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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2018 - Beitrag vom 12.09.2018

Donatella Di Pietrantonio - Arminuta
Bärbel Gerdes

´Arminuta´, die Zurückgekommene, nennen sie alle im Dorf. Das dreizehnjährige Mädchen wird wie ein Paket einer fremden Familie übergeben. Diese seien ihre wahren Eltern, wird ihr mitgeteilt – ein Auftakt zu einem außergewöhnlichen und sehr bewegenden Roman der italienischen Autorin Donatella Di Pietrantonio ("Bella mia", "Meine Mutter ist ein Fluss")



"Nach und nach ist mir auch diese verschwommene Vorstellung von Normalität abhandengekommen, und heute weiß ich nicht mehr, was für ein Ort eine Mutter ist. Er fehlt mir, wie einem Gesundheit fehlen kann, eine Zuflucht, eine Gewissheit. Es ist eine anhaltende Leere, die ich kenne, aber nicht überwinde."

Schon in ihrem Roman Bella mia (Kunstmann, 2016) versucht Di Pietrantonio zu beantworten, wie frau wieder lernen kann, den eigenen Gefühlen zu trauen und wie es möglich ist, wieder Sicherheit zu finden und sich auf Neues einzulassen. Auslöser für diese Fragen war ein Erdbeben, das 2009 eine Stadt in Schutt und Asche legte und die BewohnerInnen, wenn sie überlebten, verändert und beschädigt zurückließ.

In Arminuta jedoch betrifft die starke Verunsicherung und Traumatisierung nicht eine Gruppe von Menschen, sondern ein einzelnes junges Mädchen. Bislang wuchs sie in einer gut bürgerlichen Familie auf, der Vater Carabinierie, die Mutter eine Frau, die sich rührend und liebevoll um ihre Tochter kümmerte. Doch dann bekommt das Leben einen Riss. Das Mädchen kommt zu einer ihr unbekannten Familie, zwei Menschen werden ihr als ihre leiblichen Eltern vorgestellt. Die zwei, die sie bis dahin für ihre Mama und ihren Papa hielt, soll sie zukünftig Tante und Onkel nennen. Sie kommt in eine von Armut gebeutelte Familie, das Zimmer teilt sie sich mit drei älteren Brüdern und ihrer jüngeren Schwester Adriana, mit der sie in einem Bett schläft. Ihr neues Leben ist geprägt von Gewalt und schwerer Arbeit. Alle halten sich mit irgendwelchen Jobs über Wasser. Täglich wird Adriana verprügelt, täglich muss sie im Haushalt schwer schuften. Wie schon in Meine Mutter ist ein Fluss (Kunstmann, 2013) gibt es in dieser Familie keinen Platz für Gefühle, keinen Ort für die Liebe zum eigenen Kind.

Mit großer Eindringlichkeit beschreibt die Autorin den Kampf des Mädchens um ihre Identität und um ihr Überleben. Verzweifelt versucht sie zu ergründen, weshalb sie nicht mehr bei den Eltern, bei denen sie aufwuchs, bleiben durfte. In fast jedem Kapitel heißt es "seit ich ihr zurückgegeben wurde" oder "bevor meine Eltern beschlossen, mich zurückzugeben". Die Nähe zu der Geschichte ist so groß, dass die Leserin vergisst, dass sie nicht im Moment des Geschehens erzählt wird, sondern im Nachhinein.

Die allmähliche Annäherung und Verbundenheit der beiden Schwestern schildert Di Pietrantonio herzzerreißend, ohne dass sie im Geringsten kitschig wird.
Die Protagonistin kann auch später ihre Fassungslosigkeit darüber, einfach aus ihrem Leben herausgerissen worden zu sein, nie verlieren. Einher damit geht Scham: "Sie sollte mir bleiben wie ein unauslöschlicher Fleck am Körper, ein weinrotes Muttermal auf der Wange." Wie kann sie jemals von sich erzählen? Wie kann sie erklären, was in ihrem Leben geschah?

Auch die schlaflosen Nächte bleiben. Sie probiert neue Matratzen, neue Medikamente, neue Entspannungstechniken – vergebens. "Ich weiß schon, dass ich mich nicht abstellen lasse, außer für kurze Pausen. Auf dem Kopfkissen erwarten mich jeden Abend geballt die immer gleichen Gespenster und dunklen Schrecken."

Arminuta, die Zurückgekommene, versucht, dieses Leben anzunehmen und sich ihm zu stellen. Sie kämpft um die Wahrheit ihrer Geschichte. Mit jedem weiteren Schritt der Erkenntnis wankt ihr Bild und das der Leserin. "Ich wusste nicht mehr, woher ich stammte. Im Grunde genommen weiß ich es bis heute nicht."

AVIVA-Tipp Donatella Di Pietrantonio hat einen zutiefst berührenden und sehr lesenswerten Roman geschrieben. Maja Pflug hat ihn beeindruckend ins Deutsche übertragen. Eine uneingeschränkte Leseempfehlung!

Zur Autorin: Donatella Di Pietrantonio, wurde 1962 in den Abruzzen geboren. Ihre Romane Meine Mutter ist ein Fluss und Bella mia wurden mit mehreren Literaturpreisen ausgezeichnet. Arminuta erhielt 2017 den Premio Campiello. Mit ihrem neuen, in zahlreiche Länder verkauften Buch ist ihr der internationale Durchbruch gelungen. Die Autorin lebt in der Nähe von Pescara. (Verlagsinformation)

Zur Übersetzerin: Maja Pflug wurde 1946 in Bad Kissingen geboren und ließ sich von 1964 bis 1971 in München, London und Rom zur Übersetzerin für Italienisch und Englisch ausbilden. Anfangs übersetzte sie theoretische Texte, u.a. übertrug sie einige Bände Marx/Engels vom Deutschen ins Italienische. Seit den 1980er Jahren übersetzt sie vorwiegend Belletristik, u.a. von Claudio Abbado, Natalia Ginzburg, Paolo Levi und Elsa Morante. Für ihre Übersetzungen erhielt sie zahlreiche Preise: 1987 den Premio Montecchio, 1989 den Christoph-Martin-Wieland-Übersetzerpreis und 2007 den Jane Scatcherd-Preis. Ihr Lebenswerk wurde 2011 mit dem Deutsch-Italienischen Übersetzerpreis ausgezeichnet. Maja Pflug lebt in Rom.

Donatella Di Pietrantonio
Arminuta

Originaltitel: L´Arminuta
Aus dem Italienischen von Maja Pflug
Verlag Antje Kunstmann, erschienen am 12.9.2018
221 Seiten, gebunden
ISBN 978-3-95614-253-6
20,00 Euro
Mehr zum Buch: www.kunstmann.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Donatella Di Pietrantonio - Meine Mutter ist ein Fluss
Dieser Debutroman scheint sich einzureihen in eine Liste neuerer Bücher über Demenz – und doch steht er ganz für sich. Denn obwohl auch hier vom langsamen Verschwinden einer Persönlichkeit erzählt wird, lässt dich Di Pietrantonios Text kaum vergleichen – so ungewöhnlich ist ihre Sprache. (2015)

Natalia Ginzburg - Eine Biographie von Maja Pflug
Hier wird nicht nur die im Jahr 1916 geborenen Dichterin, Schriftstellerin, Schauspielerin, Übersetzerin und Politikerin als Mensch dargestellt, sondern auch das faschistische und intellektuelle Italien ihrer Zeit. (2012)

Zum 25. Todestag von Elsa Morante am 25. November 2010
In ihrer großen Zeit war die italienische Schriftstellerin nicht nur eine höchst beachtete Erscheinung der römischen Literaturszene, sondern auch besessene Kunst-Arbeiterin, Herzstück einer homosexuellen Boheme und Katzenliebhaberin. Am 18. August 1912 wurde Elsa Morante in Rom geboren. Ihr mehrfach preisgekrönter Roman "La Storia" gehört zu den bedeutendsten Werken der italienischen Nachkriegsliteratur.

Literatur > Romane + Belletristik Beitrag vom 12.09.2018 Bärbel Gerdes 





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