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AVIVA-BERLIN.de im Januar 2019 - Beitrag vom 27.12.2018

Emma Nuss - Aus dem Leben eines Tauentzien-Girls
Christina Mohr

1914 erschien in einem kleinen Berliner Verlag, dem P. Baumann Verlag in Charlottenburg, das sehr erfolgreiche, mehrere Auflagen durchlaufende fiktive Tagebuch eines "Tauentzien-Girls", erdacht und niedergeschrieben von Emma Mahner-Mons...



... die ihre Werke auch unter dem Pseudonym "Emma Nuss" veröffentlichte.

Viel ist nicht bekannt über die 1879 in der Nähe von Kaiserslautern geborene Autorin von Romanen, Jugendbüchern und Theaterstücken. Selbst über ihr Sterbedatum gibt es widersprüchliche Aussagen: Ihr Todestag sei nicht bekannt, heißt es in der Verlagsinfo, ein Internet-Archiv gibt an, dass Mahner-Mons 1965 in Donaueschingen verstorben sei.

Aber wo auch immer die Autorin zur letzten Ruhe gebettet ist: Zu Lebzeiten muss sie sich bestens im "sündigen" Berlin nach der Jahr ausgekannt haben. Ihr "Tagebuch eines Tauentzien-Girls", das nun in einer neuen Ausgabe beim Verlag Walde + Graf erschienen ist, kokettiert sehr deutlich mit dem Ruf, der diesen Mädchen vorauseilte – nämlich, dass es sich bei den "Girls" um Prostituierte handelt.

Pikant, dass besagtes Tagebuch von einer Vierzehnjährigen stammen soll, die kurz vor ihrer Konfirmation steht – und ihre "blinde Mutter" und die "zukünftigen Schwiegersöhne", denen das schmale Bändchen augenzwinkernd gewidmet ist, gehörig hinters Licht führt. Tagebuchinhaberin Litta trifft sich täglich mit ihren Schulfreundinnen auf dem Tauentzien, Berlins damals attraktivstem Boulevard mit eleganten Cafés und Geschäften, aber auch halbseidenen Dandys und Lebedamen – eine davon soll Littas wertvollste Beraterin in Liebes- und Lebensfragen werden.

Die souveräne Litta und ihre nicht minder selbstbewussten Freundinnen werden direkt von der Einkaufsstraße engagiert, um von brotlosen Künstlern gemalt und zu frivolen Feiern eingeladen zu werden, von denen ihre Eltern wahrlich nichts erfahren dürfen, obwohl die Mädchen stets pflichtbewusst und pünktlich zum Abendessen nach Hause zurückkehren. Sie sind ganz schön gewitzt, die "Tauentzien-Girls", wobei Emma Nuss/Mahner-Mons es dezent in der Schwebe lässt, wie weit die Mädchen mit ihren Galanen gehen - aber sie wissen mehr über die Liebe als ihre Mütter, wie Litta einmal kopfschüttelnd in ihr Tagebuch notiert, abgesehen von der kreuzbraven Eva, die – Ironie des Schicksals – skandalöserweise noch vor ihrer Konfirmation schwanger wird. Litta selbst bleibt diese Schmach erspart: ihr Tagebuch endet mit ihrer Abreise ins Mädchenpensionat, von dem sie sich erhofft, "noch etwas dazulernen" zu können. Später will sie einen ihrer schafsköpfigen Verehrer heiraten, um von dessen Geld ein freies Leben führen zu können – emanzipatorische Gedanken zur Kaiserzeit, die für Frauen und Mädchen wenig interessante Rollen vorsah: warum also nicht das Beste aus dem Möglichen herausholen?

Auch wenn dem "Tagebuch" anzumerken ist, dass es keineswegs von einer Vierzehnjährigen, sondern von einer versierten Schriftstellerin verfasst wurde, sind diese gut hundert Seiten ein großer Spaß, inklusive tiefer Einblicke in die wilden, bunten Jahre des mondänen Berlins, das kurze Zeit später von zwei schrecklichen Kriegen malträtiert werden sollte. Littas fordernder, forscher Blick auf die Welt, ihr Bild von "den Männern" und ihr jugendlich-liebenswerter Größenwahn, alles besser zu wissen als die Altvorderen ist natürlich vom zuspitzenden Stil Mahner-Mons geprägt – und wahrscheinlich sehr viel böser und witziger als ein "echtes" Tagebuch. Ein spannendes Zeitdokument ist es allemal.

AVIVA-Tipp: Auch wenn frau sich mit so manchen Auslassungen des "Tauentzien-Girls" Litta nicht identifizieren kann, so will sie doch sofort losziehen und durch die Straßen rund um den Kurfürstendamm stromern und nachschauen, ob es dort noch immer so aufregend und "sündig" zugeht wie anno 1914.

Zur Autorin: Emma Mahner-Mons, geboren 16.05.1879 in Erlenbach/Dahn, gestorben (vermutlich) 1965 in Donaueschingen, schrieb Romane, Jugendbücher und Theaterstücke, veröffentlichte unter dem Namen Emma Nuß aber auch Groschenromane bei "Lore-Romane. Der Roman für frohe Lesestunden", darunter die Nr. 259, "Erstes Haus am Kontinent" (angekündigt als "Ein packender Schicksalsroman von Emma Nuß") und Nr. 283, "Denk an dein Ziel, Yella".
Letzterer erzählt von dem armen Flüchtlingsmädchen Yella, die hart in einem großen Schweizer Nobelhotel arbeitet, um ihre Familie zu unterstützen. Im Internet ist dazu auf der Seite des Konstanzer Antiquariats Patzer & Trenkle beim Artikel folgender Zusatz zu finden: "Zum Geleit" des 1951 im Verlag Dr. Hans Riegler, Stuttgart erschienenen Romans vermerkt die Autorin selbst: ´Dieser kleine Romanband möge der Schweiz den Dank für die reiche Hilfe, die sie in schwerer Zeit dem durch Hunger und Elend verzweiflungsnahen Volke geboten hat, zum Ausdruck bringen´.

Wie Yella war auch die Autorin möglicherweise selbst auf der Flucht: Auf Ancestry taucht eine Emma Mahner-Mons auf den Hamburg Passenger Lists 1850-1934 auf. Als Ziel ist Ostasien angegeben, vermutlich Shanghai. Ein genaues Jahr lässt sich im Netz nicht ausmachen. Im gleichen Zeitraum ist als Passagier auch ein Hans mit gleichem Nachnamen verzeichnet. Dessen Name wiederum ist auf den Seiten des Online-Portals "Liste der verbannten Bücher. Die Liste der im Nationalsozialismus verbotenen Publikationen und Autoren" gelistet.
Der Dramaturg, Schriftsteller und Drehbuchautor und Verfasser okkultistischer Kriminalgeschichten Hans Mahner-Mons, geboren 19.04.1883, gestorben 11.10.1956, hat auch unter den Pseudonymen Dolly Bruck ("Orje Lehmann wird Detektiv! Ein heiterer Roman", Verlag Knorr & Hirth, 1931 und das auf dem Roman basierende Drehbuch, verfilmt als "Flucht nach Nizza", 1933) sowie als Hans Possendorf publiziert, u.a. "Klettermaxe. Eine Berliner Kriminalgeschichte zwischen Kurfürstendamm u. Scheunenviertel" (1927 als Stummfilm realisiert, 1952 mit Liselotte Pulver und Albert Lieven verfilmt), sowie "Sensationsprozess Casilla", 1939 im Otto Janke Verlag erschienen. Verfilmt wurde die Kriminalstory im gleichen Jahr unter der Regie von Eduard von Borsody, der wiederum für den Schnitt mehrerer NS-Propagandafilme verantwortlich war.

Mehr Informationen zu Emma Mahner-Mons und in welcher Beziehung Emma und Hans Mahner-Mons zueinander standen, ließen sich bis zur Veröffentlichung dieses Beitrags auf AVIVA-Berlin nicht herausfinden. (Recherche: Sharon Adler)

Emma Mahner-Mons
Aus dem Tagebuch eines Tauentzien-Girls

112 Seiten, gebunden, mit Prägung
ISBN: 978-3-946896-34-0
Walde + Graf, erschienen 14. September 2018
Mehr zum Buch unter. www.walde-graf.de

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