Anne Berest: Die Postkarte - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Literatur Juedisches Leben



AVIVA-BERLIN.de im Juli 2024 - Beitrag vom 08.07.2023


Anne Berest: Die Postkarte
Sigrid Brinkmann

Vier Namen, sonst nichts. "Die Postkarte" ist ein Meisterwerk biographischer Erzählkunst. Einfühlsam und hartnäckig erforscht Anne Berest das Leben ihrer Vorfahren in Frankreich und findet ihre Identität.




Die Französin Anne Berest ist im Theater, im Film und in der Literatur zuhause. Sie hat eine Theaterzeitschrift gegründet, Filmrollen bekommen, das Drehbuch für die erfolgreiche Arte-Serie "Mytho" geschrieben und – mit ihrer Schwester, der Schriftstellerin Claire Berest – die Geschichte ihrer Urgroßmutter Gabriële Buffet Picabia aufgearbeitet (Ein Leben für die Avantgarde – Die Geschichte von Gabriële Buffet Picabia. Deutsch von Annabelle Hirsch. Aufbau Verlag 2021). Gabriële Buffet war Komponistin und Kunstkritikerin, Ehefrau des Malers Francis Picabia und Geliebte von Marcel Duchamps, eine enge Freundin von Igor Strawinsky und vielen anderen Künstlern der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Auch im jüngsten Buch der 43 Jahre alten Autorin, das in Frankreich viele Auszeichnungen erhielt und über 300.000 Mal verkauft wurde, spielt die Urgroßmutter eine Rolle. Die Hauptpersonen aber sind Familienmitglieder, über die niemand sprach.

Ein Vier-Generationen-Roman "Die Postkarte"

Aus einem Packen Neujahrspost zog Anne Berests Mutter am 6. Januar 2003 eine Karte ohne Absender. Mit unbeholfener Schrift hatte jemand darauf vier Namen notiert. Sonst nichts.

"Ephraïm, Emma, Noémie, Jacques. Es waren die Vornamen ihrer Großeltern mütterlicherseits, ihrer Tante und ihres Onkels. Alle vier waren zwei Jahre vor der Geburt meiner Mutter deportiert worden. Sie waren 1942 in Auschwitz ermordet worden. Und einundsechzig Jahre später tauchten sie in unserem Briefkasten wieder auf."

Abwesende Blicke und beharrliches Schweigen

Anne Berest, damals vierundzwanzig Jahre alt, stellte ihrer Mutter keine Fragen. Die Postkarte, auf der Großmutter Myriams Name fehlte, verschwand in einer Schublade. Myriam hatte als einzige ihrer Familie den Krieg überlebt. Als Kind hatte Anne Berest oft den abwesenden Blick der Großmutter aufgefangen. Was es bedeutete, jüdisch zu sein, konnte sie lange Zeit nicht ermessen. Mutter und Großmutter sprachen kein Wort über das Leben der Vorfahren, die aus Russland stammten und über Lettland und Palästina nach Frankreich eingewandert waren. In Anne Berests laizistischem Elternhaus diskutierte man die Thesen des Revolutionshistorikers François Furet, nicht die Schriften jüdischer Gelehrter. 2018 geschah allerdings etwas, dass das Schweigen über Herkunft und Schicksal der Vorfahren aufbrechen sollte.

"An dem Tag, als meine Tochter aus der Schule kam und meine Mutter fragte, ob sie Jüdin sei, habe ich beschlossen, den Absender der Postkarte zu suchen. Meine Mutter hatte die Frage bejaht und ihr erklärt, dass Jüdischsein sich über die mütterliche Linie vererbt. Dann sei sie auch Jüdin, folgerte meine sechsjährige Tochter und zog dabei ein merkwürdiges Gesicht. Darauf angesprochen, bemerkte sie, dass man Juden in ihrer Schule nicht besonders möge. Meine Mutter wollte unbedingt, dass ich herausfinde, wer auf dem Schulhof antisemitische Bemerkungen machte. Aber anstatt mich darum zu kümmern, dachte ich an nichts anderes als an die 15 Jahre lang vergessene Postkarte."

Imaginierte Familiengeschichte

Anne Berests in drei "Bücher" gegliederter Roman ist ein Meisterwerk biographischer Erzählkunst. Gestützt auf Briefe, Tagebücher und das verschüttet geglaubte Detailwissen ihrer Mutter, imaginiert sie in "Buch I" Aufbruchsphasen im Leben der Familie Rabinovitch. Einfühlsam und nie ausufernd malt sie sich Alltagsszenen aus, Kinderfreundschaften, Sorgen und falsche Hoffnungen. Archivdokumente lassen erkennen, wie erschütternd wirklichkeitsblind der Urgroßvater in den 1930er Jahren darauf wartete, in Frankreich eingebürgert zu werden.

"Am 14. Oktober 1940 ist Ephraïm der Erste, der sich auf der Präfektur von Évreux als "Jude" registrieren lässt. (…) Die Mädchen weigern sich, sich erfassen zu lassen. Ephraïm wird wütend, seine Töchter seien sich des Risikos nicht bewusst, das sie eingingen."

Anne Berest schreibt durchgehend im Präsens, was es leicht macht, sich mit der Gedanken- und Gefühlswelt ihrer Angehörigen zu identifizieren. Unnachgiebig leuchtet sie "Grauzonen der Gleichgültigkeit" aus und findet unter anderem heraus, dass Ephraïm all seine Ingenieurspatente an französische Geschäftsführer abtreten musste. Die Ehe mit einem Sohn des prominenten Künstler*innenehepaares Picabia rettete das Leben ihrer Großmutter Myriam. Schwiegermutter Gabriële Buffet Picabia und Schwägerin Jeanine schmuggelten Myriam 1942 im Kofferraum eines Autos aus Paris in die noch unbesetzte Zone. Danach schlossen sich die drei Frauen aktiv dem Widerstand an.

Detektivische Spurensuche

Mitzuvollziehen, wie Anne Berest und ihre Mutter in einer kleinen normannischen Gemeinde den Mann treffen, der sich nach Kriegsende den Flügel der Urgoßmutter und eine Schachtel mit Familienfotos aneignet hatte, ist atemberaubend. Und zutiefst berührt die Offenheit, mit der die Autorin ihre Unkenntnis über das Judentum zugibt. Die ermittelnde Spurensuche wirkte jedoch identitätsstiftend. Vieles fügt sich schlussendlich im "wahren Roman" der sensiblen, bewundernswert präzisen Erzählerin Anne Berest. Dazu gehört auch die Entdeckung, dass ihre mit 19 Jahren ermordete Großtante Noémie Gedichte, Theaterstücke und einen Romananfang hinterließ.

"Es hat mich verwirrt, dass es in meiner Familie diese junge Frau gab, die davon träumte, Schriftstellerin zu werden – und sechzig Jahre später verwirklichen meine Schwester und ich diesen Wunsch. Es war, als würden wir einen Faden wiederaufnehmen, der abgeschnitten wurde. So viele ermordete Menschen hätten Bücher schreiben, Bilder malen und Musik komponieren wollen. Vielleicht haben wir, die dritte Generation, deshalb ein solches Bedürfnis nach künstlerischem Ausdruck, weil wir insgeheim hoffen, diese Leerstelle wieder zu füllen."

Zur Autorin. Anne Berest wurde 1979 in Paris geboren. Sie arbeitete als Schauspielerin, Regisseurin und gab eine Theaterzeitschrift heraus, bevor sie 2010 ihren ersten Romanveröffentlichte, "Traurig bin ich schon lange nicht mehr" . Es folgten "Les Patriarches" (2012), ein Buch über Francoise Sagan (2014) und "Emilienne oder die Suche nach der perfekten Frau" (2015). Sie ist Co-Autorin des Bestsellers "How to be a Parisian - Wherever you are. Liebe, Stil & Lässigkeit à la française", das in mehr als 35 Sprachen übersetzt wurde. 2017 schrieb sie gemeinsam mit ihrer Schwester Claire ein Buch über ihre Urgroßmutter: "Ein Leben für die Avantgarde - Die Geschichte von Gabriële Buffet-Picabia". "Die Postkarte" war auf der Shortlist sämtlicher großer Literaturpreise in Frankreich und steht dort seit Erscheinen im September 2021 auf der Bestsellerliste.

Anne Berest
Die Postkarte

Originaltitel: La Carte postale
Aus dem Französischen von Michaela Meßner und Amelie Thoma
Berlin Verlag, Berlin Erschienen am 01.06.2023
544 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
28,00 Euro
EAN 978-3-8270-1464-1
Mehr zum Buch unter: www.piper.de



Dieser Beitrag wurde uns von der Journalistin Sigrid Brinkmann freundlicherweise zur Verfügung gestellt. Erstmalig ist die Rezension im Juli 2023 im Deutschlandfunk, "Büchermarkt" erschienen: www.deutschlandfunk.de


Literatur > Jüdisches Leben

Beitrag vom 08.07.2023

AVIVA-Redaktion