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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2020 - Beitrag vom 16.08.2019


Karen Köhler – Miroloi
Saskia Balser

Nach ihrem hochgelobten Erzählband "Wir haben Raketen geangelt" hat die Schauspielerin und (Drehbuch-)Autorin Karen Köhler ihren ersten Roman geschrieben. In "Miroloi" erzählt sie nicht nur eine Geschichte, sondern kreiert eine ganze Welt und lässt diese mithilfe ihrer unbändigen Protagonistin wieder einstürzen.




Angelehnt an das Leben in griechischen Insel-Dörfern, die bis in die 1980er Jahre noch ohne Stromzugang ausgekommen sind und von der Zivilisation größtenteils abgeschnitten waren, schafft die Autorin einen fiktiven, literarischen Raum, der in vielerlei Hinsicht unserer Realität ganz nah ist: das "Schöne Dorf". Dort herrschen bestimmte, von Männern aufgestellte und auf ewig geltende Regeln. Bis sie das erste Mal hinterfragt und gebrochen werden, von einer namenlosen jungen Frau, die sich gegen ein System auflehnt, in das sie eigentlich gar nicht hineingehört:
"Eselshure. Schlitzi. Nachgeburt der Hölle. Ich war schon von Anfang an so hässlich, dass meine eigene Mutter mich lieber hier abgelegt hat, statt mich zu behalten. So eine wie ich, sagen sie, so eine kann nicht von hier sein, so hässlich ist hier niemand, solche Mütter gibt´s hier nicht. [...] Und dass ich von drüben bin, das ist ja offensichtlich, und dass von dort seit jeher nur Schlechtes gekommen ist."

Mit diesen eindringlichen Worten wird "Miroloi" eröffnet. Der Titel des Buchs verweist auf ein Totenlied, das traditionell von griechischen Frauen für Verstorbene gedichtet und gesungen wird. Köhlers "Miroloi" ist in 128 Strophen gegliedert, in welchen die unbeugsame, widerspenstige und gleichzeitig liebenswerte Protagonistin aus der Ich-Perspektive spricht. Sie schildert ihre Lebensumstände, die sie anders nie kennengelernt hat, beschreibt ihre Stellung als Außenseiterin in dieser patriarchalen Gesellschaft, in die sie als Findelkind hineingetragen wurde, wo sie als "Eselstochter" beschimpft und für eine schlechte Ernte genauso wie für den Tod eines Kindes oder Haustieres verantwortlich gemacht wird. Dort gilt das religiöse Buch "Khorabel", welches natürlich von Männern verfasst wurde. In ihren Erzählungen verlangt die Protagonistin kein Mitleid, sondern beweist ihre unglaubliche Stärke, indem sie sich mutig und rebellisch all den Menschen, die sich ihr in den Weg stellen und ihr Grenzen aufzeigen wollen, widersetzt. Obwohl es Frauen im "Schönen Dorf" nicht erlaubt ist, lernt sie lesen und schreiben, was ihren Horizont für immer erweitert:

"Es ist, als habe ich eine Tür oder ein Fenster in eine neue Welt geöffnet, die ich nun Zeichen um Zeichen entdecken darf. Ich lese Z-u-c-k-e-r auf der Verpackung vom Zucker. Ich lese K-h-o-r-a-b-e-l auf der Khorabel. Überall sind Buchstaben. Überall ist noch ein Fenster, durch das sonst nur Männer schauen, ein Männerfenster in eine Welt, in der alles einen Namen hat, den man mit Buchstaben schreiben kann, eine Welt, in der alles, was ich denke, jedes Ding, jedes Gefühl mit Zeichen beschrieben werden kann."

Mit jeder neuen Information, die sie in sich aufnimmt, wächst ihr Argwohn den herrschenden Männern und somit auch ihrem "Vater" gegenüber, der sie als Kind gefunden hat. Als sie sich dann in einen Jungen verliebt, ihre Sexualität, ihre Lust und ihre "Knospe" entdeckt, wird ihr Drang nach Befreiung immer größer:

"Ich spüre das Gefüge aus Macht und Ohnmacht, spüre die Klammer von Daswarschonimmerso und Daswirdimmersobleiben um die Köpfe und Herzen. Wut steigt in mir auf, und ich krieg sie dieses Mal nicht weg, weil da ein Riss in meinen Gehorsam geraten ist und eine Knospe."

Karen Köhler macht mit dem Lesenlernen ihrer Protagonistin auf die weitreichende Bedeutung von Sprache aufmerksam und verweist auf die vielen Frauen und Mädchen, denen der Zugang zu Bildung nach wie vor verwehrt bleibt. Um dem Prozess des Schreibenlernens ihrer Protagonistin nachspüren zu können, hat Karen Köhler eigene Schreibübungen gewagt: Sie hat beispielsweise mit der linken Hand geschrieben oder in Spiegelschrift.

Um das "Schöne Dorf" zu erschaffen und es möglichst realitätsnah an ihren ursprünglichen Inspirationen anzuknüpfen, hat die Autorin eine Recherchereise nach Griechenland unternommen, im Rahmen des "Grenzgänger"-Förderprogramms des Literarischen Colloquiums Berlin (LCB) und der Robert Bosch Stiftung. Bei der Veranstaltung "Grenzgänger - Unterwegs in Griechenland & China" am 9. August 2019 im Literarischen Colloquium Berlin hat Karen Köhler im Gespräch mit Maria-Christina Piwowarski, Onlineredakteurin und Buchhändlerin im Berliner "ocelot, not just another bookstore", von den Erlebnissen und Begegnungen dieser Reise erzählt, dort aufgenommene Fotografien gezeigt und ihr Buch vorgestellt. Als sie die ersten zwei Strophen von "Miroloi" vorlas, wurde innerhalb der ersten Sekunden für alle Zuhörer*innen ihre jahrelange Arbeit am Theater offenkundig: Sie hat das "Schöne Dorf" mit ihren Worten heraufbeschworen, hat ihrer Protagonistin Leben eingehaucht und jede*jeden im Raum in ihren Bann gezogen. Ein umschweifender Blick in die Runde der Zuhörenden hat die Faszination gezeigt, die Karen Köhler mit ihrer ausdrucksstarken, belebten Vortragsweise ausgelöst hat.
Ihrer Lesekunst können sich nicht nur Besucher*innen der Buchvorstellungen erfreuen: Am 28. August 2019 erschien das von der Autorin selbst eingelesene Hörbuch in ungekürzter Fassung bei ROOF Music.

Dass sich die Autorin von ihrem über viermonatigen Griechenland-Aufenthalt nicht nur literarisch, sondern auch künstlerisch inspirieren ließ, zeigt die besondere Gestaltung des Buches. "Miroloi" ist fest eingebunden und ein Umschlag mit dem Titel darauf verdeckt die Seiten. Das Covermotiv hat Karen Köhler selbst entworfen, es zeigt ein Aquarell in dunkelblau und weiß mit einem Wellenmuster – und stellt damit eine kreative Ausdrucksform ihrer Griechenlandimpressionen dar. Das Erscheinungsbild des Buches erinnert an die kykladische Architektur: die weißen Häuser aus Kalk, die besonders im Kontrast zum Himmel und dem tiefblauen Meer strahlen.

Von ihrem Schreibprozess und dem Entstehen des Buches sprach die Autorin nicht nur an diesem Abend, sondern auch bei "Hanser Rauschen", dem Literatur-Podcast der Hanser Verlage. In der Folge "Mit Karen Köhler im Arbeitszimmer" unterhält sie sich mit dem Autor und Lektor Florian Kessler über "Miroloi", ohne zu viel über den Inhalt zu verraten, sondern mit Fokus auf der Erarbeitung des Stoffes.

AVIVA-Tipp: Ein phänomenales, ergreifendes, Mut machendes Buch ist Karen Köhler mit "Miroloi" gelungen. Ihre bildhafte Sprache entführt Leser*innen in eine neue und doch bekannte Welt, die so detailreich umschrieben wird, dass sie in den Köpfen aller weiterbesteht, auch wenn die letzte Seite umgeschlagen, das letzte Wort gelesen und diese mitreißende Geschichte einer sich aufbäumenden Frau zu Ende ist.

Karen Köhler
Miroloi

Hanser Verlag, ET: 19. August 2019
Fester Einband, 464 Seiten
ISBN 978-3-446-26171-6
24 Euro
Mehr Infos zum Buch unter: www.hanser-literaturverlage.de

Zur Autorin: Karen Köhler wurde 1974 in Hamburg geboren. Sie studierte Schauspiel an der Hochschule für Musik und Theater in Bern. Seit 2008 lebt sie wieder in Hamburg, wo sie als Theaterautorin und Illustratorin arbeitet. Sie erhielt verschiedene Preise, unter anderem 2011 den Hamburger Literaturförderpreis. Ihr erstes Buch "Wir haben Raketen geangelt" erschien im August 2014. "Miroloi", ihr Debüt-Roman, für den sie das Robert-Bosch-Stipendium und das Jahresstipendium des Deutschen Literaturfonds erhalten hat, erschien 2019, ebenfalls im Hanser Verlag. Karen Köhler veröffentlicht zudem Kurzprosa und Essays in verschiedenen Anthologien und Magazinen, unter anderem ZEIT online, ZEIT WISSEN, NEON, MERIAN, WELT, Szene Hamburg und Akzente.
Karen Köhlers nächstes Projekt: In der dritten Ausgabe der Hanser Literaturzeitschrift "Akzente" 2019 lädt Karen Köhler ein zur literarischen Konfrontation: "Briefe an den Täter" – unter dieser Überschrift verfassen zwölf Autorinnen ihre Nachrichten. Ob fiktiv oder nah an der Wirklichkeit, ob literarisch auserzählt oder in sachlicher Kühle: Das Reden über Schuld und Schuldige hat sich in den vergangenen Jahren verändert. So hört es sich heute an.
Mehr Infos zum Buch unter: www.hanser-literaturverlage/akzente
Lesungstermine sind online unter: www.hanser-literaturverlage/veranstaltungen
(Quelle: Verlagsinformation Hanser)
Mehr Infos zu Karen Köhler unter: www.karenkoehler.de

Karen Köhlers aktuelles ProjektVeröffentlichung der "Akzente"-Ausgabe Akzente 3 / 2019: "Briefe an die Täter"

In den Briefen, die Karen Köhler für die neueste Ausgabe der Hanser Literaturzeitschrift "Akzente" gesammelt hat, ist die Sprache von Schuld, Trauer, Wut und Befreiung. 15 deutschsprachige Autorinnen, unter anderem Svenja Gräfen, Nora Gomringer und Mirna Funk, sind Köhlers Einladung zur "literarischen Konfrontation" gefolgt. Sie knüpfen mit ihren Texten an die #metoo-Bewegung an und geben Opfern von mitunter gewaltvollen und sexualisierten Verbrechen eine Stimme. Die in den Briefen umschriebenen Taten und damit auch die Texte, die in der Form von Prosa bis Lyrik reichen, könnten unterschiedlicher nicht sein und bilden damit die Individualität der Täter- und Opferschaft authentisch ab.





Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Karen Köhler - Wir haben Raketen geangelt
Durch Schicksalsschläge aus dem Gleichgewicht gebracht, erkunden die Frauen dieser Erzählungen neue Denk- und Handlungsräume, die im Schatten der Erfahrung umso strahlender Veränderung ermöglichen. (2014)



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Beitrag vom 16.08.2019

AVIVA-Redaktion 






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