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AVIVA-BERLIN.de im November 2019 - Beitrag vom 06.11.2019


Virginia Woolf – Ein Zimmer für sich allein
Bärbel Gerdes

Was für ein Fest! Zum neunzigsten Geburtstag von "A Room of One´s Own" erscheint eine glänzende Übersetzung von Antje Rávik Strubel in einer wunderschönen Leinenausgabe. Frisch und ohne Falten präsentiert sich der brillante Essay von Virginia Woolf, in dem sie weit mehr als 500 Pfund im Jahr und ein Zimmer für sich allein fordert.



"Der Besuch von Miss Strachey´s enger Freundin Virginia Woolf im Jahre 1929, die uns einen Vortrag halten wollte, war eine ziemlich beunruhigende Angelegenheit", resümierte eine Ms Duncan-Jones in der Newnham Anthology. "Wenn ich mich recht erinnere, kam sie fast eine Stunde zu spät und das Dinner in Clough Hall, das sowieso nie ein Mahl für Gourmets war, litt erheblich. Zudem verwirrte uns Mrs Woolf, weil sie ihren Ehemann mitbrachte und so unsere ganze Sitzordnung durcheinanderwirbelte. (Übersetzung der Rezensentin)

Der Essay A Room of One´s Own geht auf zwei Vorträge zurück, die Woolf in den zwei Cambridger Frauencolleges Newnham College und Girton hielt. Sie sprach zum Thema Women and Fiction und bearbeitete beide Texte stark, um daraus ihren Essay zu kristallisieren. Wie sehr sie auch diesen Text noch überarbeitete, ist in dem vom Fitzwilliam Museum digitalisierten und online zur Verfügung stehenden Manuskript zu erkennen.

Voller sprühendem Witz, überbordender Fantasie und beißender Ironie durchleuchtet Woolf die Männerwelt der Universitäten, die es seit Jahrhunderten darauf angelegt hat, Frauen von Bildung sowie von gesellschaftlicher und politischer Teilhabe auszuschließen. Nicht einmal den heiligen Cambridger Rasen darf die Ich-Erzählerin betreten. Ein Besuch der Bibliothek ist nur in männlicher Begleitung möglich, was Woolf zu dem Gedanken anregt, wie unangenehm es ist, ausgesperrt zu sein, "und ich dachte, wie viel schlimmer es wahrscheinlich ist, eingesperrt zu sein."

Woolf legt dar, wie sich Generationen von Männern nacheinander beerbten, wie sie den Boden bereiteten - Säcke mit Gold und Silber …, das sie in die Erde schaufelten - auf denen dann die großen Universitäten errichtet wurden. Und gleichzeitig errichteten sie eine fast lückenlose Genealogie von Schreibenden und Beschriebenen, wie es Angela Steidele in ihrer Poetik der Biographie nachweist.
Anders lag die Sache bei den Frauen. Ein College zu finanzieren, so Woolf, würde die Abschaffung der Familie als solche bedeuten. Ein Vermögen zu machen und dreizehn Kinder zu gebären – kein Mensch würde das aushalten.

Welche Wirkung aber hat Armut auf die Literatur? fragt Woolf und macht sich auf in den Reading Room des British Museums.
An dieser Stelle sei der rezensierenden Bibliothekarin ein kleiner Schlenker gewährt: noch wenige Jahrzehnte vor Woolfs Besuch dort gab es heftigste Debatten in der Öffentlichkeit darüber, wo Frauen in jenem Lesesaal sitzen sollten. Das Rascheln von Seide und Musselin der Frauenkleider mache die konzentrierte Arbeit dort unmöglich, schrieb ein Herr. Nicht genug damit würden Frauen in der Bibliothek flüstern und kichern und hinter Foliobänden Erdbeeren essen. Außerdem läsen sie sowieso nur Romane, die sie auch gut woanders lesen könnten. Letztendlich gab es zwei Tischreihen For Ladies only, die statt jeweils Platz für 14 oder 16 nur jeweils acht Plätze boten – gegenüber des Aufsichtsbereichs der BibliothekarInnen (vgl. Susan David Bernstein: Roomscape, 2014).

Ungehindert kann Woolf die Bibliothekskatologe durchwälzen und trifft dort auf das Phänomen, dass Männer unendlich viel über Frauen schreiben – über ihren geringeren Gehirnumfang, den Beginn der Pubertät bei Südseeinsulanerinnen oder ihren Gewohnheiten auf den Fidschi-Inseln. Zudem bemerkt sie, wie zornig all diese Männer sind. Sie würden mit dem Stift auf das Papier einstechen, als töteten sie beim Schreiben ein schädliches Insekt. Mit beißender Ironie und wunderbarem Seitenhieb fragt sie sich, ob der Autor um die Freud´sche Theorie anzuwenden in seiner Kinderwiege von einem hübschen Mädchen ausgelacht worden sei.
Und zornig sind die Männer, obgleich sie doch über Einfluss und Geld verfügen, über eine so große Macht, dass selbst der flüchtigste Besucher dieses Planeten nicht umhin käme zu bemerken, dass England unter der Herrschaft eines Patriarchats steht.
Schlüssig legt sie dar, wie sich die Überlegenheit der Männer aus der Zuschreibung der Unterlegenheit von Frauen speisen muss, wie Frauen über Jahrhunderte als Vergrößerungsspiegel dienten, die den Mann doppelt so groß erscheinen ließen und Frauen unverzichtbar für Männer machten.

Ein erster Schritt aus dieser Unterdrückung wäre natürlich finanzielle Unabhängigkeit - wie sehr ein festes Einkommen die Laune verändert, was Woolf zu den berühmten 500 Pfund im Jahr führt.
Doch verlangt es mehr als Geld. Kritisch beäugt sie, was mit Geld gemacht wurde: Giftgas wurde hergestellt, Fahnen gehisst und anderer Leute Land begehrt. Gehen Sie durch die Admirality Arch, empfiehlt sie, und denken Sie darüber nach, welcher Ruhm hier gefeiert wird.

Doch auch bei Frauen führt Zorn die Feder. Während Jane Austen eine eigene Form fand, ließ sich beispielsweise Charlotte Brontë in Jane Eyre hinreißen von ihrer Wut auf die Situation der Frauen – was dem Text schadete. Zeitlebens hatte Woolf größte Angst davor, in ihren Texten plakativ zu sein, zu schrill, zu laut. Mit größter Eleganz und Ironie umschifft sie diese Klippe. Scharfsinnig, witzig, brillant legt sie ihre feministischen Thesen dar.

Woolf hielt ihre Vorträge 1928, dem Jahr, in dem auch Radclyffe Halls lesbischer Roman Quell der Einsamkeit erschien, der sofort wegen Obszönität verboten wurde. Obgleich Woolf es ein verdienstvoll langweiliges Buch nannte, setzte sie sich vor Gericht für dieses Buch ein – und winkt dem Prozess aus ihrem Essay heraus zu. Bevor sie darauf zu sprechen kommt, dass Chloe Olivia mag, fragt sie die anwesenden Frauen, ob tatsächlich kein Mann zugegen sei, ob ganz sicher hinter dem Vorhang nicht Sir Chartres Biron stünde, der oberste Richter in diesem Verfahren.

In ihrem Tagebuch ahnte Woolf voraus, dass man sie als Feministin und Sapphistin angreifen würde – und nahm Vita Sackville-West mit zu ihrem Vortrag im Girton College. Ja, sie saß sogar mit auf dem Podium, obgleich Sackville-West die feministischen Ansichten ihrer damaligen Geliebten nicht teilte. Eine Woche vorher war Woolf´s Orlando erschienen, die fiktionalisierte Biographie über Vita Sackville-West, die Geschlechter und Zeiten sprengt und als der längste Liebesbrief der Literaturgeschichte gilt.

Virginia Woolf ist eine Schriftstellerin, deren Stil und deren Fantasie die Leserin staunen und beglücken lässt. Ihre Texte funkeln und brillieren. Sie angemessen zu übersetzen ist hohe Kunst. Dies schüchterte vorab auch die Autorin und Übersetzerin Antje Rávik Strubel ein. "Zunächst zögerte ich, als mir die Übersetzung angetragen wurde", schreibt sie in ihrem Nachwort. Sie hatte zu große Ehrfurcht vor dieser visionären, sprachgewaltigen Schriftstellerin. Doch mit Virginias Rat - Mit etwas Zeit und etwas Bücherwissen im Kopf sollten Sie auf jeden Fall zu einer weiteren Etappe Ihrer sehr langen, sehr mühevollen und höchst undurchsichtigen Laufbahn aufbrechen - wirft sie sich ins Abenteuer dieser Übersetzung. Mit ihr hat Woolf tatsächlich ihre deutsche Stimme gefunden. Rávik Strubel überträgt den Text stimmig, leicht und elegant.

Glücklicherweise wurden auch die Anmerkungen übernommen, die die Bezüge und Anspielungen erkennen lassen.
Der Gatsby Verlag, ein Imprint vom Kampa-Verlag, in dem vor allem Klassiker im Leinengewand erscheinen, hat den Essay in das Originalcover von 1929 gekleidet. Woolfs Schwester Vanessa Bell hat es gestaltet und gezeichnet – wie alle Cover von Woolfs Büchern. Es zeigt unter anderem eine Uhr, die auf zehn vor zwei oder zehn nach elf steht und somit ein V bildet.

"Wir müssen durch unsere Mütter zurückdenken", hat Woolf gefordert, um damit eine eigene weibliche Genealogie und Sprache zu erschaffen. Als die 2015 viel zu früh verstorbene, geniale Woolf-Forscherin Jane Marcus 1993 nach Cambridge reist, um den 65. Geburtstag der Woolf-Vorträge zu feiern, ist sie schockiert darüber, dass nichts auf Woolf hinweist und dass auch die Frauen, die die Frauencolleges leiteten und errichteten, nicht vorkommen. Selbst von der einflussreichen Altertumswissenschaftlerin, Gräzistin und Linguistin Jane Ellen Harrison, die Woolf in ihrem Essay ehrt, sind keine Spuren zu finden. In ihrem überaus zornigen Text Virginia Woolf, Cambridge and A Room of One´s Own lässt Marcus ihrer Wut und Fassungslosigkeit freien Lauf.

AVIVA-Tipp: Virginia Woolf hat mit Antje Rávik Strubels Neuübersetzung von Ein Zimmer für sich allein ihre deutsche Stimme gefunden. Der lebendige, frische, höchst vergnügliche und scharfsinnige Essay verbindet reinste Lesefreude mit leider immer noch hochaktuellen Themen.

Zur Autorin: Virginia Woolf, geboren am 25. Januar 1882 in London, gestorben am 28. März 1941 bei Rodmell in Lewes. Woolf war eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen, Kritikerinnen und feministischen Denkerinnen der Moderne. Zudem war sie als Verlegerin in ihrem eigenen Verlag, der Hogarth Press tätig. Zu ihren Werken gehören "Mrs Dalloway" (1925), "Zum Leuchtturm" ("To the Lighthouse", 1927), "Orlando" (1928) und "Die Wellen" ("The Waves", 1931). Ihre feministischen Essays "Ein Zimmer für sich allein" ("A Room of One´s Own", 1929) und "Drei Guineen" ("Three Guineas", 1938) wurden im Zuge der Neuen Frauenbewegung der siebziger Jahre neu entdeckt.

Zur Übersetzerin: Antje Rávik Strubel wurde 1974 in Potsdam geboren. Nach dem Abitur machte sie in Berlin eine Ausbildung zur Buchhändlerin, bevor sie an der Universität Potsdam und der New York University Literaturwissenschaften, Amerikanistik und Psychologie studierte und 2001 ihr Studium abschloß. Während des Studiums schrieb Antje Strubel für die Potsdamer Neuesten Nachrichten und die Berliner Seiten der FAZ, kuratierte die Lyrikreihe "Wassergescheitelt " für das Brandenburgische Literaturbüro Potsdam und gründete gemeinsam mit Tobias Rausch das Europäische Festival für Junge Dramatiker „Interplay". 2001 erhielt sie bei den Klagenfurter Literaturtagen den Ernst-Willner-Preis. 2003 wurde sie mit dem Roswitha-Preis und dem Deutschen Kritikerpreis ausgezeichnet. Am Deutschen Literaturinstitut Leipzig unterrichtete sie 2003/04 und 2010/11. Zu ihren oftmals ausgezeichneten Werken gehören Offene Blende (2001), Unter Schnee (2001), Kältere Schichten der Luft (2007) und Sturz der Tage in die Nacht (2011). Sie hat zahlreiche Werke übersetzt, u.a. von Joan Didion, Favel Parrett und Lucia Berlin. Sie lebt und arbeitet als Schriftstellerin und Übersetzerin in Potsdam.
Antje Rávik Strubel im Netz www.antjestrubel.de

Virginia Woolf
Ein Zimmer für sich allein

Originaltitel: A Room of One´s Own
Aus dem Englischen und mit einem Nachwort von Antje Rávik Strubel
Gatsby Verlag, erschienen am 1. Oktober 2019
In der Gestaltung der englischen Erstausgabe von 1929
Mit der Umschlagzeichnung von Vanessa Bell
192 Seiten, Leinen mit farbigem Vorsatzpapier
ISBN 978 3 311 22003 9
Euro 24,00
Mehr zum Buch: kampaverlag.ch


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Literatur > Romane + Belletristik Beitrag vom 06.11.2019 Bärbel Gerdes 





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