Ramona Ambs – GRAUFARB. Eine Benoni-Verteidigung in 64 Zügen - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Literatur Juedisches Leben



AVIVA-BERLIN.de im März 2024 - Beitrag vom 04.12.2023


Ramona Ambs – GRAUFARB. Eine Benoni-Verteidigung in 64 Zügen
Nea Weissberg

Hinter dem auf den ersten Blick märchenhaft anmutenden Buchumschlag GRAUFARB, treten in Ramona Ambs Roman farbstarke Worte hervor, mit denen die Autorin, die zur "Dritten Generation nach der Shoah-Geborenen" gehört, breit gefächerte Empfindungen ausdrückt, die nachhallen.




Gasse der Meschuggenen

Die Erzählung, in 64 Abschnitten eingeteilt, im Wechsel "Zug weiß" und "Zug schwarz" durchnummeriert betitelt, erinnert an nachdenkliche Schachzüge. Die Geschichte GRAUFARB ist in eine innerseelische Farb-Palette eingetaucht: Eine Suche nach Geborgenheit, Schutz, eine Vermeidung von Traurigkeit, Einsamkeit, Verletzbarkeiten, einer Unruhe, Trauer, einem Wunsch nach Verbundenheit, einem Moment der Lebensfreude, umkreist von Hindernissen...

Hinter der nächsten Wohnungstür lauert das Entsetzen

BLAUFARB ist eine Geschichte mit unterschiedlich vertieften Lebenssträngen. Die Ich-Erzählerin Rima bildet ein eingespieltes, seltsames und unzertrennliches Gespann mit ihrem erfundenen jüdischen Koala-Bären namens Graufarb. Gemeinsam führen die beiden Hauptfiguren die Leserinnen und Leser durch eine Wohnanlage in der Haskalahgasse einer Südstadt, die eher einer langgezogenen Allee ähnelt. Mit dem Begriff Haskalah (hebräisch: Bildung, Aufklärung) lässt Ambs ungleiche Lebensweisen, familiäre Prägungen, Identitäten, finanzielle und soziale Lebenswirklichkeiten aufeinandertreffen. In dem Wohnblock leben (Rima) eine Poesie-Schreib-Therapeutin, (Henok) ein Diakon, (Tante Martha) eine Shoah-Überlebende mit posttraumatischen Belastungsstörungen und Doppeltsprechworten, (Radek) Psychoanalytiker, der in Kriegszeiten in Kiew Skateboard fahren will, um ein Friedenszeichen zu setzen, (Herr Jasper) ein Klient Rimas, der seine Bedürftigkeit hintenanstellt, (Herr Özkaya) ein türkischer Gemüsehändler...

Die Welt ist verrückter als Tanta Martha
Der freundliche Koalabär Graufarb besucht Menschen in der Haskalahgasse, er möchte anderen zur Seite stehen. Vielleicht weil er Not kennt. Seine Brüder und Schwestern werden wegen ihres begehrten Fells gejagt und sind von Vernichtung bedroht. Graufarb klappert Hausnummern und Etagen hintereinander ab. Eines Tages klingelt er in der Haskalahgasse 149. "Es öffnet eine Frau ohne Gesicht. Der Koala erschrickt sehr und wäre beinah entsetzt zurückgewichen..." "Was ist mit Ihrem Gesicht passiert? platzt es aus dem Koala raus... Man hat mich nie wirklich angeschaut. Dabei muss es abhandengekommen sein."

TRÄNEN

Rima, die Agnostikerin – "mit einer übergroßen Sehnsucht nach Gott und einer emotionalen Skepsis" – fand in Towje, einem glaubensstarken Juden, ihre große Liebe. Sie lernte ihn bei einem Proseminar zum Thema "Freud und die Abschaffung der Religion" kennen. Überströmt von Abschiedsschmerzen nach seinem überraschenden Tode, hört sie am Tage seiner Beerdigung die tröstenden Worte eines Rabbiners: "es gibt für jede traurige Geschichte eine bestimmte Anzahl von Tränen, die man ihretwegen weinen muss. Und wenn man diese Tränen nicht weint, dann kommt die Traurigkeit immer wieder. Und wenn die Traurigkeit für ein Leben zu groß ist, dann weinen Deine Kinder und Enkel weiter, bis die Tränen über diese eine Traurigkeit verweint sind..."

Familienerbe

Das Buch handelt von gescheiterten Existenzen, die ihr Leben unterwegs verloren haben, die eine wortlose Traurigkeit ausstrahlen. Rima möchte ihre Tante Martha schützen. Sie hat schon genug Grauenvolles erlebt, jeder Tag ist von unausgesprochenen Verfolgungserinnerungen beschwert, belasten Herz und Seele. Von dieser Atmosphäre geprägt, wächst Rima auf – ohne Eltern. Zum Vater, kurz "anonymer Erzeuger" genannt, hat sie keinen Kontakt, hat ihn nie kennengelernt. Ihre Mutter ist früh an familiär Erdrückendem zerbrochen. Die kleine Rima steht alleine da – Rimale muss viel Verantwortung übernehmen. Die halberwachsene Rima und spätere Poesietherapeutin lernt anderen zuzuhören, sich um Verzweifelte, Verunsicherte, Verbitterte zu kümmern.

Ungleiche Liebe

Henok, der Diakon, zieht gemeinsam mit seinem minderjährigen Sohn Benjamin, als neuer Nachbar ins Wohnhaus ein, direkt eine Etage unter Rimas Dachwohnung. Die mutige Rima streift ihre Schüchternheit ab, geht rührig auf Henok ein, nimmt an seinen familiären Streitereien reichlichen Anteil. Benjamins Mutter reagiert auf die Trennung mit Wut, entzieht dem Kindesvater jäh den Kontakt zum gemeinsamen Kind. Es kommt zum Sorgerechtsstreit, willkürlichem Entzug des Umgangs, worauf Henok emotional abstürzt. Zwischen dem gläubigen Christen und der jüdischen Agnostikerin entwickelt sich eine Liebesbeziehung: Sie wird ihm zuhören, sie wird ihn trösten, sie wird ihn unterstützen. Und er? Sein gewaltig erlebter Trennungsschmerz um seinen Sohn, der ihm entrissen wurde, steht zwischen ihrer neuen, zarten Liebe.

AVIVA-Tipp: Ramona Ambs Schreibstil ist weit gefächert: klar, offen, und zwischendurch zusammengekittet mit kuriosen Wortschöpfungseinsprengseln. Ihre Sprachdiktion passt zur schnell verletzbaren Welt, in der die Protagonist*innen darum ringen, wahrgenommen zu werden. Der Wunsch nach Freundschaft und Liebe, die trägt, durchzieht die Lektüre, die einen beim Lesen in den Bann zieht und eine Achterbahn der Gefühle entfacht.

Zur Autorin: Ramona Ambs wurde 1974 in Freiburg geboren. Ihre nicht geradlinig verlaufene Schullaufbahn, mit Stationen in Freiburg und Heidelberg, beendete sie 1995 erfolgreich mit Abitur und Scheffelpreis am Gymnasium. Danach studierte sie Germanistik und Pädagogik an der Universität Heidelberg. Bereits während des Studiums publizierte sie Gedichte und Essays in verschiedenen Anthologien. Seit 2003 arbeitet sie als freie Journalistin, Autorin und Poesiepädagogin. Bisher erschienen von ihr "Die radioaktive Marmelade meiner Großmutter (2013), "Mrozek – ein Paragraphoman" (2015), "Manifest mit Vogel" (2020).
Mehr Infos: www.poesietherapie-federmensch.de

Ramona Ambs
Graufarb. Eine Benoni-Verteidigung in 64 Zügen

Verlag: Books on Demand
Erscheinungsdatum: 12.06.2023
146 Seiten, kartoniert / Broschiert, Paperback. Sprache: Deutsch.
14, 99 €
ISBN-13: 9783757811334
Bestellung unter: buchshop.bod.de/graufarb-ramona-ambs

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Ramona Ambs, Mrozek. Ein Paragraphoman
Die Journalistin und Autorin legt mit ihrem neuen Roman eine sensible Geschichte einer jungen Frau auf der Suche nach ihrem Platz im Leben vor und kreiert en passant ein neues literarisches Genre, den Paragraphoman. (2015)

Ramona Ambs, Die radioaktive Marmelade meiner Großmutter
Hinter dem witzigen Titel verbirgt sich eine Geschichte, die eher zum Weinen als zum Lachen reizt. Eine Jugend Anfang der achtziger Jahre: Kaum eine Generation liegt die Shoah zurück, und für Romys jüdische Großeltern und ihren Großonkel ist jeder Tag von grauenhaften Erinnerungen an diese Zeit erfüllt. (2013)


Literatur > Jüdisches Leben

Beitrag vom 04.12.2023

Nea Weissberg