Deborah Feldman - Überbitten. Eine autobiografische Erzählung - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Literatur Juedisches Leben



AVIVA-BERLIN.de im November 2020 - Beitrag vom 17.08.2017


Deborah Feldman - Überbitten. Eine autobiografische Erzählung
Sigrid Brinkmann

Die Literaturkritikerin und Autorin für Literatur- und Feature-Redaktionen des Hörfunks Sigrid Brinkmann hat sich Für das Bayern 2-Büchermagazin "Diwan" erneut mit der Frau getroffen, deren 2016 erschienene Autobiographie "Unorthodox" auf Anhieb zum New York Times-Bestseller ...




...mit einer Millionenauflage wurde. "Überbitten" ist die Fortschreibung dieses Buches, es erzählt von der Suche nach einer neuen Identität.

Deborah Feldman wuchs in einer ultraorthodoxen jüdischen Familie von Satmar-Chassiden in Williamsburg, New York, auf. Eine strengere jüdische Gemeinde als die der Satmarer gibt es nicht. Vor sieben Jahren - Deborah Feldman war gerade 23 geworden - kehrte sie ihrem Ehemann und der Gemeinde für immer den Rücken. Ihre 2011 erschienene autobiographische Erzählung "Unorthodox" wurde in den USA – nachdem die New York Times das Buch empfohlen hatte – mehr als eine Million mal verkauft. Und auch in Deutschland, wo die Autorin seit zwei Jahren lebt, stand die Erzählung ihrer Selbstbefreiung monatelang auf der SPIEGEL-Bestsellerliste. Nun liegt der Folgeband vor: Er heißt "Überbitten", ist 700 Seiten stark und in sieben Kapitel (und einen Vorspann) gegliedert. Sigrid Brinkmann hat die Autorin in Berlin getroffen:

"Überbitten" ist eine autobiographische Erzählung und die Fortschreibung des Buches "Unorthodox". Nach der Flucht begann die jahrelange Suche nach einem neuen Zuhause. Es ist ergreifend, zu erfahren, wie Deborah Feldman mithilfe von Freunden und Büchern, genealogischen Forschungen und Liebesbeziehungen sowie Reisen an europäische Orte binnen sieben Jahren eine neue Identität geformt hat. Amerika kam ihr - nachdem sie das Land durchquert hatte – wie ein "alles zersetzenden Schlund" vor, der einen "verschluckt oder ausspuckt".

Deborah Feldman: "Wenn man sich überlegt, sich von seiner Identität zu lösen – was ist, wenn ich nicht jüdisch sein will? Was ist dann die Alternative? Mir ist in dieser Reise klar geworden, es gibt keine Alternative. Es ist diese Identität oder keine Identität. Ja, das war so ein großer Moment für mich, wo ich mir klar gemacht habe, die Alternative ist genau die, die meine Gemeinschaft beschrieben hat: die Leere - das Gegenteil von Existenz, von Anwesenheit und Präsenz."


Deborah Feldman hat ihr "Amerikanertum", wie sie sagt, abgestreift. Es hatte sie als Jugendliche Kraft gekostet, Englisch zu lernen, denn toleriert wurde in ihrer ultraorthodoxen Gemeinde nur Jiddisch. Der Titel des Buches ist eine Reminiszenz. Das jiddische Wort "Überbitten" beschreibt ein Ritual: In der Welt, in der Deborah Feldman aufwuchs, musste man sich ständig bemühen, mit Gebeten und Entschuldigungen "eine wahre Versöhnung" mit Angehörigen und Nachbarn herbeiführen.
Äußerst präzise in ihrer Eigenwahrnehmung schildert die heute Dreißigjährige den Prozess ihrer Selbstbefreiung aus Unmündigkeit, Unwissenheit und materieller Not. Die Befreiung vollzog sich binnen sieben Jahren und führte sie und ihr Kind schließlich nach Berlin. Dort lebt Deborah Feldman seit zwei Jahren. Im Juni hat sie die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten. Die junge Autorin und alleinerziehende Mutter ist Enkeltochter von Überlebenden des Holocaust. Die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen, manifestiert den Bruch mit dem verinnerlichten Verdikt, den Kontinent zu betreten, auf dem das Leben von sechs Millionen Juden ausgelöscht worden war.

Deborah Feldman fand in Ungarn, Schweden und Deutschland Lebensspuren ihrer Großmutter, von der sie aufgezogen wurde. Die Lektüre von Spinoza, Primo Levi und Jean Baudrillard half ihr bei der Suche nach einem eigenen Zuhause. Und die Schriften des Literaturnobelpreisträgers und Emigranten Czesław Miłosz ließen sie erkennen, dass Identität kein Gefängnis sein muss…

Deborah Feldman: "Der hat wirklich noch immer an die Menschheit geglaubt, und seine Bücher, ja klar, sie beschäftigten sich mit europäischer Identität, mit Heimat und Heimatlosigkeit, aber das Buch, woraus ich zitiere, was auf Englisch "Native Realm" heißt – es ist leider noch nicht auf Deutsch übersetzt - , im Buch geht es darum, wie viele Europäer damit kämpfen mussten, sich europäisch zu fühlen, und das habe ich angefangen, auch zu ahnen: dass ich eigentlich Europäerin bin und kämpfen muss, dies in Anspruch zu nehmen. Und das Buch war für mich eine Art Anleitung, eine Art Anregung, diesen Prozess anzufangen."


Man stößt in der wunderbar flüssig übersetzten Lebensmitschrift neben offenherzigen Reflexionen und anregenden intellektuellen Suchbewegungen immer wieder auch auf subtile Naturbetrachtungen. Sie evozieren Erinnerungen, die sich wie Astwerk verzweigen. Jeden Tag, sagt Deborah Feldman, erlebe sie aufs Neue das Wunder, sich aus einer zutiefst repressiven Gemeinschaft befreit zu haben. Den Fluch, es werde kein Leben außerhalb der religiösen Gemeinschaft geben, hat sie abgewehrt, indem sie sich zu den Werten der europäischen Aufklärung bekannte. Die rationale Kraft der Person und Autorin Deborah Feldman verträgt sich aufs Beste mit der bewahrten Fähigkeit, zu staunen und nichts für einfach gegeben hinzunehmen.

Deborah Feldman: "Ich habe das Gefühl, ich bin fast in einer Fantasiewelt immer noch, wie ich sie in den Kinderbüchern gelesen habe, weil nichts für mich gewöhnlich geworden ist. Aber ich bin doch überzeugt, dass auch wenn ich z.B. die deutsche Staatsangehörigkeit nicht erhalten hätte oder weiter dafür kämpfen müsste, das würde die Geschichte nicht ändern, denn die Geschichte ist am Ende eine innere Geschichte."

Zur Autorin: Deborah Feldman, geboren 1986 in New York, wuchs in der ultraorthodoxen chassidischen Satmar-Gemeinde in Williamsburg, New York, auf. Ihre Muttersprache ist Jiddisch. Mit 17 Jahren wurde sie zwangsverheiratet.
Sie studierte am Sarah Lawrence College Literatur. Ihre autobiographische Erzählung "Unorthodox" erschien 2012 bei Simon & Schuster und war auf Anhieb ein spektakulärer New York Times-Bestseller mit einer Millionenauflage. 2014 folgte ebenso Aufsehen erregend "Exodus" bei Pinguin.
Deborah Feldman lebt seit 2014 mit ihrem Sohn in Berlin.
Für die Herstellung eines Teasers zur ihrem Dokumentarfilm "The Female Touch" über weibliche Identität und weibliche Sexualität vor dem Hintergrund ultraorthodoxer und fundamentalistischer Kulturen und Religionen wurde sie von der Stiftung ZURÜCKGEBEN (www.stiftung-zurueckgeben.de) gefördert.
Mehr Infos zu Deborah Feldman unter: www.deborahfeldman.de

Deborah Feldman
Überbitten. Eine autobiografische Erzählung

Originaltitel: Exodus
Übersetzung: Christian Ruzicska
704 Seiten, gebunden ohne Schutzumschlag
28,00 Euro
ISBN 978-3-906910-00-0
ISBN 978-3-906910-01-7 (E-BOOK)
Secession Verlag für Literatur, Zürich, erschienen 22.05. 2017
www.secession-verlag.com


Für das Bayern 2-Büchermagazin "Diwan" hat Sigrid Brinkmann Deborah Feldman getroffen und AVIVA-Berlin ihren Beitrag, wie auch schon ihre Rezension zu "Unorthodox" von Deborah Feldman, freundlicherweise zur Verfügung gestellt.
Redaktion: Cornelia Zetzsche, Rezensentin: Sigrid Brinkmann

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin.

Deborah Feldman – Unorthodox
Die Literaturkritikerin und Autorin für Literatur- und Feature-Redaktionen des Hörfunks Sigrid Brinkmann hat sich mit der Frau getroffen, deren Autobiographie auf Anhieb zum New York Times-Bestseller mit einer Millionenauflage wurde. Deborah Feldman, in der ultraorthodoxen Gemeinde in Brooklyn aufgewachsen, hat diese Erfahrungen in ihrer autobiographischen Erzählung "Unorthodox" verarbeitet. (2016)

GET - Der Prozess der Viviane Amsalem
Eine Frau zwischen orthodoxer Tradition und dem Recht auf Selbstbestimmung in Israel: Der Film von Ronit und Shlomi Elkabetz erzählt vom fünf Jahre dauernden Kampf von Viviane Amsalem vor dem Rabbinatsgericht um die Scheidung ihrer Ehe und um ihre persönliche Freiheit. (2015)

An ihrer Stelle - Fill the Void. Ein Film von Rama Burshtein
In ihrem preisgekrönten Spielfilmdebut gewährt die Regisseurin und Autorin einen intimen Einblick in die Welt einer ultra-orthodoxen chassidischen Familie in Tel Aviv. Selbst Teil dieser Gemeinde, erzählt sie aus der Perspektive der Insiderin eine Geschichte von Liebe, Heirat und Pflichtgefühl, in dessen Mittelpunkt die Selbstfindung einer jungen Frau steht. (2014)

Anouk Markovits - Ich bin verboten
1939. Eine chassidische Gemeinde des Szatmarer Rebben in Siebenbürgen. Der 5jährige Josef Lichtenstein sieht, unter dem Küchentisch sitzend, zu, wie seine Mutter und seine kleine Schwester von einem Anhänger der rumänischen Eisernen Garde gemeuchelt werden. Florina, das rumänische Dienstmädchen, nimmt ihn zu sich, schneidet ihm die Schläfenlocken ab, nennt ihn Anghel und gibt ihn als ihren Sohn aus. Er lernt beten wie die Christen, Ochsen vor den Pflug zu spannen, den Acker zu pflügen und seine neue Mutter zu lieben. (2014)

Ungehorsam. Der Debutroman von Naomi Alderman
Die Wahl-New Yorkerin Ronit kehrt nach dem Tod ihres Vaters in die Londoner, orthodoxe jüdische Gemeinde ihrer Kindheit zurück. Dort trifft sie ihre Jugendliebe Esti wieder. (2007)


Literatur > Jüdisches Leben

Beitrag vom 17.08.2017

AVIVA-Redaktion 






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