Halina Birenbaum - Ich suche das Leben bei den Toten. Ein Gespräch. Herausgegeben und aus dem Polnischen übersetzt von Beate Kosmala - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
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AVIVA-BERLIN.de im März 2020 - Beitrag vom 21.02.2020


Halina Birenbaum - Ich suche das Leben bei den Toten. Ein Gespräch. Herausgegeben und aus dem Polnischen übersetzt von Beate Kosmala
Nea Weissberg

Der Holocaust ist für die Gegenwart Überlebender ein ständiger Begleiter der ihr Leben und das ihrer Kinder berührt und beeinflusst. Die Autorin und Dichterin Halina Birenbaum ("Die Hoffnung stirbt zuletzt") erzählt in ihrem Buch von ihrer Erinnerung an ihre Familie, ihrem Lebensalltag in Israel und was es heißt, in Polen und Deutschland als Zeitzeugin zu den nachfolgenden Generationen zu sprechen. Eine Femmage an Halina Birenbaum von Nea Weissberg



"Mir wurde verboten, ein Kind zu sein. Ich lebte mein ganzes Leben mit diesem Schatten der Kindheit."

Im Sommer 1989 sah ich den 1988 in Israel im Auftrag des Bildungsministeriums produzierten Dokumentarfilm "Wegen dieses Krieges" von Orna Ben-Dor Niv, der im Februar 1989 während der Internationalen Filmfestspiele Berlin gezeigt wurde. Der Film, der im Oktober 1989 von der Berliner ´Jury der Evangelischen Filmarbeit´ als Film des Monats ausgezeichnet wurde, zeigt die Atmosphäre der ständigen Angst und beengenden Sorge, mit denen die ´Second Generation´, die Söhne und Töchter der Holocaust-Überlebenden, aufgewachsen sind. Dieser Dokumentarfilm, der auf den Internationalen Filmfestspielen in Jerusalem 1988 als bester Film Israels ausgezeichnet wurde und seitdem einen Kultstatus hat, war ein Tabu-Bruch, ein Novum, eine mich prägende Sensation. Dass zwei israelische Männer in meinem Alter, Yaácov Gilad und Yehuda Poliker, über ihre Gefühle erzählen, ambivalente Empfindungen ihren Eltern gegenüber, Liebe, Zugehörigkeit, Verbundenheit, Verantwortungsgefühl, Besorgnis, aber auch Zorn, Verzweiflung, Vorwurf äußern, ergriff mich.

Halina Birenbaum, eine der vier Protagonistinnen des Dokumentarfilms, stellte Ende Oktober 1989 im Terzo Mondo, ein Lokal und Polit-Treff in Charlottenburg, in dem sich die linksorientierte "Jüdische Gruppe" traf ihr autobiographisches Buch "Die Hoffnung stirbt zuletzt" vor. Sie erzählte eine Stunde lang. Was sie beschrieb, hörte ich in dieser Offenheit und Direktheit bis dato noch nie. Sie beschrieb die brutal erlebte Vernichtungsbürokratie der deutschen Nazis. Sie sprach über die Lage des unter den Zwang der SS und der Gestapo eingesetzten nazikontrollierten "Judenrats", der aufgrund der ihm bewusst aufoktroyierten Verstrickung und aus seiner eigenen Hilflosigkeit kaum Untergrundarbeit betrieb und aus Machtlosigkeit zu wenig versuchte, so viel wie möglich Juden und Jüdinnen zur Flucht zu verhelfen. Sie beschrieb präzise die fortgesetzt anwesende Atmosphäre des gewaltsamen Todes in den von deutschen NS-Besatzern auf polnischem Boden betriebenen Vernichtungslagern.

Mit Tod verband ich als Kind tiefschwarze Dunkelheit, leise Stimmen, schöne Gesichter, von Trauer beschattet. Eintätowierte Nummern auf linken Unterarmen, nicht auf denen meiner Eltern, aber auf denen der Freunde meiner Eltern, den Ka-Tzetniks . Ich habe als Kind von einem mir unbekannten Land auf der Globus-Länderkarte gehört: Polen und von mir unbekannten Orten: Auschwitz, Majdanek, Belzek, Sobibór, Treblinka... Diese nebenbei aufgeschnappten Städte-Namen durchdrangen mich mit einem Frösteln: Die Tötungslager wurden von den Erwachsenen Todeslager genannt. Das ein oder andere Mal habe ich die flüsternden Erwachsenengespräche heimlich belauscht, deren Gefühle vom erlebten Mord am jüdischen Volk geprägt sind, von dem gigantischen Verlust ihrer zahlreichen Angehörigen. Die Schmerzen der Vergangenheit waren unter einigen Überlebenden und ihren Kindern ein Tabu, ein Schweigen aus Fürsorge und Schutz. Die Überlebenden wollten ihre Kinder nicht damit belasten und sie selbst wollten auch nicht in diese Gefühle zurück, sich nicht an die Erniedrigung, an die bittere Scham der erzwungenen Nacktheit, die Pein und den Hunger, an die Todesangst, an den Zusammenbruch ihrer privaten Welt erinnern müssen. Und wer von uns wollte sich seine Eltern so vorstellen? Gedemütigt, entblößt, hilflos, misshandelt?

Plötzlich war da Halina Birenbaum, eine Frau, eine polnische Jüdin mit einem mich überwältigenden Lebensmut, einer Ausstrahlungskraft, die rückhaltlos redete, von ihrem Leben vor dem Mord am jüdischen Volk und dann von allem Elend, das über sie und ihre Familie hereingebrochen war, von ihrem Schmerz, ihrer Scham, von allen Schrecken – ohne Hass, und die dabei sogar Hoffnung ausstrahlte. Ihr jiddisch-deutscher Akzent, die Sprachmelodie, der Ton erinnerten mich an meine Mutter. Halinas Lebensgeschichten zuzuhören war zugleich faszinierend und schmerzlich, erleichternd und bedrückend. In diesem Moment fühlte ich etwas für mich Entscheidendes. Ich sprach sie an, sie antwortete warmherzig und offen und sie wurde meine geistige Ziehmutter. Wir blieben danach in Kontakt. Mit ihrer selbstbewussten Art brachte sie mir das polnische Judentum und damit meine familiären Wurzeln wieder nahe. Sie vermittelte mir vor allem das Gefühl von Stolz, jüdisch zu sein.

Halina wurde als Tochter von Jakub und Pola Grynsztejn am 15. September 1929 in Warschau geboren. Nach dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 wurde sie mit ihren Eltern und zwei Brüdern in das Warschauer Ghetto eingepfercht. Im Juli 1943 wurde sie inhaftiert, in das Konzentrations-und Vernichtungslager Majdanek und anschließend nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Sie überlebte den Todesmarsch, wurde von der Roten Armee am 2. Mai 1945 in Neustadt-Glewe, einem Außenlager des Frauen-Konzentrationslagers Ravensbrück, befreit. 1947 emigrierte sie mit ihrem Mann Chaim Birenbaum nach Palästina-Eretz Israel.

1990 waren Halina Birenbaum und ich zusammen in der Gedenkstätte Yad Vashem im Kindertrakt. Dort rezitierte sie auf jiddisch für mich ihr Gedicht TRÄNEN, das sie 1967 schrieb und ich ins Deutsche übersetzte. Daran erinnerte sie sich anlässlich ihres erneuten Berlin-Besuches am 30. Oktober 2019 , als sie ihr neues Buch "Ich suche das Leben bei den Toten" vorstellte. Sie sagte: "Nea, Du weißt schon, dass Du immer für mich wie eine Tochter warst. Ja, ich habe Dich ermuntert zu schreiben, Zeitzeugengespräche zu führen und das Gehörte zu publizieren, auf dass es in der Folgezeit für immer erhalten bleibt."

Im Gedenken an den 70. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau am 27. Januar 2015 hielt Halina Birenbaum in der Gedenkstätte eine Rede, die in dem im Lichtig Verlag erschienenen Buch "Beidseits von Auschwitz - Identitäten in Deutschland nach 1945" abgedruckt wurde. "Auschwitz, ein einstmals unbekannter Ort... Niemand und nichts ähnelt im Geringsten Menschlichem und Wohlvertrautem. Ein Abgrund des Verfalls und unvorstellbaren Elends."

In ihrem Buch "Ich suche das Leben bei den Toten" schreibt Halina Birenbaum: "Ja, in der Zeit, als das geschah, wollte die Welt davon weder etwas hören noch wissen, und später noch weniger. Man wusste nicht einmal, wie man diese Bestialität, ... benennen sollte... Für diesen ideologisch untermauerten und mit Vorsatz und Tatendrang durchgeführten Völkermord ist daher die hebräische Bezeichnung Shoah treffender, denn sie bedeutet vollständige Zerstörung, Verwüstung, vollkommene Vernichtung."

AVIVA-Tipp: In einer nachfühlbaren und herzergreifenden Innenschau beschreibt Halina Birenbaum in ihrem Buch "Ich suche das Leben bei den Toten" ihre Gefühle von Schmerz, Erniedrigung, Scham, Schuldgefühl, Todesangst, Verlust, Zorn, Elend, Verletzlichkeit, Hoffnung trotz allem.

Zur Autorin: Halina Birenbaum, geboren 1929, überlebte das Warschauer Ghetto und die Konzentrations- und Vernichtungslager Majdanek und Auschwitz-Birkenau. Als 15-jährige "Kind-Greisin" wurde sie nach dem Todesmarsch in Neustadt-Glewe befreit. In ihrem neuen Buch schildert sie eindrucksvoll, was der Verlust ihrer Eltern, ihres Bruders und ihrer Kindheitsfreunde und Kindheitsfreundinnen für sie bedeutete. Sie berichtet von ihrer Aliyah nach Palästina im Jahr 1947 und dem schwierigen Aufbau einer Existenz in der neuen Heimat. Immer wieder denkt sie darüber nach, wie diese Geschichte(n) vermittelt werden können, und beobachtet stets, wie Nachgeborene ihre Erzählungen aufnehmen. Ebenso reflektiert sie, wie es ihr gelang, sich Polen, dem Land ihrer Geburt, in dessen Sprache sie zu Hause ist, wieder anzunähern.
(Verlagsinformation)

Halina Birenbaum
Ich suche das Leben bei den Toten
Ein Gespräch

Herausgegeben und aus dem Polnischen übersetzt von Beate Kosmala
ISBN:978-3-86331-496-5
276 Seiten
€ 22.00
Metropol Verlag, Oktober 2019
Mehr zum Buch unter: metropol-verlag.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Nea Weissberg, Jürgen Müller-Hohagen. Beidseits von Auschwitz Identitäten in Deutschland nach 1945. Dreißig Beiträge, Schlussgedanken von Halina Birenbaum
Viel zu spät wird die Frage nach den seelischen Auswirkungen des NS nicht mehr allein den Kindern der Opfer, sondern auch den Kindern der Tatbeteiligten gestellt. Denn während die Frage nach der Identität für die Nachkommen der Verfolgten keineswegs eine neue ist im öffentlichen Diskurs oder in literarischen und akademischen Publikationen, ist sie das weitestgehend für die Nachkommen der Verfolgenden. Ein Zufall, dass diese Initiative von jüdischer Seite kommt, ist es nicht. (2016)

Weitere Informationen:

"Wegen dieses Krieges" (hebräischer Titel: Biglal ha´milchama hahi). Regie und Drehbuch, Orna Ben-Dor Niv, Israel 1988. Verleih: Arsenal - Institut für Film und Videokunst e.V.
Die direkten Nachkommen von Holocaust-Überlebenden werden seit Mitte der 1960er Jahre als "Second Generation" benannt. Durch den gewaltsam ausgelösten Riss in der natürlichen Generationenfolge entstand eine neue Generationenzählung in jüdischen Familien.
Birenbaum, Halina: "Die Hoffnung stirbt zuletzt". Hagen 1989.
Ka-Tzetnik. Bezeichnung für alle in NS-Konzentrationslagern inhaftierten Häftlinge. Yehiel Feiner, ein Auschwitzüberlebender, schrieb in den 1950er-Jahren unter dem Pseudonym Ka-Tzetnik das Buch "Das Haus der Puppen", einen der ersten hebräisch sprachigen Romane über die Shoah.
Eretz Israel, hebr.: "Land Israel(s)". Während des Völkerbundmandats für Palästina wurde der amtliche Name "Palästina" auf Hebräisch mit dem Zusatz "Eretz Israel" versehen.
Im ehemaligen Jüdischen Waisenhaus, Berliner Straße 120/121, 13187 Berlin.
Birenbaum, Halina: "Ich suche das Leben bei den Toten. Berlin, 2019.
Birenbaum, Halina: "Ich suche das Leben bei den Toten. S. 27-28, Berlin, 2019.



Literatur > Jüdisches Leben Beitrag vom 21.02.2020 Nea Weissberg 





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