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AVIVA-BERLIN.de im November 2020 - Beitrag vom 11.05.2019


Alexander Günsberg - Die Akte Eisenstadt
Nea Weissberg

Wenn die Bindungen zwischen Vergangenheit und Zukunft in die Brüche gehen, werden Familiengeheimnisse zu Schreckbildern. Alexander Günsberg hat sich mit "Die Akte Eisenstadt" einer großen Aufgabe gestellt, die geschichtlichen Ereignisse von 1938 bis 2005 in Deutschland, Frankreich und Israel in einem Roman, bestehend aus mehreren Erzählsträngen und Zeitabschnitten wiederzugeben.




Paris, April 1939 bis Mai 1940

Protagonisten und Protagonistinnen der überaus spannenden Familiensaga sind Studierende aus Frankreich und auch einige jungen Leute aus Deutschland, die zum Teil aus begüterten, gutbürgerlichen, politisch nationalkonservativen Familien stammen, oder EmigrantInnen, Juden und Jüdinnen, sowie KommunistInnen, die vor den Nationalsozialisten geflüchtet sind.

Heinrich von Galen, ein eitler Kunststudent und gebürtiger Deutscher in Paris, sagt kämpferisch zu seinem französischen Akademie-Professor Herrn Brenner, der die Freiheit, Toleranz und Aufklärung hochschätzt: "Herr Professor, beleidigen Sie meine Heimat bitte nicht. Die Kunst steht heute in Deutschland im Dienst der nationalen Wiedergeburt."

Ein anderer äußerst talentierter aber scheuer Kunststudent, Jean-Jacques Antonin, erfährt allergrößtes Lob vom Professor Brenner, der ihn fragt, ob er seine Malerei im Foyer der Akademie aufhängen könne.

Abends, inmitten einer StudentInnen-Party: Jean-Jacques ist heimlich ein Verehrer der schönen Simone Lavy. Um diese junge Jüdin aus Deutschland bemüht sich keck Heinrich von Galen voller Begehren. Vergeblich! Die schöne und kluge Simone erwidert seine Gefühle nicht, dadurch hat von Galen den Eindruck, von ihr verschmäht zu werden. Dennoch bedrängt er sie weiter und will mit ihr heim ins "Dritte Reich" kehren und sie dort seinen Eltern als seine Verlobte vorstellen.

Simones Ablehnung trifft von Galen bis ins Mark. Insbesondere, weil sich Simone stattdessen für den schüchternen Jean-Jacques entschieden hat, der noch dazu mit seiner Malkunst alle Kunststudenten übertrifft und dem eine glänzende Karriere vorausgesagt wird. Während Simone und Jean-Jacques ihre Liebe 1939 besiegeln, erhält Heinrich einen Stellungsbefehl und reist in seine Heimat zurück.

Beim Abschied geloben Heinrich, Simone und Jean-Jacques in Freundschaft einander wohlgesinnt zu bleiben.
Jean-Jacques und Simone werden Eltern, sie bekommen einen Sohn.

Historische Rückblende

Ausschlaggebend ist der Sieg Nazideutschlands über Frankreich im Juni 1940, in dessen Folge das Land in zwei Zonen geteilt wird. Der Norden und die Atlantikküste bis zur spanischen Grenze werden zur deutschen Besatzungszone erklärt und einer in Paris ansässigen deutschen Militärverwaltung unterstellt. Sie ist den bestehenden französischen Behörden gegenüber weisungsbefugt. Ziel der Deutschen ist ein Mindestaufwand für die Besetzung. Diese stützt sich auf weitgehende Kooperation der französischen Beamtenschaft, Polizei und Bevölkerung.

Der deutschen Militärverwaltung genügte ein Machtapparat von nur 1200 Beamten und Offizieren. Sie waren gleichgeschaltete NS-Staatsdiener und überzeugt davon, als "Arier" "Herrenmenschen" zu sein, die über Leben und Tod anderer nach Gutdünken entscheiden konnten.

Karrieremacher in SS-Uniform

In Günsbergs Roman ist Heinrich von Galen ein in Paris Hochgekommener. Im Fonds eines Kübelwagens sitzt er, der zum SS-Sturmbannführer avanciert ist. Im Kommandoton herrscht von Galen seinen Fahrer an, mit ihm auszusteigen. Heinrich klingelt und Simone öffnet die Tür. Starr vor Schreck auf die SS-Uniform blickend, erkennt Simone ihn nicht, der sie auffordert, ihn hereinzulassen. Er gibt sich als "anständiger" Nazi aus. Er führt dem Paar die brutale Realität vor Augen: Simone als Jüdin ist gefährdet, deportiert zu werden, ebenso ihr Sohn. Außer, ihr Mann Jean-Jacques, ein Katholik, der laut Nazi-Doktrin "Rassenschande" begangen hat, würde sich scheiden und ihren Sohn taufen lassen.

Von Galen schlägt dem Ehepaar gnädig einen schamlosen Handel vor, da er behauptet sie als zukünftiger stellvertretender Leiter der SS-Kommandantur in Paris heimlich und am besten schützen und ihnen beim Abtauchen in die Illegalität helfen zu können. Das Versteck soll der Keller im Kommandantur Gebäude sein. Dort hat von Galen seine Dienstwohnung im Parterre und wird den Zugang zum Keller trickreich versperren. Seine SS-Kameraden werden niemanden dahinter vermuten. Gerissen macht er dem Paar, das an seiner Loyalität und Glaubwürdigkeit zweifelt, große Heidenangst. Er erzählt von Gestapomethoden, die Listen aller Juden und Jüdinnen in Paris zusammenstellt, um diese abzuholen, sodass ihnen am Ende in ihrer Verzweiflung, Aufgebrachtheit und Ohnmacht nichts anderes übrig zu bleiben scheint, als zuzustimmen. Und sie werden ihm ihren kleinen Sohn als Faustpfand in Heinrichs Obhut lassen, der ihn in einer wohlhabenden Pflegefamilie unterbringen wird. Jean-Jacques wird als Gegenleistung ihren Zufluchtsort mit neuwertigen Ölmalereien finanzieren müssen.

Historische Rückblende

Der Süden des Landes mit der Hauptstadt Vichy gilt offiziell als autonomes Frankreich. In Wirklichkeit steht dort der greise Marschall Pétain einer Marionettenregierung vor, die nichts unternehmen kann, was Nazideutschland nicht genehm ist. Die französische Bevölkerung ist in zwei Lager gespalten: in die Vichy Treuen und in die Anhänger General De Gaulles, der vom Londoner Exil aus in allabendlichen Radioansprachen zum Widerstand gegen die Kollaborationsregierung aufruft und sie für unrechtmässig erklärt. Ende 1940 leben in Frankreich über 300.000 Juden. Fast die Hälfte von ihnen sind Ausländer, die aus Deutschland und Österreich geflohen sind.

Im Oktober 1940 erlässt die Vichy-Regierung judenfeindliche Gesetze. Die Internierung ausländischer Juden in Lagern wird angeordnet. 1941 werden die antijüdischen Massnahmen durch die Einsetzung eines Generalkommissars für Judenfragen erweitert und verschärft. Die Gendarmerie führt Razzien durch, um versteckte Juden zu finden und sie in die Lager zu verschleppen. Raubmorde sind dabei keine Seltenheit. Im August 1942 beginnen die Auslieferung der internierten Juden an die Deutschen und ihr Weitertransport nach Auschwitz. Die Deportationen aus Frankreich dauern bis zur Befreiung Frankreichs 1944 an.

Paris 1941

"Sagen Sie mal, von Galen, wie kommen Sie bei der Hektik überhaupt noch zum malen? Ihre Bilder erzielen Spitzenpreise in Deutschland. Jeder will eins haben, seit Sie dem Führer eins geschenkt haben..."

Paris 1943

Von Galen bedrängt Jean-Jacques mehr Bilder zu "produzieren", da Kunden in Deutschland diese begehrten Kunstwerke höchster Qualität erwarten würden. Darauf fragt ihn Jean-Jacques: "Was ist eigentlich mit deinem Versprechen, den Erlös der Bilder mit uns zu teilen?". Heinrich reagiert voll moralischer Entrüstung: "Das ist ja noch schöner. Geld wollt ihr haben! Kommt bei Simone jetzt doch die jüdische Geldgier zum Vorschein?"

Paris 1944

Als die militärische Befreiung Frankreichs näher rückt, lässt Stadtkommandant General Dietrich von Choltitz Paris entgegen Hitlers Befehlsanordnung nicht verwüsten, sondern kapituliert am 25. August 1944. Von Galen erkennt, dass er schleunigst seine Spuren als oberster NS-Scherge verwischen muss, Und er will noch persönlich seinen angesammelten Besitz samt Ölbilder mit nach Deutschland überführen. Doch zuvor wird er die jahrelang erpresste Verbindung mit Simone und Jean-Jacques aufkündigen, um diese beiden lästigen Zeugen ein für allemal zum Schweigen zu bringen. Und er will sich an Simone gnadenlos rächen, die seine Liebe brüsk 1939 zurückgewiesen hatte.

Juni 2005

"Unvermittelt biegt eine schwarze Limousine ein, hält mit quietschenden Reifen direkt neben dem gebrechlichen Alten, der sich nur mühsam vorwärtsbewegt, ein Bein nachziehend, langsam, schwerfällig, gebückt, vom Hüft- und Knieleiden gezeichnet. Er hebt den Blick, aber es ist zu spät, um noch etwas zu tun, das sein Leben hätte retten können. Er erkennt die Mörder nicht einmal mehr. Es sind zwei. Sie springen aus dem Wagen, schwarzweiße Keffies um die bärtigen Häupter, Maschinengewehre im Anschlag. ... Kugeln ohne Zahl zerfetzen, zerfleddern und zerstückeln den dünnen Körper des alten Juden"
So versetzt uns Günsberg unvermittelt mit seinem Roman "Die Akte Eisenstadt" in die Aktualität der israelisch-palästinensischen Auseinandersetzung, die auch in anderen Ländern tiefe Spuren hinterlässt.

Jerusalem 2005

Nach dem Anschlag in Paris wird eine Krisensitzung des israelischen Sicherheitskabinetts in Jerusalem einberufen. Ein israelischer Rabbiner namens Schlomo Eisenstadt ist in Paris heimtückisch ermordet worden, wobei der Ruf "Allahu akbar" zu hören gewesen war.

Die Minister können nicht glauben, dass ihr Chef, Ministerpräsident Arik Sharon, sonst als Hardliner bekannt, und sein Geheimdienstchef Elieser, Chef des Mossad, ausgerechnet in diesem Fall auf die Bestrafung der Mörder verzichten wollen. "Wie Ihr alle wisst, war Rabbiner Schlomo Eisenstadt der Großvater von Arik Golan, dem jungen Mann, den meine Enkelin in Kürze zu heiraten beabsichtigt. Meine Entscheidung ist endgültig. Israel wird in keiner Weise auf das Attentat reagieren, hört ihr, in keiner Weise!" verbietet ihnen Sharon jede Massnahme.

Der Mossad-Chef lässt Arik Golan, der eine Demonstration gegen diese unverständlich scheinende Entscheidung vor der Knesset anführt, zu sich kommen. Auf die Frage des jungen Mannes, warum das Verbrechen an seinem Grossvater ungesühnt bleiben soll, antwortet er:
"Es ist eine lange und furchtbare Geschichte. Ich warne dich eindringlich, Arik. Sie wird dein ganzes Leben verändern und vieles von dem zerstören, an das du bisher geglaubt hast. Kannst Du die Wahrheit ertragen?". Als Arik nickt, öffnet der Mossad-Chef die geheime Akte Eisenstadt und berichtet ihm die ganze unglaubliche Geschichte, am Schluss mit der Auflage, absolutes Stillschweigen über alles zu bewahren, was er zu hören bekommen hat.

Daraus entsteht ein Spannungsbogen, der von 1939 bis 2005 reicht und bei dem Günsberg den Finger in eine immer noch blutende Wunde legt.

Der Autor orientiert sich stilistisch am Genre des Filmdramas und setzt sich mit der Übernahme einer falschen Identität auseinander. Was passiert, wenn die Lebenslüge eines Familienmitglieds nach Jahrzehnten auf fatale Weise ans Tageslicht kommt? Was geschieht, wenn ein unter Verschluss gehaltenes Aktendossier geöffnet wird, gegensätzliche Weltanschauungen, Glaubensbekenntnisse, Kulturen und Nationalitäten aufeinanderprallen und man am Schluss bemerkt, wie eng sie miteinander verhängnisvoll verwoben sind? Was passiert, wenn NS-Täter und Holocaust-Überlebende plötzlich durch einen folgenschweren sadistisch-körperlich-seelischen Gewaltakt verstrickt sind? Darauf gibt der bis zur letzten Zeile atemberaubende Roman eine ungewöhnliche Antwort.

AVIVA- Tipp: Je mehr eine Generation verschweigt, desto mehr hat die nächste Generation mit dem Lüften der schattenhaft nachwirkenden Familiengeheimnisse und Familienmythen zu tun. Die Erzählung "Die Akte Eisenstadt" ist wie ein Thriller geschrieben. Es ist ein Eintauchen in deutsche, französische, jüdische und israelische Zeitgeschichte – mitreißend zu Papier gebracht.

Zum Autor: Alexander Günsberg 1952 in Mailand als Sohn von österreichisch-ungarischen Holocaustüberlebenden geboren, verbrachte seine Kindheit und Jugend in Mailand, Wien und Zürich. Studium der Germanistik, Geschichte und Psychologie. 1974 erhielt er den Literaturpreis des Kantons Baselland für die Kurzgeschichte ´Alijah´, publiziert im Band ´Ausgezeichnete Geschichten´ Nach einem langen Berufsleben in Österreich, der Schweiz und den USA widmete er sich erneut den Musen, gründete Schachclubs und hat 2015 wieder zu schreiben begonnen. Er lebt am Zürichsee und in den Walliser Bergen und bezeichnet sich als Weltbürger, Heimwehwiener mit Schweizer Pass, italienischem Herzen und jüdisch-zionistischer Seele. (Quelle: Autor)
Mehr Infos auf der Website von Alexander Günsberg: www.alexander-guensberg.com

Alexander Günsberg
Die Akte Eisenstadt

Sprache: Deutsch
368 Seiten, Hardcover
ISBN: 978-3-95565-294-4
Hentrich & Hentrich, Berlin und Leipzig, 2018
24,90 €
Mehr zum Buch und bestellen unter: www.hentrichhentrich.de

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Beitrag vom 11.05.2019

Nea Weissberg 






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