Sigrid Nunez – Der Freund - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Literatur Romane + Belletristik



AVIVA-BERLIN.de im November 2020 - Beitrag vom 22.01.2020


Sigrid Nunez – Der Freund
Bärbel Gerdes

Eine Frau und ein riesiger Hund trauern gemeinsam um ihren besten Freund, der sich für den Suizid entschieden hat. In dem preisgekrönten Roman "Der Freund" der US-amerikanischen Schriftstellerin Sigrid Nunez geht es um Liebe und Freundschaft, Trauer und Rückkehr ins Leben und mit spitzer Feder auch gegen den Literaturbetrieb.




Ganz leicht macht es uns die Autorin zu Beginn nicht: die Ich-Erzählerin begibt sich in einen trauernden Dialog mit ihrem besten Freund, einem Schriftsteller und Literaturdozenten, dreimal verheiratet, dazwischen immer wieder irgendeine Freundin und One-Nights-Stands, gerne mit seinen Studentinnen, immer jüngere Frauen, so dass es angesichts deiner Vorlieben nur eine Frage der Zeit wäre, bis du jemanden hättest, der jünger ist als deine Tochter. Für ihn waren all diese Beziehungen und Begegnungen eine Selbstverständlichkeit, da seiner Meinung nach ein großer Lehrer gleichzeitig ein großer Verführer sein müsse, zuweilen auch ein Herzensbrecher. Die Liebe aus dem Seminarraum zu verbannen, sei vergeblich – womit er vermutlich Sex meinte. Er verehrte den Literaturwissenschaftler George Steiner, der in einem seiner Werke schrieb, dass Erotik, verhohlen oder unverhohlen, vorgestellt oder ausgelebt, dem Unterricht inhärent sei. Und er fügt hinzu:Diese grundlegende Tatsache wurde durch die Fixierung auf sexuelle Belästigung trivialisiert.

Auch die namenlose Ich-Erzählerin fühlt sich angezogen von dem Schriftsteller, der ihr Dozent ist. Sie hungerte nach Wissen und begriff, dass es in deiner Macht stand, es mir zu vermitteln..
Schnell sind die beiden unzertrennlich. Es bleibt bei einem One-Night-Stand den er später als Fehler bezeichnet, was die Erzählerin beschämt.

Nein, es ist nicht ganz leicht, diesem ersten Teil des Buches zu folgen, indem als Muster beschrieben wird, dass junge Frauen willens sind mit dir zu vögeln, jedoch nicht aus Verlangen. Was sie antreibe sei Narzissmus, der Nervenkitzel, einen älteren Mann in einer Machtposition auf die Knie zu zwingen.
Und indem der Schriftsteller der Ich-Erzählerin sehr viel erklärt.

Ihr Gefühl zu ihm ist ambivalent. Viele verstehen die Beziehung zwischen den beiden nicht. Seine Ehefrauen können sich kaum vorstellen, dass sie tatsächlich „nur“ miteinander befreundet sind, und auch ihrer rückblickenden Erzählung unterliegt ein Moll-Ton der verpassten Liebesbeziehung.

Der Tod ihres Freundes trifft sie tief. Sie weint und weint, überlegt, ob sie ihn, der so oft über seinen Selbstmord sprach, hätte abhalten können, ob es eine spontane oder geplante Tat gewesen sei.

Als die dritte Ehefrau des Verstorbenen sie bittet, seinen Hund Apollo bei sich aufzunehmen, eine riesige, 80 kg schwere Dänische Dogge, ist sie zunächst nicht begeistert. Er würde kaum in ihre kleine Wohnung passen, außerdem sei die Haltung von Hunden verboten.
Dennoch zieht er bei ihr ein und wird ganz allmählich zu einem Trauerbegleiter, dem sein Herrchen nicht weniger fehlt als ihr der Freund. Schon eine Weile hat er nicht mehr gefressen. Er ignoriert sie, scheut den Blickkontakt. Er ist beunruhigend still und macht sich schnell – trotz Verbots – das Bett zu seinem Schlafplatz. Mit großem Einfühlungsvermögen beschreibt Nunez die vorsichtige Annäherung der beiden, die aneinander Trost finden. Die Ruhe und emotionale Verletzlichkeit der Dogge, deren Rasse auch als sanftmütiger Riese beschrieben wird, geben der Ich-Erzählerin ein Gefühl des Vertrauens.
Der Hund wird immer stärker zu ihrem Lebensmittelpunkt, um den sie sich sorgt, um dessen Bleiben sie kämpft und dem sie aus seiner Trauer helfen möchte – und damit auch aus ihrer.
Rührend, aber nie sentimental, sind die Szenen, in denen sie Apollo Musik vorspielt oder ihm etwas vorliest, um ihm aus seiner Depression zu helfen.
Sie nimmt ihre Arbeit wieder auf – auch sie ist inzwischen Literaturdozentin – und schreibt.

Sie reflektiert die gemeinsame Freundschaft, die sich zumeist in literarischen Zirkeln abspielte, in einer literarischen Welt, die mit Hass vermint ist, ein von Scharfschützen umzingeltes Schlachtfeld, auf dem ständig Eifersüchteleien und Rivalitäten ausgetragen werden. Sie listet die Klagen ihres Freundes auf, der der Ansicht sei, niemand in den Verlagen interessiere sich dafür, wie etwas geschrieben sei, dass die Literatur sterbe und dass das Ansehen von Schriftstellern tief gesunken sei.
Sie zeigt, wie verwoben Lesen und Leben, Schreiben und Sein sind.

Sigrid Nunez selbst wurde mit den Seltsamkeiten des Literaturbetriebes konfrontiert. Der Erfolg des hier vorliegenden, mit dem National Book Award ausgezeichneten Romans sei völlig überraschend, stellte die Presse fest – obgleich dies bereits ihr siebter Roman ist. Auch seine Vorgänger, beginnend mit A Feather on the Breath of God (1995), wurden bereits mit Preisen geehrt. Sie schrieb einen Virginia-Woolf-Roman und ein Memoir über ihre Freundin Susan Sontag. Sie schreibt unter anderem für solch renommierte Magazine wie The New York Times, The New York Times Book Review, The Wall Street Journal und The Paris Review.

AVIVA-Tipp: Bei aller Schwere der Trauer ist es Sigrid Nunez gelungen, einen zuweilen leichten, immer aber klugen Roman von Verlust und Erinnerung zu schreiben.

Zur Autorin: Sigrid Nunez wurde 1951 in New York City geboren. Die Tochter einer deutschen Mutter und eines chinesisch-panamaischen Vaters studierte am Barnard College und an der Columbia University. Sie unterrichtete u.a. am Amherst College, an der Columbia und an der Princeton Universität. 1995 erschien ihr erster Roman A Feather on the Breath of God (Deutsch u.d.T. Wie eine Feder auf dem Atem Gottes), der Finalist für den PEN/Hemingway Award for First Fiction war. Es folgten u.a. der Virginia-Woolf-Roman Mitz: The Marmoset of Bloomsbury (Deutsch u.d.T. Das Krallenäffchen) und 2011 das Memoir Sempre Susan. Der 2018 erschienene Roman The Friend erhielt den National Book Award, war Finalist des Simpson/Joyce Carol Oates Preises und ein New York Times Bestseller. In Irland stand er auf der Longlist des International Dublin Literary Awards, in Frankreich auf der Longlist des renommierten Prix Femina. Sigrid Nunez lebt in New York City.
Mehr zur Autorin: sigridnunez.com

Zur Übersetzerin: Anette Grube, geboren 1954, studierte in München Kommunikationswissenschaften, Politik und Amerikanistik. Sie arbeitete von 1979 - 1990 als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kommunikationswissenschaften der Universität München. Ab 1988 war sie auch als Übersetzerin aus dem Englischen und Spanischen, sowie als Redakteurin tätig und ist seit 1990 freiberufliche Übersetzerin. Unter anderen übersetzte sie Chimamanda Ngozi Adichie, Sara Paretsky, Doris Lessing, Arundhati Roy, Vikram Seth, Kate Atkinson, Richard Yates, T. C. Boyle, Madeleine Thien, Petina Gappah, Monica Ali und Patricia Cornwell. Anette Grube lebt in Berlin.

Sigrid Nunez
Der Freund

Originaltitel: The Friend (2018)
Aus dem Amerikanischen von Anette Grube
Aufbau Verlag, erschienen am 20. Januar 2020
235 S., gebunden mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-351-03486-3
20,00 €
Mehr zum Buch sowie Lesungstermine unter: www.aufbau-verlag.de









Literatur > Romane + Belletristik

Beitrag vom 22.01.2020

Bärbel Gerdes 






AVIVA-News bestellen
  AVIVA-Berlin auf Facebook AVIVA-Berlin auf twitter



Rebekka Reinhard - Wach denken

. . . . PR . . . .

Wach denken von Rebekka Reinhards
Entschlossen sollen wir sein, lösungsorientiert, erfolgreich. Aber immer nur Erwartungen zu erfüllen, macht unfrei und unglücklich. Rebekka Reinhard gelingt ein philosophischer Befreiungsschlag: Leidenschaftlich, pointiert und schlau argumentiert sie für ein waches Denken.
Mehr Informationen zum Buch und Bestellung unter: www.edition-koerber.de

Daniela Schenk - Mein Herz ist wie das Meer

. . . . PR . . . .

Daniela Schenk - Mein Herz ist wie das Meer
Amelies fester Vorsatz, sich von der Liebe fernzuhalten, gerät ins Wanken, als sie auf einer Zugfahrt der zauberhaften Zazou begegnet … Ein Buch, das die komplizierte Krankheit Bipolarität nicht beschönigt, aber Hoffnung macht. Und uns manches Mal befreiend lachen lässt.
Mehr zum Buch und Bestellinfos: www.krugschadenberg.de

Herrin ihrer selbst. Zahnkunst, Wahlrecht und Vegetarismus. Margarete Herz und ihr Freundinnen-Netzwerk

. . . . PR . . . .

Margarete Herz
Ingeborg Boxhammers lebendige Biographie zeichnet die Möglichkeiten nach, die jüdische Frauen im Deutschen Kaiserreich hatten, ihre eigenen Wege zu gehen, wirtschaftlich unabhängig zu sein und sich selbst zu verwirklichen.
Mehr zum Buch und bestellen unter: www.hentrichhentrich.de

Martina Bitunjac - Lea Deutsch. Ein Kind des Schauspiels, der Musik und des Tanzes

. . . . PR . . . .

Lea Deutsch
Sie galt als das Zagreber Wunderkind der 1930er: Als hochtalentierte jüdisch-kroatische Schauspielerin, Sängerin und Tänzerin hielt sie eine ganze Kulturwelt in Atem. 1943 wurde die 16jährige von den Nazis ermordet.
Mehr zum Buch und bestellen unter: www.hentrichhentrich.de

Maria Nurowska - Briefe aus Katyn

. . . . PR . . . .

Maria Nurowska - Briefe aus Katyn
Polen vor dem 2. Weltkrieg: Janina Lewandowska lässt sich zur Pilotin ausbilden. 1939 heiratet sie ihren Fluglehrer Mieczysław Lewandowski, gerät aber nach Kriegsausbruch in russische Kriegsgefangenschaft...
Mehr Informationen zum Buch und Bestellung unter: www.ebersbach-simon.de

Victor Margueritte - La Garçonne

. . . . PR . . . .

Victor Margueritte - La Garçonne
Der in zwölf Sprachen übersetzte Kult-Bestseller zeigt die Geburtsstunde der »neuen Frau« und bietet eine faszinierende Zeitreise ins Paris der wilden Zwanzigerjahre.
Mehr Informationen zum Buch und Bestellung unter: www.ebersbach-simon.de

Unda Hörner - Scharfsichtige Frauen. Fotografinnen in Paris

. . . . PR . . . .

Unda Hörner - Scharfsichtige Frauen. Fotografinnen in Paris
Biografische Porträts der Fotokünstlerinnen, Porträtfotografinnen und Fotoreporterinnen Marianne Breslauer, Gisèle Freund, Dora Maar und Lee Miller im Paris der 1920er und 1930er Jahre.
Mehr Informationen zum Buch und Bestellung unter: www.ebersbach-simon.de

Ahima Beerlage - Riss in der Zeit

. . . . PR . . . .

Ahima Beerlage - Riss in der Zeit
Jana geht nicht gern unter Menschen. Und erzählt nie von ihrer Vergangenheit. Ihre Lebensgefährtin Frauke verbucht das unter "wortkarge Butch". Als Jana ins Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit gerät, ändert sich das Leben der beiden Frauen radikal.
Mehr zum Buch und Bestellinfos unter: www.krugschadenberg.de

Hila Amit - Hebräisch für Alle. Von der Sprache zur Vielfalt.

. . . . PR . . . .

Hila Amit - Hebräisch für Alle
Das erste queere und feministische Hebräisch-Lehrbuch in Deutschland. Das Arbeitsbuch enthält zahlreiche lebensnahe Beispiele und Übungen, um den Wortschatz direkt anzuwenden und zu verinnerlichen.
Mehr Informationen zum Buch und Bestellung unter: www.edition-assemblage.de

Sybil Gräfin Schönfeldt - Sonderappell

. . . . PR . . . .

Sybil Gräfin Schönfeldt - Sonderappell
Der Roman erzählt von der 17-jährigen Charlotte, die Ende 1944 zum "Reichsarbeitsdienst" (RAD) nach Oberschlesien eingezogen wird, wo sie Ruth kennenlernt, die Tochter eines Widerstandskämpfers...
Mehr Informationen zum Buch und Bestellung unter: www.ebersbach-simon.de

Iris Schürmann-Mock – Frauen sind komisch. Kabarettistinnen in Porträt

. . . . PR . . . .

Iris Schürmann-Mock - Frauen sind komisch
Liesl Karlstadt, Valeska Gert, Maren Kroymann, Carolin Kebekus ... In zehn ausführlichen und fünfzig kurzen Porträts stellt die Journalistin und Autorin die Königinnen der Kleinkunst vor. Ihre Disziplinen: Comedy, Poetry Slam, Tanz, Pantomime, Chanson, Rap.
Mehr Informationen zum Buch und Bestellung unter: www.aviva-verlag.de

Liv Strömquist - I´m every woman

. . . . PR . . . .

Liv Strömquist - I´m every woman
In ihrem feministischen Comic setzt sich die schwedische Politikwissenschaftlerin, Comiczeichnerin und Radiomoderatorin mit dem Mythos vom männlichen Genie auseinander, indem sie die Geschichte aus weiblicher Perspektive erzählt.
Mehr zum Buch und bestellen unter:
www.avant-verlag.de

Es war einmal ein Töpfchen

. . . . PR . . . .

Es war einmal ein Töpfchen
Alona Frankels "Sir haSirim" (Hebr., der Topf der Töpfe) gilt als erstes Kleinkinderbuch zum Thema "Töpfchentraining". Der israelische Kinderbuchklassiker aus dem Jahr 1975 ist jetzt auf Deutsch erschienen!
Mehr Infos zu den Büchern und zum Ariella Verlag unter:
www.ariella-verlag.de

Nanna Johansson – Natürliche Schönheit

. . . . PR . . . .

Nanna Johansson - Natürliche Schönheit
Die schwedische Comiczeichnerin und Radiomoderatorin hinterfragt in ihrem feministisch-satirischen Comicband gängige Schönheitsideale und gibt mit ihren Comics intelligente Anleitungen zur Selbstliebe.
Mehr zum Buch und bestellen unter:
www.avant-verlag.de


Kooperationen

editionfuenf
HentrichHentrich
AvivA-Verlag
bücherfrauen - women in publishing
ebersbach-simon
Krug & Schadenberg -  Der Verlag für lesbische Literatur