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AVIVA-BERLIN.de im Juli 2019 - Beitrag vom 29.12.2018


Elizabeth Taylor - Angel
Bärbel Gerdes

Angelica Deverell kämpft bereits mit 15 Jahren darum, Schriftstellerin zu werden – und schafft es! Ihren Aufstieg und Fall beschreibt die britische Schriftstellerin Elizabeth Taylor ("Blick auf den Hafen", "Versteckspiel") mit wunderbarer Ironie, buntem Lokalkolorit und spitzer Feder in dem erstmals 1957 veröffentlichten Roman "Angel", der nichts von seiner Frische eingebüßt hat.



Dass Angel oft schwindelte war bekannt, dass sie den Aufsatz Sturm auf hoher See tatsächlich selbst geschrieben und nicht aus anderen Werken entliehen hat, zweifelt die Lehrerin Miss Dawson dann doch an.
Das Mädchen ist Tochter einer Lebensmittelhändlerin, den Vater hat sie nie kennengelernt, da er sich bloße anderthalb Jahre lang durch [sein] Eheglück gehustet hatte. Ihre Mutter schlägt sich mit ihrem kleinen Laden mühsam durchs Leben, unterstützt von ihrer Schwester Lottie, die im Paradise Houseals Kammerzofe angestellt ist und mit ihrem Geld Angels Schulbesuch finanziert.
Angel ist sich schon sehr früh bewusst, dass eigentlich sie in das Herrenhaus gehörte – und sicherlich nicht als Hausangestellte. Weshalb sie den beiden Mädchen, die sie täglich von der Schule nach Hause führt, von ihrer Erbschaft des Hauses berichtet, deren Antreten nur noch eine Frage der Zeit sei.

Mit ironischer Färbung und unverhohlener Lust am Erzählen entführt uns die 1912 in Reading geborene Elizabeth Taylor nach Norley, einem kleinen Provinznest, wo Angel beginnt, Kladden voller kitschiger Geschichten zu füllen. Aufgrund ihrer Unnahbarkeit und vermeintlichen Eitelkeit war sie unbeliebt und hatte keine engen Freundinnen. Sie dachte voll düsterer Abneigung an die Liebe, denn sie wollte die Welt beherrschen, nicht einen einzelnen Menschen.
Ihr Ziel verfolgend, aber auch aus einer Mischung aus Scham und Empörung, … Langeweile und Einsamkeit verlässt sie nach einem Eklat die Schule und schreibt, um das fertige Manuskript der Oxford University Press zu schicken, die kommentarlos ablehnt, bis sie in Gilbright & Brace die richtigen Verleger findet.

Trotz zahlreicher inhaltlicher Fehler – Angel hält das Überprüfen von Fakten und das Sammeln von Erfahrungen hinsichtlich ihrer überbordenden Phantasie für überflüssig vertane Zeit – wird das Buch angenommen. Ihm folgen etliche rauschhafte, leicht frivole Kitschromane, die von der Kritik verrissen, vom Publikum jedoch sehr wohl gekauft werden.

Der Erfolg treibt Angel zu Exzentrik und Egomanie. Immer unsympathischer wird uns die Heldin, die ihre arme Mutter einfach in ein großes Haus in ein reiches Viertel verfrachtet, wo letztere gelangweilt und verloren herumsitzt. Angel trifft auf Esmé, einen verkannten Künstler und Beau, der mehr in die Ehe und Angels Geld hineinstolpert, als davon wirklich überzeugt zu sein.

Schließlich glückt es ihr: durch harte, ja besessene Arbeit hat sie das Geld, um Paradise House zu kaufen. Es ist inzwischen total heruntergekommen, doch sie steckt all ihr Geld hinein. Und mit ihr ziehen auch wir als Leserin ein, denn Elizabeth Taylor nimmt uns eng an ihre Seite. Es ist, als säßen wir dabei, wenn Angel mal wieder ihre Tante Lottie abkanzelt oder ihrem seekranken Mann erklärt, es sei albern, den Elementen auf dem Meer daran die Schuld zu geben. Wir verhandeln mit, wenn ihr Verleger Theo Gilbright ihr kleinste Zugeständnisse abbetteln möchte, die sie vehement ablehnt.

Elizabeth Taylor selbst war Zeit ihres Lebens eine eher verkannte und unterschätzte Autorin, die sich um ihre Familie kümmerte und die Egomanie ihrer Heldin leider nicht zeigte. Ihr erster Roman At Mrs Lippincote´s erschien 1945. Es folgten elf weitere und zahlreiche Kurzgeschichten. Sie arbeitete zunächst als Privatlehrerin und Bibliothekarin und zog mit ihrer Familie in den kleinen Ort Penn in Buckinghamshire, wo sie 1975 mit nur 63 Jahren an Krebs erkrankt starb. William Maxwell, einflussreicher Journalist des New Yorker, der auch die irisch-amerikanische Schriftstellerin Maeve Brennan förderte, sorgte dafür, dass ihre Kurzgeschichten in The New Yorker veröffentlicht wurden. Zwei ihrer Bücher wurden verfilmt, darunter auch Angel, der unter dem Titel The Real Life of Angel Deverell unter der Regie von François Ozon 2007 in die Kinos kam.

Nur drei ihrer Werke wurden bis 1962 ins Deutsche übersetzt. Umso verdienstvoller ist es, dass sich der Dörlemann-Verlag nun Elizabeth Taylors angenommen hat. Bislang erschienen dort neben Angel die Romane Versteckspiel und Blick auf den Hafen, alle drei beeindruckend übersetzt von Bettina Abarbanell und wunderbar in Leinen eingekleidet vom Dörlemann-Verlag.
Zwei Pfauen zieren den Einband von Angel und Pfauenfedern finden wir auch auf dem Vorsatz. Es sind die zwei Pfauen, die sich Angel aus Griechenland bestellt hatte und die am Ende des Buches altersmüde über die zerbröckelnde Veranda schreiten.

AVIVA-Tipp Elizabeth Taylor gelingt die Darstellung des sinkenden Sterns einer Boulevardschriftstellerin grandios. Mit viel Witz und überreicher Phantasie lässt sie uns teilhaben an Angels tragisch-komischem Leben, ihrer zunehmenden Egozentrik und ihrem nicht enden wollenden Kampf um ihre Selbstbestimmtheit.

Zur Autorin: Elizabeth Taylor, geborene Coles, wurde am 3. Juli 1912 in Reading, Berkshire geboren. Sie arbeitete als Privatlehrerin und Bibliothekarin. Nach ihrer Heirat zog sie mit ihrem Mann nach Penn, Buckinghamshire, wo sie bis an ihr Lebensende lebte. Taylor veröffentlichte zwölf Romane, zahlreiche Kurzgeschichten und ein Kinderbuch. Taylors erster Roman, At Mrs Lippincote´s, erschien 1945. Blick auf den Hafen (1947) erschienen erstmals 1950 unter dem Titel Kleiner Wellenschlag auf Deutsch, erschien 2011 im Dörlemann Verlag, ebenso wie ihr Roman Versteckspiel( 2013) jeweils in der Übersetzung von Bettina Abarbanell.
Ihr Roman Mrs Palfrey at the Claremont (1971) wurde in der Liste der 100 besten englischsprachigen Romane geführt, die Robert McCrum 2015 für den Guardian zusammengestellt hat. 2007 verfilmte François Ozon den Roman The Real Life of Angel Deverell. Die Schriftstellerin war kurzzeitig Mitglied der KP, später Anhängerin der Labour Party. Elizabeth Taylor starb am 19. November 1975.
Elizabeth Taylors Artikel im New Yorker: www.newyorker.com

Zur Übersetzerin: Bettina Abarbanell wurde 1961 in Hamburg geboren. Sie studierte in Tübingen und New York und übersetzte aus dem Englischen u.a. F. Scott Fitzgerald, Denis Johnson und Jonathan Franzen. Abarbanell wurde 2014 auf der Frankfurter Buchmesse mit dem Übersetzerpreis der Heinrich Maria Ledig-Rowohlt-Stiftung ausgezeichnet. 2015 erhielt sie ein Barthold-Heinrich-Brockes-Stipendium des Deutschen Übersetzungsfonds. Sie lebt und arbeitet als freie literarische Übersetzerin in Potsdam.

Elizabeth Taylor
Angel

Originaltitel: Angel
Aus dem Englischen von Bettina Abarbanell
Mit einem Nachwort von Gabriele von Arnim
Dörlemann Verlag, erschienen im Februar 2018
400 Seiten, Leinen. Leseband
ISBN 9783038200529
25.00 Euro
Mehr zum Buch: doerlemann.com

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Elizabeth Taylor - Blick auf den Hafen
In poetischer Nüchternheit beschreibt die englische Autorin, die zu Lebzeiten wie posthum kaum Bekanntheit erlangte, die kleinen Dramen eines verschlafenen Hafenstädtchens so spannend, dass es Mühe macht, das Buch aus der Hand zu legen. (2012)

Maeve Brennan - Sämtliche Erzählungen
Mit einer wunderschönen zweibändigen Leinenausgabe ehrt der Steidl-Verlag die 1917 in Dublin geborene irisch-amerikanische Schriftstellerin und Journalistin Maeve Brennan. Die hierzulande viel zu unbekannte Autorin mit ihren genialen Geschichten verdient es, (wieder-)entdeckt zu werden. (2018)



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