Marjolijn van Heemstra - Ein Name für dich - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
AVIVA-Berlin .
.
P
R
.
.

A GSCHICHT ÜBER D´LIEB AVIVA_gegen_AFD
AVIVA-Berlin > Literatur > Romane + Belletristik AVIVA-Newsletter bestellen
AVIVA-Berlin auf Facebook AVIVA-Berlin auf twitter
   Aviva - Home
   Veranstaltungen in Berlin
   Women + Work
   Public Affairs
   Kultur
   Jüdisches Leben
   Interviews
   Literatur
   Romane + Belletristik
   Biographien
   Jüdisches Leben
   Sachbuch
   Graphic Novels
   Art + Design
   Lesungen in Berlin
   Music
   Sport
   Gewinnspiele
   Frauennetze
   E-cards
   About us
 


Happy New Year 5780 - Schana tova u-metuka!

AVIVA wishes you a sweet, peaceful and happy Rosh HaShana!
AVIVA wünscht ein süßes, glückliches, gesundes und friedliches Neues Jahr 5780!



Happy Birthday AVIVA




AVIVA wishes you a happy and peaceful New Year 2019







 



AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2019 - Beitrag vom 29.07.2019


Marjolijn van Heemstra - Ein Name für dich
Silvy Pommerenke

Die niederländische Autorin und Theatermacherin Marjolijn van Heemstra begibt sich in ihrem Roman auf die Suche nach einem Familiengeheimnis und betritt dabei das Grenzland zwischen Wahrheit und Mythos.



"Ich kenne schönere Namen" sagt der angehende Vater lakonisch, als ihm seine Freundin und werdende Mutter mitteilt, dass ihr gemeinsamer Sohn Frans Julius Johan heißen soll. Der Grund dafür ist, dass sie als 18-Jährige ihrer Großmutter versprochen hat, den Namen ihres Onkels – den sie persönlich nie kennengelernt hat - und seinen Ring an ihren zukünftigen Sohn weiterzugeben.

Der Onkel hatte 1946 drei niederländische Nazi-Kollaborateure getötet und heißt in der Familie seitdem nur noch der "Bombenneffe". Die Ich-Erzählerin zweifelt jedoch daran, ob die tradierte Geschichte des heldenhaften Verwandten stimmt und sie beginnt, zu recherchieren. Doch es bleiben ihr ihr nur 27 Wochen bis zur Geburt ihres Sohnes, um die Wahrheit herauszufinden. Denn sie möchte erst alles über Onkel Frans herausfinden, bevor sie seinen Namen an ihren Sohn weitergibt. Anfänglich beschränkt sie ihre Recherche auf Verwandte und Freund*innen der Familie, später nutzt sie auch Zeitungsarchive und das niederländische Nationalarchiv in Den Haag. Dadurch kommt sie ihrem verstorbenen Onkel einerseits immer näher, andererseits entfernt sie sich immer mehr von der jahrzehntelang überlieferten Familiengeschichte.

Marjolijn van Heemstra
© AVIVA-Berlin, Silvy Pommerenke. Marjolijn van Heemstra während ihrer Buchvorstellung im Berliner Acud Studio am 04.07.2019


Van Heemstra macht es sich dabei nicht leicht, und sie setzt sich intensiv mit Begriffen wie Täter*in und Held*in oder Schuld und Sühne auseinander. Denn ihr Onkel ist sowohl Held, weil er Nazikollaborateure tötete, als auch Täter und Mörder, weil bei dem Attentat auch Unschuldige zu Tode kamen - was die Autorin euphemistisch als Collateral Damage bezeichnet. Sie sucht in den Akten des Nationalarchivs nach Dokumenten, die von Reue oder Betroffenheit ihres Onkels zeugen, da sie ihren Sohn nicht nach einem Mörder benennen will. Je mehr sie allerdings in die Geschichte von damals eintaucht, desto verunsicherter wird sie. Wird aus einem Widerstandskämpfer im Krieg, ein Verbrecher in Friedenszeiten? Am Ende ihrer Nachforschungen kommt sie zu dem Schluss: "Ich habe Lügen entlarvt, aber auch selbst gelogen …. vor allem habe ich Dinge verschwiegen, die schlimmste Art zu lügen." Letztendlich resümiert sie, dass es nicht die eine Wahrheit gibt, sondern dass es viele Wahrheiten gibt. Je nach Perspektive sieht diese anders aus, und über die Jahrzehnte werden immer neue Wahrheiten - oder auch Geschichten - hinzugefügt.

"Ein Name für dich" ist vielschichtig angelegt. Unter anderem ist es als Gleichnis zu lesen für den Umgang mit Erinnerungen und wie subjektiv diese sind. Es geht um die Aufarbeitung von Schuld und um das Vergeben durch die Nachgeborenen. Neben der Haupthandlung ist es aber auch ein Roman über eine Schwangerschaft. Marjolijn van Heemstra erzählt streckenweise bitterböse, manchmal humorig-komisch über ihre Erfahrungen, schwanger zu sein, nie aber romantisiert sie. Das ungetrübte Mutterglück - wie es in der Regel von werdenden Müttern gesellschaftlich erwartet wird -, bekommt dadurch Kratzer und Risse.

Auch wenn der Roman autobiografische Fakten beinhaltet, so vermischt die Autorin diese mit Fiktion, sodass es der Leser*in überlassen bleibt, was sie für wahr und was für ausgedacht hält. Soviel darf allerdings gesagt sein: den Onkel hat es tatsächlich gegeben und den Ring trägt die Autorin seit langer Zeit an ihrer linken Hand. Ob ihr Sohn jedoch tatsächlich den Namen des Onkels erhalten hat, soll hier verschwiegen werden.

Bei der Buchvorstellung am 04.07.2019 im Berliner Acud Studio erzählte Marjolijn van Heemstra im Gespräch mit der Journalistin Kristine Bilkau von der Entstehungsgeschichte von "Ein Name für dich" und welchen Herausforderungen sie in der Zeit des Schreibens ausgesetzt war. Tatsächlich hat die Recherche für das Buch knapp drei Jahre gedauert, und nicht wie im Roman 27 Wochen. Zum Zeitpunkt des Verfassens des Textes war sie mit ihrem zweiten Kind schwanger und hatte zum Schreiben eigentlich nicht besonders viel Zeit, außerdem sei sie permanent müde gewesen. Van Heemstra erklärte mit einem Augenzwinkern: "The book is written in a hurry, an SOS to the world". Dieser Stress ist dem Buch nicht anzumerken, im Gegenteil, es wirkt klug, durchdacht und die immer schneller steigende Spannungskurve macht es kaum möglich, das Buch aus der Hand zu legen.

Marjolijn van Heemstra
© AVIVA-Berlin, Silvy Pommerenke. Marjolijn van Heemstra nach ihrer Buchvorstellung im Berliner Acud Studio am 04.07.2019 – mit dem Ring des Onkels.


AVIVA-Tipp: Marjolijn van Heemstra schreibt mitreißend, voller Tempo und subtiler Ironie. Sie gestaltet ihren tiefsinnigen Roman mit poetischer Nüchternheit, lässt Raum für eigene Interpretationen zu und stellt sich Fragen nach Schuld und Sühne bzw. Wahrheit und Mythos. Die Suche nach Antworten über ihren Onkel, der 1946 drei Nazi-Kollaborateure bei einem Attentat tötete, liest sich spannend wie ein Krimi und nachdenklich wie ein Entwicklungsroman. Das Besondere ist die Mischung von Fakten mit Fiktion, wodurch die Autorin die Fragen nach Wahrheit und Mythos einmal mehr unterstreicht.

Zur Autorin: Marjolijn van Heemstra wurde 1981 in Amsterdam geboren, studierte Religionswissenschaften und ist seit 2005 Theatermacherin – sowohl als Schauspielerin, als auch als Regisseurin. 2009 veröffentlichte sie ihren ersten Gedichtband, es folgten Kolumnen für Zeitungen und 2012 ihr erster Roman "De laatste Aedema" (Der letzte Aedema). "Ein Name für dich" ist die erste Übersetzung von ihr ins Deutsche. In den Niederlanden stand der Roman 2017 wochenlang auf der Bestsellerliste und erhielt den BNG Bank Literaturpreis. Die Filmproduktionsfirma BIND hat sich die Filmrechte gesichert und eine Verfilmung des Stoffes ist bereits in Arbeit. Übersetzungen ins Englische, Italienische, Spanische und Französische erscheinen demnächst oder sind bereits erschienen.
Marjolijn van Heemstra im Netz:
www.marjolijnvanheemstra.nl und auf Facebook

Marjolijn van Heemstra - Ein Name für dich
Originaltitel: En we noemen hem
Übersetzung: Stefan Wieczorek
Hoffmann und Campe, Erscheinungstermin 07/2019
Gebunden, 208 Seiten
ISBN 978-3-455-00507-3
Euro 20,00
Mehr zum Buch unter: www.hoffmann-und-campe.de




Literatur > Romane + Belletristik Beitrag vom 29.07.2019 Silvy Pommerenke 





  © AVIVA-Berlin 2019 
zum Seitenanfang   suche   sitemap   impressum   datenschutz   home   Seite weiterempfehlenSeite drucken