – sind Kindheitsthemen, die zum Erinnern anregen, die uns aber auch vertraut machen mit den beiden Geschwistern.
Auch die sich verändernde Beziehung von Molly und Ralph lässt Stafford für sich sprechen. Die emotionalen Widersprüchlichkeiten - einerseits die Sehnsucht nach der vergangenen Nähe, andererseits das plötzliche Wahrnehmen der/des anderen als fremd, ja, als hassenswert – erhalten ihre Unmittelbarkeit durch das reine Erzählen.

Gerade das unkommentierte Schildern von Begebenheiten, fern von jeglichem moralischen Urteil, gibt dem Roman seine Wucht, etwa wenn Molly einen Mann nicht grüßt, weil er Mexikaner ist, wenn Sketche über Schwarze gemacht werden, wenn Molly bei einer Prügelei ganz überlegen gewinnt, weil die Japs-Kinder viel kleiner waren..

Jean Stafford selbst wuchs in einer rassistischen Welt auf. Die 1915 in Covina, Kalifornien geborene Schriftstellerin zog mit ihrer verarmten Familie in den 1920ger Jahren nach Boulder, Colorado, das von Rassismus und Armut geprägt war.
Schon als Kind entfremdete sie sich von ihrer Familie und galt auch in der Schule als Außenseiterin. Wie Molly in Die Berglöwin unternahm sie lange, einsame Bergwanderungen und beginnt zu schreiben.
An der University of Colorado, Boulder studiert sie Englische Literatur. Sie schreibt viel, verbrennt später jedoch alle Manuskripte aus dieser Zeit.
Mit ihrer Freundin Lucy McKee, die sich später vor ihren Augen erschießt, und deren Freund lebt sie kommunenhaft zusammen. Sie berauschen sich an Sex und Partys – ihre Alkoholkrankheit beginnt.

Mitte der Dreißiger Jahre beendet sie ihr Studium und verbringt aufgrund gesundheitlicher Probleme und finanziert durch ein Stipendium mit ihrem Freund Robert Hightower ein Jahr in Heidelberg. Mit ihm macht sie einen Roadtrip durch Colorado, auf dem sie eine Berglöwin sehen, die Symbol ihrer Liebe wird.

Auf einem Schriftsteller*innenkongress lernt sie den Dichter Robert Lowell kennen und beginnt eine Affäre mit ihm. Als sie mit ihm einen schweren Verkehrsunfall hat, schreibt sie darüber die Kurzgeschichte The Interior Circle, die 1946 in der Partisan Review erscheint. 1939 verdient sie das erste Mal Geld mit ihrem Schreiben.

1940 heiratet sie Robert Lowell, der ihr gegenüber gewalttätig ist und dessen strenger Katholizismus sich auch auf das Schreiben von Jean Stafford auswirkt.
Durch ihren Roman Boston Adventure wird sie 1944 berühmt. Innerhalb von nur sieben Monaten wird das Buch 400.000 mal verkauft.
Als 1944 ihr Bruder Dick stirbt, verarbeitet sie ihre komplizierte Beziehung in dem Roman The Mountain Lion, der drei Jahre später erscheint und ebenfalls begeisterte Kritiken erhält.
Stafford arbeitet als Journalistin für den New Yorker, sie schreibt Reportagen aus England, Frankreich und Deutschland und verfasst innerhalb von nur sieben Monaten ihren Roman The Catherine Wheel, ebenfalls ein großer Erfolg.

Ihr Leben jedoch gerät aus dem Ruder.
Nach der Scheidung von Lowell heiratet sie erneut, wieder eine kurze und krisenhafte Ehe, die schnell endet. Ihr Alkohol- und Zigarettenkonsum steigt, ihre gesundheitlichen Probleme nehmen zu.
1956 lernt sie den Schriftsteller Abbott Joseph Liebling kennen, den sie 1959 heiratet. Stafford hält Vorträge an Universitäten, lehnt jedoch Anfragen für Artikel und Rezensionen ab.
Lieblings Übergewicht wird lebensgefährlich und seine Depressionen verstärken Staffords Alkoholismus. Dennoch nimmt sie die Zeit mit ihm als eine glückliche wahr. Sein Tod 1964 stürzt sie in Depressionen. Sie hat eine Leberzirrhose, erleidet einen Herzinfarkt und schreibt aus Geldmangel für die Vogue.
Ihre Kurzgeschichten werden im New Yorker, aber auch als Sammelband veröffentlicht. Sie erhält den Pulitzer Prize und wird für den National Book Award nominiert – doch aus ihrer Apathie und Depression kommt sie nicht heraus.
Zwei Doktorehrenwürden werden ihr verliehen, doch Stafford isoliert sich immer mehr, trinkt und raucht. Am 26. März 1979 stirbt sie und vermacht ihren gesamten Besitz mitsamt der literarischen Erbschaftsverwaltung ihrer Haushälterin Josephine Monsell.

AVIVA-Tipp: Jean Staffords Die Berglöwin macht uns bekannt mit einem äußerst unkonventionellen Mädchen, das seinen Weg als angehende Schriftstellerin verfolgt, und schildert psychologisch-einfühlsam, doch auch äußerst humorvoll die Geschwisterbeziehung zweier vereinsamter Kinder. Dabei schreibt Stafford in einer genauen, eindrucksvollen Prosa von den Widersprüchen der Kindheit.

Zur Autorin: Jean Stafford wurde am 1. Juli 1915 in Covina, Kalifornien geboren. Studium der Englischen Literatur an der University of Colorado, Boulder. Veröffentlichungen von Kurzgeschichten, Rezensionen und Reportagen in The New Yorker. 1944 erscheint ihr erster Roman Boston Adventures. Es folgen die Romane The Mountain Lion (1947) und The Catherine Wheel (1952, Deutsch u.d.T. Das Katharinenrad, 1959). Bekannt wird sie vor allem durch ihre Kurzgeschichten, die in mehreren Bänden gesammelt wurden (Deutsch u.d.T.: Ein Wintermärchen und andere Erzählungen, 1960 und Klapperschlangenzeit, 1965). Zudem veröffentlichte sie die Biographie A Mother in History über Marguerite Oswald, der Mutter des mutmaßlichen John F. Kennedy-Mörders Lee Harvey Oswald. Jean Stafford wurde 1970 mit dem Pulitzer Prize ausgezeichnet. Sie starb am 26. März 1979.
Mehr zu Jean Stafford in "Leben und Werk – Eine Zeittafel": doerlemann.com
Jean Staffords Kurzgeschichten im New Yorker: www.newyorker.com

Zur Übersetzerin: Adelheid Dormagen übersetzt seit mehr als 30 Jahren leidenschaftlich Literatur, unter anderem Werke von Virginia Woolf, Jane Bowles, Amy Bloom, Michael Oondatje und Doris Lessing. Für "Jenseits von Babylon" von David Makouf erhielt sie 1997 den "Deutsch-Australischen Übersetzerpreis".

Zum Übersetzer: Jürgen Dormagen geboren 1945, ist ein deutscher Lektor und Übersetzer. Von 1984 bis 2011 war er bei Suhrkamp/Insel vor allem für das lateinamerikanische Literaturprogramm zuständig und betreute u. a. den Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa. 2010 erhielt Dormagen als erster Verlagslektor die vom Verband deutschsprachiger Übersetzer verliehene Übersetzerbarke. Er übersetzte u.a. Romane von Angeles Saura und J.C. Onetti.

Jean Stafford
Die Berglöwin

Originaltitel: The Mountain Lion (1947)
Aus dem Amerikanischen von Adelheid und Jürgen Dormagen.
Mit einem Nachwort von Jürgen Dormagen
Dörlemann Verlag, erschienen im Januar 2020
452 S., gebunden, Leineneinband
ISBN 978-3038200727
25,00 €
Mehr zum Buch: doerlemann.com

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Maeve Brennan - Sämtliche Erzählungen
Mit einer wunderschönen zweibändigen Leinenausgabe ehrt der Steidl-Verlag die 1917 in Dublin geborene irisch-amerikanische Schriftstellerin und Journalistin Maeve Brennan. Die hierzulande viel zu unbekannte Autorin mit ihren genialen Geschichten verdient es, (wieder-)entdeckt zu werden. (2018)

Elizabeth Taylor - Angel
Angelica Deverell kämpft bereits mit 15 Jahren darum, Schriftstellerin zu werden – und schafft es! Ihren Aufstieg und Fall beschreibt die britische Schriftstellerin Elizabeth Taylor ("Blick auf den Hafen", "Versteckspiel") mit wunderbarer Ironie, buntem Lokalkolorit und spitzer Feder in dem erstmals 1957 veröffentlichten Roman "Angel", der nichts von seiner Frische eingebüßt hat. (2018)

Edith Wharton - Die verborgene Leidenschaft der Lily Bart
Edith Wharton gewann 1920 als erste Frau den Pulitzer Preis für The Age of Innocence und war dreimal für den Literaturnobelpreis nominiert. In ihrer glänzenden Gesellschaftssatire porträtiert die 1862 in New York City geborene amerikanische Schriftstellerin Edith Wharton die Upper Class zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Geld, Oberflächlichkeit und Intrigen bestimmen den Alltag jener, zu denen Lily Bart unbedingt gehören möchte. Doch zu welchem Preis? (2018)

Dorothy Parker - Denn mein Herz ist frisch gebrochen. Gedichte
Satire, Spitzfindigkeit, Spott – die scharfzüngige Dorothy Parker, geborene Rothschild, die erste weibliche Theaterkritikerin New Yorks, präsentiert sich zu ihrem 50. Todestag am 7. Juni 2017 mit ihren Gedichten in einer neuen deutschen Übersetzung. (2017)



Literatur > Romane + Belletristik Beitrag vom 16.02.2020 Bärbel Gerdes 





  © AVIVA-Berlin 2020 
zum Seitenanfang   suche   sitemap   impressum   datenschutz   home   Seite weiterempfehlenSeite drucken